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Kritik: Schnell ermittelt 6×07 „Felix Preisinger“

Mit „Felix Preisinger“ findet „Schnell ermittelt“ wieder zurück zur Norm. Im Mordfall Schnabel tut sich einiges – was uns fragen lässt, wie gut wir diesen Nico Schnabel überhaupt kennen.

Nachdem „Oleg Dinisowitsch“ letzte Woche die Gemüter spaltete, fährt „Schnell ermittelt“ in den Händen von Chefautorin Verena Kurth wieder in sicheren Gewässern. Am Fall gibt’s nichts auszusetzen; er wartet sogar mit der ein oder anderen Wendung auf, die selbst hartgesottenen Krimifans überrascht haben dürfte. Eine Serie an Mordanschlägen auf einen lieben, netten, alten, typisch österreichisch-grantigen Pensionisten legt üblicherweise nahe, dass ebendieser die Episode lebend überstehen würde. Aber dann verstirbt Jürgen Kawloda gegen Mitte der Folge, und das, wie sich herausstellt, eines natürlichen Todes – fast schon eine Premiere in „Schnell ermittelt“.

Doch viel interessanter, zumindest für uns, ist der große Schnabel-Fall, bei dem in „Felix Preisinger“ jede Menge passiert. Der unsäglich arrogante Zlatko tritt mal wieder auf (warum nennt er Maja „Prinzessin“?) und behauptet, er hätte Maja nicht erreicht, als er den Apothekenräuber dem Staatsanwalt überliefert hatte – natürlich nur ein Vorwand, um Maja dumm dastehen zu lassen und selber die Lorbeeren einzustreichen.

Foto: ORF/MR Film/Petro Domenigg

Maja treibt das dazu, zu Schnabel Senior zu gehen und diesen erstens zur Beziehung von Nico und Anamo zu befragen, und zweitens dessen Arbeitsrechner einzutreiben. Gerade letzteres lässt die eigentlich als barsch, abweisend und unhöflich angedachte Frage „Haben Sie unerwarteterweise etwas gearbeitet?“ als verdammt berechtigt dastehen: Die kommen erst jetzt nach eineinhalb Staffeln auf die Idee, Nicos Arbeitsrechner zu untersuchen? Und Nicos Beziehung zu Anamo ist doch auch nicht erst seit dieser Folge wichtig. Da ist doch egal, ob Schnabel Senior sich für unkooperativ hält oder hielt – er ist doch versessen darauf, dass der Fall geklärt wird, da wird er sie doch wohl kaum die ganze Zeit derart mit der Vorenthaltung solch wichtiger Informationen blockiert haben. Ist Maja also wirklich so inkompetent? (Was dafür spricht: Sie versucht Nicos Passwort durch raten zu knacken.) Oder wirken die späten Hinweise einfach nur ein bisschen konstruiert?

Nico Schnabel, der große Unbekannte

Um ganz ehrlich zu sein: Dieser Nico-Schnabel-Fall zieht sich. Obwohl der junge Mann nun seit 17 Folgen tot ist. Und „Felix Preisinger“ hat mir die Augen geöffnet, warum es mir schon die ganze Staffel über so schwer fällt, viel über den Fall zu schreiben; warum ich immer wieder nachlesen muss, was da genau in Staffel 5 vorfiel; und vor allem, warum ich keine rechte Vorstellung davon habe, warum es überhaupt zu diesem Mord kam und was genau vorfiel: Weil „Schnell ermittelt“ uns nie verraten hat, wer Nico Schnabel überhaupt war. Und Folge für Folge wird das zu einem immer größeren Problem.

Der Fall ist zwar emotional, was Jans Rolle in der ganzen Sache betrifft, aber Nico Schnabel war der Serie eigentlich immer ziemlich gleichgültig. Wie so vielen prozeduralen Krimiserien ist es „Schnell ermittelt“ relativ egal, dass da in jeder Folge menschliche Tragödien erzählt werden. Felix Preisinger war wahrscheinlich ein geliebter Sohn, Ehemann, Vater, Freund und/oder Kollege – aber sonderlich weinen sehen wir niemanden. Selbiges gilt für Kawloda. Und das ist verständlich – „Schnell ermittelt“ will ja auch heiter und ein wenig witzig sein, und nicht Woche für Woche die Angehörigen beim Leiden dokumentieren. Auch emotional verschenkt man da nicht viel – als Zuseher sind wir ja viel mehr an den Schicksalen der Protagonisten und wiederkehrenden Figuren interessiert. An Kawloda haben wir kaum eine emotionale Bindung, an Felix Preisinger sogar gar keine.

