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Kritik: Trakehnerblut 1×02 „Dezember“

Das verletzte Pferd aus dem Piloten war tatsächlich Dezember. Mit der Rettung habe Alexandra dem Tier keinen Gefallen getan, redet ihr Maximilian ein: Die Verletzungen sind so schwer, dass Dezember vielleicht gar nicht mehr aufstehen wird. Alexandra kann nur bangen…

Hinweis: Dieser Artikel enthält Spoiler für die ganze Folge. Bei „Trakehnerblut“ Folge 2 („Dezember“) handelt es sich um die zweite Hälfte von „Gestüt Hochstetten“ Folge 1 („Das Testament“). Die Kritik zur  ersten Hälfte davon findet ihr hier.

Vielleicht haben wir den Serienauftakt überinterpretiert oder uns zu sehr unserem Wissen über Genrekonventionen, der seriellen Grundstruktur oder schlicht dem Pressematerial bedient, als wir Alexandras Entscheidung, Dezember umgehend zu helfen, für eine Deklaration hielten, auf Gestüt Hochstetten bleiben zu wollen. Vor einer Woche wurde an dieser Stelle behauptet, die erste Episode wäre dem ersten Akt einer größeren Geschichte entsprochen – dasselbe kann man aber auch über Folgen 1 und 2 gemeinsam betrachtet sagen. „Dezember“ rollt den selben Grundkonflikt auf wie „Das Testament“, und kommt natürlich auch erneut zur gleichen Konklusion, diesmal in wirklich unmissverständlichen Bildern: Alex zerreißt den Vertrag, der ihr 200.000€ zugesichert hätte, und quartiert sich somit längerfristig ein. Maximilian wird sich noch verwünschen, Alex angeboten zu haben, sich hier wie zu Hause zu fühlen.

„Dezember“ ist eine nicht ganz so gelungene Episode wie der Vorgänger, allein deshalb, weil es der Folge an Spannung mangelt – und das lässt sich an drei Dingen festmachen. Neben der neuerlichen Darstellung von Alex‘ Entscheidung, am Gestüt die Zügel in die Hände zu nehmen, sind das der kuriose Aufbau des Geheimnisses um den explodierten Kessel sowie die fehlende Spannung, ob Dezember wieder aufstehen wird oder nicht. Wenn das Publikum ohnehin weiß, dass der Held (oder in diesem Fall das Pferd) überleben wird, dann muss die Spannung zumindest darin liegen, wie das geschieht. Das ist bei „Dezember“ aber denkbar unspektakulär: Das Pferd steht einfach mit neuer Kraft auf, ohne dass Alex sich anstrengen oder etwas dazu beitragen hätte müssen oder können. Dass die Erlösung so dramatisch in letzter Sekunde passiert, lässt das Ganze nur transparenter in Erscheinung treten.

Und dann ist da noch, wie erwähnt, die Frage nach der Ursache für Dezembers Wunden. Es erschließt sich mir in keinster Weise, warum „Trakehnerblut“ die Antwort darauf in den ersten Momenten der Folge enthüllt, gänzlich ohne dramaturgische Vorbereitung oder Mehrwert. Das macht die Suche nach den Tätern zu einer sehr drögen Angelegenheit: Es ist frustrierend zu sehen, wie die Ermittler (Polizei, Alexandra, vielleicht Raffael) im Dunkeln tappen, während wir schon längst wissen, wer es warum getan hat. Gleichzeitig sind die Ermittler so weit von der Lösung entfernt, dass sie nur ziellos rumrätseln können. Schon klar, dass „Trakehnerblut“ kein Krimi ist, aber die eine oder andere falsche Fährte oder Verdächtigung hätte der Folge nicht schlecht getan.

Eine Enttäuschung, doch viel mehr Freuden

Der Täter ist indes die bislang uninteressanteste Figur des Ensembles. Moser ist die Art von nuancenloser Bösewicht, die immerzu an ihrem Kräuselbart zupfen, während sie ihre finstren Pläne schmieden. Moser ist durch und durch garstig und unsympathisch, zu allem und jedem, vor allem aber natürlich unserer Protagonistin. „Unbefugte haben hier keinen Zutritt„, gibt er Alexandra ein wenig gar überdeutlich zu verstehen. Das ist deshalb so offensichtlich störend, weil „Trakehnerblut“ ansonsten nur so vor ambivalenten und interessanten Figuren wimmelt und Moser deshalb wie ein Fremdkörper wirkt.

