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Kritik: CopStories 3×09 „Schatzilein“

Schatzilein“ ist Teil 1 des großen „CopStories“-Showdowns der dritten Staffel. Die Serie hat ihre Lektionen aus dem Finale der 2. Staffel gelernt und so schaukeln sich in diesem Jahr die Ereignisse grandios immer weiter hoch.

Spirale nach oben

Chantal war von Anfang an essentieller Bestandteil der Mathias-Figur, auch wenn die 1. Staffel noch nicht recht wusste, was sie mit den beiden Charakteren anfangen soll. In Staffel 2 kam man auf die Idee, sie mit Obradovic zu verheiraten, ohne uns dabei aber viel mehr zu geben. Es stellte sich als fantastisches Setup für diese 3. Staffel heraus, in der Obradovic und Chantal in den Fokus der Haupthandlung rücken. Das holt aus Mathias nur das Beste heraus: Vorbei sind die Zeiten, in denen er sich primär als Tirol-Klischee und Knuddelbär definieren muss. Wie Mathias dabei seine Rolle als Comic Relief zurücklässt, ist eines der gelungendsten Elemente der neuen „CopStories“-Staffel.

Ein paar Kleinigkeiten stören: Chantals „Ich bin nicht gut!“ simplifiziert den Konflikt auf merkwürdige Weise – und wirkt ausnahmsweise irgendwie unecht. Die erste Mathias-Szene der Folge traut sich nicht, Mathias‘ Gesicht dessen Emotionen erzählen zu lassen. Und ich sehe immer noch nicht ganz, was die beiden abseits ihrer bezahlten Techtelmechtel verbindet – aber das gehört wohl auch zur Tragik dieser Romanze dazu und dem Ende dieser Episode nach zu urteilen, werden wir das auch nicht so bald herausfinden können.

Aber beiden Figuren hat die Serie noch nie eine so große Bühne geboten, und das macht sich bezahlt: Von einer unvollendeten Liebeserklärung bis hin zu Einzeilern, die drei Staffeln und mehr auf den Punkt bringen. Wie Mathias frustriert auf den Tisch schlägt, oder wie nebensächlich wir Chantals echten Namen kennen lernen, oder Chantals „Natürlich, schöner Mann, was immer Sie sagen“, das vom Frust über ein immer wieder durch das Patriarchat beschädigte Leben zeugt und endlich einmal das wahre Gesicht der Frau erkennen lässt. Da zeigen „CopStories“ bzw. Autor Mike Majzen, wie kraftvoll serielles Erzählen sein kann. Wow.

Selbiges kann man auch über die Iveta-Storyline sagen, die sich in dieser Folge ja mit Chantals überschneidet. Die Ereignisse dieses Handlungsstrangs in „Schatzilein“ zeigen, dass Majzen, Lasnig und Lomot dieses Jahr eher eine traditionellen Staffelstruktur verfolgen (bzw. nicht mehr mit denselben Personalproblemen wie in Staffel 2 zu kämpfen haben), in der sich die Geschehnisse immer weiter übersteigern – und das tut der Serie ungemein gut. Unter anderem führt das dazu, dass „Schatzilein“ mit einem der spannendsten Cliffhanger aufwarten kann, den die Serie je hatte – unterlegt dadurch, dass auf der DVD erstmals die übliche, optimistische „CopStories“-Titelmusik im Abspann einem düsteren Ausklang weicht. So viel Spannung hat „CopStories“ noch nie für ein Finale geschürt.

Dabei funktioniert nicht bloß der Staffelbogen. Sehr gelungen ist auch, wie viele Handlungsstränge dieser Iveta-Fall miteinander in einer einzigen Episode verweben kann. Die Entführung Ivetas aus einem Frauenhaus heraus ruft Selma auf den Plan, die darin einen großen Vertrauensbruch von Bergfeld sieht. Das verleiht dieser erstarrten Storyline – eigentlich haben wir Bergfeld aus dem einen oder anderen Grund nun schon fast drei gesamte Staffeln zögern sehen – frischen Wind. Jetzt ist es erstmals Selma, die von Bergfeld vorerst nichts mehr wissen möchte. Das ist nicht bloß frisches Material für die Serie, sondern dürfte auch der Beweggrund für Bergfeld sein, sich aus seiner Trauerphase zu befreien. Jetzt wird er zur Aktion gezwungen, um alles wieder richtig zu stellen. Das dürfte sich als schwierig herausstellen. Wie schon bei Tina zu sehen war, ist die Angst vor Gewalt schwierig aus den Köpfen der Menschen kriegen, sobald sie sich einmal eingenistet hat.

