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Kritik: „Blind ermittelt – Die toten Mädchen von Wien“

Backstory vom Hauptcharakter: War mal guter Ermittler. Freundin ist Staatsanwältin und fliegt im Auto in die Luft. Umstände ungeklärt. Verdächtiger flüchtig. Ahja, seine Sehfähigkeit hat Alexander Haller bei der Explosion auch verloren. Willkommen zur ausufernd-seriösen Kritik von „Blind ermittelt“.

Foto: ORF/Mona Film/Philipp Brozsek

Zwei Jahre nach dem tragischen Ereignis geht es Alexander Haller ((Philipp Hochmair) nicht so gut. Weil die ARD koproduziert ist der Taxifahrer Nikolai (Andreas Guenther) gerade aus Deutschland nach Wien gekommen und rettet Haller vor sich selbst. Weil blind oder nicht, am eigenen Kopf zielt man bei suizidalen Absichten mit der Knarre selten vorbei.

Die Situation ist also entschärft und Niko fährt Haller ins eigene Hotel zurück. Dort wartet nicht nur die Schwester (Patricia Aulitzky), sondern mit Udo Strasser (Stipe Erceg) derjenige, der für das Attentat verantwortlich gemacht wurde. Er war es aber nicht, sagt er, und verschwindet wieder. Haller beginnt jetzt mit der Hilfe von Niko den Fall von damals wieder aufzurollen.

Entscheidende Puzzleteilchen liefern Oberstaatsanwalt Arthur Pohl (Johannes Silberschneider), der die alten Akten gegen eine seltene Schallplatte herausrückt und Hallers Nachfolgerin Laura Janda (Jaschka Lämmert), die, mit einer Mädchenleiche im Kornfeld eh schon gut beschäftigt, sich auch noch mit dem störenden Haller herumschlagen muss. Ihr Widerstand ist aber endendwollend.

Parallel dazu sehen wir die entführten Mädchen, wie sie transportiert und dann in einem verlassenen Schloss oder Palais gefangen gehalten werden. Die Mädchen verhältnismäßig gut behandelnd bauen die beiden Bösewichte an einer schalldichten Kammer. Als eines der Mädchen kurz entkommt, kann Haller eine Verbindung zwischen seiner Vergangenheit und ihrer Entführung herstellen. Augen braucht er dafür nicht.

Kreativer Freiraum

Das mit dem Blindsein ist so eine Sache. Wir Fernsehzuschauer können das nicht nachvollziehen (duh!), aber es gibt dann doch Elemente, bei denen das Grundvertrauen in die Recherchegründlichkeit der Drehbuchautoren und die allseits bekannten Produktionsrealitäten vom öffentlich-rechtlichem Hauptabendprogramm in Konflikt geraten. In nur zwei Jahren ist Haller auf diesem auditiven und haptischen Level, nachdem er ~35 Jahre visuell durchs Leben ging, seinen Lebensunterhalt sogar hauptsächlich mit seinen Augen verdient hat? Er erkennt den Mörder an einer Melodie, die vor zwei Jahren, weit entfernt und ohne damals erkennbaren Kontext gepfiffen wurde, während er voll auf einen Verdächtigen fokussiert war? Die Ninja-Moves haben auch nichts von ihrer (angenommenen) Präzision verloren? Verbuchen wir das alles einmal unter kreativen Freiraum.

Während die erste Hälfte ziemlich normal, fast bieder, geraten ist, wird es in der zweiten Hälfte dann wirklich kreativ. Die mysteriöse weiße Schallplatte und die merkwürdigen Aufbautätigkeiten im verlassenen Schlösschen bekommen Kontext. Die „Talentsuche“ in den Karaokebars ergibt Sinn und im spannenden, finalen Showdown offenbart sich der ganze Umfang des perfiden Verbrechens. Zum Glück bekommt diese Kunst keine Förderung, aber offensichtlich gibt es einen Markt dafür. Sehr gelungen.

„Ohren der Angst“

Weil es aber nicht mehr wirklich viel Neues gibt, sondern nur noch neue Kombinationen von Bekanntem, hat auch die soeben von mir gelobte Auflösung des Falles filmhistorische Vorbilder. Konkret kommt mir „Peeping Tom“ in den Sinn. In diesem britischen Film von 1960 (dt. Titel: „Augen der Angst“, Regie: Michael Powell) ermordet ein Fotograf- und Filmemacher seine Opfer auf ebenso kreative Weise. Die jungen Frauen müssen über einen an der Kamera angebrachten Spiegel sich selbst beim Sterben zusehen, während sie ein sehr spitzes Stativbein aufspießt. Den Moment der Erkenntnis sowie den eigentlichen Moment des Todes will Tom auf Film bannen. Auch eine blinde Frau spielt eine wesentliche Rolle.