Highlights in dieser Hinsicht sind in „Dezember“ erneut das Geschwistertrio von Maximilian, Sylvia und Leander. Alle drei sind wunderbar ambivalent und vielschichtig, vor allem was den Neuankömmling in Hochstetten anbelangt. Sylvia ist hin- und hergerissen zwischen Sympathie für ihre Halbschwester und Loyalität gegenüber ihren Brüdern – sie rät Alexandra, das Geld anzunehmen, warnt sie aber gleichzeitig vor ihrer Familie. Ist sie dabei jetzt für oder gegen Alexandra? Mit Leander teilt Alex in dieser Folge hingegen keine Szene, aber als vermeintliches (?) schwarzes Schaf der Familie ist er für Außenseiter empfänglich – und mit seinem Bruder versteht er sich ohnehin nicht sehr gut. Maximilian ist noch der eheste, der eine klare (antagonistische) Haltung gegenüber Alexandra einnimmt, aber auch bei ihm steckt da ein Mensch mit nachvollziehbaren Motiven unter der rauen Schale. Auch wenn er hinter der Sache mit dem Kessel zu stecken scheint: Im Gegensatz zu Moser hat man bei ihm das Gefühl, dass hier noch nicht Hopfen und Malz verloren sind.

Überhaupt ist „Trakehnerblut“ viel weniger eine One-Woman-Show, als das Intro oder Promo-Material vermuten ließe. Grund dafür ist aber nicht nur, wie interessant das Figurenpanorama gestaltet ist, sondern auch, wie verschlossen unsere Heldin nach wie vor ist. So scheu wie in der Auftaktfolge ist Alexandra nicht mehr, aber sie als allzu aktive Protagonistin zu bezeichnen wäre auch nicht wahrheitsgetreu. Die Serie nimmt sich Zeit, Alexandras Entschlossenheit zu festigen und uns Einblick in Alex zu gewähren – das kann man aber auch als Tugend sehen. Beispielsweise schaut sich Alex die Fotos ihres Vaters durch, ohne dass die Serie den Druck verspürt, das in eine dramatische Szene zu flechten.

Was „Trakehnerblut“ wirklich ausgezeichnet beherrscht, ist, wie die Serie uns Stück für Stück mehr über diese Figuren erzählt. In „Dezember“ erfahren wir beispielsweise über Leander, dass er auf Bewährung ist. Es wird nicht erwähnt warum, aber die Vermutung liegt nahe, dass er wegen Trunkenheit am Steuer aufgegriffen wurde – zumindest scheint das ein wiederkehrendes Laster zu sein. Dass er quasi das ungeliebte Kind der Familie ist, hätte man vielleicht schon erahnen können, aber das Telefongespräch seiner Mutter macht in dieser Folge deutlicher denn je, dass Maximilian das favoritisierte Kind ist. Laurence Rupp überzeugte uns in „Die Nacht der 1000 Stunden“ nicht so sehr, aber sein Leander in „Trakehnerblut“ ist umwerfend gut.

Poesie

Ebenfalls fantastisch: Patricia Aulitzkys Darstellung von Sylvia. Auch die wird in „Dezember“ vertieft, nicht zuletzt durch das Betrachten ihrer Erbschaft: ein Gemälde, das, wie wir in dieser Folge erfahren, mehrere Millionen Euro wert zu sein scheint. Die Konversation mit ihrer Halbschwester ist das Pendant zum mitternächtlichen Treffen von Alexandra mit Leander und Dezember in „Das Testament“ – erneut halten die Pferde und ihr Verhalten als Metapher für unsere Heldin her. Sylvia sieht darin wegrennende Pferde, aber Alexandra ist sich da nicht so sicher: „Vielleicht ist es gar nicht auf der Flucht. Kann ja sein, dass es sich einfach bloß verirrt hat.“ Da wird sie wohl nicht etwa von sich selber und ihrem Lebensweg sprechen…

