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Kritik: Schnell Ermittelt 4.12 „Lucy Haller“

„Weiterschlafen würd ich gern, es war grad so spannend.“

Eine kleine Geschichte: Vor vielen Jahren gab es eine TV-Serie namens Dallas, in der der populäre Charakter Bobby in der siebten Staffel ums Leben kam. Die achte Staffel setzte ohne ihn fort, was viele Fans unglücklich machte. Als Reaktion darauf entschieden die Drehbuchautoren zu Beginn der neunten Staffel, Bobby zurückzubringen, mit der Erklärung, dass die gesamte achte Staffel ein Traum gewesen war. Die Fans fühlten sich verarscht – warum hatten sie denn dann überhaupt diese achte Staffel geschaut, wenn eh alles nie passiert war? – Klingt vertraut? Willkommen bei der vierten Staffel von Schnell Ermittelt.

Ich brodle grad ein wenig innerlich. Ich habe nun diese Staffel von Schnell Ermittelt äußerst intensiv verfolgt – die Fälle, die Dialoge, vor allem aber die Charakterentwicklung, die Angelika, Ulrich, Stefan, Franitschek, Maja und Co. durchgemacht haben – nur um jetzt festzustellen, dass das meiste davon umsonst war. Und ich bin der Überzeugung, dass andere Menschen auch mitgefiebert haben, ob Angelika sich nun für Ulrich oder Stefan entscheidet, ob Majas Schwangerschaft gut verläuft, ob Susi sich endlich von Stefan trennt und so weiter. Aber erst einmal langsam mit den Pferden – gehen wir zuerst diese Episode durch.

Die Serie eröffnet mit einem der spannendsten Teaser seit Langem: Angelika und Franitschek betreten bei Nacht Fichtners Anwesen. Endlich! Vor allem die giftgrüne Beleuchtung und die pulsierende Musik passen, die Atmosphäre ist gruselig. Ich liebe dieses grün-dunkle Licht! Auch die Handschellen, nur kurz im Bild, waren unheimlich. Die zwei Polizisten stoßen zwar weder auf Fichtner noch auf Lucy oder deren Schwester, entdecken aber das Kellerabteil, in dem Fichtner Lucy gefangen gehalten hat. Der Raum erinnert frappierend an den Kampusch-Fall vor einigen Jahren.

Obwohl es eigentlich nicht ihr Fall ist, treibt es Angelika nachts aber wieder zu Fichtners Haus – und sieht Lucy am Fenster stehen! Merkwürdigerweise denkt sie nicht daran, Verstärkung zu rufen, sondern handelt auf eigene Faust. Sie schleicht sich ins Haus, steigt die Treppe hoch und findet Lucy beim Abendbrot machen.Für Fichtner, der seelenruhig aus dem Wohnzimmer spaziert. Angelika versichert Lucy, dass sie jetzt gerettet werden würde. Lucy aber versichert ihr, dass sie nicht gerettet werden möchte. Trotzdem zückt Fichtner ein Messer, und als er es nicht weglegt ist Angelika gezwungen ihm ins Bein zu schießen.

Als sie sich umdreht ist Lucy verschwunden. Angelika lässt Fichtner liegen und macht sich, mit der Taschenlampe in der Hand, auf die Suche. Im Keller späht sie in das Verließ und wird prompt attackiert – von Lucy!

Eine Erklärung, warum Fichtner und Lucy wieder in das Haus gekommen sind, trotz Polizeisiegel, gibts nicht. Auch Lucys Attacke auf Angelika ergibt keinen Sinn, glaube ich. Das Traurige daran ist: Das muss es auch nicht. Angelika sitzt gerade benommen im Kellerverließ, und ich denk mir: „Man, ist das spannend! Was wohl hinter Lucys Verhalten steckt? Ob Angelika aus dem Schlamassel unbeschadet herauskommt? Halten Fichtner und Lucy jetzt noch zueinander oder nicht?“ Plötzlich öffnet sich die Kellertür, weißes Licht flutet die Szene und… lässt Angelika erwachen.

