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Kritik: Schnell ermittelt 5×10 „Alan Richter“

Letzte Folge der 5. Staffel: Jan gegen Anamo – jetzt steht Aussage gegen Aussage. Angelika muss alles daran setzen, Anamo zu überführen. Die behauptet allerdings, beweisen zu können, unschuldig zu sein…

„Naja, weißt du, manchmal täuscht man sich halt in einem Menschen“, sagt Angelika noch zu ihrem Sohn, ohne von der tragischen Ironie ahnen zu können, die der Satz in sich birgt. Dabei ist es so ein kathartischer Moment, Jan endlich wieder auf freiem Fuße wandeln zu sehen. Kaum einen Tag später findet sie heraus: Es war tatsächlich der Jan.

Hättet ihr das gedacht? Wir hatten uns beispielsweise bei der 6. Folge der Staffel, „Knut Holm„, gefragt, ob „Schnell ermittelt“ das wagen würde. Worauf wir nicht eingegangen waren ist die Tatsache, dass dieser Ausgang natürlich der emotional brisanteste ist – in dieser Hinsicht wäre das auch mehr oder weniger vorhersehbar gewesen. (Na gut, das lässt sich im Nachhinein immer behaupten.)

Vielleicht will man es als Zuschauer nicht glauben, genauso wie Angelika es die ganze Staffel über nicht glauben wollte. Schon die gannze Staffel über hat uns „Schnell ermittelt“ erfolgreich emotional in die Schuhe von Angelika gesteckt. Es war zwar deutlich zu erkennen, dass sich Angelika bei Anamo in etwas hineingesteigert hat, aber durch den Mord an Dennis Maida und die unleugbaren Spuren zu Anamo haben wir, geblendet von unseren eigenen Wünschen, einfach angenommen, dass sie das auch schuldig an Nico Schnabels Tod macht. Und so wurden wir geschickt total aufs Glatteis geführt – ein essentieller Baustein dafür, nun das Gefühl zu haben, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Angelika dürfte es genauso gegangen sein. Was für ein unglaublicher Schlag in die Magengegend.

Ein Ende wie (k)ein anderes

Dieser emotionale Schlag in die Magengegend entfaltet sich vor allem durch das Ende, das in seinem elegischen Charakter eine wunderbare Poesie hervorzaubert. Da spielen viele Aspekte eine Rolle, von der Schauspielerei bis hin zum sehr hübschen Set, besonders hervorzuhaben ist da aber – wie eigentlich auch schon im Finale zur 3. Staffel – das Zusammenspiel aus Lothar Schärpes Musik und der Variation in den formalen Aspekten der Serie.

„Schnell ermittelt“ endet ja immer mit rollenden Credits auf schwarzem Hintergrund, unterlegt von heiterer Musik. In Staffel 3 unterstrich die Serie den formidablen Cliffhanger, indem der Hintergrund mal weiß war. Diese Änderung klingt banal, aber war ungemein effektiv. Hier ist es ähnlich: Das übliche Farmschema wird zwar beibehalten, doch anstatt dem üblichen Heiterkeitslied läuft die Elegie aus der letzten Szene einfach weiter. Damit unterbindet die Serie nicht bloß einen tonalen Widerspruch (den sie mit den Credits in Staffel 5 aufgrund der ernsteren Natur der Handlung leider öfter hatte), sondern hebt die Gravität von Angelikas Entscheidung, das Handy ins Wasser zu werfen, subtil hervor.

Es ist in vielerlei Hinsicht ein faszinierender Konflikt, vor dem Angelika in „Alan Richter“ (und auch in weiterer Zukunft noch) steht, schon allein deshalb, weil es keine einfache Lösung gibt. Einerseits, weil der Fall ja noch nicht ganz gegessen ist. Was ist mit der mysteriösen fünften Person, die am Schnabel-Tatort zugegen war? Der Joint belegt, dass neben Jan, Anamo, Nico und dem Video-aufnehmenden Dennis Maida noch jemand Zeuge des Ganzen war. Was ist mit dem geschehen? Anamo weiß von der Existenz dieses Unbekannten, und sie hat offenbar nicht davor zurückgeschreckt, den anderen Zeugen (Maida) umzubringen. Um diesen Fall wird sich „Schnell ermittelt“ wohl (oder hoffentlich) in der nächsten Staffel kümmern.

