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Kritik: Schnell ermittelt „Einsamkeit“ (4. Film)

Sonderermittlerin Schnell ist zurück! „Einsamkeit“, der vierte und vorerst letzte 90-Minüter von „Schnell ermittelt“, zeigt Angelika in bester Form – und das trotz hinkendem Bein. Wie schon bei den anderen „Schnell ermittelt“-Filmen findet die Serie durch die doppelte Sendezeit viel Zeit für Privates – und erzählt uns, wie einsam Angelika wirklich ist.

Alles beim Alten?

In „Einsamkeit“ ist in vielerlei Hinsicht wieder alles beim Alten: Unter dem Vorwand der Einsparungsmaßnahmen ist das SFLÖ wieder ein reguläres Ermittlerteam (und Maja wieder großteils im Innendienst), Angelikas Status als Sonderermittlerin bloß noch eine hübsche Berufsbezeichnung – und der Schuster damit jetzt auch ihr Chef. Vieles bleibt aber auch anders: Angelikas Visionen bleiben seit Staffel 4 verschwunden (schade), die Beziehung zwischen Katrin und Angelika verbleibt angespannt, und zwischen Maja und Kemal fliegen die Fetzen – wobei letzteres auf die Dauer von 90 Minuten langsam nervtötend wird.

Emotionaler Angelpunkt der Serie bleibt aber die Beziehung von Angelika und ihrem Ex-Mann, und die erfährt in „Einsamkeit“ mal wieder ein paar Hochs und Tiefs. Der Wasserrohrbruch ist nicht bloß Grund dafür, dass Angelika humpelt – wir erinnern uns: Ursula Strauss hatte 2014 kurz vor dem geplanten Beginn der Dreharbeiten einen Autounfall, beim tatsächlichen Dreh humpelt sie immer noch, und die Action-Szenen übernimmt der Franitschek – sondern lässt sie vorübergehend beim Ex-Mann einziehen. Das ist ein gewitzter Rollentausch: Früher war es Stefan, der temporär bei Angelika gewohnt hatte. Diesmal ist die Dynamik aber eine andere.

Zum einen wegen der Kinder: Kathrin findet wie schon in den Filmen zuvor stets einen Grund, sauer auf ihre Mutter zu sein. Jan testet mal wieder die Grenzen aus, was seine Eltern durchgehen lassen – der Gelassenheit nach zu urteilen, mit der Stefan und Angelika auf dessen morgendliche Rückkehr reagieren, wohl keine Seltenheit. Und Angelikas eigensinniger Umgang mit Jans Freundin findet zwar bei Jan selber Anklang, bei den anderen Damen im Haushalt nicht.

Zum anderen aber natürlich wegen dem ewigen hin und her zwischen den zwei geschiedenen Partnern, für das „Schnell ermittelt“ auch noch nach 4 Staffeln und 3 Filmen neuen Stoff findet. Stefan versucht, seinen spitzbübischen Charme spielen zu lassen (das Bett ist ja viel komfortabler, und mehr Platz sei da auch), aber als das endlich funktioniert, ist es Angelika doch nicht recht. Weil es nicht einfach so sein kann wie früher. Manchmal fühlt man sich einsamer, je länger man sich kennt.

Warum Angelika nicht mit Stefan zusammen sein kann, ist eine der faszinierendsten Facetten dieser Figur – an seinem Willen scheitert es nicht, das weiß Angelika eh. Irgendwie will sie es ja auch, und die Kinder hätten auch ihre Freude daran. Aber warum lässt sie es nicht zu? Will sie sich das Glück nicht gönnen? Gefällt ihr nicht heimlich auch das ewgie Necken und brave Rumturteln, ohne dass man sich gleich für irgendwas Verbindliches verpflichtet? Es wäre ja nicht so, dass sie sich nicht anders umschaut: Peter, Ulrich und nun auch Theo Bernsdorfer waren nicht bloß Trostpreise, sondern durchaus legitime Kandidaten für die nächste große Liebe. Aber da hat Angelika wenig Glück: Das war jetzt schon der zweite Mörder, mit dem sie sich eingelassen hat, und Ulrich war auch bloß erträumt.

Angelikas Einsamkeit

„Einsamkeit“ liefert noch eine weitere These, und die steckt im Titel: Weil es in ihrer Natur liegt, Menschen von ihr wegzustoßen, Hilfe abzulehnen, einsam zu sein. Das haben wir schon häufig beobachten können, dass Angelika eine Einzelgängerin ist: Angelika flunkert häufig und behält jede Menge Geheimnisse für sich (etwa ihre ermittlerische „Gabe“), ohne dass es dafür einen echten Mehrwert geben muss – das hat sie schon oft in Schwierigkeiten gebracht. Vor allem Stefans Hilfe außerhalb der Leichenhalle akzeptiert sie ausschließlich nur dann, wenn es wirklich nicht mehr anders geht (wie etwa am Ende von Staffel 3). In gewisser Weise ist es für Angelika eine Art Neurose, die Menschen, die ihr nahe stehen, auf Distanz zu halten.

