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Kritik: Trakehnerblut 1×05 „Helena“

Das Video von Alexandras Mutter versetzt die Hochstettens in Aufruhr. Auch Alex ist berührt und gibt sich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit – ohne zu wissen, dass Max und Maggie da längst schon etwas wissen…

Hinweis: Dieser Artikel enthält Spoiler für die ganze Folge. Bei „Trakehnerblut“ Folge 5 („Helena“) handelt es sich um die erste Hälfte von „Gestüt Hochstetten“ Folge 3 („Die Enthüllung“). Die Kritik zur zweiten Hälfte davon findet ihr hier.

„Trakehnerblut“ ist eine Serie mit hoher narrativer Komplexität. Ambivalente Figuren, diverse Charakterbögen, viele Episoden-übergreifende Handlungsbögen und nicht zuletzt der Verzicht eines „Falls der Woche“ sprechen eine deutliche Sprache: „Trakehnerblut“ hat den Anspruch, eine Qualitätsserie zu sein, wie es umgangssprachlich so schön heißt. Die Serie fordert dem Publikum ganz schön viel ab – eine Folge verpassen ist nicht drin, und oftmals sind es kleine Details einer Folge, die in der nächsten eine größere Bedeutung finden. Kein Wunder also, dass die Quoten sinken – spät in die Serie einsteigen gestaltet sich schwierig. Andererseits belohnt der gewählte Erzählmodus der Serie auch das Dranbleiben, das intensive Schauen und das Sich-mit-der-Serie-auseinandersetzen. Schon allein deshalb bleiben wir gerne dran.

Gleichzeitig muss die Serie aber aufpassen, dass sie es mit der narrativen Komplexität nicht übertreibt, vor allem was die Verwebung der Handlungsstränge über die vielen Folgen hinweg anbelangt. Wenn Serien wie „Trakehnerblut“ als vielstündige Filme bezeichnet werden, ist das immer bloß ein Vergleich und nicht wortwörtlich zu nehmen, weil es einen gravierenden Unterschied gibt: Einen Film sieht man in einer einzelnen Sitzung, eine Serie in Segmenten. Diese Segmente sind natürlich Episoden, und diese erzählen ihre eigenen Geschichten und Mini-Narrative.

Für gewöhnlich zumindest. Die episodische Struktur von „Trakehnerblut“ definiert sich mehr durch ihre Cliffhanger und Laufzeit denn durch das Setzen von Anfang, Mitte und Ende solcher kleinerer Geschichten, und das ist in Folge 5 besonders deutlich ersichtlich, einer Episode mit zerrissener Identität. Sie trägt den Titel „Helena“, aber eigentlich dreht es sich nur in etwa der ersten Hälfte der Episode um Alex‘ Suche nach ihrer Herkunft. In der anderen Hälfte geht es wieder mal eher um die Politik auf Gestüt Hochstetten. Die Episode folgt keiner klassischen Dramaturgie, entwickelt keinen rechten Erzählfluss und fügt sich so nie wirklich zu einem größeren Ganzen zusammen.

Die Suche nach Helena

Was nicht heißt, dass die einzelnen Elemente der Folge nicht gut seien. Alex‘ Besuch bei ihrer Adoptivmutter etwa ist ein echt gelungener emotionaler Schlag in die Magengegend. Dass ihre Beziehung zu den Eltern keine gute ist, hat die Serie zwischen den Zeilen bereits mehrfach angedeutet, dank „Helena“ wissen wir auch warum: Ihre Mutter Irmgard verdient ihr Geld mit dem Großziehen von Kindern, und dass sie das als Job begreift sieht man. Die Verwahrlosung und Hoffnungslosigkeit dieser „Familie“ ist greifbar und bewegend, liefert vor allem aber auch endlich einen stärkeren Grund, mit Alex emotional mitzureisen. Jetzt verstehen wir erst, wie sehr sie es eigentlich schmerzen muss, von den neuen Geschwistern so abgelehnt zu werden, nachdem sie von ihren Ziehgeschwistern vermutlich schon wenig Liebe erfahren haben muss.

Leider aber endet diese Geschichte nach wenigen Minuten, sodass Alex wieder auf dem Gestüt ist und sich ganz anderen Dingen widmen kann. Die Mutter muss ja nicht tatsächlich in Hochstetten erscheinen oder mit Alex erneut telefonisch in Kontakt treten, aber zumindest thematisch wäre es schön, wenn es bis zum Ende der Folge um die Suche nach Helena ginge. Stattdessen nimmt dort der Streit um den Köhlerhof und der Pachtvertrag der Horvaths Überhand, und die Folge endet thematisch an einem ganz anderen Punkt, als sie gestartet war. Das ist nicht nur narrativ-ästhetisch gesehen ein Schönheitsfleck, sondern einfach auch irgendwie unzufriedenstellend als Zuseher.

