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Kritik: CopStories 3×03 „Schmähstad“

„CopStories“ auf voller Fahrt: Nach dem brachialen „Bitte ned“ ist auch „Schmähstad“ vollgepackt mit interessanten Entwicklungen und spannenden Fällen, und weiß dessen Geschichten emotional weiterzuerzählen.

Die Neuen im Team

Schmähstad“ ist Karin Lomots erstes „CopStories“-Buch. Nicht nur ihre größer werdendes „CopStories“-Arbeitspensum (in Staffel 4 ist sie für doppelt so viele Episoden verantwortlich wie in Staffel 3) lässt auf eine erfolgreiche Integration ins Autorenteam schließen. Die vielen Handlungsstränge tangieren sich immer wieder und greifen einander unter die Arme, der Schmäh läuft wie gewohnt, und die neuen Figuren zeigen unmittelbar erkennbare und interessante Konturen. Wer sich gewundert hat, warum wir schon vor ihrem ersten Kinofilm („Die letzte Party deines Lebens„) Lomot-Fans waren, weiß nun warum – obwohl erst jetzt veröffentlicht ist diese Folge ja schon einige Jahre alt.

Wie „CopStories“ seine vielen Stories in den letzten beiden Folgen verwebt ist wirklich beeindruckend. Es wäre so einfach für die Serie, wie ein Sammelsurium an zusammenhangslosen und darum wenig emotionalen Kurzgeschichten zu wirken. Das Kunststück, das „CopStories“ nicht nur in jeder Folge, sondern auch über eine gesamte Staffel hinweg betrachtet vollführen muss, ist es, die einzelnen Stränge derart zu verweben, dass sich die Protagonisten stets in einem Netz anderer Figuren bewegen, um die wir uns ebenfalls sorgen.

Die Interpol-Aktion hätte beispielsweise auch in einem anderen Laden passieren können. Aber dann hätten wir die Bekanntschaft zwischen Itchy und Iveta nicht miterlebt, hätten um Chantal nicht bangen müssen, hätten Lukas nicht aufgrund seiner persönlichen Beziehung mit Obradovic hintergangen werden sehen, hätten nicht beobachtet, wie Obradovic die Liebe zu seiner Frau über das Business stellt, und hätten Chantal nicht verträumt Matthias beobachten gesehen. Das sind alles für sich spannende Momente und Entwicklungen (zwischen Lukas und Bergfeld braut sich was zusammen, Chantal sieht Matthias endlich mal bei etwas Heroischem und Itchy und Ivetas gespieltes Stelldichein ist zum Schreien komisch), die „CopStories“ da binnen weniger Minuten herunterspielt. Jeder dieser Momente würde sich einen eigenen Absatz verdienen – so dicht hat „CopStories“ wohl noch nie erzählt.

Zugegeben: Der zu Beginn der Staffel angekündigte Interpol-Eingriff war definitiv unterentwickelt. der vermeintliche Kriegsverbrecher bekam nicht genug Bildzeit, um als tatsächliche Gefahr registriert zu werden – vor allem, wenn man „CopStories“ abkaufen möchte, dass sich dieser Mann einer derartigen Gesichtsoperation unterzogen hat, dass man keinerlei Rückschlüsse auf seine Identität führen kann (er hat doch eine recht markante Statur…), geht das alles ein wenig zu einfach. Die Spannung blieb da ein wenig unter ihren Möglichkeiten.

Foto: ORF, Hubert Mican

Dafür kriegt die Serie den Einstieg von Itchy gut hin, den Ersatz für Altan – ein cooler Hundling, der genau die Abgebrühtheit besitzt, die etwa Sylvester noch fehlt. Wie gut Itchy mit dem Team harmonieren wird, werden wir sehen, mit Lukas hat der Start aber schon mal nicht sonderlich gut geklappt – auch wenn Lukas merkwürdig wenig Fragen für den Mann übrig hat, den er in der Folge zuvor noch für einen Geschäftspartner von Obradovic hielt.

