Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Kritik: CopStories 4×01 „Blede Gschicht“

Endlich, das lange Warten ist vorbei – halt nein, Staffel 4 ließ nicht lange auf sich warten, 2018 ist das große CopStories-Jahr. Wie schon im Vorjahr beginnt die Staffel verhalten.

P-P-Pokerface

„Blede Gschicht“ ist eine Folge, die sich nicht gern in die Karten schauen lässt. Wir beginnen beispielsweise in medias res mit dem übel aussehenden Itchy, der von zwielichtigen Typen im Müllcontainer versenkt wird – was gleich so viel interessanter ist als die sonst für die Serie typische Kaffeehausszene. Bei der Arbeit will er nicht darüber reden, im Privatleben wird er überwacht – ganz klar, Itchy steckt in Schwierigkeiten. Aber in welchen, das will „CopStories“ noch nicht verraten. Itchys Geldsorgen könnten damit zu tun haben, weitere Informationen vertagt die Serie auf eine spätere Folge.

Selbiges gilt für Flos schlechte Neuigkeiten. Ein mysteriöser Brief von der LPD (Landespolizeidirektion) lässt ihn verblassen, auch Helga ist geschockt, und Flo erbittet sich, es den anderen persönlich zu sagen – als er aber die anderen Patrizias Geburtstag ausgelassen feiern sieht, verschiebt er es auf ein andermal. Aber was kann es sein – eine Strafversetzung? Eine Suspendierung? Aber warum – etwa wegen dem Wassermann-Vorfall? Aber warum nehmen Helga und er das einfach so hin, was lässt sie da so machtlos empfinden? Bitte schalten Sie auch das nächste Mal wieder ein.

Das dritte Beispiel ist der ermordete Asylant – ein Fall, der erst spät in der Folge angeschleppt wird (so viel hatte Azra noch nie zu tun). Es ist eine klare Parallele zur ermordeten Prostituierten aus der 3. Staffel (in 3×01 „Alohool„) – auch ein Mordfall, der in Folge 1 entdeckt wurde und sich über die gesamte Staffel streckte. Anders ist dieses Mal, dass es eine handfeste Spur zu geben scheint, der Asylant Ali (der seit 5 Jahren auf sein Asylverfahren wartet, ugh!). Es wird nicht klar, warum der junge Mann, der einfach bloß die Leiche entdeckte, überhaupt verdächtig ist, doch „CopStories“ versteift sich aus irgendeinem Grund auf ihn. Aus rein dramaturgischen Gründen muss der Mann also von Relevanz sein. Was Ali aber mit dem Mord zu tun hat – das bleibt vorerst noch offen.

Neugierde statt Spannung

Am Ende der 3. Staffel zeigten wir uns skeptisch über die Entscheidung, dass „CopStories“ viele seiner wichtigsten und langjährigsten Antagonisten die Kurve kratzen ließ. Eine große, stetig weitergeführte Geschichte war immer schon essentiell für den Spannungsfaktor der Serie – so sehr etwa Helgas, Flos oder Bergfelds Privatleben interessant sind, und so sehr etwa die „Zusammenarbeit“ von Lukas und Eberts in dieser Folge unterhaltsam ist, so sind das nicht die Dinge, die im Fokus liegen. Nicht, dass die Textur dieser vielen Figuren und Handlungsstränge nicht wichtig wäre – aber insgesamt sind es die größeren Verbrechergeschichten, die uns wirklich bei der Stange halten. In „Blede Gschicht“ droht zwar die Schließung der Kreitnergasse als Damoklesschwert, aber eine richtig greifbare Gefahr ist das nicht.

Der Staffelauftakt setzt nicht unbedingt auf Spannung, sondern setzt vielmehr darauf, die Zuschauer mit Neugierde zu locken. Das ist bei Itchy der Fall, das ist bei Flo der Fall, und das ist auch bei Berischer der Fall. Berischer hat es irgendwie geschafft, auf freiem Fuß zu bleiben – zumindest auf einem, denn am anderen Bein hängt eine Fußfessel. Für den vermeintlichen Paten von Ottakring geht die Welt aber nicht unter, wenn er sich nur noch in Ottakring verkehren darf. Berischer versprach in „Leben und Leben lassen“, dass der Moldawienexpress wieder bzw. weiter rollen wird – doch in „Blede Gschicht“ muss er sich vorerst bedeckt halten.

Es ist nicht allzu spannend, weil keine neue Bedrohung aufgebaut wird – stattdessen blitzt Berischer beim Club 28 sogar ab, der Deal mit der Polizei wird ihm wohl nicht viele Freunde gemacht haben. Aber neugierig macht das allemal – wie wird Berischer trotz der Polizeiüberwachung den Express wieder zum Rollen bringen? Wie wird Berischers Rolle als Informant aussehen? Und wie werden unsere Polizisten mit dem Mann umgehen, von dem sie ja wissen, dass er eigentlich was ganz anderes verdient hätte?

