Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Kritik: Schnell ermittelt 5×03 „Traian Voronin“

„Traian Voronin“ ist „Simon Gehbauer“, Teil 2: Angelika ist den Jägern dicht auf die Spur. Wie der Folgentitel impliziert häufen sich die Leichen – was teilweise ganz schön unübersichtlich wird…

Die Jagd nach den Jägern

Der Fall um den erschossenen Simon Gehbauer ist auf jeden Fall einer der komplexeren der Serie, auch wenn man ihn aufgrund seiner Länge mit den Spielfilmen vergleicht. „Schnell ermittelt“ versucht da dagegenzuwirken, etwa mit dem „Was bisher geschah“-Segment zu Beginn der Folge, der sehr gelungenen, der Übersicht äußerst dienlichen Strichmännchen-Zeichnung des Tatvorganges oder der cleveren Art, wie man zu Beginn der Folge die Aufmerksamkeit auf die bereits in „Simon Gehbauer“ gefundene Karte lenkt, indem sie kurzerhand als von Angelika verschusselt etabliert wird. Auch eine gute Idee: Eins der Mordopfer hat nur vier Finger, was erstens interessant klingt und ausschaut und zweitens als Erkennungsmerkmal dient.

Trotzdem fällt es nicht ganz leicht, dem Fall zu folgen, insbesondere jene Nebenfiguren der Folge, die im ersten Teil noch nicht dabei waren. Wer war der titelgebende Traian Voronin gleich nochmal? War das der, der vor einem Jahr angeschossen? Oder vor drei Jahren? Wie genau wurde er umgebracht, und wie haben die Täter ihn aufgespürt? Wie können die Zeugen sich nicht erinnern, welche Farbe das Auto hatte, sehr wohl aber an den Aufkleber – oder waren das verschiedene Zeugen? Gar nicht so leicht zu beantworten, nicht zuletzt deshalb, weil uns eine traditionelle Tatortbesichtigung komischerweise fehlt. Gut, Angelika hat (nicht ganz zufällig) verschlafen, aber neugieriger hätte sie da schon sein können.

Es existiert da eine gewisse Schieflage der handlungsrelevanten Ermittlungen, die wir zu Gesicht bekommen. Nun, da der Fall Gehbauer voll aufgerollt ist, lässt sich erkennen, dass die ersten 10 Minuten Ermittlung in der Vorfolge eher als Füller dienten bzw. sehr gestreckt waren (zur Erinnerung: Infos wie die Verbrecher in den Tiergarten reingekommen sind, Fund des Autos, Durchsuchung von Simons Haus, Besuch bei Ophelia). Das ist an und für sich ja vollkommen in Ordnung – in der Kritik zu „Simon Gehbauer“ wäre es mir nicht negativ aufgefallen – lässt mich bei der verdichteten Geschichte in Teil 2 ein wenig stutzen.

Auch ein wenig Opfer dieser Verdichtung ist die Daria-Figur. Sie zum Reden bringen fällt Angelika ein wenig gar leicht, aber vor allem sie zuvor überhaupt zu finden ist nicht unbedingt Angelikas harter Ermittlungsarbeit oder dergleichen zu verdanken. Vielleicht hätte sie sich an einen Hinweis in Darias Haus erinnern können, der ihr verrät, wo sich Daria öfter aufhält – vielleicht eine Bäckerei, bei der sie immer das Brot bekommt, das weggeschmissen würde, oder so ähnlich. Auch die Regie weiß da nicht recht, wie sie das umsetzen soll: Die zwei Polizisten, die Angelika da zufällig auf einer sonst menschenleeren Brücke entgegengehen, wirken reichlich aufgesetzt. Der eine große Zufall ist schon recht unglaubwürdig, aber wenn sich die der Protagonistin helfenden Zufälle im Sekundentakt häufen, läuft etwas schief.

Zum Schluss des Falls kommt Angelika nochmal mit dem Schrecken davon – „wie immer“, sagt Franitschek skeptisch, was Angelika bloß nachdenklich ebenso wiedergeben kann. Das spielt nicht nur auf ähnliche Dilemma an, in die sich die einzelgängerische Sonderermittlerin ja in gewisser Regelmäßigkeit begibt, sondern auch auf die Schusswundenverletzung, die sich Angelika in der dritten Staffel zugezogen hatte, auch im Wortlaut: Damals hatte sie auch im Delirium noch gesagt, dass am Ende ja eh immer alles gut ginge, und schon damals mit dem Wissen: jede Glückssträhne ist endenwollend.