Die Erklärung der vierten Staffel:

Es stellt sich heraus: Die ganze Staffel war ein einziger Traum! Der Trailer versprach nicht zu viel, als er ankündigte, dass nach dieser Folge nichts mehr so sein würde, wie es mal war. All die Charakterentwicklung, die wir in den letzten elf Folgen – 490 Minuten! – miterlebt haben hat also gar nicht stattgefunden. Angelika hat also nie eine sanfte Phase gehabt, ihre Beziehung zu Ulrich hat es nie gegeben, Stefans Verarbeitung des Todes seiner Mutter war fiktiv. Maja ist nicht schwanger, Franitschek hat sich nie bei einem Fall verliebt und eine Schildklröte zugelegt. Für mich vollkommener Wahnsinn. Schnell Ermittelt schmeißt alles über Bord, was man in den letzten Monaten aufgebaut hat. Das ist so unglaublich enttäuschend. Man will doch mit seinen Lieblingscharakteren mitleiden und mitfühlen und sich mitfreuen. Und dann stellt man fest, dass alles egal war, dass alles umsonst war. Am Liebsten würd ich meinen Fernseher ausm Fenster schmeißen.

Das alles war mir nicht sofort bewusst. Im Gegenteil, ich war überzeugt davon, dass das weiße Licht in ihr eine Erinnerung oder einen Traum auslöst – eine Rückkehr zu Angelikas Visionen aus den vorherigen Staffeln. Infolgedessen hielt ich alles Nachfolgende für einen Traum, mindestens fünfzehn Minuten lang, bis endlich der Groschen fiel. Das war schon ein wahnsinniger Moment, als ich es realisierte – andererseits verstand ich die Episode deshalb nur halb so gut. Meiner Ansicht nach war es auch einfach nicht deutlich genug gemacht, wenn ich mir die ersten Reaktionen auf der offiziellen Facebookseite so ansehe. Besonders witzig auch folgender Suchbegriff, mit dem jemand kurz nach der Episode meinen Blog gefunden hat: „lucy haller muss ich das verstehen“.

Ich hab mir die Episode auch ein zweites Mal (in der ORF-TVThek, Link am Ende des Artikels) ansehen müssen, um sie besser zu verstehen. Viele gute Dialogpassagen waren mir beim ersten Anschauen gar nicht aufgefallen, weil ich ja noch nicht erkannt hatte, dass alles vor der Kellerszene geträumt und alles nachher die Realität war. „Ich werd Sie vermissen“, sagt Krankenpfleger Ulrich, und Angelika antwortet mit einem tief getroffenen „Ich Sie auch.“ Oder im Polizeipräsidium, als Angelika Franitschek erzählt, dass sie nun verstehe, warum sie Lucy gesehen hat – weil alle ihre Visionen nur von toten Menschen sind und das sich nie geändert hat.

Ich nehme an, dass es zweierlei Gründe dafür gibt, dass so viele Zuseher verwirrt sind – inklusive mir, und ich würde mich schon als Experten bezeichnen! Einerseits konnte man das nun wirklich nicht erwarten, dass die Serie so einen gewagten Schritt wagen würde. Dallas war damals ja übel auf die Nase gefallen, und ich hätte mir nicht erträumt, dass ich das je wieder in einer TV-Serie sehen würde.

Andererseits gibt es ja ganz offensichtlich viele Verbindungen zwischen Angelikas Koma-Visionen (den Folgen 4.01 bis 4.11) und dem, was tatsächlich passiert war. Lucy Haller ist das prominenteste Beispiel, da die Frau Chefinspektor ja ziemlich gut über den Fall informiert war, das hat den Franitschek und die Maja schon stutzig gemacht. Auch vom Wallner ist kurz die Rede, Franitscheks Psychologe, der in Angelikas Vision ihr eigener war. Erklärbar ist dafür aber Ulrichs Verbindung, den Angelika wohl unbewusst im Krankenbett gesehen und in ihre Geschichte eingebaut hat.

