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Interview: Sebastian Leitner

Das nächste Interview mit einem österreichischen Filmemacher, der nächste Debütlangfilm, die nächste Doku ohne Förderungen und schon wieder geht es um Musik. Mit dem charmanten NOSELAND hat der in Berlin sesshafte Sebastian Leitner (27) – gemeinsam mit dem Klassik-Komiker Aleksey Igudesman – ein Portrait über und mit Julian Rachlin und sein Klassikfestival „Julian Rachlin and friends“ gemacht.

Wovon handelt NOSELAND und warum sollte man den Film ansehen?

Ich wollte dem jüngeren Publikum eine andere Sicht auf klassische Musik ermöglichen und zeigen, dass die nicht so trocken und staubig ist. Und dass es eine ganz andere Welt ist, als das Klassik-Business zu verkaufen versucht. Backstage-feeling. Die angestaubten Säulen der klassischen Musik sollten umgesäbelt werden, um mit sehr viel Witz und Selbstironie auch eine Hommage oder Persiflage auf den Dokumentarfilm zu machen. Sich selbst nicht ernst nehmen. Und John Malkovich und Roger Moore sind dabei.

Und was bedeutet der Titel NOSELAND?

Das sei hier nicht verraten, dazu muss man den Film anschauen! (Die DVD gibt es HIER)

Dafür dass ihr der Klassik ihr verstaubtes Image nehmen wolltet, arbeitet ihr aber in hohem Maße mit Insider-Witzen. Zum Beispiel diese Scherze über Bratschisten/Viola-Solisten.

Jemand, der aus der klassischen Musik kommt wird ein ganz anderes Vergnügen mit dem Film haben. Aber durch diese Insider lernt man diese Welt auch ein wenig besser kennen.

Wie hast du Aleksey Igudesman – der als Regisseur, als Interviewer und als Komponist für den Film eine zentrale Rolle einnimmt – und Julian Rachlin kennengelernt?

2006 habe ich für „Igudesman & Joo“ in Wien eine DVD produziert. Das war die Uraufführung ihres Programms „A Little Nightmare Music“, mit der sind sie bis 2010 rund um die Welt getourt. Ich war mit auf Tournee und habe viele Videos für sie gemacht, die über 20 Millionen Views auf YouTube haben. Daraus hat sich eine sehr gute Freundschaft entwickelt und ich habe Julian kennengelernt. Irgendwann wollten wir dann größere Sachen machen.

(Anmerkung: „Igudesman & Joo“ sind ein Klassik-Duo, dem neben dem Geiger Igudesman noch der britische Pianist Hyung-ki Joo angehört. Ihr nächster Auftritt in Österreich ist zu Silvester im Wiener Konzerthaus.)

Wir wollten dann Menschen erreichen, die nicht unbedingt in klassische Konzerte gehen. Kino erschien uns da das geeignete Medium.

Habt ihr mit dem Film dann Geld verdient?

Ich kenne niemanden, der mit Film wirklich etwas verdient. Es war immer genug Geld da, damit man während der Arbeit an dem Film davon leben konnte. Wir hatten die Möglichkeit bei Julians Festival in Dubrovnik zwei Wochen dabei zu sein. Wir hatten auch nur ein minimales Konzept und haben in den zwei Wochen alles gemacht, was möglich war. Dann haben wir aus vielen Stunden Material den Film gebastelt, in unserer Freizeit. Und nach diesem Rohschnitt haben wir jemanden gefunden, der in den Film investiert hat.

Wer war das?

Ein amerikanischer Industrieller, ein Freund von Julian, mit dem Namen George Votis. Das war unsere Offline-Variante von Crowdfunding, nur dass wir anstatt bei vielen Leuten nur bei einer Person Geld eingesammelt haben. Mit diesen 50.000 Euro haben wir im zweiten Jahr der Postproduktion in anständiges Color Grading, Reisekosten, Soundmixing, Festivaleinreichungen, etc. investiert.

Noseland Social BannerUnd abseits davon, wie hoch war dann das Budget?

