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Kritik: Schnell ermittelt 6×08 „Christine Zeitlberger“

„‘Schieß doch, schieß!‘ Sagt Ihnen das was, Frau Moser?“ Nach der Aussage des Apothekenräubers finden sich Jan und Anamo wieder im Verhörraum. Dort gibt’s aber mal wieder business as usual.

Während der heutige Fall ein paar überraschende Wendungen zu bieten hatte, kann man das selbe von der Geschichte um Jans verübten Mord nicht behaupten. Nachdem sich Apothekenräuber Philipp Lettner vor zwei Folgen stellte und Jan des Mordes bezichtigte, werden Jan und Anamo nun endlich wieder vorgeladen und einvernommen. Doch die zwei schweigen wie eh und je. Während Jan sich mal wieder nicht beherrschen kann und sich beinah verplappert („Wir reden später, die beobachten uns“), gibt sich Anamo ganz cool in der bewährten Rolle der Femme Fatale – nicht zuletzt dank des wirklich knallroten Lippenstifts.

Einerseits spannend, dass es für die beiden eng zu werden scheint. Andererseits haben wir das doch schon mal gesehen. Besonders das Ende der Folge ist aber ärgerlich, weil Jan und Anamo mal wieder freigelassen werden, da sich der Apothekenräuber verplappert und zugibt, dass er zur Aussage genötigt wurde. Das war zudem einigermaßen abzusehen, nachdem Zlatko es dem Jungen regelrecht eingebläut hatte. Und so stehen Maja und Schnabel Senior mal wieder dort, wo sie eigentlich schon die ganze Zeit über waren – uff. So langsam kann ich das Ende dieser Geschichte gar nicht mehr erwarten.

Auch ein Problem: Die Geschichte ist ziemlich kompliziert geworden, nicht zuletzt deshalb, weil „Schnell ermittelt“ des Öfteren verzichtet zu erklären, was denn nun die Handlungsaufträge und die Zusammenhänge sind. Warum genau sind die Erkenntnisse von Nico Schnabels Laptop so wichtig, um jetzt den Haftbefehl auszusprechen? Sie belegen, dass sich Nico und Anamo gekannt hatten, dass Drogen den Besitzer wechselten und dass Nico Schnabel von Anamos Vergangenheit wusste – aber inwiefern ist das nun der Beweis, dass Anamo und Jan mit dem Mord zu tun haben?

Die Details von Anamos Vergangenheit finden sich im Kleingedruckten. Foto: Screenshot

Die Last der Schuld

Auch bei den Ermittlern ist alles beim Alten. Angelika und Franitschek behalten ihre übliche Routine bei: Angelika geht es offensichtlich nicht gut, Franitschek macht sich Sorgen und bietet emotionale Unterstützung und Freiraum an („Ich kann allein auf diesen schwindligen Detektiv warten“). Angelika ist zu stolz um das anzunehmen, das ist emotional und immer toll gespielt, aber ist natürlich auch schon seit x Folgen ziemlich dasselbe. Seit ihrem Auszug aus dem gemeinsamen Haus mit Stefan sucht sie nun aber öfter alternativ Obdach – was in dieser Folge gelungenerweise sogar zu einem wichtigen Hinweis führt, als sie den Detektiv ertappt.

In „Christine Zeitlberger“ zeigen sich aber auch neue Seiten – vor allem von Stefan. Der hat die ganze Staffel über schon so tun wollen, als sei alles paletti – als gäbe es da noch ein Happy End für Jan. Doch nach dem neuerlichen Verhör von Jan und anschließend bei der Festnahme scheint die Illusion erneut und diesmal endgültig zerbrochen. Stefan scheint einen Schuldigen zu brauchen, denn anders lassen sich seine wiederholten Vorwürfe an Angelika nicht erklären. Das nimmt da gleich mehrmals wirklich merkwürdige Ausmaße an.

Etwa als er Angelika vorwirft, sie hätte ihnen das alles eingebrockt. Wovon redet er bitte? Es ist doch vollkommen absurd, Jan da aus der Schuldfrage auszulassen. Falls er nur von der großen gelebten Lüge redet, die zugeben erst aufgrund des von Angelika vernichteten Beweisvideos entstehen konnte. Hier Angelika als alleinige Schuldige hinzustellen ist einfach kurios. Jan oder Anamo oder er selber hätten doch jederzeit mit der Wahrheit herausrücken können.

