Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Kritik: Trakehnerblut 1×04 „Das Fest“

Alexandra steht das Wasser nach wie vor bis zum Hals. Die streikenden Mitarbeiter sind wieder am Hackeln, aber dafür verlangen sie jetzt Geld – für das hochverschuldete Gestüt ohnehin problematisch, aber jetzt will die Bank ihr Geld zurück. Alexandra bleibt nur ein Ausweg…

Hinweis: Dieser Artikel enthält Spoiler für die ganze Folge. Bei „Trakehnerblut“ Folge 4 („Das Fest“) handelt es sich um die zweite Hälfte von „Gestüt Hochstetten“ Folge 2 („Das Komplott“). Die Kritik zur  ersten Hälfte davon findet ihr hier.

Die Intrige von Maggie Loss und Maximilian Hochstetten ist voll aufgegangen. Egal ob Bürgermeister, Bankdirektor oder Heulieferant – die Nachrichten, dass die Zukunft des Gestüts in unerfahrenen Händen liegt, lassen niemanden kalt. Alexandra ist noch zu unerfahren, um zu verstehen, wie sie damit umgehen könnte und fühlt sich durch die drohende Krediteintreibung der Bank völlig vor den Kopf gestoßen. 1,3 Millionen Euro, das ist ein ganz schöner Batzen Geld. Kurzfristig kann Alex den Engpass mit dem eigenen Ersparnis mildern, aber schon die erste Lieferung Heu kostet ihr beinah ihr gesamtes Vermögen. Alexandra schaut herrlich geknickt drein: Da sparst du dein ganzes Leben und haust es dann für einen Haufen trockenem Gras auf den Putz. Doch schnell wird klar: Das war nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, neben Heu gibt’s noch jede Menge weiterer, offenen Rechnungen.

Das Herzstück der Serie

Das Damoklesschwert, das über Alexandra und Gestüt Hochstetten schwebt, könnte nicht größer sein, und trotzdem will die Emotion nicht wirklich überspringen. Grund dafür ist, einmal mehr und erstmals wirklich in dieser Deutlichkeit, unsere Protagonistin. Das Herzstück von „Trakehnerblut“ ist in jeder Folge so häufig vollkommen überfordert, dass sich hier keine Steigerung mehr bemerkbar macht. Das hat auch strukturelle Gründe (dazu gleich mehr), aber liegt auch daran, dass Alexandra ihre Emotionen häufig für sich behält und in sich hineinfrisst, was dann meist in den selben Gesichtsausdruck mündet. Es spricht prinzipiell nichts dagegen, dass die Figur so stoisch ist, aber ein wenig mehr Modalität wäre schön zu sehen.

Das hat schon auch seine schönen Seiten, wie „Trakehnerblut“ das beispielsweise beim Geburtstagsfest von Maximilian zeigt. Wenn sich alle Figuren versammeln, die rund um Gestüt Hochstetten Rang und Namen haben, zeigt sich, wie gut hier jeder jeden kennt und wie gut sich alle (vermeintlich) verstehen. Trotz der Anwesenheit von Paula fühlt sich Alexandra ungemein verloren, fühlt sich daran erinnert, dass ihr dieses Leben bislang verwehrt blieb – und wird daran erinnert, dass es nicht so einfach ist, daran anzuknüpfen. Die Serie muss das aber nicht aussprechen, sondern kann das einfach nur Gesichtsausdruck, Figurenaufstellung, Einstellungsgrößen usw. wortlos vermitteln – das ist echt schön. Dass Alex‘ Verletzung dann durch die bosartigen Worte von Marie Hochstetten expliziter wird, ist eine schöne Steigerung.

