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Kritik: Schnell ermittelt 6×02 „Elena Ruggenberger“

Ein Mord im Schlafwandeln – originell ist die neueste „Schnell ermittelt“-Folge schon. In einem fast futuristischen Setting will die Serie bei der Traumdeutung von der poetischen Seite geben – bleibt dabei allerdings kryptisch.

Albträume

Angelika geht es nicht gut. Sie hat – wie schon in der Folge von letzter Woche vermutet – wirklich ein Alkoholproblem, nimmt sich untertags bei der Arbeit geflissentlich ein Schlückchen aus dem Flachmann. Sie hat ihren sonderlichen Geschmack verloren, oder lässt zumindest die vielen Sonderwünsche für Fritz fallen. Und sie kann nicht schlafen, muss nicht erst in der Früh vom Handy geweckt werden, um zum Tatort gerufen zu werden. Passend also, dass das Thema der Folge Albträume sind.

An und für sich die perfekte Thematik für „Schnell ermittelt“, haben wir doch eine Ermittlerin, die sich nicht nur Fall für Fall in Tagträume verliert, sondern sich gerade in ihrem allergrößten Albtraum befindet. Die Serie ist auch gewillt, das Träumen ein wenig zu erforschen, bietet dafür auch ein wunderschönes Setting mit dem Sprachlabor, in dem uns ein paar faszinierende Fakten übers Schlafwandeln mitgeteilt werden. Angelika besucht das Sprachlabor aber nicht nur, sondern nützt es zum Schluss sogar dazu, den Mörder zu überführen. Klingt zunächst vom Konzept her ganz gut, und sieht auch toll aus.

Gleichzeitig ist die Umsetzung aber in mehrerlei Hinsicht ungemein unbefriedigend. Schon mal allein deshalb, weil Angelika die Fälle einer ganzen Staffel im Schlaf gelöst hatte und hier doch hundert Fragen haben dürfte – oder zumindest eine augenzwinkernde Bemerkung dazu fallen lassen müsste. „Schnell ermittelt“ verpasst den perfekten Zeitpunkt, seine Mythologie hier zu vertiefen. Vielleicht will „Schnell ermittelt“ da auch bewusst nicht an Staffel 4 erinnern, weil das ja nicht gerade der Hochpunkt der Serie war. Vielleicht wäre das aber auch die Gelegenheit gewesen, zu erklären, wie Angelika das damals angestellt hat – so ganz wurde das nie wirklich erklärt.

Dann, die Auflösung des Falls: ausnahmsweise unglaubwürdig und verwirrend. Warum braucht Angelika 7 Probanden, die sich gefühlt eine Minute lang schlafen legen? Dass der hübsche Proband #1 mit Elena Ruggenegger geschlafen hatte ist clever, aber Angelika spielt das nicht als Trumpf aus, sondern behandelt das eher als witzigen Fun Fact. Die Szene sieht sehr schön aus, aber fällt bei genauerer Betrachtung auseinander.

Die Überführung des Täters ist nicht nur konfus, sondern auch total an den Haaren herbeigezogen. Es ist ja so, dass überraschend viele Krimis durch relativ freimütige Geständnisse der Täter gelöst werden, ohne dass die Ermittler handfeste Beweise hätten – wie etwa beim Staffelauftakt. Meist fällt dies aber gar nicht auf, weil die Ermittler die Täter ausreichend in die Enge treiben und sie zu einem Fehler provozieren.

Hier aber basiert die Lösung darauf, dass Herr Habetsedar nicht nur eine Vision hat und sich die Ruggeneggers beim Turteln vorstellt, sondern auch wahnsinnig dumm verhält und durch die kleinsten Provokationen Angelikas total durchdreht. Es ist schwierig, diese Lösung des Falls abzukaufen, vor allem, weil das Temperament von Habetsedar nicht richtig vorgebaut wurde. Keine Ahnung, wie Angelika darauf vertrauen kann, dass ihrekuriose Vorführung zu einem Geständnis führen könnte. „Better lucky than good“, könnte man sagen. Was dazu passen würde, dass Angelika sich vorwirft, nicht mehr so gut zu ermitteln wie früher, weil sie die Sache mit Jan so beschäftigt. Nur thematisiert die Serie diesen logischen Zusammenhang nicht, sondern feiert die Lösung des Falls als genial. Wir nicht.