Beim vorgetäuschte Stelldichein mit Iveta – quasi von verdecktem Ermittler zu verdeckten Ermittlerin – stellt Itchy schonmal unter Beweis, dass die Figur keine Langeweile aufkommen lässt. Wo genau jetzt Ivetas Loyalitäten liegen ist ohnehin eine der spannenderen Fragen der Staffel, und Itchys Entscheidung, die junge Frau von dannen ziehen zu lassen, verkompliziert die Lage nochmal um ein Stück. Ob „CopStories“ die Figurendynamik über die gesamte Staffel hinweg auf diesem Niveau weiterentwickeln kann, bleibt abzuwarten – aber das ist doch schon mal ein mehr als gelungener Auftakt.

Die Nachbeben der Vorfolge

Es war noch nie der Fall gewesen, dass eine Hauptfigur abseits des Vorspanns eine Episode lang nicht aufgetaucht ist. Einen umso größeren Effekt hat Tinas Abszenz in „Schmähstad“ – wie schon in „Bitte ned“ ist es die Ungewissheit, die mehr zu schaffen macht, als es eine Gewissheit wohl je könnte, und so bleiben wir am Ende der Folge ebenso ratlos zurück wie Sylvester.

Die Folge verarbeitet aber zumindest Teil des Horrors der Vorfolge, indem Florian einen Weg findet, mit dem Geschehenen umzugehen. Die Selbstmorddrohungen sind vom Tisch, obwohl seine Bandagen an den Handgelenken unweigerlich daran erinnern – ein sehr cleveres Detail, obwohl die Verletzungen von den Handschellen stammen. Anstatt ihn aber jetzt mehrere Folgen lang in Schuldgefühle versumpfen zu lassen – dafür gibt es in der Protagonistenriege ohnehin genug Kandidaten – findet er in Leila überraschend jemanden, mit dem er darüber reden kann. Dass Leila dadurch endlich mal wieder gutes Material bekommt – ihre tragische Vergangenheit erklärt, warum sie sich in so gut wie jeder Folge so sehr für misshandelte Frauen einsetzt – ist ein positiver Nebeneffekt. Und, wunderschöne Symbolik: Wer genau hinsieht, wird bemerken, dass Florians Bandagen zum Schluss in der Bar verschwunden sind.

Weniger begeisternd ist das Verhalten des vermeintlichen Prinzes, und das nicht nur, weil er offensichtlich zu weit geht: Auch wenn Sylvester nicht unbedingt für sein Einfühlungsvermögen bekannt ist, bedarf es doch eines ganz besonderen Stumpfsinns, sich spät in der Nacht mit Ach und Krach in das Zimmer einer Frau zu bahnen, die kürzlich (tags zuvor?) vergewaltigt wurde und noch dazu offensichtlich gerade nichts von Sylvester wissen möchte. In der zweiten Staffel wurde Sylvester für sein Ungestüm nie vom Leben bestraft – ob das nun so bleiben wird, werden wir sehen.

Interne Ermittlungen

Dass er für seinen Wutausbruch am Ende von „Bitte ned“ keine größeren Konsequenzen tragen muss, fügt sich ausgezeichnet in die „CopStories“-Welt ein. Nach dem merkwürdigen Cliffhanger der Vorfolge zeigt Tinas Freund erstmals ein wenig Reue – wieder einmal schauen alle dezent weg, selbst der zähneknirschende Lukas. Die Dorfer von der internen Abteilung ermittelt zur Zeit gleich gegen mehrere Beamte, und dafür braucht sie Zeugenaussagen von den Kollegen. Aber diese halten dicht – jetzt natürlich erst recht.

Eigentlich begehen sie dabei ja eine Straftat. Wenn wir ehrlich sind, ist Sylvesters Verhalten in Wassermanns Krankenzimmer in der Vorfolge jenseits von Gut und Böse – in Wahrheit ist Sylvester zur Zeit eine Gefahr für sich und die Gesellschaft. Das ist ganz unabhängig davon, ob Wassermann seine Kollegin und Freundin vergewaltigt hat oder nicht; Dorfer hat natürlich Recht, dass es Sylvester und Co. nicht zusteht, Richter und Henker in einem zu sein, vor allem aufgrund des hitzköpfigen Temperaments des jungen Polizisten. Romans Verhalten ist noch eher verständlich, aber Sylvester hat im Effekt die Waffe auf seinen Kollegen gerichtet. Doch Sylvesters Kollegen und Vorgesetzte halten schützend ihre Hände über ihn.

