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War das Ende von „Schnell ermittelt“ Staffel 6 ein Traum?

Das Ende der 6. Staffel „Schnell ermittelt“ lässt uns keine Ruhe. Eine populäre Fan-Theorie ist es, dass die letzte Szene bloß geträumt war. Wir haben das Ende nochmal genau unter die Lupe genommen.

Genau genommen gibt es zwei Theorien zum Ende von 6×10 „Louis Rauscher“: Einerseits, dass Jan vom Dach gefallen wäre, und andererseits, dass die Gerichtsszene am Ende nur in Angelikas Vorstellung stattfand. Die sich beide aber nicht gegenseitig ausschließen.

In der Kritik zum Staffelfinale sind wir nur kurz auf die Theorien eingegangen und haben sie in der Bla-Sektion des Artikels kurzerhand abgetan. Dabei haben wir aber einen logischen Fehlschluss gemacht: Wir betrachteten da zwei unterschiedliche Fantheorien als eine einzige und verknüpften diese gedanklich miteinander. Mit ein paar Tagen Nachdenkpause im Gepäck wollen wir das nun berichtigen und schauen uns das Ende nochmal genau an, um zu eruieren: Was ist denn da nun am Ende der Staffel wirklich vorgefallen?

Die Theorie: Jan ist vom Dach zu Tode gestürzt.

Pro:

  • Es passiert sonst in dieser Szene nicht wirklich etwas.
  • Die Jan-Anamo-Storyline der Folge ist merkwürdig konstruiert. Anstatt dass Jan und Anamo über das Auswandern nachdenken oder hadern sehen wir ausschließlich das Danach, nämlich wie die beiden feiern. Dieser Handlungsstrang mündet in die Szene am Dach.
  • Es wäre eine runde Geschichte, wenn Jan hier vom Dach stürzen würde: Die jugendliche Naivität, die ihn zum Mord an Nico Schnabel verleitete, bricht ihm schließlich selber noch das Genick. Wortwörtlich.
  • Die Kamera kostet es verdächtig lange aus, wie Jan da kurz vor dem Abgrund rumtorkelt.
  • In der Szene am Ufer mit Angelika und Franitschek hören wir eine Polizeisirene im Hintergrund, was darauf hindeuten könnte, dass bei Jans Absturz die Rettung kam.

Contra:

  • Die Szene am Dach deutet einmal an, dass Jan runterstürzen könnte, aber endet nicht darauf. Und das Ende einer Szene deutet meistens darauf hin, wie es weitergehen würde.
  • Obwohl nicht wirklich etwas passiert erzählt die Szene ja doch sehr viel. Jan und Anamo feiern – das Leben, das Jungsein, den Abschied, und vor allem sich selbst und dass sie damit (vermeintlich) durchkamen. Es verdeutlicht einmal mehr Jans Naivität, aber auch, dass Anamo einfach eine totale Psychopathin ist, die nur lacht, als Jan beinahe vom Dach stürzt – und so fasst sie die Beziehung der beiden noch einmal sehr schön zusammen. Und die dramatische Ironie, dass die beiden dann (leider off-screen) im Moment ihres größten Glücks verhaftet werden, ist schön.
  • Die Kamera inszeniert Jan ganz bewusst vor dem Abgrund, weil das einfach wunderschön aussieht. Und weil das Bild eine ordentliche Symbolkraft besitzt: Die Welt liegt ihm zu Füßen, glaubt Jan im Siegesrausch.
Foto: ORF/MR Film/Screenshot
  • Die Polizeisirene in der Szene am Ufer kann genauso gut einfach nur Atmo gewesen sein. Vor allem stimmt das zeitlich nicht zusammen: Wir sehen Jan und Anamo früh Abends feiern, anschließend sehen wir Angelika und Stanic nachts reden, und nochmal später gibt es erst die Szene am Ufer. Die Szene spielt also deutlich später als Jans Torkeln am Dach.

Unsere Konklusion:

Jan lebt.

So sicher sind wir uns:

98%.