Dass die Gestalt der Helena mehr hergibt, als die Serie hier ausloten will, zeigt unter anderem Leanders Faszination mit der Frau. Wir erwähnen ja jede Woche hier, dass uns die Hochstetten-Geschwister am besten gefallen, und weil Silvia Hochstetten in „Helena“ leider absent ist, übernimmt ihr Bruder Leander diese Rolle diesmal allein. Leander geht ganz unvoreingenommen mit dem Video um – ihn schert es nicht, ob sich seine Mutter vom Video verletzt fühlt oder nicht, für ihn zählt einzig und allein, dass diese Helena eine scheinbar unglaublich talentierte Reiterin war, deren einzigartige Techniken er bewundert und nachzuahmen versucht.

Er ist nicht der einzige auf den Spuren von Helenas Reitkunst. Nachdem Alex in „Das Fest“ reiten gelernt hat und auch in „Helena“ noch eine Reitstunde beim süßen Raffael nimmt, macht sie ihren ersten eigenen, freien Ausritt – und man wird das Gefühl nicht los, dass sich der eine oder andere Tropfen Blut von Helenas Reitkünsten auch in Alex steckt. „Trakehnerblut“ liebt ja den Einsatz von mit Kamera bestückten Drohnen, vor allem aber in „Helena“ lässt man den Dingern freien Lauf – und liefert echt hübsche Bilder bei diesem ersten Ausritt. Nicht schaden tun da auch schöne Locations, und unter anderem mit dem mysteriösen, überwachsenen, längst vergessenen Haus am See hat man die ideale gefunden.

Foto: ServusTV/ SAM-Film / Thomas Kürzl

Dass dieses Fundstück von Signifikanz ist, verrät schon der Titel der kommenden Folge („Das Haus am See“) – wie in unserem Podcast zu Filmtiteln besprochen mögen wir es gern, wenn Geschichten schon allein durch den Wahl ihrer Titel etwas über die Geschichte erzählen. Aber auch die Inszenierung und Musik erzählen davon, dass dieser Platz von besonderer Bedeutung ist. Allein die Tatsache, dass dieses Haus zuletzt vor vielen Jahren bewohnt worden war, macht das Haus zu einem Tor in die Vergangenheit. Was es aber mit dem großen Familiengeheimnis zu tun haben könnte, das werden wir wohl erst in den nächsten Wochen erfahren.

Geheimnisse

Apropos Familiengeheimnis: Da ist die Serie noch arg karg in Sachen Enthüllungen. Im Grunde wird uns seit Folge 1 erzählt, dass es ein großes Geheimnis gäbe, und auch in Folge 5 wird Maggie nicht müde, Maximilian in vagen Worten daran zu erinnern, dass eine einzelne Enthüllung die Welt des Gestüts Hochstetten aus ihren Fugen reißen würde. So ganz ohne weitere Enthüllungen und Entwicklungen ist das aber mittlerweile zu redundant und ein wenig langweilig. Da sollte die Serie wirklich nachbessern, falls es zu einer zweiten Staffel kommt: Wesentlich spannender wäre es, wenn wir hier Stück für Stück des Puzzles zu Gesicht bekämen, anstatt uns blind darauf verlassen zu müssen, dass uns die Lösung schockieren und von den Socken reißen wird.

So ganz hat „Trakehnerblut“ den Dreh bei der Entwicklung der Handlungsstränge nicht heraus, das merkt man leider an vielen Stellen. Etwa bei dem Brand, den Moser auf Anordnung von Maximilian hin am Ende von Folge 1 („Das Testament„) beauftragt hat – in „Helena“ kommt Maximilian unvermittelt drauf, Moser zu fragen, ob das eh alles prächtig funktioniert hat und die Spuren beseitigt sind, und Moser fällt ein: Achja, der Kanister, den hab ich vergessen. Das wirkt leider reichlich unmotiviert und klobig.