Schwieriger erklärbar ist hingegen Angelikas Notiz für Ulrich: „ICH VERMISSE DICH – WO BIST DU“, inklusive dickem Schmatzer. Den hat Angelika noch in der Vision, also vor der Kellerszene, abgegeben, trotzdem flatterte er in der Schlussszene weg. Meine ganz ehrliche Vermutung lautet, dass da gar nicht auf den logischen Zusammenhang geschaut wurde, sondern man stattdessen versucht, den Eindruck zu erwecken, dass irgendwas in dieser Staffel von Bedeutung gewesen wäre.

Also, es ist jetzt nicht 100%ig so, dass die Serie nun wieder am Ende der dritten Staffel ist. Angelika hat ja diese Erfahrung mit Ulrich und den Fällen wirklich durchgemacht, nur hat sie jetzt den Reset-Knopf gedrückt. Und noch ein kleiner Fetzen ist geblieben – wir sehen Angelika im Archiv wühlen und mehrere Akten auspacken. Es handelt sich um Fälle wie Kurt Swoboda, Werner Demscher, oder Konrad Mautsch. Diese scheinen in der Realität ungelöst geblieben zu sein, und es wird angedeutet, dass die Mörder in der Realität die gleichen sind wie in den Visionen (= Folgen).

Auch hier muss ich wieder die Logik in Frage stellen. Dass Angelikas Visionen ihr bei der Lösung der Fälle helfen war früher ja immer der Fall, das ist nichts Neues. Mir ging es zumindest so, dass ich das auch immer geglaubt habe – es waren ja jetzt nicht mordsmäßige Hinweise, sondern mehr etwas, das man als Angelikas Intuition deuten konnte. Dass ihre Visionen im Koma aber ganze Fälle lösen können, das ist ein ganz anderes Kaliber.Vorsicht: Es wurde die Theorie aufgestellt, dass Franitschek sie bei seinen täglichen Besuchen über diese Fälle unterrichtet habe. Das ist falsch – Angelika lag nur zwei Wochen im Koma, und erstens waren das zu viele Fälle für den kurzen Zeitraum und zweitens wären die Akten dann noch nicht im Lager.

Fall Lucy Haller:

Bei all dem Wirbel um die Vision/Realität-Debatte geht der Fall Lucy Haller ziemlich unter. Schade eigentlich, denn der war clever ausgetüftelt: Meine Vermutungen über den Entführungsfall Haller stellten sich allesamt als falsch heraus: Fichtner war kein eiskalter Entführer, Lucy nicht das arme Opfer, und sogar meine Aussage, dass Lucy Haller noch lebe, stellte sich als falsch heraus.

Die Wahrheit ist aber spannender als meine Theorien: Fichtner hatte zuerst eigentlich gar nichts Böses im Schilde, er war aber noch traumatisiert nach dem Verlust seiner Frau und seiner Tochter. Da spülte die Donau Lucy an Land, fast ertrunken, und Fichtner nahm sie zu sich auf. Fichtner zwang sie nie zu etwas: Lucy kam aus schwierigen Familienverhältnissen.und war scheinbar froh, von ihrer Familie geflüchtet zu sein. Fichtner hingegen war froh, eine Ersatztochter gefunden zu haben – die beiden waren sich einig und lebten fortan als Vater und Tochter.

Nur dann wurde Lucy älter und wollte plötzlich nicht mehr Fichtners Tochter sein, sondern seine Frau. Das fand auch Fichtner verrückt und drohte damit, zur Polizei zu gehen. Daraufhin rammte Lucy ihm ein Messer in die Brust. Als Fichtner entlassen wurde und nach Hause kam, musste er feststellen, dass Lucy ihre eigene Schwester entführt hatte. Das passte ihm gar nicht – man darf doch kein Kind entführen! Es kam zum Streit und dann zum (vermeintlichen Unfall): Lucy stolpert die Treppe hinunter und bricht sich das Genick. Vor allem die Wendung, dass Lucy hier eigentlich skrupelloser als Fichtner war fand ich toll. Das ist eine überraschende Wendung, wie ich sie mir wünsche. Zudem Außerdem gefällt mir, dass nicht ganz klar ist, ob Lucy tatsächlich eines natürlichen Todes (Streit, fällt die Treppe hinunter) oder vorsätzlich umgebracht (Fichtner schubst sie runter) wird.