 

Die Theorie: Die Gerichtsszene war eine Vorstellung von Angelika.

Contra:

  • An so eine Art von Vision könnten wir uns bei „Schnell ermittelt“ nicht erinnern. Eine, wo sich Ton- von Bildebene unterscheidet, wo die Beleuchtung derart anders ist, in der es eine Zeitlupe gibt. Eine, die überhaupt an einem Ort spielt, an dem Angelika ja nie war.
  • Diese Verfremdungseffekte im Gerichtssaal könnten die subjektive Wahrnehmung Angelikas symbolisieren – immerhin ist das wohl einer der angespanntesten Momente ihres Lebens.
  • Die Szene wird nicht eindeutig als Vision eingeführt. Üblicherweise sehen wir in Filmen und Serien unmittelbar vor einem Traum/einer Vision den Träumenden in Großaufnahme, um zu symbolisieren, dass wir in dessen Gedankenwelt eintauchen. Nicht so hier: Das letzte Bild vor der Gerichtsszene ist dieses hier, bei dem Angelika und Franitschek gleichermaßen prominent in Szene gesetzt sind. Eine Vision kann ja schwerlich von zwei Figuren stammen, oder? Vor allem weil die Gerichtsszene ja so klar aus Angelikas Sicht dargestellt wird.

    Foto: ORF/MR Film/Screenshot
  • Stefans Szene beim verschneiten Haus der Schnells hat im Gegensatz zur Gerichtsszene keinerlei Verfremdungseffekt, ist demnach real. Zwischen einer Traumszene mit einer realen hin- und herzuschneiden ergibt nicht wirklich Sinn.
  • Selbst angenommen, auch Stefans Szene wäre nicht real, sondern Teil der Vision – warum sollte Angelika in ihrer Vision einen anderen Ort sehen als den ihrigen? Denn während der Gerichtsverhandlung denkt sie ja nicht immerzu an Stefan, eher wäre es umgekehrt.
  • Es ist nicht eindeutig, ob das nun eine Vision, ein Wunsch oder ein Flash Forward sein soll.

Pro:

  • Die Szene ist voller oben genannter Verfremdungseffekte. Angelika ist wortwörtlich im Spotlight, weil es ihre Vision ist. (Nicht, dass das in anderen Visionen auch so wäre, in denen Angelika selber auftaucht.)
So eine schlechte Ausleuchtung hat kein Gerichtssaal der Welt. Foto: ORF/MR Film/Screenshot
  • Dass die Serie mit Träumen, Visionen und Vorstellungen arbeitet, daran ist wirklich nichts Außergewöhnliches. Und zwar nicht nur an Tatorten mit impressionistischen Bildern. Erinnern wir uns etwa ans Ende von Staffel 3, als Angelika sich vorstellte auf der Krankenbahre mit Stefan und Frani zu scherzen, während sie in Wirklichkeit bereits künstlich beatmet werden musste.
  • In Staffeln 5 und 6 hat die Serie ihre ursprünglichen Regeln für Angelikas Visionen aufgegeben und ist seither wesentlich beliebiger darin, was die darstellen können – mittlerweile auch etwa Franitscheks Visionen (in 5×08 „Viktor Urbach„) oder Erzählungen von Franitschek (in 6×09 „Dominik Fiedler„). Dass „Schnell ermittelt“ in seinem Staffelfinale eine neue Art von Vision einführen würde, wäre nicht verwunderlich. Warum also nicht auch mal eine Vorausblende? Oder eine Wunschvorstellung?
  • Dafür, dass die Visionen anderswo stattfinden können als dort, wo sich Angelika gerade befindet, gibt es bereits einen Präzedenzfall. Die gesamte 4. Staffel war ja erträumt, während Angelika im Krankenbett lag – da sah sie ständig Orte und Menschen, die sie nie kennen lernen konnte.
  • Ein Detail, das wir bei unserer Kritik zum Finale nicht beachtet hatten, worauf uns aber eine aufmerksame Leserin dankenswerterweise hinwies: Das Lächeln, das Jan Angelika zuschießt, kurz bevor sie sich endgültig entscheiden muss, ob sie aussagen möchte oder nicht. Es ist eine höchst subtile Geste, die wir auf unserem kleinen Bildschirm leider nicht gesehen hatten:
Im Standbild nicht so gut zu erkennen: Das ist ein Lächeln. Foto: ORF/MR Film/Screenshot