Die letzte Szene von „Blede Gschicht“ fängt das schon ziemlich gut ein. Wie auch etwa Roman („Gefahr im Verzug!“) interpretieren Leila und Lukas das Gesetz relativ selbstgerecht, wann sie einzuscheiten hätten. Trotzdem ist es Berischer, der in dieser Szene das Sagen hat. Er provoziert den Mann (Türsteher?) vom Konkurrenzpuff bewusst, um sich von den Polizisten retten zu lassen. Das sendet nicht nur ein Signal an den Kontrahenten („Ich habe die Polizei hinter mir, ihr könnt mir nichts anhaben.“), sondern auch an die Polizisten, die gezwungen sind, Berischer zu retten. Berischer benützt sie als unfreiwillige Beschützer. Diese Art von Psychospielchen bereiten Berischer sichtlich Freude – uns auch.

Fortsetzungen

Staffel 3 endete mit einer Fülle an Cliffhangern, nun – Tage später – folgt endlich die Auflösung. Dass Lukas‘ Schusswunde nicht tödlich sein würde, das war relativ offensichtlich – insofern gefällt, dass die Serie da keine großes Geheimnis draus macht und Lukas unmittelbar lebendig zeigt. Weniger angetan sind wir von Patrizias Werdegang: Nachdem ihr „Leben und Leben lassen“ endlich mal etwas spannendes zu tun gab, wird der Vorfall in „Blede Gschicht“ mit einem Nebensatz abgefertigt. Stattdessen darf Patrizia in dieser Folge ihren Geburtstag mit diversen Strippern feiern. Unterhaltsam, aber ohne jegliche emotionale Resonanz. Wenn da bloß auch nur ein Anflug von Selbstzweifel oder Reue zu sehen wäre über den traumatischen Vorfall… Aus dieser Figur ist einfach nicht schlau zu werden.

Foto: ORF/Petro Domenigg.

Und dann ist da noch Bergfeld, für den es scheinbar keine glücklichen Staffelauftakte mehr gibt. Selma taucht in dieser Folge nicht auf, ihr Gesicht in der Zeitung lässt Bergfeld jedoch mal wieder Trübsal blasen. Der Überfall beim Frauenhaus hat nicht nur Selmas Vertrauen in Bergfeld zerstört, sondern hat auch dazu geführt, dass sie ihre Karriere hinschmiss – und womöglich auch sich selber. Es war ein unglücklicher Umstand, der dazu führte (Sylvester übersah die Zeit), aber Bergfeld trägt als Chef die Verantwortung – und nimmt sich das auch zu Herzen. Oh, die ewigen Komplikationen der beiden. Aber wenn einer der Figuren ein Happy End verdient, dann er. Also bitte, „CopStories“!

Doch zur Zeit ist Bergfeld offensichtlich nicht er selber. Er ordert etwa Helga an, Heuberger zu verlassen – was ist mit dem Bergfeld, der für sein Team die Hand ins Feuer legt? Sorge um die Kreitnergasse hin oder her, eine private Beziehung kann er schwer verbieten. Dass Helga seinem Befehl zum Ende der Folge hin aber folgt, ist dann umso verwunderlicher. Da lässt sie ihren Kopf entscheiden, obwohl sie weiß, dass es falsch ist – und als Heuberger das mit einem Lachen abtut, muss sie selber schmunzeln. Es ist so schön, Helgas unvernünftige, aber glückliche Seite aus ihrer Uniform hervorbrechen zu sehen. Sie und Heuberger sind sowas von shipable – die Geschichte ist noch nicht vorbei. Bitte, „CopStories“!

Noch mehr Bla:

