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Kritik: Trakehnerblut 1×01 „Das Testament“

Das österreichische Serienjahr schien schon vorbei, nachdem dem ORF kein Budget und/oder Sendetermine für die neuesten Staffeln Vorstadtweiber und CopStories zur Verfügung steht. Der ideale Zeitpunkt also für Servus TV, in die Bresche zu springen und sein eigenes Pferd ins Rennen zu schicken.

Hinweis: Dieser Artikel enthält Spoiler für die ganze Folge. Bei „Trakehnerblut“ Folge 1 („Das Testament“) handelt es sich um die erste Hälfte von „Gestüt Hochstetten“ Folge 1 („Das Testament“). Die Kritik zur zweiten Hälfte davon findet ihr hier.

Die gute Nachricht vorweg: „Trakehnerblut“ kann der Ambition des 8-teiligen Familiendramas und Prestigeprojekts großteils das Wasser reichen.

Der verstorbene Karl Hochstetten war schon ein frecher Fuchs mit einer Spur verschlagener Schadenfreude. Wieso sonst würde er seine Familie auf die Folter spannen und sie auf die letzten Worte der Testamentsverlesung warten lassen, um zu erfahren, was mit dem Gestüt der Familie passieren soll, nur um sie dann so vor den Kopf zu stoßen? Dabei war seine Mühe beinah umsonst: Für läppische 200.000€ lässt sich Alexandra Winkler beinahe breitschlagen, ihr Erbe bleiben zu lassen. Allein die Neugier, und bald auch die Faszination und der Reiz dieses anderen Lebens, veranlassen sie dazu, doch in die Welt der Trakehnerzucht einzutauchen.

„Trakehnerblut“ ist als großes Drama angelegt, und laut Presseheft verbirgt sich auf Gestüt Hochstetten nebst schönen Landschaften und edlen Pferden das eine oder andere dunkle Familiengeheimnis. „Das Testament“ teasert das nur beim Bettgeflüster zwischen Maximilian und Maggie in einem Nebensatz an, tatsächlich werfen die Umstände des Testaments aber einige Fragen auf – deutlich mehr, als dass die Folge konkret stellt. Warum etwa hat Karl Hochstetten seine Tochter zuvor nie in sein Leben involvieren wollen? Warum vererbt er ihr das Gestüt, warum nicht seinem dafür wesentlich qualifizierterem Erstgeborenen?

All diese Fragen stellt sich Alexandra aber nicht – oder vielleicht tut sie es, klar sagen kann man das nicht. „Trakehnerbluts“ Protagonistin ist ein Schloss mit sieben Siegeln, nicht zuletzt deshalb, weil sie sich in dieser neuen Welt erst einfinden muss und sich indes den Halbgeschwistern präsentiert wie Bambi im nahenden Scheinwerferlicht. Das ist an und für sich für ihren Charakter stimmig und schlüssig – in der Tat lernen wir jede Menge kleiner Details über unsere Protagonistin, die sich wie ein Mosaik zu einem relativ umfangreichen Gesamteindruck zusammenfügen (schlechte Beziehung zu den Eltern, ungemütlicher Chef, tierlieb, relativ cool) und nur selten aufgesetzt wirken (der Nachbar, der ihr mehrmals versichert, dass sie seine einzige Bezugsperson ist).

Leider machen Alexandras Verschwiegenheit sowie ihre Unentschlossenheit es auch schwierig, mit ihr emotional intensiv mitzugehen. Da hilft es auch nicht, dass sie innerhalb der ersten 10 Minuten im wahrsten Sinne des Wortes eine Katze rettet – im Autorenjargon eine Metapher für eine gute Tat, die den Helden als Sympathieträger designieren soll, in „Trakehnerblut“ sogar wortwörtlich umgesetzt. Erst als sie am Ende der Episode aufzutauen und sich zurechtzufinden beginnt, schafft sie es, der Serie den emotionalen Anker zu verleihen, den „Trakehnerblut“ braucht, damit man sich wirklich um Alexandras Schicksal kümmert.

