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Kritik: Schnell ermittelt 5×05 „Carlo Michalek“

Mathelehrer leben gefährlich, mit einem Zirkel im Kopf lebt es sich hingegen gar nicht mehr. Ein Fall für Angelika Schnell – wenn sie zumindest nicht damit beschäftigt ist, der Freundin von Jan hinterherzuschnüffeln. Dabei stößt sie erstmals auf eine Verbindung zum Schnabelmord…

Angelika vs Anamo

Es war frustrierend, dass es „Schnell ermittelt“ in den beiden Folgen zuvor versäumt hatte, uns zu erklären, warum Anna Moser eine so prominente Figur ist, dass Angelika ihr hinterherspionieren muss. Das rektifiziert „Carlo Michalek“ nun, und das teilweise sogar retrospektiv. Angelika verrät uns nämlich endlich ihre Theorie: Jan muss die Waffe aus dem Schießclub für jemanden entwendet haben, der ihm wichtig ist. Dass es sich dabei um seine Freundin handeln muss, ist ein wenig weit hergeholt oder alternativ Angelikas sechstem Sinn zuzuschreiben – da wäre es aber schön gewesen, einen handfesteren Hinweis zu haben oder zumindest ihren Spürsinn diesbezüglich visualisiert zu sehen. Nichtsdestotrotz sorgt „Schnell ermittelt“ damit jetzt für Klarheit, und das verleiht dem folgenübergreifenden Fall deutlich mehr Energie.

Zudem erfahren wir in der heutigen Folge auch erstmals mehr über Anamo selber, und auch die so gewonnenen Erkenntnisse rechtfertigen Angelikas Verdachtsmomente der vorigen Folgen. Erstens stellt sich heraus, dass sie gleich mehrere Verbindungen zu den Schnabels hat. Anamo war nicht nur beim Vater des Mordopfers angestellt, sondern war mit Schnabel Senior auch noch zusammen (und hat auch noch eine Wohnung geschenkt bekommen?!). Zweitens klingt ihre Angewohnheit, ihre SIM-Karte alle paar Monate zu wechseln, nicht gerade vertrauenerweckend. Drittens sehen wir sie erstmals mit Jan über dessen Mutter reden, und das mit einem sichtbaren Gespür für Manipulation. Nicht, dass sie Jan noch um den Finger wickeln müsste, aber ihn gegen seine Mutter auszuspielen („Sie wird nicht aufhören, bis ich aus deinem Leben verschwunden bin.“) ist nochmal eine ganz andere Nummer. Das macht sie jetzt nicht gerade unverdächtiger.

Andererseits: Anstrengen muss sich Anamo sicher nicht, um Jan gegen seine Mutter aufzuwiegeln, weil Jan einen regelrechten Hass auf seine Mutter entwickelt zu haben scheint. „Die Mama war eine Scheiß-Mutter“ stößt einen echt vor den Kopf. Wie viel davon ist wahr, wie viel entspringt bloß aus Jans Kopf? Weil wir „Schnell ermittelt“ meist aus Angelikas Blickwinkel erleben, stehen wir da absolut in Angelikas Schuhen und können nur versuchen, aus den Erinnerungsfetzen, die wir von den ersten vier Staffeln noch haben, uns die Wahrheit zusammenzustückeln. Angelika war immer chaotisch und beschäftigt, aber die Kinder standen trotzdem immer an erster Stelle. Oder sehen wir da, wie vielleicht auch Angelika, bloß das, was wir sehen wollen?

Ironischerweise ist es aber gerade Angelikas Verhalten in Staffel 5, das so abstoßend ist, wie es ihr Sohn vorwirft, in der Vergangenheit gewesen zu sein. Anamo mag zwar manipulativ sein, aber Angelika macht es ihr auch leicht, denn Anamo mit so wenig Finesse nachzuspionieren ist nicht nur leichtsinnig, sondern im Grunde auch unheimlich. Das passt zu ihrem Verhalten der Vorwoche, wo sich herausstellte, dass Angelika das Passwort von Jans Friendsbook-Profil weiß und sich nicht zu schade ist, es auch anzuwenden, um ihren Sohn auszuspionieren. Angelika fühlt sich gezwungen, mehr über ihren Sohn herauszufinden, macht dabei aber nur alles schlimmer. Jegliche Form von Selbstreflexion hat sich da bislang noch nicht eingestellt.

