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Kritik: CopStories 3×10 „Leben und Leben lassen“

Bummsdi! Im großen “CopStories”-Finale rollen jede Menge Köpfe. Die Cops der Kreitnergasse erleben an diesem Arbeitstag einen Höllentrip voller Tal- und Bahnfahrten.

Nachdem “CopStories” in der vorangegangenen Staffel noch sehr antiklimatisch endete, (über-) kompensiert die Serie das im Nachfolger mit einer derartigen Vielzahl an Cliffhangern, dass man die Figuren, die nicht in der Schwebe bleiben, an einer Hand abzählen kann. Gleichzeitig bringt die Serie in “Leben und Leben lassen” einige ihrer Stories zu Ende, allen voran die tonangebenden: die Suche nach dem Maulwurf, Lukas’ Jagd auf Obradovic und natürlich den Fall Iveta. Das alles klingt nicht nur auf dem Papier nach jede Menge Material: “Leben und Leben lassen” ist die erste und einzige Episode der Serie, die gänzlich ohne episodische Fälle auskommt, die keine weitreichenderen Konsequenzen haben.

An vorderster Stelle ist zu loben, dass die Rechnung mit der zentralen Handlung großenteils aufgeht, und das retrospektiv über die gesamte Staffel gesehen. Bis auf die Staffelpremiere – die eindeutig schwächste Episode der 3. Staffel – ließ keine Episode den Ball zum Erliegen kommen. Ebenso wichtig ist, dass sie in ihrem Umfang deutlich größer war als der Dogan-Strang der ersten beiden Staffeln: Dieser involvierte fast immer bloß Altan, Efe und Bergfeld. In dieser Staffel gab es neben der gesamten Kripo Chantal, Mathias und zum Schluss auch noch Selma und Sylvester, deren Leben inner- und teilweise auch außerhalb ihrer Berufsleben von der Geschichte berührt wurde.

Die Klischees von Gut und Böse

Im Nachhinein betrachtet waren sowohl Obradovic als auch Berischer ein wenig dünn aufgestellt, was ihre jeweiligen Kartells betrifft. Da könnte „CopStories“ in Zukunft nachholen, indem man den einzelnen Parteien auch individuell mehr Aufmerksamkeit widmet, um das alles ein wenig glaubwürdiger zu gestalten. Der Kriegsverbrecher etwa, der in 3×03 „Schmähstad“ bei Obradovic verkehrte, wäre ein gutes Modell, um solch tangentialen Geschichten zu erzählen, die den Hauptwidersachern mehr Facetten liefern könnten, auch wenn der genannte Fall ein paar Lücken aufwies – und uns leider auch nicht viel mehr über Obradovic und Chantal erzählte.

So lebendig und unterschiedlich Obradovic und Berischer nämlich auch waren (gerade Cornelius Obonyas ständiger Wechsel zwischen kurios und absolut widerwärtig waren ein Highlight – zuerst lacht man über seine Nachhilfestunde in Rechtschreibung, gleich darauf stößt einem Berischers Zungeneinsatz bitter auf/ab), so zweidimensional waren sie leider auch. „CopStories“ bemühte sich nicht, deren Motivationen näher zu ergründen, sondern gab sich einfach mit deren Bösewicht-Etiketten zufrieden. Es gibt keinerlei Anflug davon, moralisches Graumalen zu betreiben – die Welt von „CopStories“ ist in ihrem Haupthandlungsstrang merkwürdigerweise gänzlich schwarz und weiß. Die Antagonisten haben keinerlei positive, oder zumindest ambivalente Eigenschaften – da sind irgendwie sogar die Fälle der Woche oft besser motiviert. Wenn zumindest Obradovics Liebe zu Chantal echt gewesen wäre… aber stattdessen verpasst er ihr ungefragt eine, weil er ja so ein Böser ist. Wirklich schade.

In dieser Folge wird definitiv mehr Leben gelassen als gelebt.

