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Kritik: Trakehnerblut 1×03 „Ein neuer Tag“

Alexandras Entschluss steht: Sie übernimmt das Gestüt. Aber was heißt das eigentlich? Was bringt das für Aufgaben und Verantwortungen mit sich? In „Ein neuer Tag“ muss unsere Heldin nicht nur lernen, wie man Pferde pflegt, sondern sich auch unter den Mitarbeitern durchsetzen.

Hinweis: Dieser Artikel enthält Spoiler für die ganze Folge. Bei „Trakehnerblut“ Folge 3 („Ein neuer Tag“) handelt es sich um die erste Hälfte von „Gestüt Hochstetten“ Folge 2 („Das Komplott“). Die Kritik zur zweiten Hälfte davon findet ihr hier.

Ein neuer Tag, in der Tat, wie der Episodentitel so schön sagt, und plötzlich ist Alex Besitzerin eines Pferdegestüts mit 34 Mitarbeitern – und das ohne jegliche Vorstellung, was sie jetzt eigentlich machen soll. „Trakehnerblut“ macht seine Aufgabe gut, uns dabei in die überforderten Schuhe von Alex zu stecken – nicht nur, weil Alex droht, dass ihr die ganze Sache über den Kopf wächst, sondern auch, weil sie einfach die richtigen Fragen ganz unverblümt stellt: „Könnten Sie mir das ein bissl genauer… erklären? Die Verbindlichkeiten.“

Aber weder der korrupte (aber auch sympathische!) Notar noch die Frau Fischer vom Gestütsbüro können oder wollen ihr helfen, wie auch alle anderen Mitglieder der Familie Hochstetten sowie sämtliche Mitarbeiter scheinbar vom Erdboden verschluckt zu sein scheinen. Wo anfangen? Für „Trakehnerblut“ natürlich ganz klar: Beim Wohl der Pferde. Und so lernt Alexandra gemeinsam mit ihrer aus Wien gekommenen Freundin Paula sowie dem wandelnden Lexikon Tilda, wie sie die Tiere füttern und pflegen muss. Die Gratwanderung zwischen Belehrung über die Pferdepflege und Unterhaltung, gewürzt mit einer Prise Kitsch, stimmt dabei – gemeinsam mit Jon Snow (Raffael) versammelt die Serie da genau die richtigen Figuren, um beim Füttern und dem Spielen im Heu Spaß zu haben.

Alexandra setzt sich durch

Es passt ausgezeichnet, dass unsere proletarische Heldin gleich mit der Drecksarbeit (haha) anfängt, weil sie sich von unten hocharbeiten muss – im Gegensatz zu ihren Halbgeschwistern, die als geborene Hochstettens nie diese Erfahrung machen mussten. Maximilian schätzt sie nämlich zu Beginn der Folge, als er in Szene 1 schon den Inhalt der gesamten Folge ankündigt, gänzlich falsch ein, denn Alexandra war wahrscheinlich nie jemand, die sich eine „Armes, armes Waisenkind“-Schleife um den Hals hängt, und ist es auch jetzt nicht.

Und so muss sie sich Respekt erst verschaffen, während ihre Autorität von Moser bei jeder Gelegenheit untergraben wird. Moser war schon in den Folgen zuvor ermüdend, milde gesagt – mit kontinuierlicher Bildpräsenz wird das leider nicht besser. Wenn es um Maximilian oder Maggie Loos geht, hat man das Gefühl, dass die von ihnen ausgehenden antagonistischen Kräfte Grund und Substanz haben, doch Moser scheint bloß ein wütender Mann auf einer sinnlosen Mission zu sein. Die etwas künstlich wirkende Hochsprache trägt auch nicht gerade dazu bei, ihn besser funktionieren zu lassen.

Wie löst man das Problem, wenn die 34 Mitarbeiter alle streiken? Einfach die Kündigung des Hofs Havasari (?) rückgängig machen, die der fiese Moser in „Dezember“ erließ. „Trakehnerblut“ feiert den Moment als vermeintlichen Triumph, wie Alexandra alle wieder einstellt. Irgendwie bekommt man dabei das Gefühl, dass diese Lösung einen Haken haben muss, aber falls es diesen gibt, spricht ihn die Serie nicht an – merkwürdig. Aber auch die Reise dorthin ist schon holprig: Alexandra ist keine, die große Reden schwingen kann, und dementsprechend unenthusiastisch ist auch der Beginn ihrer Ansprache, in der sie über ihre eigenen Worte stolpernd zugibt, dass sie nicht weiß, warum sie überhaupt hier ist. „Trakehnerblut“ gestaltet ihre Situation und ihren Duktus durchaus realistisch, aber gelegentlich wäre es schon gut, wenn unsere Protagonistin uns echt mitreißen könnte.

