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Kritik: Schnell ermittelt 6×09 „Dominik Fiedler“

Jan und Anamo sind frei. „Dominik Fiedler“ zeigt uns Angelika auf ihrem Tiefpunkt – was nicht nur bei Angelika zuhause für Probleme sorgt, sondern beginnt, auch ihre Arbeit negativ zu beeinflussen. Das macht den Fall umso spannender.

Die Zeitkapsel

Bevor wir in die heutige Folge einsteigen, wollen wir uns mal für etwas Zeit nehmen, was wir eigentlich schon die ganze Staffel über ansprechen wollten, aber nie so recht die Gelegenheit für fanden: der Vorspann. Der hat schon sichtlich ein paar Jährchen auf dem Buckel, ist schließlich auch seit der 1. Staffel gleich geblieben – und trotzdem hat er sich, und das ist ja gerade das Bemerkenswerte, unheimlich verändert.

Anfangs war das Intro ja ganz nett: Eingängige Musik, ein paar nette Gags, ziemlich selbsterklärend, und es macht Spaß zu rätseln, wie die vielen Ursula Sträusse allesamt in die selbe Kamerafahrt gekommen sind. Irgendwann wurde der Vorspann dann aber ein wenig altbacken – die Schrift ist nicht gerade modern, die Kinder waren mittlerweile größer, und Morteza Tavakoli stieß in Staffel 3 zum Hauptcast dazu, wurde jedoch komischerweise nie im Vorspann erwähnt. Selbiges kann man über Simon Morzé und wohl auch Lilly Epply in den späteren Staffeln ebenfalls sagen, die mittlerweile öfter zu sehen sind als Maja – anhand des Vorspann ist nicht mehr ersichtlich, wer denn nun offiziell zur Hauptbesetzung gehört und wer nicht.

Aber dann hat die Serie zu Beginn ihrer fünften Staffel den mittlerweile erwachsenen Jan auf eine düstere Bahn geführt, und spätestens seit 5×10 „Alan Richter“ enthüllte, dass Jan tatsächlich zum Mörder wurde, erstrahlt das Intro in gänzlich anderem Licht. Während der Vorspann ursprünglich die Serie kurz und knackig zusammenfasste, erfüllt er nun einen anderen narrativen Zweck. Jetzt ist das Intro nichts anderes als eine Zeitkapsel, die in jeder Folge den Zusehern in die Magengegend zwickt: So war da alles früher, als alles noch besser war.

Da waren alle noch jung: Vor allem die Kinder, aber auch an Angelika, Franitschek und Maja sind die Jahre nicht ganz spurlos vorbeigezogen – sowohl physisch als auch mental. Damals, als die Schnells noch unbedarft gemeinsam Eis essen gingen. Damals, als Maja noch im Team war. Damals, als die Serie selber noch heiterer war. Heute tut diese Erinnerung einfach nur noch weh. Dass sich der Kontext des Intros so ändern würde, das hat die Serie sicher nicht geplant – aber einem geschenkten Gaul schaut man auch nicht ins Maul. Und so ist das Intro in jeder Folge ein stilles, subtiles Highlight einer jeden Folge.

Emotionale Spiegelungen

Doch nun zur Folge. Am Ende der 5. Staffel („Alan Richter„) hatten wir uns von der Serie gewünscht, dass die Fälle der einzelnen Folgen stärkere Parallelen zu den Geschehnissen der durchgehenden Geschichte hätten. Im Nachhinein betrachtet vielleicht ein optimistischer Wunsch – erstens, weil das dann auch schnell formularisch werden kann, und zweitens, weil die Serie das in den vergangenen 5 Staffeln auch nie wirklich tat. „Dominik Fiedler“ ist allerdings der Beweis dafür, wie gut das funktionieren kann. Selten war die Auflösung eines Falls so emotional wie hier, als Angelika die Astrid überreden muss, die Wahrheit zu sagen, weil die Lüge sie sonst immer verfolgen würde. Dass die Serie so eine Parallele nützt, um Angelika über ihre eigene Geschichte reflektieren zu lassen, ist eine angenehme Überraschung. Vielleicht ist das aber auch ein Grund, warum die Serie das nur sporadisch tun sollte, denn sonst wäre das rein dramaturgisch ja voraussehbar gewesen, dass eines der Kinder Dominik Fiedler in der Sauna einsperrte.

