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Kritik: Meiberger 1×02 – “Absturz”

In einer mehr als soliden Episode Krimifernsehen löst Meiberger den Fall ganz alleine, während sich sein Privatleben überschlägt. Nepo Wallner und Ganslinger haben nämlich was anderes zu tun.

Nepo Wallner: Es ist 17 Uhr. Ich hab Dienstschluss.
Meiberger: Es ist wichtig.
Nepo Wallner: Ja, morgen früh um 9 ist es wieder richtig.

Der Kripochef hat sich bisher nicht als Poet hervorgetan, der so einen halbwegs intelligenten, wenn auch eher einfachen zweisilbigen Endreim einfach so spontan aus dem Ärmel schütteln könnte. Anschlussfehler also. Servus TV macht daraus kein Geheimnis: Einige der Szenen wurden aus Kostengründen in Wien gedreht. So etwas ist natürlich eine Herausforderung für die für Szenenanschlüsse zuständige Continuity und wenn dann noch innerhalb der Szenen unterschiedliche Drehorte verwendet werden (was ich hier vermute), dann kann sowas schon einmal passieren. Nach joggen/shoppen – nachzulesen in unserer Besprechung von Folge 1 – ist das aber jetzt schon das zweite Mal und beide Male nicht zu überhören gewesen. Ärgerlich.

Aber auch sonst wiederholt „Absturz“ einige Elemente der Pilotfolge, macht aber auch einiges anders. Die Figuren sind eingeführt, also hat der Fall (Doppeldeutung!) gleich etwas mehr Luft und ist auch ungleich spannender. Eine Frau stürzt aus dem Fenster und jeder – inklusive ihr selbst – kann es gewesen ein. Jeder und jede Verdächtige hat ein Motiv und am Ende gelingt der Folge doch noch ein kleiner Twist. Chapeau, das war eine deutliche Steigerung zu letzter Woche.

Die episodischen Figuren hätten wieder am meisten Schliff vertragen. Ganz zu Beginn lallt der Verdächtige einige sehr bedeutungsschwangere Sätze, aber sein Hintergrund und was ihn überhaupt zum Saufen gebracht hat, wird einfach mit keiner Silbe mehr erwähnt. Da könnten wir jetzt alle durchdeklinieren, aber das wäre i-Tüpfelchen-Reiterei.

Jetzt kommt das ABER. Es ist für mich nicht ganz greifbar, aber irgendwie war der Fall zu vorhersehbar. Irgendwie hab ich das Lehrbuchschema in der Struktur dahinter gesehen. Meine Vermutung ist, dass die geübten Krimischauer unter euch ähnlich wenig überrascht waren. Wir können argumentieren (nicht kritisieren), dass der Fall zu gut, zu glatt, ohne echte Ecken und Kanten und ohne echte Probleme war.

Hinzu kommt – und damit bin ich jetzt vermutlich wieder allein – dass es manchmal einfach nicht hilfreich für den Sehgenuss ist, wenn man sich so intensiv mit dem österreichischen Film auseinandersetzt wie ich das mache. Da sind die Credits nämlich oft schon Spoiler. Als Michael Pink (spielte Hausmeister Amon) ganz zu Beginn bei den Episodenrollen gelistet wurde und zuerst nur kurz in einer verschwommenen Rückblende zu sehen war, wusste ich bereits dass der noch eine gewichtige Rolle spielen wird.

Von 0 auf 180

Entwickelt hat sich die Beziehung zwischen Staatsanwältin Simma und Meiberger – und das gleich ordentlich. Waren die Flirtversuche von Seiten Meibergers in Folge 1 noch eher unter „Charme als Werkzeug eines Zauberkünstlers“ einzuordnen, funkt es in dieser Folge ganz ordentlich zwischen den beiden. Von 0 auf 180 in nicht einmal 90 Minuten. Dass Meiberger aber mit der neuen Bekanntschaft Hannah gleich double-dipptflirtet und parallel immer noch eifersüchtig auf den Neuen seiner Ex ist, rehabilitiert ihn nicht von meinen Vorwürfen von letzter Woche: Er ist immer noch ein bissi ein Arschloch.

Foto: Screenshot

Auch die Kripo bekommt wieder ihre Dosis Verachtung – mehrmals. Immerhin geht es diesmal nicht direkt gegen Nepo Wallner, der sich wieder absolut nichts zuschulden kommen lässt. Wir lernen auch, dass Meiberger diese Geringschätzung der Kriminalpolizei gegenüber von Vater Mentor Giovanni erbte. Otto Schenk ist wieder charmant, aber sinnlos mit seinem ordinären Pseudolatein.

