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Kritik: SOKO Kitzbühel 16×04 „Vermächtnis“

Bei Bruttofilmlandsprodukt schreiben wir nicht über alle österreichischen Serien – meist muss es schon eine nennenswerte folgenübergreifende Handlung geben, um unser Interesse zu wecken. Da es bei „SOKO Kitzbühel“ inmitten der 16. Staffel zu einer nennenswerten Änderung in der Serie kommt, nehmen wir uns das zum Anlass, der Serie mal auf die Finger zu schauen.

Wer das Pressematerial oder die Neuigkeiten rund um „SOKO Kitzbühel“ verfolgt, wird bereits im Vorfeld gewusst haben, dass in der aktuellen Staffel eine neue Gerichtsmedizinerin zu sehen sein wird – und in „Vermächtnis“ ist es nun endlich so weit, dass Dr. Stefanie Löcker ihren Einstand feiert. Schauspielerin Veronika Polly hatte zwar bereits vor drei Jahren einen Gastauftritt in 14×08 „Krimi à la Carte“, findet sich hier aber in einer neuen Rolle wieder (sonst hätte sie Kroisi und Lukas ja schon gekannt): eine Frau, die offenbar lateinische Fachausdrücke liebt und in Windeseile herzlich ins Team aufgenommen wird. So schnell wird der neue Status Quo etabliert. In der nächsten Folge kann sie sämtliche Aufgaben übernehmen, für die zuvor Dr. Haller zuständig war.

Einen narrativen Grund für den Austausch der zwei Pathologinnen lässt sich, wie schon bei den Ausstiegen von Sigl, Kiendl und Sprenger, vorerst nicht erkennen – das legt den Schluss nahe, dass sich Christine Klein dafür entschieden hatte, ihre Arbeit an der Serie mit dieser Staffel einzustellen. Belohnt wird sie dafür mit ein paar Szenen, bei denen sie schauspielerisch mehr herausholen darf als üblich. Die Unterbreitung an Kroisleitner, dass sie nach Berlin ziehen werde, ist gelungen. Auch Ferry Oellinger darf beim Ende dieser Storyline zeigen, was in ihm steckt, insbesondere am Ende der Folge: „Hauptsache sie ist glücklich“ ist zwar ein Klischee, aber die Mischung aus Bitterkeit und widerstrebender Akzeptanz sind wunderschön in Oellingers Gesicht gezeichnet. Die letzte Szene von „Vermächtnis“ ist daher ergreifend, wie es die Serie für gewöhnlich gar nicht sein kann – das ist die Macht des seriellen Erzählens in ihrer schönsten Form.

Die Macht des Zufalls

Dass der ganze Abschied Franziskas aber relativ rasch in einer einzigen Episode abgehandelt wird, ist sicher dem Format der Serie geschuldet, wofür ich gerne Verständnis zeige. „SOKO Kitzbühel“ ist nun mal seit jeher eine Serie, die horizontale Handlungsstränge meidet. Die Serie hat zwar gerade in den letzten drei Staffeln ein paar folgenübergreifende Geschichten erzählt, ist sich seinem Fokus auf nette, kleine, 45-minütige Krimihäppchen aber treu geblieben. Leider ist „Vermächtnis“ aber insgesamt eine der schwächeren Folgen der letzten Jahre, und das hauptsächlich aus dem folgenden Grund: der verflixte Zufall.

Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Tatsache, dass es sich bei der Verstorbenen um Hallers Freundin handelt (die auch noch zufälligerweise in der Nacht zuvor wichtiges Beweismaterial übergeben hat), dem Autounfall sowie Hallers geplantem Abschied von Kitzbühel. Dass da mindestens ein Zufall zu viel im Spiel ist, findet scheinbar auch der ORF. Im Pressetext zur Folge heißt es, Franziska gerate „ins Visier des Mörders“ und komme „beinahe bei einem Verkehrsunfall ums Leben.“ Wie wir aber in der Folge gesehen haben ist das Unsinn, der Unfall hat nichts mit dem Fall zu tun.