Klar, Angelika ist als Mitwissende natürlich nicht ganz unschuldig, aber sie hängen da alle zusammen mit drin – und das ausschließlich wegen Jan. Nicht zuletzt hat Angelika aber auch deshalb Recht, weil sie, wie sie selber sagt, ja eh nichts weiter tun kann. Stefan kann wohl kaum verlangen, dass Angelika da noch einen Schritt weiter gehen könnte und die Ermittlungen weiterhin aktiv sabotiert. Um genau zu sein hat sie ja schon mehr getan, als man von ihr als Chefinspektorin erwarten hätte können (nämlich das Handy mit dem Beweisvideo zu zerstören) – von daher sollte Stefan mal schön den Ball flach halten.

Noch merkwürdiger ist allerdings Stefans Wutausbruch in der Pathologie. Verständlich, dass er nicht unbedingt von Angelika hören will, dass es vielleicht besser sei, die Wahrheit komme ans Licht. Wer will schon seinen Jungen ins Gefängnis gehen sehen. Verständlich auch, dass er Angelikas Last des Wissens um den Mord für geringer hält als es das Unglück wäre, das über Jan fiele, wenn er wegen Mordes ins Gefängnis ginge. Doch dann wirft er Angelika an den Kopf: „Ich halte diese Selbstgerechtigkeit, ich halt das nicht mehr aus – diese selbstgerechte Scheiße!“ Die Ironie, dass doch eigentlich Jan und Stefan selber selbstgerecht sind, müsste ihm doch quasi ins Gesicht springen. Dass sie es nicht tut, lässt ihn da zutiefst unsympathisch erscheinen.

Andererseits sehen wir auch die Seite des liebenden Vaters. Wir sehen unter anderem auch kurz, wie Stefan die weinende Kathrin tröstet, zu Angelika hochblickt und ihr nonverbal zu verstehen gibt: Das ist deine Schuld. Das hat Angelika einfach nicht verdient. Warum aber genau Kathrin weint, das bleibt uns „Schnell ermittelt“ schuldig. Haben Angelika und Stefan sie in die Wahrheit eingeweiht? Oder weint sie bloß, weil ihr „unschuldiger“ Bruder erneut des Mordes bezichtigt wird? Es ist wirklich schade, dass „Schnell ermittelt“ bei Kathrin nicht emotional mehr herausholt – schon die gesamten letzten beiden Staffeln über, aber besonders hier, wenn die Serie sie mal explizit ins Bild holt.

Majas großer Auftritt

Ebenfalls eine unerklärliche Ellipse ist Majas Erkenntnis, dass Jan wohl tatsächlich der Mörder zu sein scheint. Soweit ich das verstanden habe war sie bis zuletzt noch davon ausgegangen, dass Jan unschuldig ist. In „Christine Zeitlberger“ macht sie jedoch deutlich (vor allem in der letzten Szene), dass sie nun 100%ig von Jans Schuld überzeugt ist. Auch wenn die Aussage von Philipp Lettner nun juristisch wertlos ist, so scheint sie dennoch keinen Zweifel daran zu hegen, dass er die Wahrheit sagt. Schade, dass wir nicht sehen, wie schwer ihr diese Erkenntnis fallen muss.

Und das, obwohl wir Maja in dieser Folge so viel sehen wie schon seit den „Schnell ermittelt“-Filmen nicht mehr. Maja war seither und insbesondere in der 6. Staffel ein seltener Gast geworden, und wenn sie auftauchte, zeigte sie sich in ihrer Rolle als Ermittlerin nicht immer von ihrer besten Seite. Zugegeben, auch in „Christine Zeitlberger“ macht sie den einen oder anderen groben Schnitzer. Bevor sie am Ende der Folge Schnabel Senior vorwirft, den Zeugen beeinflusst zu haben, sagt sie ihm nämlich wortwörtlich: „Sie müssen das Gericht überzeugen, dass die beiden die Täter sind. Sie dürfen keine Zweifel haben!“ Es ist zwar bekannt, dass die Polizei gelegentlich Verdächtigen Worte in den Mund legt, aber schlussendlich lässt das Maja in dieser Folge ganz schön scheinheilig wirken.

