Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Kritik: Maximilian. Das Spiel von Macht und Liebe (2)

In den zweiten 90 Minuten hält sich unser Held buchstäblich an Nebenschauplätzen auf und liegt teilweise nur rum. Die versprochenen „dramatischen Elemente, herbe Romantik und blutige Action“ kommen wohl in Teil 3. Hoffentlich. Hier unsere Kritik zu Teil 2.

Die Kritik zum 1. Teil findet ihr HIER zum Nachlesen.

Es dauert ernsthaft bis zur 82 Minute (oder der 172. von 270 Minuten des Gesamtwerkes), bis sich die zwei zentralen Figuren das erste Mal gegenüber stehen sitzen. Da sind sie aber praktischerweise schon verheiratet. Wobei, gehört so eine Ehe nicht auch vollzogen? Hat der Polheim etwa…? Aber bevor wir jetzt zu tief ins mittelalterliche Eherecht eintauchen, fangen wir lieber von vorne an.

Selten wurden Reisevorbereitungen detaillierter inszeniert und nachdem man den diesjährigen Preisträger des großen Diagonale Schauspielpreises eine Einkaufsliste hat vorlesen lassen, wird im Wiener Neustädter Thronsaal noch einmal alles wiederholt, was in Teil 1 geschah. Weitere 20 Minuten später macht sich Maximilian dann endlich auf den Weg, begleitet von seinem treuen Diener Wolf von Polheim (Stefan Pohl), Fechtmeister (und, wenn es nach mir geht, „Fanliebling“) Georg Rudolfer (Harald Windisch) und einem neuen, spontan eingeführten, textlosen und verschwörerische Blicke werfenden Knappen.

Gleich bei der ersten Lagerstätte warnt Meister Rudolfer dann vor einem üblen Dunst (akustisch schwer zu verstehen: „Miasma“) im Wald. Als der grandiose Leader und Militärcamporganisator für den ich ihn halte, hat Rudolfer hoffentlich die Möglichkeit ausgeschlossen, dass einfach nur seine 150 Männer dort hingesch…lassen wir das. Sein schützendes Heiligenbildchen wird jedenfalls von Maximilian abgelehnt und Gottes Strafe folgt stante pede. Alleine und unbewacht spazierend, zieht ihn ein zufällig im Wald herumstehendes Kreuz an und er droht, in einer Schlammgrube zu versinken. Als ihn der gute Polheim dann aus dem Morast befreit, glaubt Maximilian er hätte die Pest. Polheim tut das einzig Logische(?) und schlägt ihn k.o.

Das Problem an dieser Szene ist, dass sie auf nichts basiert und nicht erkennbar ist, wo sie hinführt. Soll hier der göttliche Auftrag für irgendeine, noch zu erbringende große Tat symbolisiert werden? Der Weigerung folgt dann die Bestrafung und Läuterung durch Bettlägerigkeit? Und vielleicht habe ich es verpasst, aber wann wurde Maximilian als der große Nobelmann etabliert, der lieber alleine sterben möchte als seine Getreuen anzustecken, wohl wissend, was auf dem Spiel steht? Möglicherweise war das eine entscheidende Szene, aber Stand Ende Teil 2 war sie nur eine Möglichkeit, Maximilian nur nicht zu schnell ankommen zu lassen.

Dieser kurzen, aber dringend benötigten dramatischen Sequenz folgt gleich noch eine. Die Notwehr Marias gegenüber dem widerwärtigen Egmond – so wenig er uns abgehen wird – wird in der 180. Minute genauso isoliert und sogar noch konsequenzloser dastehen, als die vorherige Sumpferei mit Maximilian. Die zentralen Elemente bei beiden sind die vermeintlichen Sidekicks, Polheim und Johanna, die bisher schon die besten Szenen hatten und hier deutlich ihr Profil als die loyalen und wichtigen Bezugspersonen für ihre strauchelnden Hauptfiguren schärfen.

Während Maximilian also in Köln vermeintlich mit dem Tode ringt (weil Fieberträume mit kryptischen Bildern!), lässt Frankreich nicht locker. Die Trauer um seinen verstorbenen Sohn hat Ludwig XI. (Jean-Hugues Anglade) noch unberechenbarer gemacht und der nächste Schlaganfall steht ihm auch noch bevor. Schon zuvor hatte er versucht die Berater der Herzogin zu „überzeugen“ und außerdem werden auf seinen Befehl die Burgund umliegenden Orte angegriffen. Maria wird durch die in der Stadt Zuflucht Suchenden weiter unter Druck gesetzt, willigt aber erst ein, den sich anbrunzenden Dauphin zu ehelichen, als ihre Berater ermordet werden.

Danach geht alles ein wenig zu einfach. Polheim und Johanna können Köln ohne Probleme verlassen und Burgund betreten und auf dem Weg dazwischen bekommen wir jetzt auch was von der angekündigten „herben Romantik“ serviert. Die Lösung: Polheim tritt als Maximilians Stellvertreter mit Maria vor den Altar. Um die von Frankreichs Unterhändler Philipp de Commynes (Nicolas Wanczycki) weiterhin manipulierten Bürger in die Schranken zu weisen, braucht es aber Geld aus Burgund. Mit diesem will Maximilian seine Schulden in Köln begleichen und Söldner anwerben, mit denen er in Burgund einreiten kann. Es bräuchte aber eigentlich gar kein Heer, denn Polheim regelt das souverän („Ich habe empfunden wie er!“). Maximilian kommt aber trotzdem nicht alleine und zieht standesgemäß an der Spitze eines CGI-Heeres vor Burgund auf.