In der Pluskolumne verbuchen wir die schwarze Katze, um die sich Meiberger fast liebevoller kümmert als um den eigenen Sohn. Der zahlt ihm die Gemeinheiten von letzter Woche gleich ordentlich zurück. Plötzlich hat sich das Verhältnis gedreht und man könnte fast Mitleid mit Meiberger haben. Aber wirklich nur fast.

Was ich auch nicht verstehe ist, warum die Fälle wieder so künstlich dringend sind. Da ruft diesmal die Richterin höchstpersönlich an und bestellt ein Gutachten, das so wichtig ist, dass sie sogar bereit ist sich um sämtliche Strafzettel von Meiberger „zu kümmern. Grüß Gott, Amtsmissbrauch. Und warum genau hat Wallner den Ganslinger so dringend gebraucht? Freier Tag ist freier Tag.

Meiner Forderung nach mehr Screentime für Ganslinger wurde nicht gefolgt. Wieder ist er eher sinnlos und hat weder für den Plot noch für Wallner irgendeine wirkliche Bedeutung. Was genau seine Position bei der Kripo wissen wir noch immer nicht, aber es werden ganz neue Seiten von Ganslinger offenbart. Die Puddinggolatschen sind wohl echt der Bringer.

Den Blick von Wallner, als er Ganslinger am See in Damenbegleitung „erwischt“, kann man auf zwei Arten deuten. Variante 1 „Hat der Ganslinger überhaupt schon Haare am Sack?“ oder Variante 2 sowas wie echte (stief)väterliche Skepsis jeder Freundin des Sohnes gegenüber, weil Wallner selbst in den letzten Monaten irgendwie in eine vaterähnliche Rolle gewachsen ist.

Verwunderung oder (väterliche) Sorge? Nepo Wallner (Cornelius Obonya) versteht die Welt und Ganslinger nicht mehr. Foto: Screenshot

Und damit wären wir auch schon beim größten Nichttwist der Episode. Letzte Woche hab ich mir noch ein kleines Fragezeichen nach dem männlichen Artikel erlaubt, weil da eine Frau gemeinsam mit Karo ein wenig zu lange im Bild war und weil es ziemlich en vogue in der heutigen Serienschreibe ist, dass irgendwelche Expartner die sexuelle Orientierung wechseln. Schockiert und interessiert sowieso niemanden mehr, aber man weiß ja nie, was man in Österreich noch für edgy hält. Aber mein zweiter Tipp war von Anfang an Nepo Wallner.

Das erklärt ziemlich gut, warum er Meiberger bisher einfach kein richtiges Kontra geben wollte und die Beleidigungen relativ gelassen hingenommen hat. Das wird sich jetzt vielleicht ändern – aber eventuell auch die Beleidigungen von Meiberger. Der von mir vermisste Konflikt ist jetzt auch von 0 auf 180 hochgefahren und genau im spannendsten Moment ist es vorbei und wir müssen uns bis nächste Woche gedulden.

Lists List

  • Die Optik konnte das Niveau der Pilotfolge nicht halten. Mehrmals die gleiche Serpentine von oben hat es echt nicht gebraucht. Und mein geliebter Wolfgangsee war auch viel zu kurz im Bild.
  • Warum genau hat eine erfolgreiche, vermutlich gut vernetzte Staatsanwältin so wenige Nummern in ihrem Handy und warum ist eine davon die von Kevin Ganslinger. Der wird doch nicht etwa auch mit ihr…? Ich mein, jetzt müssen wir ihm alles zutrauen.
  • Ganslinger ist übrigens nicht umsonst der Mehlspeisbeauftragte. Die Eltern haben eine Konditorei. Hoffentlich lernen wir Mama und Papa auch einmal kennen. Für die Mutter fantasycaste ich Veronika Polly. Für Vater Ganslinger fällt mir kein Österreicher ein und wir müssen wohl international suchen. Ich glaube Red Bull könnte sich Damian Lewis für einen Drehtag locker leisten, oder? Conan O’Brien hingegen brächte die nötige Schlaksigkeit mit. Andere Vorschläge bitte in die Kommentare.

Fotos: Management Rehling (Polly), Wikipedia (Siebbi, Lewis; Gage Skidmore, O’Brien). Titelbild: ServusTV / MonaFilm / Olaf R. Benold

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