Der Fall in „Blind ermittelt“ ist quasi die audiophile, öffentlich-rechtliche Variante von „Peeping Tom“. Kreativ und kantig soweit es geht, aber eben nicht neu. Beim Schrei von der Platte war mir persönlich die Lösung klar. Nur das Ende im TV ist nicht ganz so poetisch wie im Film und obwohl insgesamt gelungen, werden diese 90 Minuten wohl nicht in die Filmgeschichte eingehen.

War aber vermutlich auch nicht das Ziel.

Es gäbe noch jede Menge Details zu bekritteln, aber sind wir uns ehrlich: Wen interessiert‘s? Kümmern wir uns lieber um eine größere Baustelle des Drehbuchs, die sich aus dem Produktionskontext ergibt. „Es soll eine Reihe werden, ähnlich wie „Tatort“, sagt Philipp Hochmair. Die erste Hälfte lässt auch keinen Zweifel daran, dass hier etwas aufgebaut werden soll. Die absolute Verschwendung der eigentlich tollen Patricia Aulitzky als Schwester wird sich hoffentlich in den folgenden Teilen nicht wiederholen. Auch mit Udo Strasser sind wir noch nicht durch. Mit Nachfolgerin Laura Janda ist der Bezug zur Polizei noch gegeben. Aber sonst?

Als Pilotfilm funktioniert „Blind ermittelt – Die toten Mädchen von Wien“ zwar passabel, aber für eine langlebige Reihe muss man schon einiges an Ideen mitbringen, um den audiophilen Charakter der Serie nicht zu verlieren. Schlechtestenfalls ist Haller ein gewöhnlicher TV-Ermittler mit Handicap, den gibt es in „Die Toten von Salzburg“ aber auch schon. Wie zuvor gesagt: Nichts Neues, nur neue Kombination von bekannten Elementen.

Als Serie besser

Eigentlich ist es wirklich schade, dass der Fall in 90 Minuten verheizt wurde. Stellen wir uns vor, die Beziehung zwischen Haller und Pohl wäre vertiefend etabliert worden. Ihre gemeinsame Liebe zum Analogen und zu guter Musik und die Mentor-Mentee-Beziehung hätte man 10 Folgen lang aufbauen und dann einreißen können. Bis dahin wären immer mehr tote Mädchen aufgetaucht. Niko, Haller und seine Nachfolgerin Janda wären gemeinsam durch Episodenfälle gestolpert und die Schlinge um Pohls Kopf hätte sich immer weiter zugezogen, bis es endlich zum finalen dramatischen Showdown kommt.

Janda hätte als Nachfolgerin straucheln und immer wieder ihren Vorgänger um Hilfe bitten können. Das Motiv für Karas Ermordung wäre länger im Dunkeln geblieben und hätte – neben der Mentorenrolle für Janda – DIE Motivation für Haller sein können, das Leben doch nicht aufzugeben und sich wieder in den aktiven Dienst zu stellen sowie eine Rutsche für die zweite Staffel gelegt. Jetzt ist die Motivation für Folge zwei genau was? „Ermitteln, weil er irgendwie gut ist“ ist dramaturgisch dürftig.

Udo Strasser wäre als Hauptverdächtiger der große Gejagte, der gelegentlich auftaucht und am Ende nicht nur als Werkzeug mit Augen aus dem Hut gezaubert wird, sondern sich den Weg in Hallers Kreis zurückarbeitet und als Partner in die letzte Mission geht. Niko hätte beweisen können, dass er außer Charme und Führerschein noch mehr mitbringt. Fertigkeiten und Erfahrungen, die etwa in seiner kriminellen Vergangenheit begründet liegen, die tatsächlich etabliert und nicht nur aus einer irgendeiner Akte kurz zitiert und mit einem Schulterzucken für den Rest der Laufzeit für irrelevant erklärt wird.

Und die Mädchen hätten mehr als Quasi-Objekte sein können, deren Aufbäumen gegen ihre Entführer in einer kurzen Flucht ins Feld und dem verstohlenen Blick auf die arrogant abgelegte Pistole bestehen. Selbiges gilt für die beiden relativ schweigsamen Handlanger, die mehr als nur ein paar Minidetails (z.B. „kocht gerne“) im Drehbuch verdient hätten. Lange Rede kurzer Sinn: Das hätte eine hervorragende Serie sein können, ohne den öffentlich-rechtlichen Rahmen zu sprengen. Die nachfolgenden Teile haben in meinen Augen jetzt eine ordentliche Bringschuld, die ihnen der kreative und übervolle erste Teil auferlegt hat.