Gerade deshalb wäre es allerdings interessant gewesen, mehr über Nico zu erfahren – weil Schnabel Senior eben eine solche wiederkehrende Figur ist. Doch über dessen Beziehung zu seinem Sohn, oder was der Tod seines Sohnes mit ihm macht, erfahren wir wenig. Uns wird das eine oder andere erzählt, aber schöne oder einprägsame Bilder findet „Schnell ermittelt“ nicht dafür. Vielleicht wäre es eine Möglichkeit gewesen, Nico Schnabel wie damals in Staffel 4 Lucy Haller als Vision von Angelika auftreten zu lassen. Oder Videoaufnahmen von Nico. Oder sein Facebook-Profil. Stattdessen kann ich mich kaum noch an sein Gesicht erinnern.

Das wirkt sich auch auf alle umliegenden Figuren aus. Allen voran Schnabel Senior, dessen Geschichte eigentlich höchst emotional sein könnte. Er scheint keine Frau und keine weiteren Kinder in seinem Leben zu haben, und seine Beziehung zu seinem Sohn Nico war offenbar schwierig – das muss ihn absolut fertig machen. Stattdessen agiert Schnabel Senior immerzu in einer merkwürdig antagonistischen Rolle. Schade, denn ein von Trauer zerfressener Vater (der durchaus rachsüchtig sein kann) könnte Jan vielleicht auch aus dessen emotionalem Kokon lösen. Aber auch Jan und Anamo würden davon profitieren, wenn deren Beziehung zu Nico klarer wäre. Und ja, wir haben da sicher auch ein paar Details vergessen – aber wenn uns „Schnell ermittelt“ das immer nur erzählt und nie zeigt, dann ist das auch ein Problem. Wir bräuchten da zumindest dringend ein „Was bisher geschah“-Segment – und wenn wir das von Bruttofilmlandsprodukt schon sagen, wie wird es da erst dem Gelegenheitszuseher gehen?

Jan Schnell, der Möchtegern-Held

Die andere Seite der Medaille der großen Nico-Schnabel-Geschichte ist Jan, und diese Seite fängt „Schnell ermittelt“ deutlich besser ein – in emotionaler, inhaltlicher und bildlicher Hinsicht. Sehr gelungen ist etwa, wie subtil Kurth in dieser Folge hervorhebt, wie sehr sich Jan fühlt, dass ihm alles langsam zu entgleiten scheint. Jan wünscht sich so sehr, ein starker Mann zu sein – das war schon beim Mord an Nico Schnabel so (den er ja quasi für Anamo beging), das war in 6×06 „Oleg Dinisowitsch“ so (als Jan ankündigte, das Problem Schnabel Senior dauerhaft zu lösen), und das ist auch in „Felix Preisinger“ so, als er Schnabel Senior nächtens bei seinem Auto stellt.

Ist diese Konfrontation alles, was Jan mit seiner Drohung aus der Vorfolge meinte? Lachhaft. Fast so lachhaft wie seine Drohung hier, dem Mercedes nicht aus dem Weg zu gehen, nur um es eine Minute später doch zu tun. Jan will den Helden spielen, nicht zuletzt für und wegen Anamo, und mit dicken Worten groß aufspielen – aber da überschätzt er sich gewaltig. Er hat nicht die einschüchternde Präsenz, die er gern hätte, und er ist auch nicht so clever, wie er es gern wäre – wenn man eine Drohung ausspricht, dann muss man auch bereit sein, sie umzusetzen.

Oder natürlich man spricht sie gar nicht aus. Doch obwohl Jan ein ziemlich schweigsamer Geselle ist – in Staffel 5 wollte er ja Folge um Folge nicht mit Angelika sprechen – schafft er es doch, immer wieder in Fettnäpfchen zu treten. So auch in dieser Folge bei Anamo, der er unterstellt, bereit zu sein, mit Schnabel Senior zu schlafen. Mal ganz abgesehen davon, wie abwegig es ist, dass der Vater des Ermordeten für Sex mit der Ex den Täter davonkommen lassen würde – es zeugt schon von besonderem (Über-)Mut, seiner Freundin sowas zu unterstellen.