Gestütspolitik

Die zweite Hälfte der Folge dreht sich um die Führung des Gestüts. Das ist eine von Alexandras unliebsameren Aufgaben, denn auch wenn sie brav die Bücher gelesen zu haben scheint – recht einen Durchblick scheint sie nicht zu haben. Zuerst ist es sehr spannend, als sich Maximilian verletzt und Alexandra zutrauen muss, das Gespräch mit dem Bankdirektor und dessen stets schelmisch lächelnden, irgendwas ausheckenden Assistenten mit dem genialen Namen Quirin Kargl zu erledigen. Endlich mal wieder eine Gelegenheit, wo Alexandra beweisen kann, dass sie nicht das Stadtei ist, für das sie ihr Halbbruder hält. Nur leider gibt es keinen „Gestüt für Dummies“-Ratgeber, und so steht Alexandra leider einmal mehr als inkompetent da, die keinesfalls den Eindruck macht, als dass man ihr das Gestüt anvertrauen könnte. Und das lässt mich mehr mit Maximilian sympathisieren, als ich eigentlich sollte.

Nicht, dass Maximilian durch und durch böse wäre – „Helena“ zeigt da ohnehin ein paar schöne, humane Momente des Mannes, wie etwa seine köstlich unbeholfene Mittelfingergeste, dass er Dezember reitet und Alexandra beim Lernen hilft sowie seine Bemerkung, dass Alex hier nicht wie Ronja Räubertochter rumlaufen soll – herrlich. Ganz kann er das Arsch-sein doch nicht lassen und muss Angestellt anbellen sowie Alex mit einem hochnäsigen Kommentar aus dem wichtigen Geschäftsgespräch mit dem Bürgermeister ausgrenzen („Die Anna hat bestimmt einen Kuchen für dich unten“ – was sie dann lustigerweise tatsächlich hat). Bei seinen wirtschaftlichen Entscheidungen wie etwa die Frage, ob sie die Pacht des Köhlerhofs von den Horvaths erneuern sollen, bekommt man eindeutig vermittelt, dass Alexandra ihn stoppen muss, doch leider weiß die so wenig über das Gestüt Bescheid, dass sie entweder ihm blauäugig widerspricht oder unentschlossen zustimmt.

Das Ganze gipfelt darin, dass sie Raffael verraten muss, um das Gestüt zu retten. Das ist hübsch geschrieben und ein toller Konflikt, der aber ein wenig daran krankt, wie beliebig sie die Pacht ursprünglich wieder den Horvaths gab. Immerhin: Sie hat mittlerweile recherchiert, dass der Hof eigentlich wirtschaftlich einträglich ist und es einen anderen Grund geben muss, warum Maximilian ihn weghaben will – vom Bau des Luxushotels anstelle des alten Hofs weiß sie ja noch nicht.

Insgesamt ändert das aber leider nichts daran, dass die Folge ganz anders begonnen und daher etwas ganz anderes versprochen hatte. Stattdessen werden so viele Handlungsstränge parallel weitergetrieben (etwa auch die Vorbereitung auf das Derby), dass für keine von ihnen in Folge 5 allein eine zufriedenstellende Geschichte erzählt wird. Mal sehen, ob das in „Das Haus am See“ anders sein wird.

Noch mehr Bla:

  • Alex ist ein Stadtkind. Ich weiß ja nicht, was sie für eine Vorstellung hat, wie man am Land den Bus nimmt, aber durch Winken mitten auf einer Straße macht man das normal nicht.
  • Am Auto des Bankdirektors erkennen wir, in welchem Bezirk sich die Serie abspielt: einem fiktiven. „MB“ ist keine gängige Abkürzung. Zumindest das Bundesland ist zu erkennen: Wir befinden uns in der Steiermark.
  • Im Bürgermeisterbüro hängt schon ein Bild von VdB – da sieht man, wie neu die Serie ist.
  • Wie vermutet weiß Anna über Helena Bescheid, das machten ihre Blicke und die Kameraführung deutlich. Anna ist eigentlich auf der Seite von Alex – sie will Alex wohl vor der Wahrheit schützen. Aber was könnte so schlimm sein, das dies rechtfertigen würde? Unsere wilde Spekulation der Woche: Helena lebt noch, aber will von Alex bewusst nichts wissen, und Alex wird es besser ergehen, wenn sie nie von Helenas wahrer Identität erfährt.
  • Ich bin mir noch nicht ganz im Klaren, warum Jon Snow eine Freundin gegeben wurde, wenn sie sich jetzt eh schon kurz vor der Trennung zu stehen scheinen.
  • „Trakehnerblut“ ist für uns die erste nähere Beschäftigung mit Pferden, darum können wir nichts zur Authentizität von den von Leander beobachteten Spezialtechniken von Helena sagen. Aber auch für die ein oder andere für die Geschichte relevante Sache fehlt uns da die Expertise, das zu verstehen: Macht das einen großen Unterschied, ob man mit oder ohne Sattel reitet? Falls ihr euch da besser auskennt, lasst es uns doch bitte in den Kommentaren wissen, ob das in dieser Folge von Signifikanz war.

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