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Kritik: „Das Sacher. In bester Gesellschaft“ (1)

Es ist ja nicht so, dass das Hotel Sacher in der Wiener Innenstadt bisher zu kurz gekommen wäre. Schon Ende der 1930er im Film verewigt, rückte in der 70er-Serie „Hallo – Hotel Sacher … Portier!“ die Person in den Mittelpunkt, die jetzt 2016 auch den Erzähler gibt. Der von Robert Palfrader verkörperte Mann hinter dem Tresen weiß alles, sieht alles und hält den Laden am Laufen.

Leichte Kost ist es nicht, was uns ORF und ZDF hier servieren. Wir verlangen ja nach fordernden, gut produzierten Qualitätsserien und -filmen. Endlich wird einmal geliefert – oder zumindest fast.

Die Handlung ist komplex, eher verworren. Im Hauptplot treffen im Hotel Sacher die frischvermählten Ehepaare Arhold und Traunstein aufeinander. Es entwickeln sich Freundschaft, Geschäfts- und sonstige Beziehungen. Herr Traunstein (Laurence Rupp) ist wer bei Hofe, hat aber fast revolutionäre Gedanken im Kopf. Seine Frau Konstanze (Josefine Preuß) schreibt heimlich Romane, die das Verlegerehepaar Arhold (Julia Koschitz, Florian Stetter) in Berlin halb unwissentlich herausgibt. Eine spannende Konstellation, die mit den diversen Nebensträngen verwoben ist und jeder Menge Nebenfiguren Raum bieten.

Nur, dass wir uns nicht falsch verstehen, gnädiger Leser, das Sacher als Handlungsort Ausgangsort zu verwenden ist keine ganz schlechte Idee. Eine starke Marke und mit historischen Bezügen (gleich danach zeigte der ORF eine Doku über Anna Sacher) in Hülle und Fülle gesegnet. Aber wozu und warum begibt man sich dann so oft hinaus? Gäbe es nicht jede Menge Geschichten, die tatsächlich IM Haus spielen könnten? Komparserie, Ausstattung, Pferdekutschen und Animationen einer Ringstraße um 1900 sorgen zwar für ordentlichen, zeitgemäßen Produktionswert, helfen aber nicht den dem Drehbuch inhärenten Etikettenschwindel zu bekämpfen.

Das titelgebende Hotel ist nur eine Tapete im Hintergrund. Ein beliebiger Ort, an dem einige der Personen zusammentreffen. Genauso gut hätte das Projekt auch „Griensteidl“, „Westbahnhof“ oder „Hartlgasse 16b“ heißen können. Die Wiener Staatsoper und der Traunstein‘sche Landsitz  haben jeweils fast mehr Screentime.

Nur als Ort für die komödiantischen Szenen ist das noble Dekor geeignet. Dass sich die deutschen Rollen über das ständige „Küss die Hand“ und „Gnädige Frau“ lustig machen, hat was. Die absurde Inspektion ist natürlich eine Gängelung der Frau, die es wagt, in der Männerwelt einen Platz zu beanspruchen. Als man dabei dem Erzherzog Otto (Philipp Hochmair) nach seiner Schweinsbratenorgie über den Weg läuft, präsentiert der ausgerechnet Francesca Habsburg sein Sacherwürstel. Nettes Cameo – also von Habsburg, nicht vom Penis -, aber auch nicht mehr. Dann gibt es noch die Besuche von Katharina Schratt (Nina Proll), die ein wenig über den Kaiser lästert, und ein paar liebe Hunderl (immerhin historisch belegt).

Wieder muss man sich bei einer öffentlich-rechtlichen Produktion fragen, warum man die Spielfilmlänge und weniger als die international für Miniserien üblichen 6-8 Folgen (diesmal zweimal 100 Minuten) als Format gewählt hat. Bitte gerne ein paar Millionen Euro (das Budget betrug acht Millionen Euro) drauflegen. Dann gäbe es auch kein Problem mit zu vielen Plot-Baustellen in zu wenig Zeit, der Erzähler wäre nach dem Prinzip „show don’t tell“ überflüssig. Und das Sacher könnte tatsächlich eine relevante Rolle spielen. Zum Glück gibt es noch einen zweiten Teil. Küss die Hand.

Und Sonst?

  • Die Musik am Anfang und am Ende ist ein bisschen gar sehr von Guy Ritchies „Sherlock Holmes“ (Musik: Hans Zimmer) inspiriert.
  • Das gilt auch für die Animation der Opening Credits. Die ist allerdings wirklich gelungen. Hier leistet das Fernsehen, wozu das Kino so gut wie nie im Stande ist. Sie holt uns musikalisch und szenisch sofort in Setting und Epoche (die sich „Das Sacher“ natürlich mit Arthur Conan Doyles Meisterdetektiv teilt).
  • Ist es eigentlich mittlerweile für österreichische Serien obligatorisch, dass eine eine Kind-im-Keller -Handlung vorkommen muss? Die Variante  mit einem Phantom der (Staats)Oper (grandios: Simon Schwarz) ist aber gelungen.
  • Die Besten: Simon Schwarz, Julia Koschitz, Josefine, Preuß, Peter Simonischek, Robert Palfrader, sämtliche Sachertorten
  • Alternativeserie: „Parades End„. BBC Miniseries; die Zeitenwende, bei der der Adel nicht mehr mitkommt; starke Frauen; Benedict Cumberbatch

Regie: Robert Dornhelm
Drehbuch: Rodica Doehnert
Besetzung: Ursula Strauss, Robert Palfrader, Laurence Rupp, Julia Koschitz, Nina Proll, Josefine Preuß, Florian Stetter, Jasna Fritzi Bauer, Robert Stadlober, Simon Schwarz, Peter Simonischek, Thomas Schubert, Martin Zauner, Dietmar Bär, Jürgen Tarrach, Susanne Wuest, Lili Epply, Edin Hasanovic, Bernhard Schir, Gerhard Liebmann, Joachim Król, Sophie Stockinger, Anna Posch, Karl Fischer, Philipp Hochmair, uvm.

Der zweite und letzte Teil wird am 28. Dezember 2016 um 20:15 auf ORF2 ausgestrahlt. Der erste Teil ist für sieben Tage in der ORF TVthek abrufbar.

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