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Kritik: CopStories 3×02 „Bitte ned“

Nach einem mauen Staffelauftakt setzt „CopStories“ in seiner zweiten Folge ein Lebenszeichen – und was für eins: „Bitte ned“ ist der „Teufelsroller“ der dritten Staffel, die brutalste und schwierigste Folge in der „CopStories“-Geschichte – und auch wohl die mitreißendste.

Eine einzige Katastrophe

„CopStories“ fängt das Grauen erbarmungslos ein. Dass wir den Gewaltakt nicht zu sehen bekommen, geschieht aber nicht bloß aus Anstand. Manche Schrecken sind schlichtweg größer, wenn wir sie der Imagination überlassen bzw. von genau dieser auszuklammern versuchen. Diesen Kampf gegen das Kopfkino setzt „CopStories“ Florians Erfahrung entgegen, der die Szene, genau wie wir, hilflos mitanhören muss. David Miesmer und Cornelia Ivancan tragen die Sequenz dermaßen glaubwürdig, dass es gleichermaßen schwierig ist, hinzuschauen und nicht wegzusehen.

Das ist eine einzige Katastrophe“, fasst Helga das treffend zusammen. Es bleiben keine bleibenden physischen Schäden, sagt die Ärztin – aber psychologisch sehr wohl. Dass wir weder Florian noch Tina beim Aufwachen erleben, ist eine faszinierende Entscheidung: Wieder rattert das Kopfkino, und wieder sitzt der Schrecken ob der Ungewissheit ungleich tiefer.

Bitte ned“ ist zweifelsohne Drehbuchautor Mike Majzens bestes Werk der Serie. Geschuldet ist das nicht bloß der dramatischen Handlung, sondern vor allem auch der Exekution: Altans Tod war zwar bewegend, aber rüttelte dennoch nicht annähernd so viele Hauptfiguren wach wie das „Teufelsroller“-Äquivalent der dritten Staffel: Sylvester dreht vollkommen durch, Roman (Tinas ehemaliger Mentor) verliert die Nerven beim Anblick des höhnischen Wassermanns, Mathias steht seinen Mann, Lukas behält einen kühlen Kopf, und Bergfeld und Helga haben alle Hände voll zu tun, ihre Mannschaft zusammenzuhalten – und dann tauchen auch noch der Staatsanwalt und die Dorfer von der Internen auf. Fantastisch, wie wegweisend wohl dieser Vorfall für die gesamte Truppe während der gesamten restlichen Staffel sein wird, und damit genau jenen Knackpunkt darstellt, der das Team zerbrechen wird oder nicht. Das ist nicht nur unheimlich spannend, sondern zieht alle disparaten Handlungsstränge zusammen. Da kann man nur den Hut vor ziehen.

Foto: ORF/Petro Domenigg

Dass Majzen dabei den Blick auf den (in der Vorfolge von mir als Hauptgeschichte angesehenen) Kampf um die Patenschaft Ottakrings nicht verliert, ist eine weitere beeindruckende Facette von „Bitte ned“. Während nach dem Ende der Folge erstmal alle Gedanken bei Tina und Florian sind, darf man nicht vergessen, wie viel Handlung die Serie in den Rest der Episode stopft – genau das Gegenteil von „Alohool“. Die geflüchtete junge Dame aus der Vorfolge gibt weitere Rätsel auf: Einerseits soll sie für Obradovic in sexy Kleidern kellnern, andererseits steht sie nicht für weitere „Dienste“ zur Verfügung. Davon abgesehen verwendet sie die Männertoilette als toten Briefkasten (Für was? Was ist auf dem USB-Stick? Für wen ist er bestimmt?), und entdeckt dabei ganz nebenbei noch das doppelte Spiel von Obradovics Geschäftspartner (Muratan Muslu). Für wen dieser arbeitet, wäre sicher eine spannende Frage – zumindest für all jene, die Pressematerial, Produktionsdetails und so weiter meiden. Um Spoiler zu vermeiden stellen wir uns hier derweil noch dumm.

Humor und Hohn

Viele dieser Szenen stecken so voller inhaltsreicher und durchdachter Details, dass sich „Bitte ned“ beizeiten anfühlt, als wäre es ein Zweiteiler. Trotz der grimmigen Stimmung des letzten Drittels der Folge finden sich ein paar absolut köstliche Zeilen, die auch Stunden nachher zum Schmunzeln animieren – allen voran Chantals spielerische, augenzwinkernde „Ich weiß von nichts“-Grimasse, Vickerls Handschuhe für den Tatort (er ist ja auch nicht auf der Nudelsuppe dahergeschwommen), Romans Strafmandate für den Mopedlenker („Eins für den Helm, und eins für die Frisur“) sowie Berischers Bezeichnung „Marzipaninspektor“ für Lukas. „CopStories“ besitzt ohnehin gute Dialoge, aber „Bitte ned“ legt da nochmal eine Schippe drauf.

