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Kritik: Meiberger 1×01 – „Schlafwandeln“

Kein schlechter Serienstart. Die neue fiktionale ServusTV-Serie „Meiberger – Im Kopf des Täters“ bringt genug mit, um ein Publikumshit zu werden. Nur leider keinen echten Helden.

Neuer Serienstart. Nicht im ORF, sondern im Privatfernsehen. Noch ist das etwas Besonderes, denn es kommt nicht so oft vor. ATV und Puls 4 haben, obwohl sie schon länger am Markt sind, bisher so gut wie kein fiktionales Programm selbstproduziert. Also besprechen wir hier nach „Trakehnerblut“ wieder eine Serie von ServusTV.

„Meiberger“ gibt sich in der Synopsis relativ klassisch. Ein genialer, aber spezialisierter Außenseiter (Fritz Karl) wird zu einem schwierigen Fall gerufen, weil die Ermittler nicht weiter wissen. Herzlich willkommen zur Meiberger-Show.

An welchem Punkt einer Ermittlung die Staatsanwältin einschreitet ist mir jetzt nicht so wichtig, aber es ist schon gleich einmal interessant, dass Barbara Simma (Ulrike C. Tscharre) so gut über seinen Privatkalender Bescheid weiß und wann sein Wochenende mit dem Sohn ist.

Im Büro lernen wir dann die anderen Hauptcharaktere kennen. Kripochef Nepo Wallner (Cornelius Obonya) ist sichtlich wenig begeistert, dass seine klare Lösung des Falles hinterfragt wird. In Anwesenheit der Staatsanwältin benehmen sich aber beide halbwegs und sind noch per „Herr Diplompsychologe“ und „Herr Oberstleutnant“. Leider wird der inhärente Konflikt danach einfach nicht ausgetragen. Meiberger ist nicht besonders nett, Wallner akzeptiert – teilweise sogar gutmütig unterstützend – die ganze Folge lang seine Hilfe und lässt das irgendwie über sich ergehen. Lieber malträtiert er Kevin Ganslinger (Franz Josef Danner). Da wäre mehr gegangen, was aber nicht heißt, dass es zu unser alle Gaudi nicht in den nächsten Folgen noch ordentlich kracht zwischen Meiberger und Wallner.

Bald ein Dreamteam? Wallner (Obonya) und Ganslinger (Danner) Foto: Screenshot

Der verschwendete Ganslinger

Ganslinger ist ein richtiger Kevin. Nicht der hellste, aber ein durch und durch guter Charakter. Später vermutlich Polizeipräsident. Wie ein kleines Kätzchen, dem wir beim herumtappsen zuschauen. Den muss man einfach mögen, alleine schon weil er der designierte Mehlspeisbeauftragte im Ensemble ist.

Die Serie verabsäumt aber zunächst, die Figur Ganslinger zu nutzen. Da hat man einen „Deppen vom Dienst“, der stellvertretend für uns die schwierigen psychologischen und juristischen Begriffe erklärt bekommen könnte. Stattdessen erzählt die Staatsanwältin dem Psychologen was Somnambulismus ist. Und der Psychologe wiederum dem Ermittler, der sich sicher schon eingelesen hat. Den Fehler muss die Serie bitte dringend abstellen: Ich fordere mehr Screentime für Ganslinger.

Dabei gäbe es einiges zu erklären. Der Fall ist nämlich hauptsächlich intellektuell. Es ist kein klassischer Whodunnit, Täter und Opfer stehen fest. Die Versuche, die Eltern von Michaela (Cornelia Ivancan) irgendwie in den Fall zu verwickeln, sind durchschaubar. Da ist eine gewisse Spannung zwischen dem alten Ehepaar, ja OK – sie sind seit Michaelas Kindheit in Sorge. Der Vater hat offenbar eine neurologische Krankheit. Und? Der Fokus auf die zitternde Hand stellt sich als falsche Fährte heraus. Das haben wir gleich erkannt.