Andererseits aber natürlich emotional. Interessanterweise ist es einzig für Franitschek eine ganz einfache Entscheidung, die Sache unter den Tisch zu kehren. Franitschek hat nun schon mehrmals in dieser Staffel seine Loyalität zu Angelika unter Beweis gestellt, aber die völlige Abszenz von Zögern und Zweifel lassen seine Treue und Freundschaft geradezu in Stein meißeln. Das ist nach wie vor die Konsequenz von seinen Zweifeln an Angelikas Motiven zu Ende der 3. Staffel. Seine unmittelbare Frage, worauf sie warte, bezeugt aber auch, wie gut er Angelika schon kennt: Für die ist es ja nicht untypisch, mal ein Verbrechen unter den Tisch fallen zu lassen, wenn die Umstände das ethisch erlauben – wir erinnern an „Konrad Mautsch“ – der pädophile Clown, der von seinen Adoptivkindern ermordet wurde. Dass Angelika das vertuscht hat, weiß Franitschek gar nicht, aber er kennt Angelika eben. Und er weiß auch, dass sie für ihre Kinder alles tun würde.

Foto: ORF/MR Film/Petro Domenigg

Fairerweise hat es Franitschek aber auch leichter, hier eine Entscheidung zu treffen: Er muss Angelika quasi nur zustimmen. Die hingegen sieht sich mehreren bitteren Realitäten und Fragen gegenübergestellt: Ihr Sohn ist ein Mörder. Was hat sie als Mutter falsch gemacht? Soll sie ihrem Sohn das je verzeihen – und wenn ja, wie? Muss sie jetzt auch Anamo decken, weil die ja die Wahrheit kennt? Vor allem aber: Wie soll sie jetzt überhaupt mit diesem Wissen, diesen Gewissen und vielleicht auch dieser Schuld (?) leben?

Das geht Angelika sicherlich alles durch den Kopf, als sie sich resigniert und überfordert und emotional am Ende blindlings dem herannahenden Raser entgegenstellt. Es ist ein Moment des Loslassens und des der Verzweiflung Nachgebens. Inszeniert ist das Herannahen des rasenden Autos leider nicht sehr spannend, und ich bin mir nicht ganz sicher, wie dieses Szenario überhaupt Sinn ergibt (Was will der Raser damit bezwecken, diese Frau in diesem gottverlassenen Hafen niederzustrecken? Noch dazu, wo er dann ja mit vollem Karacho in das hinter Angelika stehende Auto geprallt wäre!). Doch emotional hat man hier genau den richtigen Riecher bewiesen, weil die Szene Angelikas Verzweiflung ausgezeichnet visualisiert.

Schrecklickes Erwachen

Es ist wunderbar, wie Verena Kurth uns bis zum Schluss den tatsächlichen Inhalt des Videobeweises vorenthält, während Angelika ihn schon etwa zur Mitte der Folge zu Gesicht bekommt. An ihrem Gesicht, ihrem Verhalten sowie an Jans Reaktion lässt sich endlich 2+2 addieren, und trotzdem ist da noch irgendwo die Hoffnung, dass Angelika da nicht sieht, was sie sieht.

Kurth nimmt sich Zeit, uns zu zeigen, was das für Angelika bedeutet, und weiß das auch wunderschön in Szene zu setzen. Angelika gönnt sich eine letzte Illusion einer glücklichen Familie, eine Erinnerung an gute alte Zeiten, ein letztes Abendmahl mit der Familie, sogar mit dem nun seltenen Gast Kathrin. Der Zahn der Zeit zersplittert eine jede Familie, aber nicht so – nicht so.