Was schade ist, denn „Christine Zeitlberger“ ist sonst nämlich so ziemlich Majas stärkster Auftritt überhaupt. Wie sie versucht, Jans und Anamos Mauern zu durchbrechen ist ziemlich cool, wie auch ihr Auftritt bei Stanic, und mit Kemal findet sie trotz der Trennung von ihm einen guten Gesprächston (vielleicht einen zu guten? Bitteee!). Doch vor allem ihr Auftritt bei Schnabel Senior beeindruckt mit einer Eindringlichkeit, die wir selten von ihr gesehen haben – und das, nachdem sie sich von Schnabel Senior stets die wüstesten Dinge anhören musste. Maja war jetzt nie meine Lieblingsfigur, doch ihr Auftritt in dieser Folge verspricht, dass man in den letzten beiden Folgen der Staffel auf jeden Fall mit ihr rechnen darf. Ob sie dabei auf Angelikas Unterstützung zählen darf?

Noch mehr Bla:

  • Was ist denn das für eine Gegenüberstellung, wo einem nur zwei Leute gezeigt werden? Merkwürdige Szene. Und kannte Philipp die zwei nicht schon, warum musste er sie nochmal sehen?
  • Ich glaube Herr Bina war die nervigste Episodenfigur, die „Schnell ermittelt“ je hatte.
ORF/MR Film/Hubert Mican
  • Der Fall der Woche: Ganz nett. Ein paar coole Wendungen. Wie die Lügen des Detektivs in sich zusammenfielen war witzig. Das einzige, was ich der Folge nicht ganz abkaufe, ist der Grund, warum der Detektiv die Leiche eingewickelt und in die Donau geworfen hatte. „Mein Gott, so schlimm war das a nicht. Sie war ja schon tot!“, ist seine Begründung, nachdem auch Angelika ihre Zweifel äußerte – aber da gehört schon mordsmäßig viel Kalkül dazu, das zu tun. Anstatt halt anonym die Polizei zu rufen oder sowas. Warum Angelika und Franitschek ihm das glauben und ihn nach dem Geständnis einfach so laufen lassen, verstehe ich auch nicht so ganz.
  • Die Vorschau für nächste Folge verrät, dass es da wohl hauptsächlich oder vielleicht sogar gänzlich um den Schnabel-Fall gehen wird – obwohl das erst die neunte und somit vorletzte Folge der Staffel ist. Wird die Serie damit erstmals seit Staffel 3 wieder ein zweiteiliges Staffelfinale bieten? Das wäre ja sehr cool.
  • Titelbild: ORF/MR Film/Petro Domenigg

4 Kommentare

  1. jbu 6. Nov 2018

    Schöne Referenz zum Fall Lia Pollak „Was war denn ihre Lieblingsserie?“ „So a Schmalzserie.. Wege der Liebe. Mit einem Grafen. Und einem Schloß“ „Von Sandberg. Erik von Sandberg. So heißt er, der Graf. Wege der Liebe.“ …
    Wüßte sie nicht ohne den Fall..

    • Hannes Blamayer Autor des Beitrages | 7. Nov 2018

      Ja stimmt! Das hatte ich mir in meinen Notizen auch notiert, aber dann vergessen in den Artikel einzufügen. Und dabei finde ich, dass das mehr ist als bloß eine witzige kleine Referenz – für mich machen solch intertextuellen Referenzen die Serienwelten um eine ganze Ecke lebendiger. Krimifälle stehen ja so oft für sich und werden nie wieder erwähnt – das sind dann die Momente, wo die Serie in Erinnerung ruft, was alles schon passiert ist. Und es ist so ein bisschen Genugtuung und Lohn für diejenigen, die keine Folge verpassen.

      Ich wünschte, das würde „Schnell ermittelt“ öfter tun.

  2. Jana 6. Nov 2018

    Herr Bina – Johannes Silberschneider – gefiel mir als Lehrer Jagsch in „Tamara Morgenstern“ besser 🙌

    • Hannes Blamayer Autor des Beitrages | 7. Nov 2018

      Haha, gute Beobachtung.
      Fun fact: Beim Recherchieren zu dieser Folge habe ich übrigens die imdb-Seite der Fiona Hauser angeschaut, die ja die Kathrin Schnell spielt. Laut imdb ist sie in SOKO Wien/Donau bereits 3 mal aufgetreten, jedes Mal in neuer Rolle.

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