Ein Kritikpunkt der Vorwochen waren die schwachen Cliffhanger. Auch hier hat „Carlo Michalek“ die Nase vorn. Jans Geständnis (?) ist eine spannende Entwicklung, die den Fall wieder dringlicher macht. Es ist davon auszugehen, dass Jan nicht der Mörder war – dass Jan „sowas ja nie tun“ würde ist zwar kein Argument, aber rein dramaturgisch ist es unwahrscheinlich, dass der Hauptverdächtige es tatsächlich war, vor allem, wenn er frühzeitig ein Geständnis (?) ablegt. Es würde Angelikas Theorie bestätigen, dass er jemanden zu decken versucht, und dieser jemand muss mangels alternativer Verdächtiger zwangsläufig Anamo sein. Stellt sich bloß die Frage: Warum stellt er sich und warum jetzt? Naja, also neben all den anderen Fragen natürlich.

Der Fall der Woche

Bei all diesen Entwicklungen bleibt spürbar weniger Zeit für den Fall des ermordeten Carlo Michalek. Dieser ist spürbar abgespeckt: Weil wir die Flüchtlingskinder, die Carlo unterrichtet hatte, nie kennen lernen, bleibt das nicht nur thematisch ein wenig unterentwickelt, sondern lässt die auch nie wirklich in Verdacht geraten. Das ist insofern verwunderlich, als dass da ein Junge dem Mordopfer 300 Euro gestohlen hatte (woher wussten sie, dass es Michalek gehört haben musste?), was erstens verdächtig ist und zweitens ziemlich kaltblütig erscheint (oder waren das verschiedene Nachhilfeschülerinnen? Verwirrend). Deshalb bleiben so gut wie alle Verdachtsmomente auf den tatsächlichen Tätern hängen.

Autorin Verena Kurth hätte den Mordfall noch um einiges aufblasen können, wenn es die Zeit zugelassen hätte, und man spürt förmlich, wie da Szenen zu Gunsten des Schnabel-Falls gestrichen wurden – auch Flora ist erstmals der Schere zum Opfer gefallen. Der Fall um den toten Mathelehrer besitzt verhältnismäßig viele Ventile und Hebel, die da betätigt werden hätten können und wurden. Diese Entschlackung soll uns aber bloß recht sein, weil der Fall Schnabel, insbesondere dank der Entwicklungen dieser Woche, eh spannender ist. So wirkt es ein wenig ungewöhnlich (wenn auch nicht schlecht), viele Verdächtige nur kurz zu sehen oder ihre Motive nicht ausgeleuchtet zu sehen. Das ist besonders beim Vater Bäcker der Fall, der den Mord an Michalek befürwortet zu haben schien, obwohl er wusste, dass Michalek unschuldig war. Die Erklärung dafür deutet „Schnell ermittelt“ nur an, ohne groß eine Erklärung zu liefern, und hinterlässt den Zusehenden damit ein wenig Denkarbeit über.

Das Einzige, was wirklich stört, ist, wie bereitwillig alle Beteiligten ihre Schuld eingestehen. Angelika beweist zwar mehrmals den richtigen Riecher (die gelöschte Verabredung im Kalender, der verdächtig wieder auftauchende Patrick Hohenegger, die nicht mit der Vergewaltigungsanschuldigung übereinstimmende Charakterbeschreibung des Mordopfers), aber schlussendlich gibt Nadja ohne besonderen Grund ihre Geschichte von der Vergewaltigung auf. Kurz darauf warten Hohenegger und Bäcker Senior Schnaps-trinkend auf die Polizei und versuchen gar nicht erst, sich herauszureden, sondern geben das Gefasel von einem Alibi fast widerstandslos auf. Bei genauerer Betrachtung tun das viele Krimiserien in großer Regelmäßigkeit, aber hier fällt es besonders auf, weil es gleich zweimal passiert.

Noch mehr Bla:

  • Kemal bringt was zur Sprache, das eigentlich schon seit Beginn der Staffel in der Luft hängt: Warum gibt es keine Vertretung für Maja? Bin gespannt, ob die Serie da demnächst oder in Staffel 6 eine neue Figur einführen wird oder ob der Posten unbesetzt bleibt.
  • Was für eine coole Kulisse dieses Schulschiff doch ist.
  • Die Episodenfiguren tendieren so häufig dazu, die Polizei schlechtzureden – das finde ich immer wieder von Neuem verwunderlich. Gibt es wirklich so ein großes Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber den Gesetzeshütern? Oder ist das in Krimis bloß deshalb so häufig der Fall, um den Ermittelnden mehr Steine in den Weg zu legen? Verdächtige lügen ja ungewöhnlich häufig, und dieses Misstrauen dient öfters als Motiv dafür – insofern verstehe ich schon, warum so viele Figuren sich so verhalten.

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