Jan wünscht sich so verzweifelt cool zu sein und alles unter Kontrolle zu haben. Doch das tut er nicht, besonders wenn er sich mit großen Fischen wie Schnabel Senior, Anamo oder Staatsanwalt Christian Stanic anlegt. Und so sehr er es schon seit Beginn der 5. Staffel versucht, seiner Mutter zu beweisen, dass er jetzt auf sich selber (und auf Anamo) aufpassen kann, so ist er in Wirklichkeit doch noch immer ein kleiner Junge. Es ist schön zu sehen, wie er in dieser Episode seine Maske abnimmt und seiner Mutter endlich gestehen kann, dass er sich Sorgen macht, geschnappt zu werden. Und in seinen glasigen Augen steht geschrieben: Mir steht das Wasser bis zum Hals, bitte hilf mir.

Foto: ORF/MR Film/Petro Domenigg

Vielleicht wünscht er sich, von seiner Mutter in den Arm genommen zu werden und gesagt zu bekommen, dass wieder alles okay wird. Aber das kann Angelika nicht – dafür ist Stefan zuständig. Stefan, der der Wahrheit nicht ins Auge blicken kann, dass die Familie – genau wie seine Hand – blutet. Der nicht wahrhaben will, dass diese Wunde zu groß ist und dringend ein Pflaster benötigen würde. Bloß, dass es beim Schnabel-Mord nicht mit einem Pflaster getan ist. (Alternative Interpretationen zur Metapher von Stefans blutender Hand könnt ihr gerne als Kommentare am Ende dieses Artikels hinterlassen.)

Angelika Schnell, die alles richten soll

Während Stefan in einer Umarmung mit Jan versinkt und Familien-Zusammenhalt signalisiert, kann Angelika da nicht mehr zusehen – wie wir wissen kann sie sich nicht der Illusion hingeben, dass alles OK sei. Sie sucht die Flucht nach vorn. Durch ein Fläschchen Hochprozentiges motiviert ruft sie zu später Stunde Staatsanwalt Stanic an, der dann auch prompt erscheint – ziemlich optimistisch mit einer Flasche Champagner. Aber er hat Glück, denn Angelikas Grund für das Treffen an der Uferpromenade ist absolut Champagner-würdig.

Es stellt sich bloß die Frage: Was ist das für ein Grund? „Schnell ermittelt“ verzichtet darauf, eine klare Antwort zu geben. Einerseits sieht sich Angelika schon die gesamte Staffel über, besonders aber in diesem Moment von Stefan entfremdet – und während dieser mit Jan verbunden fühlt, steht Angelika allein da. Mit Stanic hatte sie diese Staffel wenig zu schaffen, aber ihre gemeinsame Vergangenheit treibt sie zueinander – ein wenig wegen einer offenen Rechnung, aber auch ein wenig aus Sehnsucht.

Andererseits steht natürlich die Möglichkeit im Raum, dass Angelika nun auch zu weniger hehren Mitteln greift, um die Ermittlungen gegen ihren Sohn zu sabotieren. Vielleicht glaubt sie, dass nur dann alles OK wird, wenn auch tatsächlich jemand dafür sorgt. Ich weiß nicht, inwiefern ich ihr das zutrauen würde – die Vernichtung von Dennis Maidas Beweisvideo beweist ja, dass Angelika durchaus gewillt ist, das Recht in ihre eigenen Hände zu nehmen, aber mit Stanic zu schlafen, um an Informationen oder dergleichen zu gelangen – das wäre ja nochmal eine Ecke perfider.

Einerseits sehen wir Angelika nicht etwa bei Stanic zu Hause rumspionieren. Es gibt auch keinen Anhaltsplan dafür, dass Angelika irgendwelche Pläne geschmiedet hätte, wie ihr eine Affäre mit Stanic helfen könnte. Doch andererseits ist das Timing, wie Stanic anmerkt, schon merkwürdig, die Chemie durch die seltenen Treffen in den letzten Folgen nicht wirklich gegeben, und schließlich ist da noch die Musik, die erklingt, als sich die beiden küssen – die vermittelt alles andere als Romantik. „Ich hab einen Fehler gemacht“, sagt Angelika, und meint damit vor langer Zeit – doch wahrscheinlich macht sie gerade in diesem Moment einen.

