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Kritik: CopStories 4×02 „Arsch bleibt Arsch“

„CopStories“ hat viele Gesichter – und das nicht nur im wortwörtlichen Sinne. „Arsch bleibt Arsch“ zeichnet erstmals ein Bild, wovon Staffel 4 handeln wird – die Folge besticht aber besonders durch seine thematische Dichte.

Die Polizei, dein Freund und Helfer

Eine der durchgehend präsenten Themen von „CopStories“ ist der Umgang der Bevölkerung mit den Gesetzeshütern. Man sagt, die Verrohung unserer Gesellschaft macht vor dem Umgang in der Straße nicht halt, und heutzutage könne man sich viel mehr erlauben als in den guten, alten Zeiten. Aber stimmt das wirklich? „CopStories“ präsentiert uns jedenfalls eine klare Antwort darauf, und macht das besonders in dieser Folge sehr deutlich. Unsere Cops sehen sich täglich mehrfach mit Beschimpfungen und Ausrastern aller Art konfrontiert – da heißt es, einen kühlen Kopf zu bewahren. Gerade für Hitzköpfe wie Sylvester nicht immer einfach.

Besonders schwierig gestaltet sich die Arbeit, wenn der oder die Verdächtige sich partout als Opfer sehen will, egal wie aggressiv sich diese Person benimmt. Ein Radfahrer fährt bei rot über die Ampel? Einsicht Fehlanzeige, stattdessen unterstellt man den Polizisten, am Strafgeld mitzuverdienen, um ja nicht den eigenen Fehler einzugestehen müssen. Und dann bekommt Patrizia die Rechnung bestellt, dass sie den österreichischen Bürger zu einem Polizeihasser erzieht, nur weil man den Deliquenten nicht ungeschoren davonkommen lässt. Es ist eine bittere Wahrheit, die „CopStories“ da in einer eigentlich kleinen Nebengeschichte erzählt: Gegen manche Leute kann man einfach nicht gewinnen, denn Orschloch bleibt Orschloch. Und dann muss man noch selbst deren Scheiße wegwischen.

Obwohl die Staffel vor über drei Jahren gedreht wurde, ist das Thema mit dem Umgang mit der Polizei aktueller denn je. Vor gerade mal einem Monat diskutierte ganz Österreich, ob man einen Polizisten „Oida“ nennen darf. Die Schmerzgrenze der Polizisten in „CopStories“ ist da für gewöhnlich deutlich höher, vor allem aber auch situationselastisch – manchmal ist es einfach besser, sich kurz „Oida“ nennen oder den Nackerpatzi „Geh schleich di!“ brüllen zu lassen (wie es im Staffelauftakt der Fall war), wenn es gerade etwas Wichtigeres zu tun gibt. „Blöde Polizei-Fut“ ist da hingegen jenseits der Schmerzgrenze – also gehen Sylvester und Patrizia der Sache nach. So richtig befriedigend endet die Geschichte bewusst nicht, Einsicht nach wie vor Fehlanzeige. Es ist für mich schwierig zu eruieren, inwiefern das dem tatsächlichen Polizeialltag entspricht, oder inwieweit „CopStories“ da bloß Einzelfälle dramatisch verdichtet – vielleicht haben wir einen Leser, der/die uns vom tatsächlichen Polizeistreifen-Alltag berichten kann?

Bromance und Romance

Aber zurück zu unseren Cops. In „Arsch bleibt Arsch“ bekommt Patrizia erstmals so richtig Kontur, als sie Sylvester überraschenderweise ordentlich Paroli bietet. Sie ist hart im Nehmen, heult nicht lang rum, wenn ihr Fahrradfahrer Manfred Lang reichlich unprovoziert ins Gesicht schlägt – und verzichtet dann sogar darauf, ihn dafür anzuzeigen. Ist es, wie Sylvester spekuliert, weil sie ihm was beweisen will? Oder weil sie Manfred Lang nicht zu einem Polizeihasser erziehen will (wozu es natürlich überhaupt keinen gerechtfertigten Grund gäbe, aber Manfred Lang würde das nie einsehen)? Oder läuft das aufs selbe hinaus? Es ist ein faszinierendes Thema, und schlagartig gehört Patrizia für mich damit zu einer der interessanteren Figuren der Serie – auch, weil mir ihre Chemie mit Sylvester in „Arsch ist Arsch“ ziemlich imponierte. Ob ich die beiden shippe, da bin ich mir noch nicht so sicher – nicht, dass Patrizia da zu sehr in Tinas Rolle fällt.