Schatzileins

Ein Vorteil dieser eng verzahnten Geschichte ist, dass weniger Zeit für weniger bewegende Nebengeschichten bleibt. Dabei ist die Geschichte um den betrunkenen Wirt eine der besseren Geschichten, die nichts mit den Hauptfiguren oder einem durchlaufenden Handlungsstrang zu tun hat: spannend, überraschend, und dank Eberts mit reichlich Humor obendrein. In „Schatzilein“ gibt es nur eine Nebengeschichte, bei der man das Gefühl hat, die Autoren würden ein bekanntes Szenario nehmen und auf Teufel komm raus eine unerwartete Wendung dazu finden: Die Resolution der K.O.-Tropfen-Geschichte ist definitiv unerwartet, aber ist halt schon ein wenig weit hergeholt. Schlussendlich bleibt sie für sich stehen, weil auch die Polizisten den Fall in Windeseile abhaken.

Damit zu tun hat die Tatsache, dass „CopStories“ keine Ahnung zu haben scheint, warum man mit Patrizia eine neue Figur eingeführt hat. Sie würde bei einem Lottogewinn ihren Job an den Nagel hängen, sie trinkt abends einsam ein Feierabendbier, sie scheint Sylvester für interessant zu halten – all diese Szenen vermitteln einzelne Details ihres Charakters, aber schaffen es nicht, eine komplette Figur zu zeichnen. Sie wirkt weder bei einem existierenden Handlungsstrang mit, noch besitzt sie einen eigenen, und auch eine sonderliche Chemie mit den anderen Cops ist nicht zu spüren (und nein, Partnerschaftsberatung für Mathias und Roman zählt nicht, weil sie da auch keine sonderlich markante Rolle einnimmt). Das ist nicht unbedingt Barbara Kaudelkas Schuld. Die hat ja schlichtweg nichts zu spielen. Trotzdem enttäuschend, dass man nicht mit einem zumindest halbwegs interessanten Plan B aufwarten konnte.

Es erinnert sehr an die halbgare Einbindung Vickerls in der 1. Staffel – mit dem Unterschied, dass die Serie damals auch 11 Hauptfiguren einführen musste. Zugegeben: Ganz den Dreh heraus hat die Serie immer noch nicht, wie sie Vickerl in die Folgen integrieren kann: Die Goldkoffer-Geschichte ist ziemlich gut, aber ist einmal mehr ziemlich künstlich in die Geschichte eingebettet. „CopStories“ braucht dringend einen glaubwürdigen Grund, warum Vickerl in jeder Folge einen Fall anschleppt – auch wenn es sich bei seinen Geschichten meist um heitere Ablenkungen von den düster werdenderen Geschehnissen der größeren Geschichten handelt. Dennoch ist es interessanter, Vickerl unerklärlich häufig mit den Cops interagieren zu sehen, als einer 0815-Polizistin über die Schultern zu schauen.

Was ist im Koffer??? Pulp Fiction lässt grüßen.

Ansonsten bleibt noch Helgas Beziehung mit Stevie Heuberer zu erwähnen, dessen Zug Opfer eines Brandanschlags wurde. Als Helga Stevie zum Ende der 2. Staffel hin kennen lernte, merkte ich noch an, wie es ihr schwer fiel, ihre Polizistenrolle abzulegen. „CopStories“ gelingt es, hier nun die Entwicklung zum Gegenteil zu präsentieren: In „Undiplomatisch“ küsste sie Stevie in Polizeimontur – das suggerierte, dass sie ihr Privatleben immer mehr in ihr Berufsleben bringt. „Schatzilein“ verstärkt diesen Eindruck: Jetzt ist es nicht mehr bloß Mathias, der einen Teil seiner Arbeitsstunden im Bett verbringt.

Helgas Kommentar bringt es sehr gut auf den Punkt: Stevie lässt sie sich wieder wie ein Teenager verhalten. Das verdeutlichen auch (besonders in dieser Episode) die Garderobe und die Maske: In vorherigen Staffeln wirkte Helga oft übermüdet und überarbeitet, in „Schatzilein“ wirkt sie hingegen jünger denn je. Und nicht von ungefähr haben wir die gesamte Staffel über nichts über ihre Kinder erfahren. Helga kommt ihrer Rolle als Erziehungsberechtigte zwar nach wie vor nach, hat nun aber auch wieder andere Prioritäten im Leben.

Fazit vor dem Showdown

Insgesamt zeigt „Schatzilein“ sehr gut, inwiefern das Autorenteam hinter „CopStories“ in die komplexe Struktur der Serie hineingewachsen ist – die Folgen bauen nicht mehr nur die Charakterbögen von Episode zu Episode aus, sondern entwickeln auch einen prominenten Hauptstrang über die gesamte Staffel hinweg konsequent weiter. Das Ganze wirkt um eine Ecke verzahnter, weil sich die Handlungsstränge der Cops (mit wenigen Ausnahmen) mehr und mehr überschneiden. In diesem Sinne war es eine kluge Entscheidung, Nebenfiguren wie Florians Freundin, Iris oder Romans Mutter in dieser Staffel weniger Beachtung/Bildzeit zu schenken. Schlussendlich wird die 3. Staffel von „CopStories“ nämlich von Ivetas Geschichte zusammengehalten – und diese sorgt für das bislang beste Material der Serie.

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