Foto: ServusTV / SAM-Film / Martin Hörmandinger

Das Problem mit der Hauptfigur hat allerdings nicht zuletzt auch damit zu tun, dass Alexandra nicht wirklich zu wissen scheint, was sie will. Klar, für die Pferde hat sie schnell eine Faszination entwickelt, und einige der Gestütsbewohner und -mitarbeiter hat sie schnell ins Herz geschlossen (Anna, Tilda, Jon Snow), aber eine richtige Gestütsbesitzerin ist sie zur Zeit bloß im Namen. Sie besitzt leider keine Fertigkeiten oder Eigenschaften, die sie für die Führung des Gestüts qualifizieren würden – vielleicht bis auf ihre Zugänglichkeit für die 0815-Mitarbeiter des Betriebs, die die ehrenwerten Hochstettens wahrscheinlich nicht mal beim Namen kennen. Diese Art von Feinfühligkeit und ihr Einsatz für den „kleinen Mann“ haben bislang noch kaum eine Rolle gespielt, aber ist sicher früher oder später eine Möglichkeit für die Figur, sich zu profilieren.

Warum will sie also auf dem Gestüt bleiben? Es gibt ihr einen Sinn im Leben, weil ihr vorheriges in Wien nicht erfüllend gewesen zu sein schien. Und sie will Antworten auf ihre Fragen haben – allen voran, wer ihre Eltern waren und warum ihr das Gestüt vererbt wurde. Das Problem daran ist, dass sie diese Bedürfnisse nur so passiv verfolgt und lieber darauf zu warten scheint, dass der nächste Rückschlag kommt. Wir sehen sie etwa nicht sofort neugierig die geheimnisvolle Kassette anschauen, die ihr ihr Vater vermacht hat. Genauso wenig Interesse scheint sie daran zu haben, zu ergründen, was das für ein mysteriöser Schlüssel ihr da hinterlegt wurde. Dieses Verhalten ist exemplarisch dafür, dass die Protagonistin nicht aktiv genug in Erscheinung tritt – und das erschwert die Identifikation mit ihr. Das ist schade, weil sie durch ihre down-to-earth-Mentalität und durch Julia Franz Richters naturalistische Darstellung eigentlich zugänglich sein sollte.

Einer dieser Knoten löst sich zumindest in „Das Fest“. Es fühlte sich im Grunde genommen zu keiner Zeit richtig an, dass ihr allein nun das Gestüt gehören soll, während ihre Halbgeschwister leer ausgehen – vor allem Maximilian, der zwar intrigant und hochnäsig ist, aber tatsächlich sein Leben lang dem Gestüt treu ergeben war und dafür auch hart gearbeitet hat. Leider ist das nicht der Gedankengang von Alexandra, im Gegenteil: Sie sagt sogar aus, dass sie sich das nicht ausgesucht habe, das Gestüt zu erben. Stimmt, aber den Entschluss, es nicht zu verkaufen, hat sie selbst gefällt. Erst durch den fälligen Kredit in „Das Fest“ entsteht eine Notwendigkeit, auf den Halbbruder zuzugehen.

Fifty-fifty

In „Trakehnerblut“ kommt es daher zu einer spannenden, aber leider auch antiklimaktisch dramatisierten und nicht unbedingt in jeglicher Hinsicht nachvollziehbaren Entscheidung: Alexandra und Maximilian teilen sich das Gestüt 50:50. Das ist die Art von Beschluss, die spannende Änderungen in der Dynamik der Figuren verspricht. Durch derlei Permutationen der bestehenden Elemente können narrativ komplexe Serien wie „Trakehnerblut“ frisches Blut und neues Drama schaffen – klasse.

Für gewöhnlich erwartet man sich eine derlei große Entscheidung am Ende einer Episode, nachdem davor 40 Minuten andere Auswege gesucht wurden. Für eine späte Einigung findet „Trakehnerblut“ in „Das Fest“ aufgrund ebendiesem keine Zeit, daher kommt der Deal schon zur Mitte der Laufzeit zu Stande. Das ist strukturell ungewöhnlich und lässt den Moment kleiner erscheinen, als er wirklich ist – das ist schließlich nicht nur ein bedeutender Schritt für Maximilians Plan, sondern auch für die persönlichen Reisen beider Figuren sowie deren Beziehung zueinander.