Vielleicht das schönste Bild von „Alan Richter“ – eine Folge, an der es an schönen Bildern und Symbolik nicht mangelt – ist jenes, in dem Angelika und Stefan gleich neben der U-Bahn-Station Eis essen, wie sie es im Vorspann tun. Was für eine wundervolle Idee, um die Geister der Vergangenheit in Erinnerung zu rufen. Der vergnügte Vorspann erinnert uns jede Woche daran, wie klein und süß und vor allem unschuldig Jan und Kathrin früher waren. Das Aufwachsen der Jungdarsteller ist eins der schönsten seriellen Aspekte von „Schnell ermittelt“, und das findet in „Alan Richter“ einen emotional ungeheuer starken Kontrast im Eisschlecken mit Stefan. Für den ist noch alles paletti, aber an Angelikas Gesicht (bzw. ihrem Erbrochenen) ist unschwer zu erkennen: Die schöne Zeit ist vorbei. Das mehrmals in jeder Staffel wiederholte Mantra, dass alles ja wieder gut werden würde, ist nun endgültig bloß noch eine Phantasie. Ob „Schnell ermittelt“ nächste Staffel den Vorspann beibehalten wird?

Eine weitere Szene, die dieses „tempus fugit“-Konzept verinnerlicht hat bzw. veräußerlichen soll, ist jene auf der Brücke, in der Angelika ihren jungen Burschen weglaufen sieht, nur um ihm als erwachsener Sohn entgegenzutreten. Das ist sehr rührend, aber leider auch sehr konfus. Erst hebt sie nicht ab, als Jan anruft, aber dann ruft sie ihn zurück? Ist der erwachsene Jan wirklich da oder ist das bloß eine Vision? Das löst „Schnell ermittelt“ nicht auf und ist der Serie dann auch irgendwie egal – irgendwie komisch.

Des Rätsels Lösung

Dass Jan tatsächlich den Mord begangen hat erklärt so einiges, was uns im Laufe der Staffel unklar war oder teilweise auch frustriert hat. Es erklärt beispielsweise, warum Jan sich erst in „Knut Holm“ als Täter zu erkennen gab: Er wollte damit Anamo schützen, weil die (zurecht) befürchtete, dass Angelika um jeden Preis die Unschuld ihres Sohnes beweisen wollen würde, koste es was es wolle. Zudem wissen wir jetzt, weshalb sich Jan so unkooperativ mit seiner Mutter gab – er wollte ja nicht, dass Angelika irgendetwas rausbekam, nicht nur um Anamo willen, sondern vor allem auch, um seine eigene Haut zu schützen.

Zu Beginn der Staffel waren wir verwirrt, warum „Schnell ermittelt“ so einen großen Fokus auf diese Freundin von Jan warf, ohne uns dafür einen sinnvollen Grund zu liefern – wir hatten das Gefühl, dass uns die Serie zu verstehen geben wollte, dass wir diese Anamo verdächtigen sollen. Dieser Kritikpunkt hat sich jetzt im Nachhinein teilweise erledigt; Es stellt sich nun heraus, dass uns die Serie ganz bewusst auf Anamos Fährte geführt hat, ohne tatsächliche Spuren zu liefern, weil das auf Angelikas Beschützerinstinkt zurückzuführen ist. Um zu beweisen, dass Jan unschuldig ist, hat sich Angelika auf jede kleine Spur gestürzt, und in Anamo ein gefundenes Fressen gesehen.

Foto: ORF/MR Film/Petro Domenigg

Angelika hat ihre Fälle schon immer nicht nur mit Verstand, sondern auch mit Herz und Spürsinn gelöst. Die Visionen, die Angelika beim Ermitteln immer sieht, haben früher ja gerade ihre intuitive Natur charakterisiert (bis sich in „Viktor Urbach“ herausstellt, dass auch Franitschek Visionen hat zumindest). Der schmerzlich vermisste Oberst Schuster hatte Angelikas Gefühl-basierte Ermittlungsmethoden seit der 3. Staffel kritisiert. Das haben wir aufgrund Schusters antagonistischer Rolle nie wirklich ernst genommen – und Angelika hat das sowieso nie getan – doch jetzt bestätigen sich leider dessen Zweifel. Ausgerechnet Angelikas größte Gabe hat sie diesmal so auf Irrwege geführt.