Anamo, Dennis Maida und der geheimnisvolle Apothekenräuber

„Elena Ruggenberger“ ist aber auch auf einer zweiten Ebene ein wenig kryptisch, und zwar was die Ermittlungen im Fall Nico Schnabel angeht. Nachdem die Serie in „Manfred Wohlkönig“ mit einem Albtraum die Ereignisse der 5. Staffel elegant in Erinnerung rief, fehlt in „Elena Ruggenberger“ diese Art von Rückblende. Dummerweise verzichtet die Serie scheinbar aus Prinzip auf einen Recap, sodass wohl nur einem kleinen Bruchteil des Publikums klar sein dürfte, wie es um Anamo und Jan steht, wer Dennis Maida ist und was es mit diesem mysteriösen kiffenden Apothekenräuber auf sich hat. Majas kurze Erklärung ist da einfach nicht genug.

Wir recappen das kurz, so wie wir das verstehen: Jan und Anamo haben Nico Schnabel in einer vermeintlich verlassenen Fabrikhalle gestellt. Jan hat Nico Schnabel mit zwei Schüssen hingerichtet. Dennis Maida filmte die beiden dabei, war aber nicht allein. Der von der Polizei unter dem Begriff „kiffender Apothekenräuber“ bezeichnete junge Mann war ebenso anwesend und wurde ebenfalls Zeuge der Tat. Um Jan zu schützen brachte Anamo Dennis Maida um, das Handy mit dem Beweisvideo wurde von Angelika gefunden und in der Donau versenkt. Nun ist dieser Unbekannte der letzte und einzige Beweis dafür, was wirklich vorgefallen ist.

Am verstörendsten daran ist vielleicht, wie sehr Anamo sowohl von Jan als auch Angelika dafür verachtet wird, einen jungen Mann ermordet zu haben, wo sich doch Jan genau derselben Tat strafbar gemacht hat. Klar, Jan hat sie nicht darum gebeten, den unschuldigen Dennis Maida umzubringen – aber inwiefern ist das schlimmer als das, was Jan getan hat? Es ist ja nicht so, dass Jan je große Schuldgefühle oder dergleichen gehegt hätte – warum stößt er Anamo nun wortlos zu Boden? Ist das eine Verdrängungsstrategie, um sich nicht mit seiner eigenen Schuld auseinanderzusetzen – und projiziert er da die Wut auf sich selber auf ein ihm gelegen kommendes Feindbild?

Es macht aber auch Angelika nicht unbedingt sympathisch, sich zu wünschen, dass Anamo in der Psychiatrie schmoren möge. Der Tagtraum, in dem Angelika Anamo sprechen hört, verrät, dass sie nach wie vor Anamo in gewisser Weise die Schuld dafür gibt, was aus Jan geworden ist. „Du nimmst ihn mir nicht weg“, hört sie da Anamo sagen, „Der Jan ist alles, was ich hab.“ Obwohl Jan nun zuhause wohnt, braver Bub spielt und Anamo verstößt, empfindet es Angelika immer noch so, dass Anamo ihr ihren Sohn wegnehmen will, und in gewisser Weise das auch schon getan hat. Genau wie Jan muss aber wohl auch Angelika sich damit auseinandersetzen, dass sich Jan und Anamo bzw. ihre Taten sich nicht allzu sehr unterscheiden.

Alte Bekannte, neue Gesichter

Anamo ist nicht die einzige alte Bekannte, die in „Elena Ruggenberger“ ihr Stelldichein hat. Nachdem Blutspritzexperte Gregor Obertschnigg im Staffelauftakt nur namentlich kurz erwähnt wurde, tritt er hier wieder persönlich in Erscheinung. Während er in den vergangenen zwei Staffeln nur je einmal auftrat (und jedes mal sang- und klanglos bei Angelika abgeblitzt ist), vermuten wir aufgrund der Nennung in „Manfred Wohlkönig“, dass er sich in dieser Staffel öfter blicken lässt. Das soll uns recht sein, weil der Humor des Spurensicherers („thlg thlg thlg!“) gut zur Serie passt und Andreas Kiendl sichtlich Spaß an der Rolle hat.