Das war es aber jetzt mit guten Ratschlägen. Insgesamt bin ich zufrieden und freu mich auf eure Meinung. Wie hat euch „Blind ermittelt“ gefallen?

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Haris Bonus List

  • Weil es auf Twitter gleich wieder einige gefragt haben: Der Song am Ende heißt „Cold Little Heart“ und ist von Michael Kiwanuka.
  • Dieser Titel sicher kein Zufall. Nach „Schnell ermittelt“ und „Kottan ermittelt“ ist das schon mindestens die dritte ORF-Produktion, die diesem Titelschema folgt. Dazu kommt, dass der Episodentitel „Die toten Mädchen von Wien“ frappierend an die etablierten Reihen „Die Toten von Salzburg“ und die „Die Toten vom Bodensee“ erinnert. Alles ebenfalls deutsch-österreichische Koproduktionen.
  • Produktionsbudget war laut Fernsehfonds knapp unter zwei Millionen Euro, wovon der Fernsehfonds 386.000 und der Filmfonds Wien 70.000 zu der Mona/ORF/ARD Degeto-Produktion beisteuerten.
  • Nennen wir es Ironie: Ausgerechnet Aleksandar Petrović spielt den klischeehaften Balkanhandlanger (inkl. Superschnauzer), nachdem er mit „Die Migrantigen“ als Ko-Autor und Hauptdarsteller eben jene Typisierung gekonnt und witzig zerlegt hat. Er wird halt auch von was leben müssen.
  • Wieder mal trifft das harte körperliche Schicksal keinen Armen. Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr mir dieses spezifische Charakterkonvention (Trope? Klischee?) auf die Nerven geht. Soviel vergebenes Erzählpotenzial und ein weiteres Argument dafür, dass die Filmhochschulen und Writers Rooms von hier bis Hollywood dringend besser durchmischt gehören.
  • Apropos Drehbuch. Autoren waren der „Soko Kitzbühel“-erprobte Ralph Werner und Don Schubert, der neben den beiden Stadtkomödien „Kebab mit alles“ und „Kebap extra scharf “ an einem meiner absoluten Lieblingstrashfilme mitgeschrieben hat: „Hai-Alarm auf Mallorca“
  • Die Hauptrolle in „Peeping Tom“ spielt übrigens ausgerechnet Karlheinz Böhm, der beim Versuch sich von seiner „Sissi“-Typisierung wegzuromyschneidern weit übers Ziel hinausschießt. Der Film gilt heute zwar als Meisterwerk, aber die bis dahin eindrucksvolle Karriere von Regisseur Michael Powell hat sich davon nicht mehr erholt. Böhm konnte immerhin in den deutschsprachigen Raum zurückwechseln.
  • Ich bin mir nicht sicher, ob das Sound Design eine große Rolle in der (Post-)Produktion gespielt hat. Immer mehr Haushalte haben ein ordentliches Tonsystem, aber die Zielgruppe der ÖR-Sender, die am Samstag Abend fernsieht, vermutlich nicht. Das würde dafür sprechen, dass der Film auch als etwas längerer Kinofilm funktionieren und einen Mehrwert liefern hätte können. Vorgemacht hat es der von mir für alles andere, aber nicht für den Ton gescholtene „Zauberer“.
  • Einschaltquoten: 383.000 im ORF, 133.000 in der ARD aus Österreich und 5,25 Millionen (20,4% MA) in der ARD in Deutschland. Naja, da wäre mehr gegangen.
  • Falls es euch doch interessiert über Detailfehler zu diskutieren, nur heraus damit. Am besten gleich hier unten als Kommentar, aber wir nehmen auch gerne allgemeines Feedback. Alle Möglichkeiten mit uns in Kontakt zu treten findet ihr HIER. Und abonniert doch auch unseren Podcast.

Ein Kommentar

  1. seppo 7. Mai 2018

    wer kommt auf solch eine kranke Idee, die „Todesschreie“ der Mädchen auf Vinyl zu pressen und sie meistbietend zu versteigern????

  2. Anonymous 6. Mai 2018

    Visitor Rating: 1 Stars

  3. Anonymous 6. Mai 2018

    Visitor Rating: 5 Stars

  4. Anonymous 6. Mai 2018

    Visitor Rating: 5 Stars

  5. Anonymous 6. Mai 2018

    Visitor Rating: 4 Stars

  6. Anonymous 5. Mai 2018

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  7. Hari List Autor des Beitrages | 5. Mai 2018

    Visitor Rating: 4 Stars

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