Andererseits scheint Sylvester aber auch tatsächlich einen neuen Buddy zu brauchen, weil Flo sich scheinbar aus der Kreitnergasse und somit auch der Serie verabschieden will. Wenn dem tatsächlich der Fall ist handelt es sich bei„Arsch ist Arsch“ um einen bewusst unwürdigen Abgang. Während Flo sich schweren Herzens verabschieden will, zeigen ihm die Kollegen (teilweise unwissentlich) die kalte Schulter: Mathias denkt es sei nur vorübergehend, Lukas ist sein Weggang eher egal („Alles Gute“), Eberts will bloß, dass er einem Bekannten in Graz grüßt, und sonst hat auch irgendwie nie jemand richtig Zeit, um ihm zuzuhören.

Trotzdem: Sylvester per Zettel am Spind Aufwiedersehen zu sagen ist in etwa so, wie wenn man mit der Freundin per SMS Schluss macht. Kann es das wirklich gewesen sein? Einzig bei Vickerl kann sich Flo einigermaßen gebührend verabschieden, und dieser schenkt ihm eine seiner schönsten/hässlichsten Habseligkeiten: eine groteske Clown-Maske, die den Begriff Uncanny Valley ganz neue Bedeutungsnuancen verleiht.

Sayonara, guter Freund. Foto: ORF/Petro Domenigg.

Es ist auch dramaturgisch ein eher unrühmlicher Abgang – die freiwillige Versetzung ist zwar eine schöne Erklärung für den Brief in „Blede Gschicht“, dennoch kommt die Entwicklung ganz schön plötzlich daher. Rückblickend wäre es wahrscheinlich dramatischer gewesen, wenn wir schon am Ende der 3. Staffel erfahren hätten, dass seine Ex und seine Emma nach Graz ziehen, und Flo nun im Zwiespalt zwischen Nähe zu seiner Tochter und seinen Freunden und Kollegen in Wien stünde. Dass die Serie seine Entscheidung hingegen so spontan präsentiert, lässt darauf schließen, dass Flos Abgang nicht geplant war. Schade drum, weil uns David Miesmer immer gefiel, aber Sylvester aus dieser gemütlichen Bromance zu holen hat auch ihre verlockenden Seiten – vor allem, weil die Serie damit noch mehr Gründe hat, Patrizia etwas Interessantes zu tun zu geben.

Sylvester wird wohl auch deshalb in Zukunft häufiger Patrizias Partner, weil die Serie nun darauf zu bestehen scheint, Roman und Mathias gemeinsam auf Streife zu schicken. In „Arsch bleibt Arsch“ wird das fast zur Spitze getrieben, weil Bergfeld, Itchy & Co. immer wieder die Hilfe von der Streife anfordern und Roman und Mathias immer zufällig jene sind, die gerade in der Nähe sind.

Die beiden lassen keine Gelegenheit aus, um über ihr zukünftiges Kind zu sprechen. Das ist bei weitem nicht so doof, wie man das vielleicht erwarten hätte können, nachdem der Dreier in Staffel 3 ein wenig aufgesetzt wirkte. Es ist eigentlich ganz schön, zu sehen, wie Mathias und Roman nach und nach ihre Differenzen beiseite legen, die sich in Staffel 3 beim Zusammenleben aufstauten. Jetzt ist es mittlerweile sogar so weit, dass Mathias von „unserem Kind“ spricht, und damit sich selbst, Roman und Bettina meint. Was wohl Romans Mutter zu dieser ungewöhnlichen Familienkonstellation hält?

Berischers neuer Palast

„Arsch ist Arsch“ ist nicht nur thematisch dicht, sondern gibt uns auch einen besseren Einblick, worum es in dieser 4. und wohl auch letzten Staffel „CopStories“-Staffel im Großen und Ganzen gehen wird. Im Gegensatz zum „Respekt gegenüber Polizisten“-Thema hat die Serie beim Asylanten-Heim nicht das Glück, damit topaktuell zu sein – da rächt es sich ein wenig, dass die Serie so lang auf ihre Ausstrahlung warten musste. Klar, Asylpolitik ist ein Dauerbrenner, aber mittlerweile hat der deutschsprachige Fiktionsmarkt das Thema reichlich bearbeitet. Mal sehen, was „CopStories“ daraus macht – die Serie muss sich schließlich nicht verbiegen, um darüber zu erzählen, und hat auch schon seit ihrer ersten Folge Ausländer und aus dem Ausland stammende Österreicher zu einem wesentlichen Bestandteil der Geschichten gemacht.