Aber es gibt noch eine zweite Eltern-Kind-Beziehung in diesem Episodenfall, die als Parallele dient. Die ist aber deutlich subtiler: René Weiss trimmt seinen Jungen Ferdi darauf, im Sport erfolgreich zu werden, ohne Rücksicht auf dessen Zufriedenheit zu nehmen. Nicht, dass Angelika Jan ähnlich behandelt hätte, ganz im Gegenteil – sie stellte zwar Regeln auf wie alle anderen Eltern, aber sie räumte den Kindern auch ihre Freiheiten ein. Gleichzeitig geht ihr aber in diesen Tagen auch immer die Frage im Kopf um, was sie bei Jan falsch gemacht hätte. Und dann steht sie vor einem Elternteil, bei dem es leicht ist, den Schuldigen zu identifizieren. Sie sagt ihm dabei in unmissverständlichen Worten, dass er auf sein Kind genau Acht geben soll, weil sie ihm trotz all der Antipathie nicht das gleiche Schicksal wünscht wie das ihre – und für Ferdi will sie das sowieso nicht. Zudem nützt sie die Gelegenheit, um den aufgestauten Frust und den vielleicht auch entwickelten Zynismus an jemandem auszulassen – praktischerweise an jemandem, der es verdient.

Der Anfang des Schlussspurts

Generell ist „Dominik Fiedler“ eine eher atypische „Schnell ermittelt“-Folge. Nicht, weil sie tonal so daneben/anders wäre wie etwa 4×06 „Oleg Dinisowitsch„. Zugegeben: „Dominik Fiedler“ bekleckert sich diesbezüglich auch nicht gerade mit Ruhm, da gleich mehrere Nebenfiguren unglaubwürdig überzeichnet sind. Kevin Schneeberger ist zum Beispiel das, was sich wohl Leute unter „Nerd“ vorstellen, die noch nie einen Nerd näher kennen gelernt haben.

Die zweite Figur, die negativ auffällt, ist René Weiss. Der muss seinem Sohn ungelogen alle 15 Sekunden sagen, dass er nicht schlapp machen dürfe – und dann sagt er auch noch, platter geht’s kaum: „Geld regiert die Welt.“ Klar, das dient dann umso leichter als Vorlage, damit sich Angelika über seine Art echauffieren kann. Aber was für ein Mensch sagt einem Ermittler so etwas so offenkundig? Zwei merkwürdige Ausreißer aus einem sonst wirklich tollen Fall – als sich Astrids Kinder so indifferent über den Tod von Dominik Fiedler zeigen, ist einem schon zum Schlucken zumute.

Aber auch davon abgesehen ist „Dominik Fiedler“ anders. Anders auf eine Art, wie es etwa 3×09 „Karl Esch“ oder diverse Staffelfinale von „Schnell ermittelt“ waren. Das sind Folgen, in denen – im Gegensatz zu den 8 bislang gezeigten Folgen der 6. Staffel – die größere Staffelgeschichte den Fall der Woche entweder ersetzt oder maßgeblich beeinflusst. In „Dominik Fiedler“ tun die Konsequenzen von Jans Freispruch letzteres – Angelika ist die halbe Folge über nicht wirklich vernehmungsfähig, stattdessen muss Franitschek solo ermitteln. Und so fühlt sich die Folge an wie der erste Teil eines zweiteiligen Staffelfinales – genau, was wir uns gewünscht hatten.

Angelikas Talfahrt

Anders bedeutet Abwechslung, und das ist natürlich immer per se unterhaltsam. Franitschek mal solo ermitteln zu sehen ist cool, aber wenn er beim Zeigen der Dienstmarke seinen eigenen Namen sagen muss, hat das was echt Einsames an sich. Aber die Folge hat mehr als bloß Abwechslung zu bieten: Während sich Angelikas Gewissensbisse die gesamte Staffel über geäußert hatten und dabei so langsam drohten redundant zu werden, stürzt sie jetzt erstmal so in ein so richtig tiefes Tal. So tief haben wir sie noch nie in die Flasche schauen sehen, auf der Treppe erleidet sie einen Schwächeanfall, und im Auto bekommt sie keine Luft mehr, nachdem ihr Schnabel Senior versicherte, dass sie die Schuld nie loslassen würde – und er auch nicht. Angelika ist im Tal der Tränen angekommen.