Vielleicht ist es aber für sie auch ein spannendes Spiel, ihre Kollegen und Freunde in Unwissenheit ruhen zu lassen – ich bin überzeugt davon, dass es ihr eine diebische Freude bereitet, Dinge wie das heimliche Gras-Rauchen oder Affären für sich zu behalten. So interpretiere ich auch das Ende des Films: Angelika ist zuerst traurig, für die Nacht einsam sein zu müssen, weil Stefan, Franitschek, Maja, Kemal, Jan und Kathrin gerade keine Zeit oder Platz für sie haben. Aber dann realisiert sie, dass sie diese Einsamkeit ja auch auszeichnet, und fühlt sich deshalb auf seltsame Art bestätigt. Und so schlendert sie Wiens Nacht entgegen, wie sonst nur Cowboys in den Sonnenuntergang reiten können – einsame Helden, die sich ihrem Schicksal ergeben fühlen und das mit Würde annehmen.

Zwei der anderen „Schnell ermittelt“-Spielfilm-Titel, „Schuld“ und „Leben“, hatte ich dafür kritisiert, dass sie so arg generische Titel hatten, die genauso gut Titel fast jeder anderen Episode der Serie sein hätten können. „Einsamkeit“ ist hingegen ein Titel, der die Episode genau auf den Punkt trifft. Nicht, was den Krimifall selbst betrifft: Der ist bis auf den unwahrscheinlichen Fund des USB-Sticks (dafür wären die Visionen gut gewesen!) ganz gut gemacht, ist im Angesicht Angelikas privater Entwicklungen aber natürlich nur nebensächlich. Viel mehr fängt der Titel Angelikas Dilemma treffend ein. Es ist eine der größten Künste, uns Neues über eine Figur zu erzählen, der wir schon so lange über die Schultern schauen wie Angelika, obwohl die Grundbausteine dafür schon immer Teil der Serie waren – und das tut „Einsamkeit“ wie keiner der anderen Filme.

Einsamkeit ist ja ein interessantes Phänomen: Man kann es nur indirekt teilen, denn sonst wäre man ja nicht einsam. Genau das ist der Fall im Film: Es ist ja nicht bloß Angelika, die mit Einsamkeit hadert. Die einzigen Bezugspersonen, die wir je von Franitschek erfahren haben, tragen Schilde auf ihrem Rücken – ausgerechnet diesmal funkt es bei ihm und einer Dame aber. Jan zieht zu seiner Freundin. Katrin kann ihre Mutter nicht aushalten. Zwischen Maja und Kemal fliegen die Fetzen. Und Stefan fühlt sich von Angelika weggestoßen und versteht es einfach nicht. Da ist er nicht der einzige.

Links

  • Alle unsere bisherigen Texte (Episodenkritiken, Staffelreviews und auch die Podcasts), findet ihr unter dem Schlagwort „Schnell ermittelt„.
  • Unser Podcast, in dem wir die bisherigen Stafeln und Filme Revue passieren haben lassen.
  • Wir freuen uns auf euer Feedback. Alle Möglichkeiten mit uns in Kontakt zu treten, findet ihr HIER.

„Einsamkeit“ ist ab Ausstrahlung 7 Tage lang in der ORF TVthek zwischen 20 und 6 Uhr verfügbar (Jugendschutz). Die 5. Staffel von „Schnell ermittelt“ läuft nächste Woche an – wir werden jede Folge mit einer eigenen Kritik begleiten. In der morgigen Ausgabe unseres Podcasts werden wir auch noch einmal zu zweit ausgiebig über „Einsamkeit“ quatschen.

Ein Kommentar

  1. Anonymous 7. März 2017

    Visitor Rating: 4 Stars

  2. Anonymous 6. März 2017

    Visitor Rating: 2 Stars

  3. Anonymous 6. März 2017

    Visitor Rating: 5 Stars

  4. Anonymous 6. März 2017

    Visitor Rating: 3 Stars

  5. Anonymous 6. März 2017

    Visitor Rating: 5 Stars

  6. Hannes Blamayer Autor des Beitrages | 6. März 2017

    Visitor Rating: 4 Stars

  7. Hari List 4. März 2017

    Visitor Rating: 3 Stars

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