Unschuldsengel

Nicht, dass Angelika zur Zeit sonst sonderlich viel Glück hätte im Leben: Jan bleibt frustrierend stumm und unkooperativ, was Angelika zur Frage bringt: Was hat sie bloß falsch gemacht in der Erziehung? „Schnell ermittelt“ kann dabei auf den Kontext von über 40 Folgen und 4 Filme zurückgreifen. Sie lässt uns in unseren Erinnerungen wühlen: Haben wir Angelika erzieherische Fehler begehen sehen? Und was zählt schon als Fehler? Ein spannendes und bewegendes Thema, das die Serie da aufgreift, und das insbesondere emotionales Gewicht erhält, indem man den Charakteren den Zahn der Zeit ansehen kann: Jan ist nicht mehr das unschuldige, heitere Kind aus dem Vorspann.

Rein erzählstrategisch gesehen könnte man sich fragen, seit wann die AutorInnen wohl schon Überlegungen angestellt hatten, Jan eventuell in diese Richtung zu entwickeln, bzw. seit wann diese Überlegungen konkreter wurden. Anhaltspunkt dafür ist sicher sein in „Schuld“ entstandenes Interesse an Waffen, auch wenn man das wohl auch als Interesse an der Polizeiarbeit sehen hätte können.

Ein Unschuldsengel ist Angelika natürlich auch nicht. In dieser Folge schleimt sie sich bei Jans Mitbewohner ein, um Jans Zimmer durchsuchen zu können – das mit den Durchsuchungsbefehlen hat sie auch immer schon recht lax gesehen. Natürlich hat Angelika Interesse am Computer ihres Sohnemannes, dass sie aber ein paar konkrete Passwortversuche unternimmt, legt die Vermutung nahe, dass sie ihren Sohn da nicht zum ersten Mal kontrolliert – erschreckend eigentlich. Schließlich spioniert sie ihrem Sohn nach, und entdeckt dabei Unglaubliches: Er hat eine Freundin.

Na gut, das ist nicht so unglaublich, sondern eigentlich ziemlich unspektakulär. „Schnell ermittelt“ verkalkuliert sich da ein wenig bei der Effektivität des Cliffhangers der Episode. Der Pressetext zur Folge, Simon Morzes Aussagen im Ausblick zur Staffel sowie eine dramaturgische Deutung dieses Episodenendes liefern allesamt dieselbe Erklärung: Simons Freundin hat mit dem Staffel-übergreifenden Fall zu tun. Nur wissen wir das als normale Zusehende noch nicht bzw. höchstens aufgrund unseres Erfahrungsschatzes, wie solch Geschichten normalerweise im Fernsehen oder sonstwo erzählt werden: Wenn so ein Rummel um die Freundin gemacht wird, muss sie ja auch für die Geschichte wichtig sein. Spannend ist das aber nicht, und zwar nicht nur, weil eine Freundin zu haben gänzlich normal ist für einen jungen Burschen: wir werden ja schon zuvor davon unterrichtet, und zudem hatte Jan ja erst in „Einsamkeit“ eine Beziehung. Insofern erfahren wir in der letzten Szene nicht nur nichts Schockierendes, sondern auch nichts Neues.

Zurück zu Angelika: Während wir sie in „Simon Gehbauer“ noch frustrierter denn je gesehen haben, nimmt sie sich in „Traian Voronin“ ein wenig Zeit zum Reflektieren. Entschuldigungen gibt es von Angelika selten; dass sie Maya um Verzeihung für ihren Wutausbruch bittet ist ihr deshalb hoch anzurechnen. Trotzdem kann sie nicht anders, als Franitschek Mitschuld dafür geben, dass ihr Sohn Mitglied im Schießklub wurde. Das stimmt zwar, Franitschek verdient sich diese Schuldzuweisung dennoch nicht: Mehr als je zuvor hält Frani Angelika in Staffel 5 immer den Rücken frei. Immerhin eine Person hat noch größere Scheuklappen als die Sonderermittlerin: Stefans Aussage, ihr Sohn wäre „einfach am falschen Zeitpunkt am falschen Ort“ gewesen, ist, rational betrachtet, in Anbetracht der Umstände wirklich abwegig. Wie auch immer Jans Freundin schlussendlich in der ganzen Sache mit drin steckt: es ist zu befürchten, dass Stefan noch sein blaues Wunder erleben wird, was sein Sohn so alles treibt.

2 Kommentare

Kommentar verfassen