Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Kritik: Schnell ermittelt 6×06 „Oleg Dinisowitsch“

Es ist schon verdammt schwierig, in unsrer Krimi-überfluteten Medienwelt einen Krimi zu präsentieren, der auch nur in irgendeiner Weise hervorsticht. Irgendwie hat man schließlich alles schon mal gesehen. Nur so was wie „Oleg Dinisowitsch“ noch nicht.

Bist du das, „Schnell ermittelt“?

Noch bevor sein Name nach zwei, drei Minuten in den Credits auftaucht, ist klar, dass die Folge von Guntmar Lasnig stammt. Ein toter Kosmonaut wird im Garten gefunden, kurz bevor uns die Kamera in die Lüfte emporträgt und wir irgendwelche random Funksprüche aus dem Weltalltag hören. An Skurrilität erinnert das sofort an Lasnigs „Gudrun Schatzinger“ aus Staffel 5 – die Oma-Kartenspiel-Runden-Folge, die sich durch ihren Humor und ihre skurrile Prämisse stilistisch merklich vom üblichen „Schnell ermittelt“-Oeuvre abhob. Es dauert aber nicht lange, bis „Oleg Dinisowitsch“ die „Gudrun Schatzinger“-Folge gänzlich in den Schatten stellt. Bis man sich die Frage stellt, ob das noch „Schnell ermittelt“ ist, und nicht etwa eine verspätete Folge von „Die Detektive“, nur halt mit Angelika und Franitschek in den Hauptrollen.

Bis auf ein paar einzelne Kommentare auf der „Schnell ermittelt“-Facebook-Seite habe ich jetzt dazu keine Daten, aber ich würde darauf wetten, dass selten eine „Schnell ermittelt“-Folge derart polarisierte. Kunst ist ja generell eine Geschmackssache, aber es geht auch um Erwartungshaltungen. Wer sich von „Schnell ermittelt“ einen ganz normalen Krimi mit ein bisschen Witz erwartet, wird von „Oleg Dinisowitsch“ wohl eher enttäuscht oder sogar befremdet sein. Wer sich aber erhofft, dass die Serie innerhalb ihres Genres und ihrer Erzählkonventionen (und vielleicht auch ein wenig außerhalb) ein wenig bzw. sehr viel experimentiert, der könnte mit „Oleg Dinisowitsch“ seine helle Freude haben.

Man muss aber schon festhalten: Besonders elegant ist es nicht unbedingt, dass „Schnell ermittelt“ tonal so unterschiedlich sein kann. Das macht sich besonders deutlich bemerkbar in der Klimax, als Angelika, Franitschek und die Xiberger Wolfgang Froschberger festnehmen wollen, während dieser Astrid und den Verschwörungsjunkie Roli mit einer Waffe bedroht. Es ist die einzige Szene, in der sich Lasnig im Ton vergreift. Anstatt auf Spannung zu setzen, lässt er sie humorvoll antiklimaktisch ausspielen. Das Verhalten vieler Figuren in dieser Folge ist alles in allem nicht unbedingt realitätsnah, aber trotz der Skurillität meistens glaubhaft. Ausnahme dafür ist das Schere-Stein-Papier-Spiel der Xiberger in ebendieser Szene, das die Glaubwürdigkeit der Gefahr untergräbt – die Situation kauft man der Serie einfach nicht ab, selbst nach der Konditionierung und Erwartungshaltung aus 40 Minuten skurriler Sonderlichkeiten.

Ein kleines Wunder

Davon abgesehen allerdings ist „Oleg Dinisowitsch“ handwerklich einfach erste Sahne und ganz locker unter den besten Folgen der Serie. Die Episode ist so unwahrscheinlich vollgestopft mit witzigen Ideen, und kaum eine Szene verstreicht, ohne eine wirklich originelle Pointe zu finden oder sonstwie hervorzustechen. Die mit Alu verkleidete Wohnung („Schön haben Sie’s da.“), der Aluhut unter der Mütze, der Aluhut unter der Trockenhaube, die Xiberger Men in Black aus der Abteilung V, der aus dem Fenster geworfene Koffer (der eine Katze trifft, hahaha!) – man kommt aus dem Aufzählen nicht heraus. „Schnell ermittelt“ versucht sich an Gag nach Gag nach Gag – und jeder (bis auf das Schere-Stein-Papier-Spiel) zündet. Einfach nur wow.

Foto: ORF/MR Film/Petro Domenigg.

Man bedient sich beim Humor hier auch jeder Menge formaler und visueller Mittel. Einen Meta-Witz etwa, als sich die Witwe wundert: „Wer soll sich sowas ausdenken?“ (Gemeint ist natürlich Lasnig selber.) Oder der Folgentitel, der in kyrillischer Schrift eingeblendet wird. Oder wie sich „Schnell ermittelt“ einer sonst für die Serie untypischen Montage beim Einrichten der Einsatzzentrale bedient (saß Ursula Strauß da wirklich die ganze Zeit still?).