Da fehlt jemand. Foto: ORF/MR Film/Petro Domenigg

Angelika ist am Ende, und das aus gutem Grund: Nicht nur, dass Jan und Anamo aus dem Schneider sind und frei herumlaufen, nicht nur, dass die beiden zusammenziehen und die Entlassung aus der U-Haft mit Kathrin feiern gehen (was uns auch die Antwort auf die Frage von letzter Woche liefert, ob Kathrin Bescheid weiß: nope.) Nein, Anamo muss es Angelika auch noch so richtig unter die Nase rubbeln. Anamo schwebte schon immer irgendwie in anderen Sphären, nicht nur wenn sie mit Jan turtelte, aber hier bekommt das nochmal einen ganz anderen Touch – eine voyeuristische Freude mit dem Lächeln des Teufels. Jan sagt da nix dazu – vielleicht sieht er es nicht, vielleicht will er es nicht sehen. Mit so einer rosaroten Brille sieht sich aber auch schlecht.

Und während Angelika nicht nur sprichwörtlich am Boden ist, sind es ihre treuesten Begleiter, die ihr aufhelfen. Poetischerweise tun das sowohl Franitschek als auch Stefan in dieser Folge – Franitschek im Treppenhaus, Stefan zu Hause. Fangen wir mit Franitschek an: die treueste Seele, die sich Angelika nur wünschen kann. Schon die gesamte Staffel über deckte Franitschek Angelika ohne mit der Wimper zu zucken den Rücken, und auch hier tut er das. Erstmals sehen wir aber, dass ihn das auch aufwühlt und er nicht ganz so ruhig bleibt, wie er uns gerne glauben machen ließe: Ansonsten ist das Rasen Angelikas Domäne, aber nach ihrer Panikattacke übernimmt Franitschek mal rasant das Steuer.

Auf der anderen Seite ist da Stefan, der Angelika nicht die ganze Staffel über schon den Rücken deckt. Im Gegenteil, die beiden hatten oft darüber Differenzen, inwieweit sie so tun können, als sei alles gut. Aber wenn es drauf ankommt, dann kann Angelika immer auf ihren Ex-Mann zählen. Es sind wohl die schönsten Szenen der zwei seit langem, weil sie sich schon lange nicht mehr so umeinander gekümmert haben (bzw. Stefan um Angelika).

Spekulationen

Und das bringt uns zur Tatsache, dass wir nur noch eine weitere Folge vor uns haben. Ob die Serie danach fortgesetzt wird, oder es sich dabei um das Serienfinale handeln wird, ist noch offen – und auch, welche Schauspieler noch dabei sein werden. Im Dezember letzten Jahres verlautete ja Andreas Lust (Rolle Stefan), dass er nach Staffel 6 aussteigen würde – doch die damalige Ausstiegs-Ankündigung auf Facebook wurde scheinbar gelöscht, aus welchen Gründen auch immer – nur noch das Foto und die Kommentare bleiben bestehen. Vom Kaputtsparen des ORFs in Sachen Drehtagen war im Post die Rede – wollte er die Kritik zurückziehen? Oder hat er sich mit dem ORF einigen können? Oder wollte er bloß den Spoiler rausnehmen? Wahrscheinlich ist es besser, dass wir es nicht wissen – denn so dürfen wir freier spekulieren, wie die ganze Geschichte ausgehen wird.

Ziemlich klar ist, dass Angelika wohl endlich reinen Tisch machen will und wird und sich damit bei Stefan, Jan und Anamo in Ungnade stürzen wird. Beweise hat sie freilich keine (mehr). Dass Jan und Anamo noch einmal davonkommen, halte ich für unwahrscheinlich – die Serie wird wohl nicht zwei Staffeln hintereinander das selbe Ende erzählen. Höchstens, Jan flüchtet (vielleicht mit Hilfe von Stefan) ins Ausland, Argentinien oder so – das wäre dann auch ein guter Ausstiegsgrund für die Stefan-Figur.