Und damit behandelt „CopStories“ ein durchaus relevantes Problem: Polizisten schwärzen sich nicht gerne an – wie auch alle anderen Arbeitnehmer, die beim miteinander arbeiten unweigerlich Freundschaften oder zumindest Sympathien schließen. Und da entscheidet man dann natürlich manchmal mit dem Herz statt mit dem Kopf über die Schuld bzw. Unschuld der Kollegen. Können wir das Gutheißen, haben wir Verständnis?

Der Dorfer sieht man an, wie sie es frustriert, dass sich alle gegenseitig decken, obwohl es offensichtlich Verhaltensmuster gibt, die in der Regel schlichtweg nicht zu akzeptieren sind. Weil Bergfeld, Mathias, Lukas und Co. der Dorfer Rede und Antwort stehen müssen, wird uns Dorfer eigentlich als Antagonistin präsentiert, die das familiäre Arbeitsgefüge der Cops aufbrechen möchte. Nur: Im Gegensatz zum Staatsanwalt ergeben ihre Argumente verdammt viel Sinn, das muss selbst Bergfeld ihr lassen. Im Grunde ist sie die rechtschaffene Heldin, die das faule Obst aussortieren möchte – absolut im Sinne des Gemeinwohls. Während der Staatsanwalt deshalb eine Karikatur bleibt, ist Dorfer die wesentlich interessantere Figur – wenn sie sich mit Bergfeld unterhält, ist das weit nuancierter als die Schwarz-Weiß-Malerei mit dem Staatsanwalt.

Summa summarum ist „Schmähstad“ eine mehr als würdige Fortsetzung zu einer der besten Folgen der „CopStories“-Saga. Es ist wieder einmal eine Folge, die so vollgepackt ist mit Handlungssträngen und schönen Details und guten Dialogen, dass es einfach den Rahmen dieser Artikel sprengen würde, auch nur zu versuchen, auf all unsere Beobachtungen einzugehen. Das vielleicht Beeindruckendste an „CopStories“ ist, dass trotz der vielen Bälle, die die Serie gleichzeitig in der Luft hält, so wenige je zu Boden fallen, dass sich so wenige Unstimmigkeiten einschleichen, und wenn doch sind sie meist miniskül. „Schmähstad“ ist ein Testament für das, was wir schon öfters angedeutet haben: Die Serie ist und bleibt eine der besten im deutschsprachigen Fernsehen.

Noch mehr Bla:

  • Das Lied in der Endmontage ist Daughters Coverversion von Daft Punks „Get Lucky“
  • Wir machen uns ein kleines Spiel daraus, in jeder Folge Hinweise zu finden, die darauf schließen lassen, dass diese dritte Staffel schon ein Weilchen abgedreht ist. In „Bitte ned“ waren Poster des 2014 erschienenen Films „Das finstere Tal“ im Hintergrund in einem Kino zu sehen, in „Schmähstad“ weist höchstens das doch schon mittlerweile in die Jahre gekommene Handymodell von Sylvester darauf hin.
  • Helga raucht (keine Zigarette…), sieht so anders aus ohne Polizeiuniform und beweist sich dabei: Sie ist keine Spaßbremse. Schön, dass „CopStories“ es nicht für nötig hält, uns das erneut zu erzählen (nachdem es in „Bitte ned“ thematisiert wurde), und lieber seine Montagen-Szenen für sich sprechen lässt. Hab ich je erwähnt, dass ich diese Montagen liebe?
  • Berischer und Obradovic sind tolle Antagonisten – die aber einen Hass aufeinander haben. Vor allem nachdem Dogan in der zweiten Hälfte von Staffel 2 kaum noch eine Rolle spielte tun diese zwei Antagonisten der Serie wirklich gut.
  • „Zü jo ned daneben.“ – „I triff immer.“
  • Und wie hat’s euch gefallen? Diskutiert mit uns! Auf der Bruttofilmlandsprodukt-Facebookeseite oder auf Twitter mit dem Hashtag: #CopStories
  • Beitragsfoto: ORF/Petro Domenigg

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