Der Twist am Ende funktioniert nur so irgendwie. Weil wir im Unterschied zu normalen Krimiserien überhaupt nichts über das „Opfer“ erfahren haben. Dass er Arzt ist, hätte man auch so unterbringen können. So wirkt das ein bissi beliebig. Das Autorenduo Maja und Wolfgang Brandstetter hat es hier nicht geschafft, eine perfekten ersten Fall abzuliefern. Das ist aber OK. Pilotfilmen sind immens schwierig und es galt, uns in die Welt von Meiberger einzuführen und für den ein oder anderen Zaubertrick Platz zu machen. 

Die Liste an Zaubertricks in der Folge ist lang. Da sind die „echten“: die Sonnenbrille, die Zigarette mit der Münze und das Blümchen für das Mädchen. Dann sind da noch die versteckten. Meiberger „befreit“ sich aus dem Aufzug. Plötzliches Auftauchen im Garten der Eltern (danke Schnitt). Hypnose mag noch Teil der Berufsausbildung zum Psychologen sein, aber dass er der Nachbarin eine Affäre ansieht ist dann ein wenig zu genial. Ein guter Mentalist kann das eventuell machen, aber ob die Figur Meiberger wirklich alle Disziplinen der Zauberkunst perfekt beherrschen sollte?

Abrakadabra… hier gilt noch kein Rauchverbot. Foto: Screenshot

Ebenfalls zu viel sind die aufgesetzten Einzeiler, für die hauptsächlich Nepo Wallner zuständig ist. Das lässt ihn unsympathisch wirken und uns für Meiberger Partei ergreifen. Auch Meiberger Senior – bei aller Liebe für Otto Schenk – ist hauptsächlich bemüht komisch und belästigt uns mit schlechtem Italienisch und derben Wienerisch. Juristisch hat er nichts beizutragen und die meibergerische Familienaufstellung hätte ihn jetzt auch nicht gebraucht. Ebenfalls noch nicht viel können wir über die neue Bekanntschaft Hannah (Hilde Dalik) sagen, die am Ende auch noch in das Leben der Hauptfigur getreten ist. (Ergänzung: Inzwischen haben wir erfahren, dass Otto Schenks Giovanni nicht der Vater, sondern eine Art Mentor von Meiberger ist. Das macht seine Figur aber nicht sinnvoller.)

„Meiberger – Im Kopf des Täters“ ist die zweite* Qualitätsserie aus dem zum Red Bull-Medienimperium gehörenden Privatsender. Der hat seinen Sitz bekanntlich in Salzburg und da gibt es so viel schöne Gegend. Zum Beispiel den Wolfgangsee. In St. Gilgen und Umgebung wurde viel gedreht und bei der Premiere wurde uns versprochen, dass in den kommenden Episoden noch einiges zu sehen sein wird. Ich bin ja vorbelastet, aber es hat schon seinen Grund, warum es geschätzte sieben Millionen Filme gibt, die am und um den Wolfgangsee gedreht wurden – vom Porno, über Franz Antel-Operetten und koreanische Serien bis zum Red Bull-Actionvideo.

Aber es liegt nicht nur an der Landschaft. Wie auch schon bei „Trakehnerblut“ ist die optische Gestaltung und Kameraarbeit tadellos, teilweise wunderschön. Die Profis werde das vielleicht anders sehen, aber für eine unterhaltende Hauptabendserie reicht es. Fazit: Insgesamt gelungene Figuren, das gewohnte Krimigenre, Zaubertricks, bekannte Darsteller, wunderschöne Bilder, Charme und memorable, wenn auch teilweise entbehrliche Einzeiler. Die zweite fiktionale ServusTV-Serie bringt vieles mit, um ein Publikumshit zu sein.

Der ungute Meiberger

So eine Serie steht und fällt aber auch mit ihrem Titelhelden. Wer ist also dieser Meiberger? Zuerst einmal ist er ein Arschloch. Wie groß wird sich vielleicht in den kommenden Episoden noch herausstellen, aber er fällt in den ersten 45 Minuten schon ziemlich ungut auf.