Ungefähr 100.000. Aleksey und ich haben unsere Zeit aber natürlich nicht so stark berücksichtigt. Wir sind auch vom Festival bezahlt worden und damit konnten wir die wenigen Leute, die notwendig waren und die Technik während der Dreharbeiten bezahlen. Außerdem wurden Kost und Logis gestellt. Die richtige Arbeit begann erst danach.

Inwiefern?

Nachdem wir die Finanzspritze erhalten haben, haben wir erst wirklich begonnen einen Plan aufzustellen, also erst nach dem ersten Rohschnitt. Wir haben bei vielen Festivals eingereicht und sind bei über 18 gezeigt worden. Und dann ging es natürlich darum, einen Sales Agent und Verleih zu finden.

Was ich gelernt habe ist, es ist prinzipiell alles möglich, wenn du genug Zeit von dir aufgibst. Du musst dir das Wissen entweder selbst aneignen oder du kennst jemanden, der es dir erklären kann. Durch die Festivals habe ich viele Kontakte knüpfen können und durch das fast zwei Jahre dauernde Learning-by-doing hab ich viel gelernt von dem ich in Zukunft profitieren werde und schon profitiert habe. Wir haben dann erst 2013 einen Sales Agent gefunden, also mehr als 2 Jahre nach „Julian Rachlin and Friends“.

Da wären wir bei der Business-Seite. Du hast deine Zeit in die Zukunft investiert.

Kunst machen ist für mich nicht drinnen. Der wirtschaftliche Aspekt ist immer enthalten und wenn du den ignorierst, dann sieht den Film einfach niemand. Wir wollten auch unterhalten und keine Doku machen, die Fakten, Fakten, Fakten rüberbringt. Musik wird auch nicht geschrieben, um Informationen weiterzugegeben, sondern Gefühle, Atmosphäre…

Dem kann ich schwer widersprechen. Zurück zum Sales Agent. Wer ist das?

10Francs aus Frankreich hat die weltweiten Rechte für TV und Video-on-demand. Die haben eine Kooperation mit 5comedia aus der Schweiz, die sich um ganz spezielle Märkte kümmern, in denen sie stark sind. Missingfilms ist unser Kino/DVD-Vertrieb im deutschsprachigen Raum.

Wie lief die Produktion vor Ort beim Festival ab?

Alle Musiker, die dort spielen, machen das gratis. Der Reingewinn des Festivals geht dann an Unicef. John Malkovich und Roger Moore waren zuvor schon dort und sind zum zehnjährigen Jubiläum wieder gerne gekommen und hatten auch Auftritte gemeinsam mit den Ensembles. Leider gibt es das Festival nicht mehr.

Wir hatten viele verschiedene Kameras. In der Postproduktion mussten wir dann die verschiedenen Formate auf gleich bringen. Aber weil der Film von Musikern gemacht wurde, war der Ton viel wichtiger als die Bilder. Diese Musiker und ihr superscharfes Gehör. Deswegen haben wir teilweise aus der Not eine Tugend gemacht und den B-Look der Aufnahmen bewusst eingesetzt.

Der Ton und die Aufnahmen der Konzerte sind herausragend.

Wir hatten Unterstützung von der Firma TelDex Berlin, die auch das Neujahrskonzert aufnehmen. Wir haben auch zuerst die Musikmitschnitte gehört und dann die Bilder zur Musik geschnitten.

Dein nächstes Projekt dreht sich um „Igudesman & Joo“. In A FEAST OF DUOS habt ihr einen Wettbewerb inszeniert und gefilmt, bei dem junge Duos, ebenfalls bestehend aus Klavier und Geige, gegeneinander antreten.

Es gibt sehr viel Nachwuchs. Die jungen Leute, die in die Klassikwelt eintreten, haben noch kein Publikum. Sie sind alle am Anfang Solisten und müssen das Solisten-Dasein erst lernen. Denn mit den Solisten steht und fällt das Erlebnis. Hier spielen also Solisten zusammen, die sich in einem kleinen Team zusammen finden mussten.

Wird der Film im Kino laufen?

Nein. Niemand schaut Dokus. Dokus über klassische Musik schauen noch weniger und noch schlimmer ist es mit Independentfilmen. Und John Malkovich ist auch keiner dabei.