Eigentlich fast alle anderen Hauptfiguren sind extrovertierter als Alexandra, und das macht sie auch zugänglicher. Beispielsweise Paula, die keine Gelegenheit auslässt, einen sarkastischen Kommentar über Alexandras Ponyhof abzulassen: In „Ein neuer Tag“ verbringen wir erstmals mehr als bloß ein oder zwei Szenen mit ihr, und sofort entwickelt sie einen Charme, der den von Alexandra in den Schatten stellt. Schade fast, dass Paula so schnell wieder nach Wien fährt (wobei wir sie ja sicher nicht zum letzten mal gesehen haben werden) – ihre Präsenz hilft Alexandra, ein wenig aus ihrem Panzer zu kriechen. Vielleicht hat ihr Besuch aber schon etwas in Alex ausgelöst, das sie jetzt nicht mehr so sehr in diesen Panzer zurückziehen lässt.

Neuzugänge und echte Werte

Zwei der wohl beeindruckendsten Aspekte von „Trakehnerblut“ sind wohl die selbstverschriebene Hingabe für die Horizontale und wie die Serie dennoch eine episodische, aber rein gar nicht schematische Struktur erkennen lässt. Alexandra lebt sich Folge für Folge mehr am Gestüt ein, in dieser Folge eben durch das Erlernen, wie man Pferde pflegt, und das Etablieren von Respekt bei ihren Mitarbeitern. Der Plot um die Anfechtungsversuche des Testaments wird ebenso weitergesponnen wie der Komplott von Maximilian und Maggie, sich das Gestüt unter die Finger zu krallen. „Trakehnerblut“ ist in seiner Erzählweise ganz schön komplex und nimmt den Zuseher nicht bei der Hand. Es wird zwar am Ende jeder Folge das zu Beginn der Folge ausgelegte Ziel erreicht, trotzdem ist „Trakehnerblut“ nicht wirklich was für Gelegenheitszuseher. Ein Recap zu Beginn der Folge wäre da schon hilfreich.

Gelegenheitszuseher dürften wahrscheinlich vor allem aufgrund der vielen Nebenfiguren gelegentlich echt Probleme damit bekommen, zu verstehen, was Sache ist. Dabei scheint die Serie nicht müde zu werden, neue durchgehende Figuren einzuführen: Da ist etwa der Mann, der eines der Pferde gefüttert hat, der später Paula in die Stadt fährt. Oder Leanders Freundin (?) Maja, die so köstlich eifersüchtig wird auf Paula. Oder Niki Stuber, die Reiterin und Journalistin für ein Käseblatt, die für Maggies und Maximilians Pläne essentiell werden soll. Und da ist Laszlo Turin, der Mann, den gleich mehrere Hochstettens aus ganz unterschiedlichen Gründen umgarnen.

Foto: ServusTV / SAM-Film / Martin Hörmandinger

Turin ist wohl der interessanteste Neuzugang, schon allein deshalb, weil die Figur nur so vor Gravitas sprüht. Als sich Maximilian und Maggie in „Dezember“ mit dem Bürgermeister verschworen hatten, war das alles noch ein wenig vage; Turin hingegen, der eine sehr ähnliche Rolle erfüllt, hat einen spannenderen Zugang zum Royal Grand Prix, weil es dabei nicht nur um Geld geht, sondern auch um die Prinzipien seiner Investoren (o.ä.): Tradition, Verwurzelung, Familie. Und man wird das Gefühl nicht los, dass es die Figur ebenso tut.