Auch eine sehr zufriedenstellende Lösung: Es gab nie eine Verbindung zwischen Lucy und Kathrin, obwohl sie gelegentlich die selben Klamotten anhatten – Angelikas Unterbewusstsein projizierte da wohl Kathrins Kleidung auf die vermisste Lucy Haller.

Charaktere:

Über die Charaktere gäbe es sicher wieder viel zu schreiben, aber irgendwie… ich weiß auch nicht. Ich fasse es einfach kurz zusammen: Kemal und Maja werden vielleicht irgendwann demnächst heiraten, Maja scheint erneut schwanger zu sein, zumindest ist ihr wieder übel. Susi ist weg, Ulrich hat es nie gegeben, und Stefan und Angelika kommen sich wieder näher, wohl auch bei ihrem gemeinsamen Urlaub im eigenen Wohnmobil. Es ist schön, die beiden so wohlwollend miteinander umgehen zu sehen, und Stefans Monolog über ihr bisheriges gemeinsames Leben ist berührend. Nachdem es Ulrich so ja nie gegeben hat fühlt es sich aber plötzlich so… so leer an, so unbedeutend.

Bla:

„Ja, dabei hab ich das Gefühl gehabt, ich war die ganze Zeit wach.“„Nein, das waren Sie nicht.“, antwortet ihr Ulrich. Eigentlich hätte es nach diesem Dialog klar sein müssen, aber irgendwas in mir sträubte sich dennoch dagegen, die Wahrheit zu realisieren.

– Angelikas humorvolle Rehab-Szenen waren der Hammer. Ich liebe die Szene, in der sie rauchen möchte – nicht weil sie das so gern tut sondern aus purem Trotz. Ha! Auch die Schokoladenszene im Krankenhaus beweist, dass die Drehbuchautoren viel Feingefühl für Angelikas Charakter besitzen, als sie genüsslich „Mhhh!“ ruft, um den Krankenschwestern zu zeigen, wie gut das Essen doch sei.

– An der ersten Episode der vierten Staffel, Ivonne Werner, fand ich schade, dass Angelikas Rehabilitation gar nicht aufgegriffen worden war. Jetzt wissen wir warum.

– Major Kleber, die die SOKO Haller leitet, ist ja eine giftige Zicke, aber Angelika war eigentlich noch schlimmer. „Naja, dann waren Sie blind.“ oder „Wenn sie genau hingesehen hätten…“ Ich war fast froh, als Kleber die Anspielung auf den Feiler gemacht hat.

– Lucy war seit zehn Jahren verschwunden, ihre Schwester Anna ist kaum älter. Anna kannte Lucy vorher also gar nicht.

– Das Klavierstück in der Schlussszene und Rosenszene: wunderschön.

– In der realen Zeitlinie wird Susanne einfach mit einem Job in Deutschland wegrationalisiert. Da fühle ich mich schon sehr veräppelt.

– Mein sarkastisches Ich sagt voraus, dass wir im ersten 90-minütigen Fernsehspielfilm herausfinden werden, dass alles nach der Kellerszene geträumt war und die vierte Staffel ein Traum im Traum und somit vielleicht Realität gewesen wär. Schnellception!

Die gesamte vierte Staffel implodiert in ihrem Finale. Die Entscheidung, dass die gesamte Staffel nur geträumt sein soll, geht vollkommen nach hinten los. Auch die Pseudo-Verbindungen zwischen den elf Folgen Visionen und der Wirklichkeit können das nicht kompensieren. Es ist wirklich schade: „Lucy Haller“ hätte ein spannender Fall sein können, stattdessen ist er konfus und zerstört das positive Bild, das Schnell Ermittelt aufgebaut hat. Groß geträumt, bös erwacht.

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