Foto: ServusTV / SAM-Film / Martin Hörmandinger

Autorin Lea Schmidbauer versteht es nicht nur, den Dialogen reichlich Subtext zu verleihen, sondern ihnen auch eine Priese Poesie zu verleihen, die nicht nur für sich gesehen schön ist, sondern auch zur Serie an sich sehr gut passt – wenn man schon eine Geschichte in einem märchenhaft schönen Gestüt ansiedelt, dann darf die Sprache ruhig auch ein wenig Zauber besitzen, und das in den bisherigen Folgen in gefühlt genau der richtigen Dosis. Dass sich das in „Trakehnerblut“ authentisch mit der teilweise ein wenig schrofferen, oder zumindest schlafferen Alltagssprache (gerade von Alexandra) vereinen lässt, ist ein wirklich sehr gelungener Balanceakt.

Doch zurück zu Sylvia, über die wir ebenfalls in dieser Folge etwas Neues erfahren – oder es zumindest angedeutet bekommen. Mit Maggie, der Goldmedailliengewinnerin, professionellen Geheimniskrämerin, Intrigantin und Geliebten von Maximilian, scheint sie eine Vertrautheit zu haben, die ihr nicht mehr angenehm ist. Toll, wie „Trakehnerblut“ hier mit nur einer einzigen Geste eine komplexe Verbindung der zwei Frauen andeutet – das ist die Art von Geschichtenerzählen, die Lust auf mehr macht.

„Trakehnerblut“ kann aber auch anders: Mühelos kann die Serie in einen gänzlich anderen Gang schalten und sich eine halbe Minute lang in eine Doku verwandeln. In „Dezember“ tut das die Serie gleich zwei mal: Sowohl bei der Pferdekunde mit Tilda (11) als auch bei Raffaels Lebenstraum, Selbstversorger zu sein und mit seinen bloßen Händen im Dreck zu wühlen und das Leben zu spüren, wird „Trakehnerblut“ fast ein wenig oberlehrerhaft. Aber nur fast, denn im Grunde sind beide Monologe willkommene Einblicke in die Welt der Pferde bzw. Selbstversorger, und in Raffaels Charakter noch dazu.

Foto: ServusTV/ SAM-Film / Thomas Kürzl

Und so kann die Serie auch tonal das erringen, was sie auch mit den vielen Handlungssträngen schafft: ein scheinbar müheloses Jonglieren unterschiedlicher Elemente. Viele dieser Stränge haben hier bislang noch gar keine Erwähnung gefunden, nicht nur weil die Serie recht viele zu bieten hat, sondern weil die meisten noch in einem recht frühen Stadium sind, wo noch nicht abzusehen ist, wo sie hinführen werden. Die fristlose Kündigung der Havasaris (oder Horvaths?), die Business-Pläne des Bürgermeisters, das angekündigte Reitturnier, Maximilians Pferd oder die Enttäuschung der in Wien zurückgelassenen Paula, der Freundin von Alex: „Trakehnerblut“ hat da jede Menge Bälle in der Luft. Gerade im Angesicht der abgelieferten Charakterarbeit lässt „Dezember“ das Vertrauen aufkommen, dass die Serie auch alle wieder fangen kann.

Noch mehr Bla:

  • An das Intro gewöhn ich mich schon langsam. Spätestens ab Folge 5 werde ich wohl mitsingen: „I can hear my heart beat…“
  • Der Traum von Alexandra zu Beginn der Folge ist der schönst geschnittenste und eleganteste Recap, den ich je gesehen habe. Man darf gespannt sein, ob die Serie die Recaps weiterhin als Traum darstellt, oder ob sie traditionellen Recaps weichen werden.
  • Haltlose Theorien, die zweite: Sylvia und Maggie waren einmal ein Paar. Aber davon darf Maximilian nichts erfahren.
  • Ich darf auf unseren Begleitartikel zum Piloten verlinken, der die Quoten zum Serienauftakt liefert sowie einige Hintergrundinfos liefert.
  • Apropos Hintergrundinfos: Wir von Bruttofilmlandsprodukt sind ja Fans von Eventprogrammierung und Paratexten zu Serien. Die gibt es auf der Homepage zur Serie zuhauf, inklusive dutzender Interviews von Schauspielern und Produzenten, Videos vom Dreh und so weiter.

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