Dieses Lächeln könnte vieles bedeuten – von einer Zustimmung bis hin zu einem süffisanten „schau was aus uns geworden ist.“ Doch im Gegenschnitt sehen wir Angelika die exakt selbe Bewegung mit ihren Lippen machen, und in der Spiegelung erkennen wir, dass es da einen Moment gibt, wo sich die beiden einander zu verstehen geben: Wir stehen auf der gleichen Seite. Wir gehen das jetzt an. Den langen Weg zurück in die Gesellschaft. Und der beginnt mit der Wahrheit.

Auch hier im Standbild nicht so gut zu erkennen: Lächeln. Foto: ORF/MR Film/Screenshot

Nur ist es aber so, dass nichts, aber auch gar nichts, in Staffel 6 darauf hingewiesen hätte, dass Jan zu solch einer Erkenntnis überhaupt imstande wäre. Besonders 6×10 „Louis Rauscher“ bestätigt ja in der Jan-und-Anamo-Storyline, wie tief Jan gesunken ist. Nie haben wir nur einen Anflug von Reue gesehen. Wieso sollte die Serie also hier plötzlich eine 180°-Drehung machen? Das wäre konträr zu allem, was die Serie in dieser Staffel über Jan erzählt hat. Aber was wir gesehen bzw. gehört haben ist Angelikas geäußerte Hoffnung, dass Jan zu diesem Punkt gelangen wird. Und dass sie ihm dabei helfen wird.

Und dieses kurze geteilte Lächeln deutet an, dass es gelungen zu sein scheint. Zumindest, so nun unsere Theorie, in Angelikas Vorstellung. Falls die Serie nicht fortgesetzt wird, bleibt es an uns, zu entscheiden, ob es denn nun eine Hoffnung blieb oder ob es dann tatsächlich zu diesem Lächeln kam. Und falls es zu Staffel 7 kommt, so wird sich zeigen, an welcher Stelle der Timeline „Schnell ermittelt“ da wieder anknüpfen wird.

Unsere Konklusion:

Es war eine Vision, die Angelikas Wunschtraum symbolisiert.

So sicher sind wir uns:

75%.

Und was bedeutet das jetzt?

In der Kritik zum Finale mokierten wir, dass alle Figuren außer Angelika, Stefan und Franitschek ganz schön leer ausgehen zum Schluss, und wunderten uns, warum die Serie deren Emotionen aussparte – also was mit Kathrin, Kemal, Maja und so weiter passiert. Das tut „Schnell ermittelt“ zwar auch in jenem Fall, dass die Gerichtsszene ein Wunschtraum war, aber bedeutet damit nicht automatisch, dass die Serie das zur Gänze ausspart – stattdessen verschiebt sich das auf eine potentielle 7. Staffel.

Falls es denn eine geben wird. Falls nicht ist dieser Wunschtraum ein poetischer Abgesang für unsere Heldin, die mit sich selbst ins Reine gekommen ist, während gleichzeitig eine potentielle Zukunft gezeigt wird. Ob sich diese bewahrten wird oder nicht, wird der Phantasie des Zuschauers überlassen. Zyniker werden sagen: Das hätte Angelika gerne, dass es für Jan doch noch eine Einsicht gibt. Glas-halb-voll-Menschen können vielleicht mitnehmen, dass Angelika es geschafft hat, ihren Sohn wieder zu erreichen. Schade, dass wir diesen Prozess nicht gesehen haben – aber vielleicht tun wir das ja noch in der 7. Staffel.


Noch mehr Schnell ermittelt?

Und nun zu euch:

Wie habt ihr das Finale interpretiert?

 

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