Die ersten Worte aus seinem Mund sind eine abfällige Bemerkung über seinen pubertierenden Sohn (Lino Gaier) und ein tiefer Seufzer, weil er jetzt Zeit mit ihm verbringen muss. Gleich darauf lässt er Patrick das erste Mal im Stich. Am Schluss dann ein weiteres Mal, noch dazu blamiert er ihn vor Publikum. Beide Male gab es absolut keinen Grund dafür. Der Fall ist weder besonders dringend – das Opfer ist im Krankenhaus, die Täterin in Haft – noch hat er irgendwelche politischen oder öffentlichen Implikationen, die besondere Maßnahmen erfordern. Beim zweiten Mal ist es ähnlich. Der Täter ist im Krankenhaus und geht nirgendwo hin. Da hätte er zwei Stunden später auch noch hinfahren können.

Sucht der Sohn eventuell durch die Beschäftigung mit Zauberei die Nähe zum abwesenden Vater? Besonderes Talent scheint Patrick nämlich nicht zu haben. Wenigstens hat die Folge noch ein Happy End für ihn und als er mit dem Mädchen am Kuchenbuffet steht, muss er nicht mitansehen, wie sein Vater ein Lächeln und einen Trick für ein beliebiges anderes Gschropp übrig hat.

Könnte es mit der Beziehung zu seiner Exfrau (Jaschka Lämmert) zusammen hängen, dass er seinen Sohn nicht unbedingt mag? Meiberger hängt eventuell noch an ihr, hofft auf ein Zurück. Dass Karo wieder heiraten und schon bald mit dem Neuen zusammenziehen will, schockiert ihn sichtlich. Er argumentiert die Kränkung mit „Da geht’s um meine Famile“ (nicht „unsere“, MEINE) und wir glauben ihm das sogar kurz. Aber ist Patrick vielleicht nur die dauerhafte Erinnerung an die gescheiterte Ehe und deshalb nicht mehr als Termine im Kalender, die jederzeit verschoben oder abgesagt werden können? Mal schauen wie er sich benimmt, wenn es zum angeteaserten Treffen mit dem(?) Neuen kommt.

Der Nächste, der es nicht verdient hat, ist Wallner. Die Staatsanwältin konsultiert Meiberger, weil der Kripochef angeblich überfordert wäre. Meiberger: Das kann vom Kreuzworträtsel bis zum Malbuch alles sein“ Fakt ist aber, dass Wallner in keiner einzigen Szene auch nur den Hauch von Inkompetenz vermittelt. Dass er nicht begeistert ist, wenn Zivilisten in seine Fälle reinreden, ist noch kein Verbrechen, wenn auch ein gängiges Instrument, einen Konflikt zwischen zwei Figuren zu etablieren. Dumme Sprüche zu seiner Kleidung muss er sich auch noch anhören. Weil er aber auch nicht als Sympathieträger inszeniert wird und selbst nicht gerade nett zum baldigen Publikumsliebling Ganslinger ist, übersehen wir, dass auch er ein Opfer von Meibergers unguten Charakter ist.

Außerdem noch im misanthropischen Repertoire Meibergers:

  • Eine glatte Lüge an Staatsanwältin Simma, dass er im Beruf keine Zaubertricks macht – direkt nachdem er Michaela mit einem Zigarettentrick manipuliert hat.
  • Abfällige Bemerkungen über Berufskollegen und ihre Methoden (Rohrschach-Tests).
  • „Das verstößt gegen mindestens zehn Vorschriften.“„Mindestens 20. Die Wahrheitsfindung steht über allem.“ Und Meiberer steht über so Lächerlichkeiten wie dem Gesetz. Und zum darüberstreuen mansplained er auch noch juristische Dinge gegenüber STAATSANWÄLTIN (und Doppel-Dr.in) Simma.
  • Als er Stefan dann auf den Kopf zusagt, die Aussage zu den Kreisbewegungen gelesen und sich die Bauchwunde selbst zugefügt zu haben, lästert er in seiner Abgehobenheit darüber, dass dieser ja „nur“ Chirurg und keine Neurologe sei.