Der erste Akt

Vielleicht ist das dem geschuldet, wie stark episodenübergreifend die Serie erzählt. Schon in Folge 1 wird klar, dass sich „Trakehnerblut“ mehr als 6-stündiger Film denn herkömmliche Serie begreift. Noch gut die Hälfte der Folge spielt in Wien – so richtig etabliert die Serie ihre Hauptlokalität erst in der zweiten Hälfte.“Das Testament“ ist ein klassischer erster Akt einer viel größeren Geschichte, an dessen Ende unsere Heldin sich erst entscheidet, dem Ruf des Abenteuers bewusst zu folgen – in diesem Fall ist es das verletzte Pferd, das Alexandra nicht nur zur Tat schreiten lässt, sondern auch Maximilian gegenüber erstmals ihre Autorität spielen lässt. Es ist ihr Gestüt, daher auch ihre Entscheidung. Ein tolles Ende, das Lust schöpft, Alexandra dabei zuzusehen, sich auf Gestüt Hochstetten einzuleben.

Wie jeder gute erste Akt etabliert „Das Testament“ die Riege der Hauptfiguren. Neben Alexandra sind die wichtigsten Figuren die Hochstetten-Geschwister, bei denen sich schnell herausstellt, dass sie nicht bloß Abziehbilder sind. Maximilian ist zwar der intrigante, machthungrige Erstgeborene – aber irgendwie hat er auch recht, er hätte sich das Gestüt verdient gehabt. Sylvia ist zwar die verwöhnte selbsternannte Künstlerin, steckt aber das enterbt sein ziemlich gut weg und heißt Alexandra relativ herzlich willkommen. Am Spannendsten ist aber wohl Leander: Der ist zwar ein Playboy, findet dann aber doch bald einen ernsten und offenherzigen Zugang zu Alexandra.

Und dann sind da natürlich noch die Trakehnerpferde, vielleicht die heimlichen Hauptfiguren, vor allem der schwarze Gaul Dezember. Obwohl bei der ersten Begegnung mit Alexandra im Wald noch eine Spur Mystik und Zauber fehlen, kann die Szene mit dem pechschwarzen Pferd im Mondlicht genau das nachholen. Schnell wird klar, dass die beiden wie füreinander geschaffen sind – da liegt die Vermutung nahe, dass Alexandra auf Dezembers Rücken das Reiten lernen wird.

Der thematische Unterbau

Die Verbindung und die Parallelen zwischen den beiden sind wohl das stille Highlight der Folge. Alexandra und Dezember haben nicht nur jeweils ihre Mütter bei der Geburt verloren, sondern sind beide ungeliebte Mischlinge ihrer Rasse: Ein Elternteil aus der Oberschicht, ein anderes aus der Arbeiterklasse. Dabei wird „Trakehnerblut“ hier regelrecht subversiv, weil die als in der Gesellschaft akzeptabel angesehenen Haltungen zu dieser Thematik bei Mensch und Tier auseinanderklaffen.

Dass Alexandra weniger wert sein soll, weil sie das Resultat einer Affäre ihres Vaters mit einer Magd am Hochstetten-Gestüt ist, ist natürlich Unsinn. Bei den Pferden hingegen dreht sich alles um die  Ästhetik, die Vollwertigkeit der Tiere, um das reine Blut – daher auch der Arbeitstitel der Serie: „Vollblut“. Statt kitschigem Reitidyll und gedankenloser Glorifizierung der Trakehner bietet „Trakehnerblut“ hier wirklich spannenden Tobak. Wie sehr die Serie das nun kritisieren wird bzw. welche Haltung sie schlussendlich bei diesem Thema einnehmen wird, bleibt abzuwarten – im Piloten streut die Serie dafür aber schon mal genau die richtigen Themen.

Hübsch und schön

Ob die Serie nun den Fokus auf die Reinrassigkeit der Pferde des Gestüts kritisieren wird oder nicht – zelebrieren will die Serie die edlen Tiere selber aber natürlich auf jeden Fall. Schon allein optisch: In der märchenhaft schönen Landschaft des Gestüts gibt es viel zu sehen. Wenn wir Alexandra und Leander bei Mondlicht das pechschwarze Pferd am Tümpel sehen, dann hat das schon eine gewisse Magie. Dass die Anschlüsse der Pferde eigentlich immer passen, grenzt an ein Wunder, und die Schauspieler machen auf den Tieren bislang eine tadellose Figur – gerade das Rennen zwischen Leander und Raffael (einer Art österreichischer Jon Snow) schien nicht gedoubled zu sein und sah dadurch ganz schön beeindruckend aus.

Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass „Trakehnerblut“ optisch da noch mehr hätte rauskitzeln können. Ob beim Pferd in der Winterlandschaft im Flashback, bei Alexandras erstmaliger Begegnung mit Dezember oder beim oben erwähnten Rennen: Das hätte epischer und prachtvoller sein können. Vielleicht liegt es an der leider nicht sehr inspirierenden Musik, oder daran, dass der Schnitt selbst bei den opulenten Einstellungen zu schnell wieder in die Nahen geht – aber so ganz kann „Trakehnerblut“ da nicht überzeugen. „Trakehnerblut“ ist hübsch, aber leider nicht wunderschön – da ist noch Luft nach oben.

Insgesamt ist „Das Testament“ aber ein sehenswerter Start. Lea Schmidbauers Buch präsentiert uns ein Figurenpanorama rund um Gestüt Hochstetten und Alexandras Privatleben, dem man gerne zusieht, das dynamisch angelegt ist und das viele spannende Figurenkonstellationen verspricht. Das verschmitzte Lächeln von Raffael etwa, als der Alexandra spät abends sieht, ist genau die richtige Dosis von angekündigtem Liebesinteresse, die nicht zu viel verrät, aber Lust auf mehr macht. Mit einer entschlosseneren Alexandra darf das dann aber auch noch eine Spur mitreißender werden.

Das Sitz-Arrangement verdeutlicht klar die Haltung der Hochstettens gegenüber ihrer neuen Halbschwester. Foto: ServusTV / SAM-Film / Martin Hörmandinger

Noch mehr Bla

  • Die Auftaktszene ist ein kurioser Mix aus Hochs und Tiefs. Das Pferd in der Schneelandschaft: wow! Dass sie überhaupt eine Einstellung im Winter gedreht haben, den Rest der Serie im Sommer: beeindruckend! Die Greenscreen-Arbeit und der Unfall selber hingegen: ugh. Unfallszenen lassen sich eben leider nur mit enormen Budget glaubhaft inszenieren. Da wäre es wohl besser gewesen, „Trakehnerblut“ hätte sich den Aufprall am Baum erspart und bloß die Unfallszene gezeigt.
  • Hübsches Intro im Stile von True Detective. Die Musik ist aber wohl eher Geschmackssache…
  • Ein paar ungewollte Unklarheiten hinterlässt der Pilot leider schon, vor allem zum Ende der Folge hin: Ist das nun Dezember oder nicht? Und was war das überhaupt für eine Explosion? Raffaels Erklärung, dass es der Brennkessel gewesen sei, befriedigt mich nicht – was denn für ein Brennkessel? Mitten im Wald?
  • Es muss auch einen Ort geben für haltlose Theorien, und der ist hier. Hier unsere erste: Haushälterin Anna ist Alexandras verstorben geglaubte Mutter. (Gut, wir geben es zu: Das ist wirklich unwahrscheinlich, weil Anna anmerkt, dass Alexandra sie an jemanden erinnere – damit meint sie wohl Alexandras Mutter, die ja zum Zeitpunkt ihres Todes etwa in Alexandras Alter gewesen sein dürfte).

5 Kommentare

  1. Anonymous 10. Februar 2018

    Visitor Rating: 3 Stars

  2. Anonymous 20. Januar 2018

    Visitor Rating: 2 Stars

  3. Anonymous 1. Dezember 2017

    Visitor Rating: 3 Stars

  4. Anonymous 17. November 2017

    Visitor Rating: 2 Stars

  5. […] Die erste Folge „Trakehnerblut“ hat uns letzte Woche ganz gut gefallen. Die vielen Links zur Serie und den aktuellen Vorgängen bei ServusTV haben wir in einem eigenen Artikel zusammengefasst. […]

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