Ebenso einen Gastauftritt in dieser Folge hat Maja. Eigentlich wird sie ja im Hauptcast der Serie geführt, tatsächlich sehen wir sie dank ihrer Beförderung am Ende der 4. Staffel nur noch äußerst sporadisch. Das soll uns aber recht sein, weil ihre Aufgabe als Ermittlerin so viel interessanter ist als die die Rolle als Assistentin in den ersten Staffeln; und während ihr die ersten zwei Folgen kaum was zu tun gegeben hat, wird die von Staatsanwalt Christian aufgezwungene Zusammenarbeit mit Angelika sicher spannend werden – vor allem, weil Angelika ja nicht unbedingt will, dass Maja auf die Wahrheit stößt.

Foto: ORF/MR Film/Petro Domenigg

Dabei scheint Majas Position zu wackeln – nicht nur aufgrund des Drucks von Schnabel Sr., sondern auch, weil Zlatko – ein verdeckter Ermittler in der Drogenszene – ihre Stelle will. Den beiden Männern bleibt nicht verborgen, dass sie ähnliche Interessen verfolgen, und schmieden eine Allianz. Die beiden passen gut zueinander, sprechen schließlich beide dieselbe Sprache – eine dermaßen überzogene, dass eigentlich bloß noch fehlen würde, dass sie ihre Bösewicht-Schnurrbärte kräuseln („Sie kennen die richtigen Leut, des spürt ma sofort“). Gerade die Zlatko-Figur haben wir in Staffel 5 eigentlich als besser als das kennen gelernt.

Ausblick

Angelika geht es nicht gut – ihr wird es nie wieder gut gehen, gesteht sie Franitschek. Stefan positioniert sich klar, wie die Schnells mit der Schuld und dem Mitwissen umgehen können „Wenn du das willst, ist alles in Ordnung“, betont er. Angelika versucht, sich den Ratschlag zu Herzen zu nehmen und erklärt sich bereit, im Garten mitzuhelfen – Angelika und ein grüner Daumen, wer hätte das je gedacht? Doch es ist bereits abzusehen, dass das nicht lange gut gehen kann, dass ihnen irgendwann die Lüge über den Kopf wächst und die gepflanzten Paradeiser – um die Metapher fortzuspinnen – verfaulen. Das Haus bzw. sein Garten dient ein zweites Mal als Sinnbild für den Willen zum Neuanfang, wenn auch in leicht geändertem Gewand. So emotional Angelikas Dilemma auch ist, ist mit Sicherheit eine der spannendsten Fragen, wie „Schnell ermittelt“ es weiterhin dramatisieren wird, ohne sich dabei allzu wiederholen.

Noch mehr Bla

  • Wie schön das immer ist, wenn der Name des Mordopfers zur gleichen Zeit gesagt wird, zu der „Schnell ermittelt“ den ebenso lautenden Folgentitel einblendet.
  • Zlatko und Schnabel Sr. waren nicht die einzigen in dieser Folge, die unnatürlich klangen. Auch Dominik Maringer tat sich sichtlich schwer mit den Kurth’schen Dialogen. Witwer Hartwig Ruggenberger klang leider nie, als ob er über den Tod seiner Frau allzu traurig sei, aber ohne dass die anderen Charaktere darauf aufmerksam geworden wären.
  • Lothar Schärpes Lied bei Obertschniggs Auftritt – wir nennen es mal „Obertschnigg Thema“ – ist ein irre Ohrwurm und Stimmungsmacher. Hoffentlich kommt das Thema wiederholt in Einsatz.
  • Wenn Sie von mir träumen, sind Sie dann in meinem Traum, oder ich in Ihrem?“ Klingt ein bisschen pseudointellektuell, ist die Antwort nicht offensichtlich?
  • Beitragsfoto: ORF/MR Film/Petro Domenigg

2 Kommentare

  1. Alois Maringer 25. Sep 2018

    „Vielleicht habe ich als Tiroler auch einfach nur ein gutes Ohr dafür, wenn jemand (vergeblich) versucht, seinen Tiroler Akzent zu verbergen“
    Was soll man von Ihrer Kritik halten, wenn Sie als Tiroler nicht einmal merken, besser gesagt, mit Ihrem so guten Ohr nicht hören, dass Dominik Maringer nie einen Tiroler Akzent hatte – woher soll er ihn denn haben? Vielleicht aus dem Schlafzentrum? Bitte, wenn Kritik, dann fundiert und nicht BlaBla…

    • Hannes Blamayer Autor des Beitrages | 25. Sep 2018

      Hallo! Danke für die Anmerkung – wir dachten der Schauspieler sei in Tirol aufgewachsen, da haben wir uns wohl verhört. Haben das im Artikel dementsprechend angepasst.

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