Darin liegt übrigens ein weiteres Zauberkunststück der Pilotfolge: Dem Gelegenheitszuschauer fällt das nicht auf. Wir glauben, dass Meiberger ein absolut Guter ist, finden ihn sympathisch und sind auch nächste Woche auf seiner Seite. Ihn als Antihelden zu klassifizieren, dafür wäre es auch wirklich noch zu früh.

Das war eine Anamnese der ersten Folge, noch keine Diagnose der Serie. Es hängt davon ab, wie die Staffel in den nächsten Wochen die Charaktere entwickelt. Dafür sind wir hier. Es ist nicht so wie mit dem Satz, den Daniel Atlas (Jesse Eisenberg) gleich zu Beginn des Zaubererfilms „Die Unfassbaren“ sagt: „Kommen Sie näher. Näher. Denn je mehr Sie zu sehen glauben, desto einfacher ist es, Sie zu täuschen.“ Nicht mit mir, ich schaue ganz genau hin. Auch nächste Woche wieder.

Lists List

  • * Je nach Sichtweise ist „Meiberger“ die zweite oder dritte fiktionale Serie von ServusTV. Der Sender selbst spricht von der zweiten, demnach wäre „Trakehnerblut“ die erste gewesen. Es gab 2010 noch „Eine Couch für alle“, ein vierteilige Serie von Reinhard Schwabenitzky, in der es auch um Psychologie geht und ebenfalls eine Freud-Büste vorkommt. Hier gibt es einen kleinen Einblick und gute Gründe, warum wir genauso wie ServusTV darüber den Mantel des Schweigens breiten.
  • Apropos Wolfgangsee-Filme: Fritz Karl spielt in der quietschbunten Neuauflage von „Im Weißen Rössl“ von 2013 den Oberkellner Leopold. Der Film ist so unfassbar kitschig und ich bin vermutlich der einzige Mensch, der dem Film was Positives abgewinnen kann. (—> Trailer <—)
  • Im Podcast zu „Der Trafikant“ hab ich etwas kryptisch und off-topic gesagt, dass der Attersee nur der zweitbeste See im Salzkammergut ist. Ich glaube hiermit wäre klargestellt, welcher die Nummer 1 ist.
  • Ich mag Filme mit Zauberern. Vielleicht schaffe ich es jede Woche einen unterzubringen. Der diesmal erwähnte „Die Unfassbaren“ war zwar weit entfernt von gut, aber immerhin gute Unterhaltung. Im Trailer sagt die Synchronstimme von Morgan Freeman eine Variante des Satzes, den ich zitiert hab.
  • Als der Vater Mentor (Otto Schenk) die vermutlich produktplatzierte Müslischachtel runterschmeißt, mokiert er sich darüber wie saublöd die hingestellt war. Ich würde eher sagen, dass das das dümmste, unpraktischste und platzverschwenderischte Regal ist, das ich je gesehen hab. Das kann man nicht einmal inszenatorisch erklären.

    Also bitte. Foto: Screenshot
  • Als Meiberger am Tisch liegend vom Telefon geweckt wird, sagt er ganz klar er wäre „shoppen“, worauf Simma sagt „Du joggst nicht“. Aber das ist gar nicht was mich am meisten an dieser Szene stört. Ich hasse diesen Trope, wenn das Genie vor lauter Denken und nicht weiter wissen am Tisch einschläft. Ist nüchternen Menschen noch nie passiert. Sicher nicht für eine ganze Nacht und schon gar nicht SO.
  • Ich werde sicher keinen Text über eine Zauberer-Serie beenden, ohne darauf hinzuweisen wie furchtbar grottig der Film „Zauberer“ war. Hört meinen Frust im Podcast.

Ein Kommentar

  1. Andrea 8. Nov 2018

    Da habe ich aber einiges nicht bemerkt!!! Was das mit dem Regal sollte, bleibt wahrscheinlich allen verborgen. Und so eine „Mehlspeissauerei“ auf einem Schreibtisch – sehr respektlos!!!
    Jedenfalls weiß ich, worauf ich mich am nächsten Dienstag freue: auf die nächste Folge samt Deinen Kommentaren!

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