All das und noch mehr trifft vor allem auch auf den Staatsanwalt Hofmeister zu, der in „Leben und Leben lassen“ als Oberbösewicht entlarvt wird. Dass sein ständiges Nachfragen über die Ermittlungen, ohne dass seine Szenen dabei irgendetwas zur Geschichte beigetragen hätten, ihn zum Hauptverdächtigen gemacht hat, stört gar nicht so sehr – obwohl das die Serie schon auch deutlich subtiler hätte lösen können. Wirklich enttäuschend ist aber, wie stur die Serie ihn immer wieder als empathielosen Fiesling charakterisierte und ihn in „Leben und Leben lassen“ nun endlich sein wahres Gesicht entblößen lässt. Nur um zu zeigen, dass es genau dasselbe ist, das wir schon immer von ihm gesehen haben. Überraschend kam diese Enthüllung jedenfalls nicht. Hofmeister war immer die langweiligste, eindimensionalste und schwächstgeschriebene Figur der Serie – da sind wir nicht traurig, Sayonara zu sagen.

Dass sämtliche Verbrecher der Iveta-Geschichte keinerlei ambivalente Eigenschaften besitzen, ist nicht nur fad, sondern untergräbt auch die thematische Bandbreite der Serie. Selbst wenn sie sich „CopStories“ nennt, könnte sie doch auch die Geschichten der Verbrecher erzählen. Alle Menschen haben ihre Geschichten, die ihr Verhalten erklären – aber warum ist die Serie da so offensichtlich desinteressiert, ihren Antagonisten diese Facetten zu geben? „CopStories“ ballert sie lieber alle in der letzten Folge nieder, bloß Berischer kommt irgendwie davon (wie er aber die Folterung Ivetas erklären möchte, darauf darf man in der 4. Staffel gespannt sein).

„CopStories“ hat mit seinen 10 Folgen und 11 Hauptfiguren natürlich nur begrenzt viel Zeit, die Gründe seiner Antagonisten zu erforschen – aber dann sollte die Serie vielleicht auch nicht ihre Zeit mit der Einführung neuer Figuren vergeuden, über die es nichts zu erzählen gibt. Patrizias falsches Urteil in einer Extremsituation gibt Kaudelka endlich einmal Spielmaterial, aber die Schuld werden wir wohl erst in der nächsten Staffel an ihr nagen sehen. Diese Geschichte könnte genauso gut einer Figur passieren, um die wir uns tatsächlich kümmern, und wäre dadurch wohl auch noch deutlich involvierender – Flo wäre da beispielsweise ein geeigneter Kandidat gewesen, auch weil das seine Liebe zu Kindern auf eine harte Probe gestellt hätte. So hingegen bleibt leider auch nach 5 Folgen noch offen, warum „CopStories“ eine neue Protagonistin eingeführt hat, ohne sie wirklich zu charakterisieren und/oder uns eine emotionale Bindung zu ihr zu schaffen.

Das Team im Fokus

Ganz anders schaut es da beim Ermittlungsteam der Kripo aus. Während „CopStories“ seinen Antagonisten nicht viele Gedanken widmet, sind die Geschichten der Polizisten besser abgestimmt denn je. Erinnern wir uns: Das Finale der 1. Staffel war besonders gelungen, weil es erstmals das gesamte Team der Kreitnergasse an einem Strang ziehen ließ. Staffel 3 ging und geht da sogar noch einen Schritt weiter. Einerseits gab es eine ähnliche Krisensituation, die die Cops eng zusammenschweißte (Folge 3×02 „Bitte ned“), andererseits wurde die Zusammenarbeit in der Kripo zu einem der zentralen Themen der Staffel – und schließlich auch zum Schlüssel, um Iveta aufzuspüren und den Hofmeister zu überführen.