In welcher Form soll das dann verwertet werden?

Wir sind ziemlich flexibel mit dem Material. Wir denken entweder an eine TV-Dokumentation von 50 Minuten oder an eine kleine Serie, die diese Casting-Shows persifliert. In Wahrheit ist es ja das, nur dass hier konservativ geschulte klassische junge Musiker mit diesem Komiker-Duo konfrontiert werden. Das Material ist teilweise echt und teilweise gescriptet.

Zurück zu NOSELAND. Du bist Österreicher. Ist NOSELAND ein österreichischer Film?

Aleksey und Julian wohnen in Wien, Julian ist Litauisch-Österreichischer Doppelstaatsbürger. Ich und meine Firma sind österreichisch und das Festival hatte auch Sponsoring aus Österreich, von dem auch ein Teil des Budgets bestritten wurde. Also ich würde sagen ja.

Habt ihr Leistungen irgendwelcher österreichischer Filminstitutionen in Anspruch genommen?

Nur von der Austrian Film Commission, die hat uns sehr geholfen. Anne Laurent hat sich sehr für den Film eingesetzt und dadurch konnten wir den Film nach Karlovy Vary bringen. Eines der wichtigsten Filmfestivals.

Der Film ist meiner Meinung nach auch ein Festivalfilm. Wenn die Spielzeit stimmt, kann ich mir eine sehr positive Resonanz vorstellen. Der Film kann aber auch total langweilen. Die Kritiken, die ich gelesen hab, sind auch genau so schwarz weiß, entweder total euphorisch oder finden es schlecht.

Das ist doch bei der Musik genauso. Je nach der Stimmung, in der du bist. Das unterscheidet für mich aber auch z.B. Arthouse von Mainstream. Mainstream basiert auf Schemata, da weißt du, was dich erwartet. Bei den „schwierigeren“ Filmen weißt du nie, wie er ankommt. Wir hatten Screenings vor sechs und vor 600 Leuten. Viele haben gelacht und waren begeistert.

Warum lebst du in Berlin? Bist du aus Wien geflüchtet, weil du hier keine Perspektive als Filmemacher mehr siehst?

Jeder sucht sich den Ort, der ihm privat und beruflich die besten Voraussetzungen bietet. Bei vielen Berufen ist es ja egal, wo du wohnst. Die, die richtig erfolgreich sind, denken und arbeiten sowieso international und es ist egal wo sie wohnen.

Was machst du sonst für Filme, mit denen du deine Miete zahlst?

Ich hasse diesen ganze No-Budget-Kurzfilm-Kram. Du kannst nicht 20 Jahre lang Fingerübungen machen, die keiner sieht. Die Leute hätten es ja drauf, Langfilme zu machen.

Königsdisziplin Langfilm. Jetzt hast du mir aber nicht beantwortet womit du momentan Geld verdienst?

Königsdisziplin internationaler Langfilm – dafür schlägt mein Herz. Ich mach sehr viele Clips, Porträts oder Mitschnitte für klassische Musiker wie Julian und Aleksey. Außerdem arbeite ich im Authoring von DCPs bei Missingfilms. Und natürlich Schnitt.

Ich habe entdeckt, dass du ein Serien-Drehbuch bei Amazon Studios eingereicht hast. Was ist der Stand der Dinge?

Das war hauptsächlich ein Proof of Concept. Ich habe keine Ambitionen damit. Damit habe ich jetzt eine Referenz und einiges Feedback darauf bekommen. Insofern war Amazon besser als wenn ich es einfach so ins Internet gestellt hätte. Die machen einen seriöseren Eindruck und erfahrene Leute lesen das.

Letzte Frage: Welche Frage müsste ich dir stellen, damit du dieses Interview empört abbrichst?

(lacht) Du könntest sagen, dass ich nur deshalb so viel quatsche, weil ich mich selbst so furchtbar ernst nehme und so wichtig bin.

Danke für das Gespräch.

Website NOSELAND – THE MOVIE
Website Sebastian Leitner
Kritik: The Hollywood Reporter
Kritik: EPD

Website: A Feast of Duos
YouTube-Kanal: Igudesman & Joo