Den coolen Effekt im Teaser haben wir eingangs schon erwähnt, und auch sonst hat die Kamera etliche Tricks zu bieten – etwa wenn Franitschek beim russischen Botschafter die eingangs gezeigten Schokobonbons aus dem Off ergreift. Oder wie das Grundstück von Wolfgang Froschberger durch ein Tor versperrt ist (mit verschlossener Tür für Fußgänger), bei dem man zu Fuß aber auch einfach daneben vorbeigehen kann. Auch beachtlich: wie verdammt lässig die Serie diesen Black Hawk inszeniert (sponsored by Österreichisches Bundesheer). Alles in allem ist das schon ganz große Fernsehkunst.

Hinzu kommt, dass die Folge das kleine Wunder vollbringt, all die Witze, die skurrile Prämisse mit dem abgestürzten Kosmonauten und die clevere Persiflage von Verschwörungstheorien in einen kohärenten und schlüssigen Fall zu verpacken. Es gibt eine beachtliche Menge an „Aha“-Momenten, wo plötzlich klar wird, wie die zuvor entdeckten Indizien zusammenpassen und zu interpretieren sind – was immens zufriedenstellend ist. Wie etwa ein Kosmonaut im Garten auftauchen kann. Wie Floras Funde des Tatorts zu erklären sind. Warum es keine Fotos vom Ermordeten gab. Was es mit den Angriffsplänen der russischen Regierung auf sich hat. Für all diese Dinge findet die Serie eine rationale Erklärung – und ist auch in dieser Hinsicht deutlich interessanter als es etwa ein Mord im Fiaker- oder Baufirmen- oder Soap-Milieu je sein kann. Viele „Schnell ermittelt“-Fälle sind ganz unterhaltsam, aber „Oleg Dinisowitsch“ ist auch inhaltlich was Besonderes.

Und trotzdem können wir verstehen, warum die Folge bei einigen Zusehern vielleicht nicht so gut ankam. Weil es eine derartige Abkehr des typischen „Schnell ermittelt“-Stils ist. Weil Guntmar Lasnigs „Schnell ermittelt“ ein anderes ist als das der anderen Autorinnen – und somit auch ein anderes, als es die Zuseher gewöhnt sind. Aber wir? Wir lieben diese Folge. „Schnell ermittelt“ hat sich selten vor kleineren narrativen Experimenten gescheut – was nicht immer von Erfolg gekrönt war (die gesamte Staffel 4, Franitscheks Visionen in „Viktor Urbach“), aber „Oleg Dinisowitsch“ – in unseren Augen – sehr wohl.

Noch mehr Bla:

  • Beitragsbild: ORF/MR Film/Petro Domenigg.
  • Haris Vertretungszeit ist vorbei, jetzt ist wieder Chefrezensent Blamayer am Werk. Den vergangenen Folgen konnte ich wie Kollege Hari nicht allzu viel abgewinnen, die waren halt ganz okay. Da habe ich ja den perfekten Zeitpunkt für mein Comeback ausgesucht.
  • Traurig, dass österreichische Serien-Drehbücher nirgendwo Preise erzielen können. „Oleg Dinisowitsch“ wäre ein heißer Kandidat für den Thomas Pluch-Drehbuchpreis, wenn das die Kriterien bloß zuließen. So, jetzt hör ich auch schon auf mit meiner Lobpreisungshudelei.
  • Kurios: Normalerweise fülle ich meine Kritiken hauptsächlich mit Gedanken zur Jan-Storyline und erwähne den Fall der Woche nur im Bla-Segment, diese Woche ist das umgekehrt.
  • Zur Jan-Storyline also: Während es in den Folgen zuvor eher wenig spannend zuging, schaltet „Schnell ermittelt“ da in „Oleg Dinisowitsch“ einen Gang zu. Während Angelika die ganze Folge über mit dem Mord schwer beschäftigt ist, bringt Zlatko den als Apothekenräuber bekannten Zeugen vom Mord an Nico Schnabel endlich zum Staatsanwalt. Jan konnte das leichte Leben jetzt lang genug genießen – jetzt steckt er endlich wieder in der Klemme. Ich nehme mal an, Angelika wird versuchen zu beweisen, dass Zlatko das Geständnis aus dem Apothekenräuber rausprügelte.
  • Gleichzeitig droht Jan ominös, das Problem Schnabel Senior „dauerhaft“ lösen zu wollen. Wie wir beim Staffelauftakt schon meinten… einmal Mörder, immer Mörder?
  • Ich hab jetzt mindestens 10 mal Oleg Dinisowitsch getippt und muss immer noch nachgucken, wie man den Namen schreibt.

5 Kommentare

  1. Guntmar Lasnig 23. Okt 2018

    Ich brauch noch Deine Kontonummer.

    Alles Liebe
    Guntmar Lasnig

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.