Noch mehr Bla:

  • Beitragsbild: ORF/MR Film/Hubert Mican
  • Wir haben uns jetzt endlich gemerkt, wie der Apothekenräuber wirklich heißt: Philipp Lettner. Wir werden ihn aber einfach weiter Apothekenräuber nennen, vor allem deshalb, weil der charakterlich so non-existent ist, dass so eine Umschreibung besser zu ihm passt als der Name einer Person.
  • Franitschek, ganz pragmatisch: „Glauben Sie mir, mir sind schon dümmere Mordpläne untergekommen.“
  • Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass die AutorInnen der Staffel irgendwann die Memo bekamen, dass Angelika genau einmal pro Folge unpassend viel Alkohol trinken muss. Das war aber das erste Mal seit Langem (oder überhaupt), dass Angelika richtig beschwippst war – und boah war das gut von der Uschi Strauss gespielt.
  • Wie der Schein doch trügen kann: Anfangs der Staffel schien es so, dass Obertschnigg in Staffel 6 nun öfter Bestandteil der Serie werden würde, aber nun ist längst schon nicht mehr die Rede von ihm – überhaupt haben Spurensicherung und auch Gerichtsmedizin mittlerweile weniger Platz.
  • Klassisches „Heldin einer Serie“-Syndrom: „Kollegen, abführen!“ sagen und dann cool weggehen, ohne einen Blick zurückwerfen.
  • Ich wünschte, die ehemalige Beziehung der beiden wäre bei der Szene zwischen Maja und Kemal ein wenig stärker bespielt worden.
  • Ich frage mich eigentlich schon seit Längerem, warum Simon Morzés Name nicht im Vorspann auftaucht, obwohl er jetzt schon seit zwei Staffeln eine Hauptfigur ist und eine deutlich größere Rolle spielt als etwa Maja. Hat das vertragliche Gründe? Tradition? Oder ist da die Schnittdatei verloren gegangen (d.h. der Vorspann existiert nicht mehr ohne die Einblendung der Namen von Strauss, Lust, Bachofner und Straßer)?
  • Das Modell vom Bauprojekt „Donauliving“ schaut verdächtig nach dem Millenium-Tower aus. Aber warum auch nicht alte Architektenentwürfe für die Ausstattung recyclen? Und es gibt hässlichere Türme in Wien.

3 Kommentare

  1. Chris T. 30. Okt 2018

    Das mit dem Arbeitsrechner ist halt leider eher realitätsnah als ein Plothole. Es passiert ständig bei Fällen in aller Welt, dass die Polizei irgendwelche Aspekte einfach nicht sieht, die im nachhinein logisch erscheinen. Dass Schnabel jr. überhaupt einen Arbeitsplatz und Arbeitsrechner hatte, wusste Maja offenbar bislang schlicht nicht. Warum der alte Schnabel das nicht urgiert hat und in dieser Folge eher so rüber kommt, als wolle er die Ermittlungen sabotieren statt den Mord aufklären, ist allerdings seltsam (vielleicht stimmt es doch, dass Anna irgendwas mit ihm ausgemacht hat? Kennt sie seine Geschäftsgeheimnisse und setzt ihn damit unter Druck? Vielleicht hat es etwas mit dem Grund zu tun, wegen dem sie Nico hat umbringen lassen?)
    Volle Zustimmung dazu, dass man Nico Schnabel viel besser hätte ausbauen müssen in der Serie. Wieso er jetzt umgebracht wurde, kann ich absolut nicht beantworten – entweder vergessen oder es wurde uns nie gesagt. Weil Anna Jan gesagt hat, der Nico sei eine Bedrohung? Und was war ihr Motiv?

    Angelikas Treffen mit Stanic hätte ich persönlich so interpretiert, dass sie ihn in den Schlamassel reinziehen möchte – spricht: Falls Jan fällt, fällt nicht nur er und Angelika, sondern Stanic selbst wäre dann unter Druck, weil er sich mit Angelika eingelassen hat.

    • Hannes Blamayer Autor des Beitrages | 30. Okt 2018

      Ja stimmt, solch Fehler können der Polizei schon mal passieren. Aber ist halt als Zuseher ein bisschen frustrierend, so ein wichtiges Indiz 16 Folgen nach dem Mord zu finden.

      Hari konnte sich gestern Abend im Gespräch mit mir dunkel erinnern (bzw glaubt er sich zu erinnern), dass Nico Schnabel Anamo vergewaltigen wollte. Oder hat Anamo das nur Jan gegenüber behauptet? Vom Motiv weiß ich nichts (mehr) – wie Sie sagen, entweder vergessen oder es wurde uns nie gesagt. Vielleicht hätten wir Recaps schreiben sollen statt Reviews.

      Danke für den Kommentar!

      • Hari List 30. Okt 2018

        Dafür wäre jetzt ein Wikia oder irgend eine andere Art von Kompendium gut, wo wir das nachschauen könnten. Das fehlt einfach in der österreichischen bzw. generell deutschsprachigen TV-Landschaft.

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