  • Auch in Staffel 4 werden wir wieder bei jeder Folge unmittelbar nach Erstausstrahlung der Folgen unsere Kritiken veröffentlichen. Wir laden euch dazu ein, uns in den Kommentaren wissen zu lassen, was ihr vom Staffelauftakt haltet.
  • Beitragsbild: ORF/Hubert Mican.
  • Das war jetzt schon mindestens das dritte Mal, dass die Polizisten einen Nackerpatzi aufgehalten haben. Und irgendwie hatte noch nie einer von ihnen sonderlich Potenz Substanz. Gähn.
  • Überraschend, dass die Folge nicht „Babysitter“ o. Dgl. hieß, dieser Begriff wurde immer wieder erwähnt.
  • Leila zu Itchy: „Ich dachte wir sind mehr als Kollegen.“ Häääh?
  • Also ich weiß nicht, was es ist, aber die Schnitte zum Vorspann sind immer so merkwürdig abrupt. Ich dachte immer, dass das der Fall ist, weil die Kaffeehausszenen meistens so konfliktarm waren und so selten auf etwas Interessantes oder Spannendes hinausliefen, aber Itchys unliebsame Konfrontation war ein fürs Fernsehen ganz typischer Teaser. Aber irgendwie fehlt da ein bisschen die Zeit zum Durchatmen, bevor in den Vorspann gesprungen wird.
  • Die Waschmaschine war genial, Frau Lomot. Ebenso: Frau Dorfers Begegnung mit dem Stripper.
  • Das Lied, mit dem Eberts Lukas‘ Monolog übertönt: Non, je ne regrette rien. Treffend gewählt, da lässt sich nichts daran aussetzen. Das Lied während der Schlussmontage war „Flugangst“ von Gisbert zu Knyphausen.
  • Ich liebe die Tatsache, dass die Dorfer von der Internen bei den Akten der Polizisten die Pressefotos des „CopStories“-Casts verwendet. Alle schauen auf den Bildern so ernst, nur Lukas so ein wenig selbstverliebt, haha.

    Unser Fotomontagenprogramm kann nur 9 Bilder zusammenfügen. 🙁 Fotos: ORF/Petro Domenigg
  • Den alten Staatsanwalt vermiss ich sowas von nicht! Obradovic, Chantal, Pepe und Iveta aber schon ein wenig.
  • Seit wann interessierst du dich für mein Privatleben?“ – „Wusste gar nicht, dass du eins hast.“ Ganz schön meta, weil „CopStories“ Leila noch nie eine längere private Geschichte gab (von einer kurzlebigen Liebschaft mit Altan mal abgesehen). Es stellt sich raus: Leila war immer so zurückhaltend.
  • Wo Menschen arbeiten passieren Fehler.“
  • Öfilm-Trivia: Alechan Tagaev, der den verdächtigten Ali spielt, und Murathan Muslu spielten die Hauptrollen als Sohn und Vater in dem großartigen Film „Risse im Beton“ von Umut Dag. Der wiederum führt auch bei dieser Staffel Regie, gemeinsam mit Barbara Eder.

2 Kommentare

  1. Matthias Schmid 6. Nov 2018

    Ich persönlich fand die heutige „CopStories“-Folge ja äußerst gelungen. Nach dem vorläufigen Showdown im Fall „Moldawien-Express“ Ende der letzten Staffel (wer weiß, was da noch kommt…), war es ziemlich erfrischend und spannend in neue Handlungsstränge einzudringen und am Anfang so einiger potentieller Dramen zu stehen. Flos Brief, der ermordete Asylwerber, die drohende Schließung, Itchys Probleme… Gerade weil CopStories heute nicht allzu konkret wurde, hat mir diese Folge schon jetzt unheimliche Vorfreude bereitet auf das, was uns noch so alles erwartet.

    Einige Sachen, die mir aufgefallen sind:
    – Lukas Rolle im Fall des Selbstmord-Ehepaares ist irgendwie darauf angelegt, einem Kopfzerbrechen zu bereiten. Einerseits bringt man wenig Verständnis dafür auf, dass er diesen rüstigen Herren, der seiner Frau einen würdigen Abschied verschaffen will, so dringend zur Verantwortung ziehen will. Andererseits spricht da der 100%ige Polizist aus ihm… Recht ist nunmal Recht.
    – Eberts stellt da ja wiederum einen Gegenpart dar. Der Gute hätte die ganze Geschichte vermutlich lieber unter den Tisch fallen lassen. Hm ist das dann moralisch ok? Was mir bei ihm auch auffällt ist ein möglicher Rückfall in alte rassistische Gewohnheiten. Oder wieso hat er diesen Asylwerber so dermaßen auf dem Schirm. Auch wie er mit ihm kommuniziert ist nochmal ein Stück rauer, härter, garstiger als ich es eh sonst schon von ihm gewohnt bin. Sollte sich dieser Fall großteils im Flüchtlingsmillieu abspielen ein potentieller Konfliktherd, aber authentisch!
    – Auch Roman und Matthias kommen mit ihren Plänen nicht gut weg in der Folge finde ich. Außergewöhnlich für diese eigentlich doch recht liebenswürdigen Charaktere, aber den Umständen geschuldet.

    Insgesamt: Mehr, mehr, mehr… Ich will jetzt schon mehr!

    • Hannes Blamayer Autor des Beitrages | 7. Nov 2018

      Ja, Eberts und Lukas haben eine tolle Dynamik. Der eine denkt mit dem Herzen, der andere mit dem Verstand. Von dem Duo wird’s in dieser Staffel sicher noch mehr zu sehen geben…

      Die Vorfreude teilen wir!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.