Der erste Eindruck in Staffel 4 ist schon mal stimmig, weil die Serie viele Probleme ganz gut einfängt. Die Sprache als Barriere etwa, oder die engen Zustände im Asylantenheim, oder die Bestätigung diverser Vorurteile von Eberts, ausgedrückt in der Frau, der es verboten ist, mit einem fremden Mann zu sprechen – da ist die Verzweiflung und Genervtheit der Kripo-Beamten deutlich zu spüren. Ganz klar, die Ermittlungen werden nicht einfach sein, und so kommt es auch, dass erst gegen Ende dieser zweiten Folge der Staffel herauskommt, dass ausgerechnet Berischer der Besitzer des Heims ist. Ein Schelm, der beim für Menschenhandel bekannten Berischer Böses  denkt – obwohl auch Berischer im Dunkeln zu tappen scheint, was da in seinem eigenen Heim vorfiel.

Berischer indes, das haben wir in der Folge zuvor schon ganz richtig eingeschätzt, testet mit größtem Vergnügen die Grenzen aus, und das nicht nur die sprichwörtlichen. „Versehentlich“ habe er seinen erlaubten Bereich verlassen, aber doch so unversehentlich, dass er auf die Sekunde genau die Ankunft der Polizisten misst, und auch so, dass diese ihn in einer denkbar unangenehmen Situation hochnehmen. Nicht, dass Berischer selbst so etwas wie Scham kennen würde, zeigt er doch sein Stück ungeniert her – ich glaube, „CopStories“ schielt da auf irgendeinen Rekord in Sachen Genitalien, die eine Serie (fast) zur Hauptabendsendezeit ausstrahlt.

Wie dem auch sei – Berischer bleibt uns als Antagonist erhalten, während ihm der Tapetenwechsel gut tut. Menschenhandel scheint zwar immer noch sein Metier zu sein, sein Business ist jetzt aber vielseitiger. Insbesondere bleibt uns damit vorerst seine schwer erträgliche Frauenfeindlichkeit erspart, von der „CopStories“ in Staffel 3 ein wenig zu viel des Guten (bzw. Schlechten) zeigte – nicht, dass man so einen Frauenhass nicht darstellen dürfe, aber unangenehm war es schon. Lieber sehen wir, wie Berischer zu allen ein Arschloch ist – zumindest bis ihn Bergfeld und Co. dingfest machen können.

Noch mehr Bla:

  • Beitragsfoto: ORF/Hubert Mican.
  • Heimliches Highlight der Folge: die Hintergrundmusik während der Asylantenheim-Sequenz.
  • Die gewohnt hervorragende Titelwahl in der Schlussmontage fiel diesmal auf „You Don’t Understand me“ von The Raconteurs.
  • Warum heißt die Folge nicht „Orsch bleibt Orsch“? Der deutsche Name ist gerade deshalb verwunderlich, weil sich die Serie sonst so offenkundig bemüht, ihre Folgen mit coolen österreichischen Begriffen zu betiteln, obwohl die das Geschehen manchmal höchstens tangieren.
  • Hey, Leila bekommt eine private Storyline! Die drei Zeilen der Cousine haben mich schauspielerisch aber nicht gerade aus den Latschen geholt…
  • K.O.-Tropfen-Susi ist aber auch ein genialer Name für eine Serienstraftäterin.
  • Warum spielt die Serie das nicht aus, dass Itchy dringend Geld braucht, und er da 75.000€ zum Greifen nah hat? Da könnten ja locker ein paar Öcken verloren gegangen sein, und Itchy ist jetzt nicht dafür bekannt, einer jener Polizisten zu sein, die Helgas Anweisungen, Dienst nach Vorschrift zu machen, befolgen würden. Verpasste Chance, ihn zumindest ein wenig mehr hadern zu sehen.
  • Erwähnen muss man auch wie inszenatorisch aufwendig diese Folge war. Da sind zum einen die vielen Extras in ebenso vielen Sprachen im Asylantenheim und dann die Kooperation mit den Wiener Linien. Da wurden Überwachungskamera-ähnlichen Bildern hergestellt oder die bereits vorahndenen Überwachungskameras angezapft und in den Szenen in den Stationen hat es auch nur so von Extras gewimmelt. Oder echten Passanten. Da wurde nämlich am Tag gedreht und sicher keine U-Bahnstation dafür gesperrt. Respekt!

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