Doch so wirklich befremdlich wird die Einigung der beiden durch die Tatsache, dass Alexandra nicht wirklich ein Druckmittel besitzt, um die Hälfte des Gestüts zu behalten. (Geht es übrigens um die Leitung oder den Besitz des Gestüts? Das ist ein wenig schwammig.) Sie hat ein Erbe angetreten, das schwer in der Misere steckt – da tut sie gut daran, 50:50 statt 60:40 zu teilen, das war keine Geste der Großzügigkeit.

Aber warum gibt sich Maximilian mit 50% überhaupt zufrieden? Ich kann mir schon gut vorstellen, dass er und Maggie das ganze Gestüt wollen und er hier nur so tut, als würde er mit dieser Einigung glücklich sein, nur um Alexandra früher oder später ausbooten zu wollen. Die Frage, die sich aber hier stellt, ist allerdings vielmehr: Warum gibt er sich bei dieser Verhandlung mit 50% zufrieden? Alexandra hat nichts gegen ihn in der Hand. Maximilian stellt als Bedingung die Austragung des Royal Grand Prix, aber es wird nicht klar, inwiefern das etwas wäre, wovon Alexandra überzeugt werden müsse – die weiß eh nicht, was das für das Gestüt bedeutet, und auf den ersten Blick klingt das ohnehin sehr verlockend.

Wie erwähnt ist diese 50:50-Einigung ein großer Moment für die Serie, bei dem man das Gefühl hat, dass die Serie ihn dramaturgisch nicht genug ausschlachtet. An mehreren Stellen hat man in „Das Fest“ das Gefühl: Da wäre mehr drin gewesen. Beispielsweise in Sachen geheimnisvollem Schließfach: Wäre es nicht spannender gewesen, das vorher schon angekündigt bekommen zu haben oder den Weg dorthin in wendungsreichen Schritten zu erfahren? Stattdessen präsentiert uns die Serie innerhalb weniger Sekunden ein Schließfach, erzählt von einem verschollenen Schlüssel, vergisst den Schlüssel augenblicklich wieder, erzählt von einem verschollenen Passwort, verrät uns das Passwort dann aber sofort, und präsentiert uns dann den Inhalt des Schließfachs, ohne wirklich auf ihn einzugehen (Was ist das für ein Schlüssel? Warum schaut sie sich das Video nicht sofort an?).

Liebesg’schichten und Pferdesachen

Abseits dieser dramaturgischen Schwächen hat „Das Fest“ aber auch viele wirklich gelungene Passagen zu bieten. Die diversen Liebesgeschichten etwa, die wir schon in der Vorwoche gelobt hatten, werden konsequent und charmant weitererzählt. Allen voran steht da die anbetungswürdige neuerliche Begegnung von Laszlo Turin und Silvia Hochstetten – Stipe Erzegs und Patricia Aulitzkys Chemie ist ja wirklich elektrisierend. „Trakehnerblut“ schafft da den perfekten Widerspruch für die Zuseher: Einerseits will man unbedingt, dass sich die Spannung der beiden endlich entlädt, andererseits hofft man, dass das Knistern so lange andauert wie nur möglich. Gut also einerseits, dass Laszlo nicht auf Silvias Bemerkung eingehen kann, dass sie am Abend noch nichts vor hätte, schrecklich andererseits, sich vorzustellen, dass Laszlo eine Folge oder zwei nicht auftauchen könnte. Das ist die schönste Noch-nicht-Liebesbeziehung aller Serien, die wir hier bei Bruttofilmlandsprodukt je besprochen haben.

Das ist nicht der einzige Grund, warum die Hochstetten-Geschwister zu den interessantesten Figuren gehören – bei allen drei gibt sich die Serie Mühe, sie stets dreidimensional zu zeichnen. Silvia ist nicht nur am ehrlichsten und freundlichsten zu Alex, sondern hat auch ihre eigenen Leichen im Keller, wie Maggie Loss berichten kann. Maximilian schmiedet nach wie vor Intrigen, aber seine Liebe für die Pferde ist echt – eine schwächere Serie hätte ihn abfällig über Dezembers Überleben sprechen sehen, aber dass er sich da ehrlich für Alex freut macht ihn gleich so viel runder und glaubwürdiger. Und auch der dritte im Bunde, Leander, ist in keiner Folge bloß der faule Schlappschwanz – in „Das Fest“ erfahren wir überraschenderweise, dass er und nicht Maximilian der beste Reiter der Familie ist. Großartig, wie konsistent „Trakehnerblut“ den drein Leben einhauchen kann.