Es mag auffällig sein, dass von den Kripo-Beamten lediglich Bergfeld und Itchy ihre eigenen fortlaufenden Geschichten besaßen, und bei Itchys Geschichte handelte es sich im Grunde bloß um einen Teil der Iveta-Storyline. Grund dafür ist jener, dass „CopStories“ die fünf Musketiere ein gemeinsames Problem zu lösen gab, das auch abseits von Iveta, Berischer und Co. existierte: die Zusammenarbeit. Itchys Nachlässigkeit, Lukas‘ Eigenbrötlerei und die Suche nach einem Maulwurf erschwerten die Teambildung, aber am Ende steht dann doch einer für alle und alle für einen. Wie „CopStories“ diesen Bogen parallel zur Iveta-Geschichte aufspannte und in „Leben und Leben lassen“ eine Schlüsselrolle spielen lässt, ist eine der beachtenswertesten und schönsten Errungenschaften der 3. Staffel.

Wünschenswert wäre gewesen, dass zum Schluss wirklich die Mithilfe eines jeden Beamten essentiell für die Rettung Ivetas notwendig gewesen wäre. Besonders schade: Die Adresse, die Mathias Chantal entlocken kann, entpuppt sich als redundant, weil die Kripo die Adresse auch so rauskriegt. Dadurch wäre das Thema besser rübergekommen, aber auch so kommt die Botschaft an, ohne aufgesetzt zu wirken.

Eine weitere strukturelle Verbesserung, die „CopStories“ durchgemacht hat: In beinah jeder Folge werden zwei oder drei episodische Geschichten zu einer einzigen zusammengeführt, was die Episoden merklich strafft. Im Staffelfinale geschieht das gleich an zwei Stellen: Zum einen entpuppen sich der tote Hund und der Verwundete auf der Parkbank als Opfer jenes Täters, dem Helga und Patrizia auf der Spur sind. Zum anderen verpasst Sylvester seinen Begleitschutz-Termin nicht nur aufgrund des plötzlich streikenden PCs und des verprügelten Mannes, sondern auch, weil seine Fortgesetzten anderweitig beschäftigt sind: Helga muss sich mit Patrizia kümmern, und Bergfeld hat mit Hofmeister alle Hände voll zu tun. Die Verzahnung der Geschichten war auch schon vorher beachtenswert, in Staffel 3 beherrscht die Serie dieses Handwerk noch um ein paar gewitzte Ideen besser.

Rückblick und Ausblick

Seit Tina die Serie verließ, war Sylvester beinahe ausschließlich in einer Nebenrolle zu sehen. In „Leben und Leben lassen“ spielt er zwar ebenfalls nur eine kleine, aber dafür folgenschwere Rolle. „CopStories“ greift da das bewährte Sylvester-erprobte Thema der „lässigen Verantwortungslosigkeit“ auf, mit dem er nun endlich einmal auf die Nase fällt. Ironischerweise ist es eine scheinbar ganz unbedeutsame Nachlässigkeit, die dem notorischen Draufgänger da passiert: Er verspätet sich halt eine halbe Stunde bei einem seiner Termine. Bloß dumm, dass das grob ins Auge geht, als das zu beschützende Mädchen (leider sehr halbherzig inszeniert) attackiert und entführt wird.

Wie schon im Artikel zu 3×09 „Schatzilein“ erwähnt ist es großartig, wie ein Fehler Bergfelds (bzw. einer seines Teams) Selma derart verletzt, dass er plötzlich gezwungen wird, die Beziehung (sowohl die berufliche als auch die private) zu Selma selbst in die Hand zu nehmen. Der Vorfall in „Leben und Leben lassen“ schlägt dabei nicht bloß in dieselbe Kerbe: Einerseits ist die Verletzung Selmas persönlicher, andererseits handelt es sich nun nicht mehr bloß um einen Einzelfall, der durch einen Undercover-Einsatz der Polizei heraufbeschworen wurde. Nun haben die Frauen, die im Frauenhaus Zuflucht finden, einen bleibenden Grund, Angst zu haben – damit hat Bergfeld Selma das zerstört, was ihr am wichtigsten war. „CopStories“ präsentiert uns damit ein spannendes Setup für die nächste Staffel.