Vorstellen könnte ich mir, dass Jan und Anamo festgenommen werden, Anklage gegen Jan und Anamo erhoben wird und „Schnell ermittelt“ in seiner nächsten Staffel wie etwa Staffel 2 von „Broadchurch“ einen großen juristischen Prozess erzählt. (Hoffentlich nicht, von den Schnabels habe ich nämlich schön langsam die Schnauze voll.) Dagegen spricht, dass das Staffelende rund sein soll – laut Lust sei da ein Gefühl „von Ende“ für die Schauspieler gewesen.

Und so bleibt uns nur, noch eine Woche zu warten und zu hoffen, dass „Schnell ermittelt“ seinen Fluch bricht, in jeder geraden Staffel höchst antiklimaktisch zu enden. Staffel 2 endete ja mit Peter Feilers Tod durch ein zufällig kreuzendes Auto, Staffel 4 endete mit „die gesamte Staffel war ein Traum“ – beides schwer enttäuschende Enden. Im Vergleich dazu konnten Staffeln 1, 3 und 5 jeweils mit einem grandiosen Twist glänzen. Mal sehen, wo Staffel 6 landen wird.

Noch mehr Bla:

  • Beitragsfoto: ORF/MR Film/Petro Domenigg
  • Schade: Unsere Theorie, dass die letzte Folge der Staffel den Namen „Nico Schnabel“ tragen würde, hat sich nicht bestätigt – stattdessen wird es auch nächste Woche einen Fall der Woche geben.
  • Trotz all der Tragik und des Dramas kann die Serie auch noch nach wie vor so richtig witzig sein: „Sagen Sie, haben Sie diese Tapete ausgesucht?“ „Ja, wieso?“ „Puh…“
  • Schon klar, dass das Produzieren der SciFi-Serien-Clips, die sich Kevin Schneeberger reinzieht, zu teuer ist, damit das auch wirklich was aussieht. Trotzdem reißt einen das ganz schön aus der Welt der Serie raus.
Foto: ORF/MR Film/Petro Domenigg
  • Gibt es eigentlich noch ein Konzept für die Flashbacks, was die darstellen können und was nicht? In dieser Folge gibt es erstmals mehrere Szenen mit langen Dialogen, die als Franitscheks Erzählung der Hintergrundgeschichte des Falls dienen, und dann auch noch erstmals vor unseren Augen langsam verschwinden. Außerdem auch Angelikas Tagträumerei. Nicht zuletzt auch einen tatsächlicher Traum.
  • Die Folge ist voller schöner Zitate. „Sei froh, dass er nochmal davongekommen ist„, sagt Maja noch, während auf Angelikas Gesicht zu lesen ist: Das ist sie längst nicht mehr.
  • „Es is wies is…“

2 Kommentare

  1. Chris T. 13. Nov 2018

    Die „Flashbacks“ waren dieses Mal schon ziemlich anders inszeniert als sonst. Ob man das als Auswirkung von Angelikas Absturz deuten kann?
    Außerdem zeigen sie Dinge, die wir nur durch Franis Ermittlungen wissen – ob Angelika überhaupt davor schon von ihm gehört hat, dass es den Streit gegeben haben soll?

    • Hannes Blamayer Autor des Beitrages | 13. Nov 2018

      Sie nennen es Flashbacks, das stimmt – das waren sie in „Dominik Fiedler“ eigentlich tatsächlich, nicht nur Visionen. Dass die Serie irgendwann in ihrer 6. Staffel Flashbacks einführt, ist aber einfach komisch und unelegant.

      Frani sagt ja direkt nach diesen langen Flashbacks im Fußballheim sowas wie „Na, alles klar jetzt?“ Das ist denke ich so zu interpretieren, dass er Angelika gerade eingeweiht hat, wir aber seine Erzählung einfach visuell dargestellt bekamen.

      Schöne Grüße,
      Hannes Blamayer

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