Es wird spannend sein zu sehen, ob er erkennen wird, dass sich Maximilian und Maggie zwar der Illusion verfallen sind, dass sie diese drei Tugenden leben würden, in Wahrheit auf zumindest die letzteren beiden nicht wirklich Wert legen – wenn ihnen das nämlich am Herzen liegen würde, dann würden sie Alexandra mit offeneren Armen begegnen. „Tradition, Verwurzelung, Familie“ – das sind drei Schlagworte, die nicht nur Turin wichtig sind, sondern auch der Serie. Gleichzeitig sind das auch Werte, die dem Weltbild des Auftraggebers ServusTV relativ nah liegen, und das offenbar nicht ganz zufällig: „Trakehnerblut“ passt zu ServusTV wie die Faust aufs Auge.

Neuzugänge und Herzschlagen

Interessanterweise ergeben sich durch fast all diese Neuzugänge auch neue, kleine, zumindest angedeutete Liebesgeschichten. Als sich Turin und Silvia „Leto“ Hochstetten etwa bei einer ihrer Vernissagen kennen lernen, funkt es sofort – dank des tollen Spiels und des grandiosen Dialogs auf eine wirklich schöne, subtile Weise, die absolut ship-bar ist. Weniger Feingefühl beweist „Trakehnerblut“ leider bei der bereits bestehenden, aber hier erstmals eingeführten Beziehung vom österreichischen Jon Snow und Niki Stuber – für uns Zuseher kommt es als Überraschung und für Alex vielleicht auch ein wenig als Enttäuschung daher, dass Raffael eine Freundin hat. Die Serie inszeniert das aber ganz unbetont und wie eine unbedeutende Tatsache – da verschenkt man leichtfertig Emotionalität.

Leander wird in „Ein neuer Tag“ ebenfalls Material in Sachen Liebe gegeben – nicht nur, dass er eine Freundin zu haben scheint, nein, auch Paula findet da sofort an ihm Gefallen, und zwar nicht nur wegen seines schicken, schrecklichen Wagens. „Trakehnerblut“ versteht es da, mit einer kleinen Geste Lust auf mehr zu wecken – ich will mehr von Leanders Beziehung mit Maja erfahren, und ich wünsche mir, dass sich Paula und Leander näher kennen lernen, und freue mich schon zu sehen, wie sich eine Annäherung der beiden unweigerlich auf Alexandra auswirken wird.

Selbst der Notar ist ein richtiger Charakter in dieser Serie, und auch der scheint eine Liebschaft zu haben – könnte man sich zumindest aus seinem Telefongespräch mit Marie Hochstetten zusammenreimen. Und obwohl der Notar sich scheinbar von Marie überzeugen oder erpressen lässt, und obwohl er Alexandra wegen des Grunds des Erbes im Dunkeln lässt, und obwohl er ihr den Brief an sie nicht aushändigt, hat dieser Mann einen sympathischen Kern. Es wird zwar nicht ersichtlich, warum er einen Brief, den er eh nicht aushändigen will, mit sich im Koffer trägt, aber sei es drum – irgendwann wird dieser Brief ja schon wieder auftauchen.

Noch mehr Bla:

  • Mutter Hochstetten ist nicht begeistert davon, dass Maximilian einen DNA-Test machen will – sie hat offensichtlich was zu verbergen. In unserer Spekulationsküche bräuen wir diesmal zusammen, was wohl für am meisten Drama sorgen würde: Nicht Alexandra ist das Halbblut, sondern Maximilian. Das würde diesen endlich von seinem hohen Roß stoßen, er würde auf armes Waisenkind machen, sodass Alexandra ihm mitleidig die Hand reichen würde – und so versöhnen sie sich am Ende der Staffel.
  • So wenig Leander und Silvia – hoffentlich zeigen die in den nächsten Episoden wieder mehr Präsenz, in „Ein neuer Tag“ hat man sie zu weiten Teilen schmerzlich vermisst.
  • Wir schauen immer per Pressescreener, daher wissen wir nicht, ob es in der Fernsehausstrahlung Recaps zu Beginn der Folge gibt oder nicht – zuschauerfreundlich wären die nämlich schon.
  • Wirklich schöner Touch, dass Silvia sich einen englischsprachigen Künstlernamen ausgedacht hat.
  • Alle Folgen könnt ihr in der ServusTV-Mediathek nachsehen.

Ein Kommentar

  1. Anonymous 23. November 2017

    Visitor Rating: 5 Stars

  2. Anonymous 22. November 2017

    Visitor Rating: 3 Stars

  3. Anonymous 20. November 2017

    Visitor Rating: 4 Stars

  4. Anonymous 17. November 2017

    Visitor Rating: 3 Stars

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