Aber „Bitte ned“ ist nicht perfekt. Der Handlungsstrang um die verwüstete Wohnung ist nicht nur enttäuschend, weil er so offensichtlich tief in die Klischeekiste greift, sondern vor allem, weil „CopStories“ genau diese Tiroler-Heimatliebe-Klischees schon einmal bediente, und sich auch dabei schon nicht gerade mit Ruhm bekleckerte. Wären Tiroler eine ethnische Gruppe, würde man das als rassistisch bezeichnen. So steht hingegen einfach die Frage im Raum, was das „CopStories“-Team für eine Vorstellung hat, was Tiroler überhaupt sind.

Ebenfalls verwirrend: das Ende der Folge. Schon sehr spannend und emotional fesselnd, wie Lukas den tobsüchtigen Sylvester aufhalten muss, sich nicht an Wassermann zu rächen. Doch dann endet die Folge abrupt in einer Pattsituation, bei der wir uns zwar vorstellen können, dass sich die beiden nicht über den Haufen schießen werden – so viel Drama in einer einzigen Folge zu verpacken würde den Bogen dann doch überspannen – aber wo die Resolution doch zu interessant ist, als dass man sie missen möchte.

Und was für andere Serien ein spannender Cliffhänger wäre, kann „CopStories“ aufgrund seiner rigiden Episodenstruktur – jede Folge ein Arbeitstag – nicht als solchen verwerten, ausgenommen die nächste Folge würde diese Formel brechen. Wir gehen mal davon aus, dass das nicht geschieht – so endet die Folge auf einem Cliffhänger, der nicht ausgespielt wird, was nicht nur unzufriedenstellend ist, sondern auch tonal nicht wirklich zum Drama passt. Verschenktes Potential, schade schade.

Keine Büro-Romantik

Den Gesamteindruck kann das aber nicht schmälern, zumal Tinas Schicksal alles andere erstmal ausblendet. Ihre Beziehung mit Sylvester macht das Geschehene für beide noch einmal um eine Ecke komplizierter – dass sie zuerst von Helga versorgt werden möchte, anstatt von einem Mann (noch dazu ihrem Freund), deutet schon mal an, dass da viel in ihr zerbrochen sein muss, sodass die Beziehung der beiden nicht einfach so weitergehen werden kann. Das dürfte den ewig lachenden Sylvester ordentlich aus seiner Komfortzone herausreißen – aber was das mit Tina anstellen wird, kann und will ich mir noch gar nicht vorstellen. Und da dachte ich, dass die Beziehung der beiden diese Staffel die Nachteile von inner-bürolichen Techtelmechteln aufzeigen würde… schade für die Shipper, aber gut für das Drama.

Bitte ned“ ist ein Gamechanger und hat die Welt von „CopStories“ ordentlich auf den Kopf gestellt. Dass die Serie aus dieser dramatischen Wendung aber auch ein Serienhighlight kreiert, ist bei der schwierigen Thematik keine Selbstverständlichkeit. Und ja, es fühlt sich ein wenig voyeuristisch an, eine Folge mit einem brutalen Gewaltverbrechen an eine unserer Protagonistinnen als Highlight zu bezeichnen, aber „CopStories“ geht mit genügend Feingefühl heran, um aus der Folge eine funktionerende emotionale Achterbahnfahrt zu machen. Staffel 3 ist die erste, in der sich die „CopStories“-Autoren nicht einer Vorlage bedienen – „Bitte ned“ zeigt, dass sie nicht darauf angewiesen sind.

Noch mehr Bla:

  • Die Schlussmontage: wie immer wunderschön. Aber sehr kurz. Das Lied war „Everyone’s gone to the Moon“ von The Blackeyed Susans (sind wir uns zumindest sehr sicher).
  • Im Gegensatz zu „Teufelsroller“ und der Altan-Figur ist „Bitte ned“ wohl nicht das letzte Mal, dass wir Tina sehen – ob die Figur aber weiter Hauptfigur bleiben wird, wird sich noch herausstellen.
  • Was ist eigentlich aus Florians Boxer-Freundin geworden?
  • Eberts weiß einfach immer genau, wie er die Grenze der Political Correctness, des Anstands und des Sexismus navigieren muss: Er haut Leila mit dem gefundenen Sexspielzeug auf den Hintern und kommt mit einem spitzbübischen Lachen davon. Eberts hat vielleicht nicht die emotionalsten Geschichten aller Cops, aber er ist bestimmt die bestgeschriebene Figur.
  • Und wie hat’s euch gefallen? Diskutiert mit uns! Auf der Bruttofilmlandsprodukt-Facebookeseite oder auf Twitter mit dem Hashtag: #CopStories
  • Beitragsfoto: ORF/Petro Domenigg

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