Irgendwas mit Autorennen

Einen Fall gibt’s in „Alan Richter“ ja auch noch – deshalb heißt die Folge ja auch so. Noch nie hat mich ein Fall bei „Schnell ermittelt“ weniger interessiert, und auch beim zweiten Mal schauen war ich mit Kopf und Herz bei etwas ganz anderem, als erklärt wurde, warum Alan Richter sterben musste. Vielleicht wäre es besser gewesen, die gesamte Folge dem Fall Nico Schnabel zu widmen (was natürlich das Problem aufgeworfen hätte, wie man die Episode benennen sollte, wenn niemand stirbt), genauso wie die bisherigen Staffelfinale allesamt sich alleinig um die staffelspannende Handlung gekümmert hatten. Ein weiterer Grund wäre, dass ja, wie bereits oben erwähnt, nicht alle Aspekte des Falls Schnabel restlos geklärt wurden.

Dass der Fall um die Raser im Vergleich zur Frage um Jans Schuld ziemlich untergeht, sollte aufgrund all der oben genannten Ausführungen nicht weiter verwunderlich sein. Der Fall ist ja nicht belanglos per se, er versäumt es bloß, auch nur auf irgendeine Weise persönlich zu sein und verpufft deshalb in Signifikanz. Das ist eine logische Konsequenz dessen, dass „Schnell ermittelt“ in dieser Staffel mehr Zeit (oder zumindest: mehr Emotion) in die Staffelhandlung investiert. Je mehr der horizontale Strang hervorsticht, desto weiter rücken die Fälle der Woche in den Hintergrund.

Das führt mich auch gleich zu meinem größten Wunsch für die nächste Staffel. Ich kann nur hoffen, dass Staffel 6 erneut einen so emotional geladenen Fall so konsequent über die Staffel hinweg erzählt. Gleichzeitig wünsche ich mir aber, dass die einzelnen Fälle emotional resonanter gestaltet werden, wie es etwa jene in „Viktor Urbach“ (auf eine Hauptfigur zugeschnitten) oder „Dennis Maida“ (hatte mit dem Hauptfall zu tun) waren. Es wäre schön, zumindest eine emotionale Paralllele zwischen den zwei in jeder Folge ermittelten Fällen zu spüren.

Insgesamt darf sich die Staffel sicherlich mit der dritten (und bisher besten) messen. Neben diesem denkwürdigem, emotional absolut mitreißendem Finale kann sich die Serie sicher auch mit einem dramaturgisch aufgegangenem horizontalen Strang brüsten. Im Gegensatz zu den bisherigen Staffeln konnte „Schnell ermittelt“ dieses Mal in tatsächlich jeder Folge neue Ermittlungsfortschritte und Wendungen präsentieren, sodass man keine Folge verpassen wollte. Ob der doch etwas düsterere Ton, den diese Staffel angeschlagen hat, ankommt, ist sicherlich Geschmackssache. Fakt ist aber: „Schnell ermittelt“ beendet Staffel 5 auf einem Hoch.

Noch mehr Bla

  • Auf den sozialen Medien gab es mehrere Meldungen, dass die Leute sich nicht mehr gut daran erinnern können, was alles in dieser Staffel passiert ist. Ich glaube, es wäre keine schlechte Idee, wenn die Serie für ihre 6. Staffel ein „Was bisher geschah“-Segment zu Beginn jeder Folge einführt. Insbesondere Angelikas Erinnerung an Dennis Maidas und Anamos Bekanntschaft war ein Element, das schnell vergessen wurde.
  • Das war die Kritik zur Folge 5×10. Für eine umfassendere Besprechung der gesamten Staffel sei hier nicht nur auf die Kritiken zu den einzelnen Folgen hingewiesen, sondern auch auf unseren Podcast – der erscheint am Mittwoch hier bei Bruttofilmlandsprodukt.

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