Dass der Pressetext zur Folge nicht korrekt die Handlung wiedergibt, ist verwunderlich – nicht zuletzt auch deshalb, weil genau dasselbe am Tag zuvor bei „Schnell ermittelt“ geschehen war, wo die Zusammenfassung nicht den tatsächlichen Inhalt der Folge wiedergibt, sondern eine dramaturgische Schwäche der Episode behebt. Bei „Schnell ermittelt“ ging es um einen Cliffhanger, der nicht als solcher funktionierte, bei „SOKO Kitzbühel“ geht es hingegen um die Glaubwürdigkeit der Geschichte. Natürlich würde „Vermächtnis“ logisch schlüssiger sein und nicht so stark auf dem Zufall basieren, wenn der Autounfall was mit dem eigentlichen Fall zu tun gehabt hätte. Wenn der korrupte Gerichtsmediziner Peterl aus irgendeinem Grund bei Franziska Verdacht geschöpft hätte und den Unfall inszeniert hätte, um seine Leichenfledderei geheim zu halten.

Tempo, Tempo

Aber diese Überlegung gab es entweder nicht, oder für diese Resolution gab es einfach zeitlich keinen Platz. Ich tippe fast auf Letzteres, denn „Vermächtnis“ platzt aus allen Nähten vor Szenen und muss ungelenke Abkürzungen nehmen. Das nimmt zum Teil bizarre Formen an: Gleich zweimal schlafen Figuren mitten in der Unterhaltung ein. Was bei der verunfallten Franziska noch einigermaßen verständlich ist, ist bei Superfratz Benni mit einer Bierdose in der Hand im besten Falle unfreiwillig komisch (und in der ersten Sekunde verwirrend: ich dachte, er wurde vergiftet!).

Oder die Szene mit Gräfin und Hannes im Haus der Thonhauser. Erstens ist es unlogisch, als Gast einen anderen Gast um Wasser zu bitten (Frau Thonhauser präsentiert sich nur mit den besten Manieren – auf keinen Fall würde sie ihren Gast Wasser holen lassen), und zweitens verstehe ich nicht, warum Benni von Hannes davonläuft. Oder zum Schluss bei der Hochzeit, bei der unmittelbar zum Vermählen geschritten wird, ohne dass davor große Monologe über die Liebe, Ehe, Treue und den ganzen Rest geschwungen werden. Natürlich würde das zu viel Zeit verplempern, aber elegant geschrieben ist es so auch nicht.

Ebenfalls ein Problem: Franziskas Herzstillstand. Ich weiß nicht, ob es an Inszenierung oder Schnitt liegt, aber das Greifen nach dem Wasserglas wirkt einfach gestellt. Zu kurz hält man zudem auf der Szene, um die aufkommende Spannung wirklich einzufangen – und dann findet auch noch der Kampf ums Leben von Dr. Haller unerklärlicherweise off-screen statt. Warum wird die Reanimation durch einen lapidaren Kommentar von Lukas ersetzt, dass sie überlebt habe? Als ob man die Spannung absichtlich herausnehmen würde, was besonders schade ist, weil „Vermächtnis“ doch eine der ganz, ganz wenigen Folgen der Serie ist, wo eine Hauptfigur wirklich Gefahr läuft zu sterben.

Es macht den Anschein, dass all diese großen und kleinen Problemchen von „Vermächtnis“ darauf zurückzuführen sind, dass sich „SOKO Kitzbühel“ selten in die Gewässer der horizontalen Erzählebene begibt. Der Fall der Woche ist durchwegs kompetent gestrickt. Alle Verdächtigen haben Dreck am Stecken, und zum Schluss entpuppt sich in einer sehr gelungenen Szene ausgerechnet jene als die Mörderin, von der man es am wenigsten erwartet. Und das ist wohl auch, was schlussendlich auf weite Sicht zählt, weil man sich genau das erwarten darf, wenn man „SOKO Kitzbühel“ einschaltet. Die Serie kennt immerhin ihr Zielpublikum und weiß, wie man es einfängt. „Vermächtnis“ hätte aber mehr sein können. Und auch sollen.

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