Die Beziehung zwischen Alexandra und Dezember könnte man auch als Liebesgeschichte bezeichnen, wenn man so will. Wie auch schon in den Folgen zuvor widmet sich ein kleiner Handlungsstrang, Alexandra zu folgen, wie sie sich mehr und mehr in die Welt der Pferde begibt und verliebt. Und wie auch schon in den Folgen zuvor ist das sehr gelungen und charmant umgesetzt. Man muss kein Pferdenarr sein, um Alexandras wachsende Faszination nachzuempfinden. Nachdem das Pferd nun kennen gelernt, gesund gepflegt, gefüttert und gepflegt wurde, ist es in Folge 4 endlich soweit: Alexandra lernt reiten. Die Serie weiß, wie sie bei der Lernsequenz ein Lächeln auf die Lippen zaubern kann.

Foto: ServusTV / SAM-Film / Martin Hörmandinger

Reiten lässt sich nämlich natürlich am Besten von einem bildhübschen Reitlehrer beibringen, Jon Snow. In Wirklichkeit heißt die Figur natürlich Raffael und beweist gerade in dieser Folge, dass er wesentlich charismatischer, nahbarer und sonniger ist als der Kollege mit dem kalten Namen aus dieser anderen Serie. Aber ganz im Ernst: Auch hier stimmt die Chemie zwischen den Figuren – da weiß die Serie einfach, wie sie den Zuseher an die Angel zieht.

Noch mehr Bla:

  • Kurioser Schnitt beim Telefongespräch des Bankdirektors zu Beginn der Szene: Wir sehen ihn zwischen zwei stehenden Menschen sitzen, die wir nicht erkennen können. Das ist eindeutig so gefilmt und geschnitten, als ob am Ende der Szene enthüllt wird, wer ihm da gegenübersteht – doch die Enthüllung dazu kommt nicht. Der Farbe des Ärmels nach zu urteilen ist einer von ihnen wahrscheinlich der Assistent, aber  die andere Person? Farblich könnte das Maximilian sein, aber eine eindeutige Antwort darauf können wir leider nicht liefern.
  • Diese Folge bestätigt ja im Grunde, dass Silvia und Maggie Loss mal was miteinander hatten. Sehr cool, wie non-chalant Maximilian das hinnimmt.
  • Tildas Geste, wie steif Maximilian reite, ist zum Schreien komisch. Toll gespielt, toll geschrieben.
  • Unsere Theorie nach der ersten Folge, dass Haushälterin Anna Alexandras Mutter sein könnte, hat sich leider nicht bestätigt. Aber dass sie Alexandras Mutter vielleicht kannte, das könnte sich durchaus noch bewahrheiten.
  • Unsere wilde Theorienecke: Alexandra wird im Staffelfinale gegen Maximilian sprungreiten. Ok, das ist nicht die wildeste aller Theorien, es muss ja einen Grund geben, warum wir Maximilian in jeder Folge trainieren sehen, und in dieser Folge findet das sogar parallel zu Alexandras Training statt.

2 Kommentare

  1. […] Hinweis: Dieser Artikel enthält Spoiler für die ganze Folge. Bei „Trakehnerblut“ Folge 3 („Ein neuer Tag“) handelt es sich um die erste Hälfte von „Gestüt Hochstetten“ Folge 2 („Das Komplott“). Die Kritik zur  zweiten Hälfte davon findet ihr hier. […]

  2. Hari List 23. November 2017

    Visitor Rating: 5 Stars

Kommentare sind deaktiviert.