Wie Staffel 4 nun anschließen möchte, ist allerdings ein Rätsel. Klar, „Leben und Leben lassen“ bietet genügend Cliffhanger, um alleine daraus eine halbe Staffel zu spinnen. Aber noch ist nicht in Sicht, ob und wie die 4 .Staffel eine so zentrale, durchlaufende und umfassende Geschichte erzählen kann wie jene um Iveta. Vielleicht wird sich die Serie dem (ja noch laufenden) Moldawien-Express widmen – aber wie soll das funktionieren, wenn drei Viertel der Bösewichte in „Leben und Leben lassen“ das Zeitliche segneten? Im Gegensatz zur 2. Staffel baute man aber noch nicht wirklich eine Alternative auf, die dann in der darauffolgenden zum Dreh- und Wendestrang der Serie wird. Die Presseaussendung (Achtung, Spoiler für Staffel 4 im Link!) gibt darüber jedenfalls noch keine Auskunft.

Wo wir uns aber sicher sind, ist, dass Lukas seinen Schusswechsel mit dem Staatsanwalt überlebt. Erstens darf bezweifelt werden, dass Serge Falck aus der von ihm nach Österreich geholten Serie aussteigen will oder ausgestiegen werden kann. Zweitens wird Lukas bei genauerer Betrachtung lediglich in die Schulter getroffen. Drittens passt es auch dramaturgisch nicht sonderlich gut. „CopStories“ hätte uns mit Sicherheit in den letzten paar Episoden tiefere Einblicke in Lukas‘ Privatleben gegeben, um den Tod emotionaler zu machen; Weil Lukas hingegen primär im Teambildungs-Strang eingesetzt wurde, suggeriert das, dass er auch nächste Staffel wieder mit von der Partie sein wird. Nur warum es zu diesem Schusswechsel überhaupt kommt, das kommt uns ein wenig schleierhaft vor – warum geht die Spurensicherung ans Werk, wenn das Haus noch nicht gesichert ist?

Aber egal. „Leben und Leben lassen“ ist eine der besseren „CopStories“-Folgen, weil sie das entscheidende und spannendste Kapitel der großen Staffel-Storyline darstellt – und ihre Aufgabe als solche mit den nötigem Umfang, der nötigen Tragweite sowie den nötigen Stakes zur Gänze erfüllt. Schade, dass Hofmeister und Obradovic nicht nuancierter waren – aber dieser Problemen hat sich die Serie ja jetzt entledigt.

Noch mehr Bla

  • Waaas, Tina findet nicht mehr Erwähnung? Ist sie tatsächlich in Vergessenheit geraten, oder verschiebt man das auf Staffel 4? Enttäuschend, dass Sylvesters und Flos Pakt aus 3×05 „Ewig her“ aufrecht erhalten wird.

  • Engelmeyers Mord aus Staffel 2 wurde nicht wieder aufgegriffen – schade. Vielleicht in der nächsten Staffel?

  • An dieser Stelle nochmal einen herzlichen Dank an Produktion und Redaktion der Serie (Gebhardt/Natschläger) für das Zusenden einer Pressekopie der gesamten Staffel, sogar 10.000km weit.

  • Morgen lassen wir auch nochmal die gesamte zweite Hälfte dieser 3. Staffel in unserem Podcast Revue passieren. Weiter geht’s mit Staffel 4 direkt im Anschluss zum gleichen Sendeplatz nächste Woche auf ORFeins.

  • Das war’s mit „CopStories“ Staffel 3! Wie haben euch die 10 neuen Folgen gefallen? Lasst es uns doch in den Kommentaren, auf Twitter oder auf Facebook wissen.

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