An der dramaturgischen Abfolge der Ereignisse kann man vieles bemängeln (Ausnahme: die historische Akkuratesse, denn es ist und bleibt eine fiktionale Serie inspiriert von historischen Ereignissen, ihr Suderanten). Die größte Logiklücke tut sich aber auf, wenn man ein paar Szenen zurückblickt. Marias ehrliches Mitgefühl für die aus ihren Dörfern Vertriebenen, die jetzt in der Kirche untergebracht sind, nehme ich ihr schon ab. Aber sie hatte dafür kein Geld.

Berater: „Tausende sind geflüchtet und täglich kommen mehr. Sie haben nichts. Nur die Hoffnung, dass es hier besser ist.“
Maria: „Nächstenliebe zu üben ist unsere Pflicht.“
Berater: „Aber wer bezahlt das? Die Verpflegung, Kleidung und Unterkunft.“
Maria: „Alle, denen es besser geht.“
Berater: „Eure Untertanen werden unruhig. Die Bürger wollen keine Fremden“
Maria „Wir schaffen das.“

Keine langfristigen Mittel für warme Decken und Brot? Aber kurzfristig für ein Heer? Hier ist meiner Meinung nach eine von zwei Möglichkeiten eingetreten. Erstens, der historische Vergleich ist zulässig. Es spricht nichts dagegen, dass Kunst Gegenwartsbezüge aufzeigt und Denkanstöße liefert. Da würde ich mir aber eine subtilere, besser geschriebene Verhandlung dieser Thematiken wünschen. Noch wichtiger ist aber, dass es sich aus der Handlung logisch ergibt. Zweite Möglichkeit: der Autor wollte auf Biegen und Brechen diese politische Botschaft unterbringen. Die künstlerische Freiheit hat er, ich bin aber persönlich dagegen die Logik und Kohärenz der Story (und damit die Qualität des Buches) einer einzelnen, relativ isolierten Szene unterzuordnen. Für eine Diskussion bin ich jederzeit zu haben und möglicherweise baut im dritten Teil noch einiges auf dieser Szene auf. Wir werden sehen.

Am Ende rettet dann Georg Rudolfer – wer sonst – Maximilian vor dem Attentat durch den neuen, spontan eingeführten, textlosen und verschwörerische Blicke werfenden Knappen, der „völlig überraschend“ für Frankreich arbeitet. Das heißt aber auch, dass in Wiener Neustadt ein weiterer Verräter lauert, denn der Knappe wird wohl kaum mit Ludwig XI. in Brieftaubenkontakt gestanden sein. Die verhinderte Mordwaffe ist ein cooles Teil, da bin ich auf eine historische Einordnung gespannt.

Was wir nicht gesehen haben ist Action. Die angekündigten Schlachten haben bisher nur im Off stattgefunden. Die uns sporadisch präsentierten Leichenberge waren zwar szenenbildnerische Gustostückerln, aber, wenn wir uns ehrlich sind, hätten wir doch gerne die Schwerter klirren und das Blut spritzen gesehen.

Zur Kritik von Teil 3 bitte HIER entlang.

List’s List

  • Das war es dann vermutlich auch mit Philipp de Commynes. Noch einer, der uns eher nicht abgehen wird. Wurde er am Anfang noch für seine siegbringende Genialität im Kampf gegen Karl den Kühnen gelobt, wird ihm jetzt sein Versagen als Heiratsvermittler zum Verhängnis. Man kann nicht alles können.
  • Ich hoffe sehr, dass beim ORF schon ein Spin-Off „Johanna & Polheim“ in Entwicklung ist. Von mir aus auch als Daily Soap.
  • Apropos Spin-off. Eine faszinierende Figur ist dieser Kaufmann Fugger (Martin Wuttke), der Maximilian am Anfang die prächtige Rüstung „schenkt“. Es handelt sich dabei laut Castliste um Ulrich den Älteren, Bruder des legendären Jakob Fugger den Jüngeren, der inflationsbereinigt als der reichste Mann aller Zeiten gilt. Die Fuggers in Augsburg teilten sich auch noch in zwei Stämme, Fugger vom Reh und Fugger von der Lillie. Sehr kompliziert.
  • Nachdem der erste Teil ja irgendwie ein Plädoyer für den Freihandel war kam jetzt „Wir schaffen das“. Hoffentlich tritt im dritten Teil kein Charakter mit orangefarbener Haut und einem Meerschweinchen am Kopf auf. Das wäre wohl etwas zu viel des Guten.

Der 2. Teil ist wie der 1. für sieben Tage in der ORF TVthek verfügbar (aus Jugendschutzgründen nur zwischen 20:00 und 06:00). Der dritte und letzte Teil wird am 3. März ebenfalls um 20:15 auf ORFeins ausgestrahlt. Im Anschluss an den 3. Teil wird mit „Maximilian – Brautzug zur Macht“ der historische Hintergrund in einer Dokumentation beleuchtet. 

Gib den ersten Kommentar ab

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.