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Kritik: CopStories 4×04 „Aufgeblattelt“

Nach drei ganz guten Folgen präsentiert uns „CopStories“ das erste große Highlight der Staffel. Es sind vor allem die kleineren Fälle, die in „Aufgeblattelt“ wirklich berühren – und teilweise ausgesprochen spannend sind.

„Aufgeblattelt“ ist eine der dichtest erzähltesten Folgen der Serie. Es gibt so viel zu erzählen – wir schlüsseln das mal nach Figuren auf.

Leila

Nachdem uns die Serie drei Folgen lang suggerierte, dass Leilas Cousine nur darauf wartete, mit Itchy etwas anzufangen, bringt sie sie stattdessen mit Ali in Bekanntschaft, einem der Verdächtigen im Fall des ermordeten Asylanten. Sehr cool, wie wir da in die Irre geführt wurden, und sehr cool, was die Bekanntschaft zwischen der Cousine (Name vergessen) und Ali für die Serie heißen wird.

Foto: ORF/Gebhardt Productions/Screenshot

Itchy

Itchy ist die wohl spannendste Figur dieser Staffel bislang, weil seine Spielschulden die von dem (derzeit noch relativ undurchsichtigen) Fall um den ermordeten Asylwerber abgesehen größte und spannendste Storyline ist. Endlich erfahren wir mehr über seine Probleme. Er scheint spielsüchtig zu sein und schuldet einem Kurden namens Ara Slawed (oder so ähnlich) Geld. Stecken diese Typen auch hinter der falschen Zeugenaussage der verprügelten Escort-Dame? Ich bin mir nicht sicher, inwiefern das bei den Zahlungen helfen sollte – OK, er wird unter Druck gesetzt, aber am Ende der Folge kann er dann ja doch einen Geldumschlag hervorzaubern, ohne dass wir sehen würden wie das möglich wäre.

Der Moment, an dem Bergfeld und Leila ihn nach seinem Alibi fragen, ist spannend, wenn auch ein wenig gekünstelt. Das ist meistens der Fall, wenn Protagonisten eines Verbrechens beschuldigt werden – anstatt rational zu antworten und zu versuchen, ihre Unschuld mit Hilfe eines Alibis zu beweisen, reagieren sie verletzt und geben ausweichende Antworten. Oder sie lügen, wie im Falle von Itchy sogar, nur um irgendein minder-wichtiges Geheimnis zu behalten. Hätte ihn das wirklich umgebracht, zuzugeben, dass er ein Verhältnis mit Patrizia hat? Naja, zumindest war es für eine interessante Ermittlungsstrecke für Leila gut.

Andererseits ist Itchy nun mal auch ein Typ, der manchmal mehr instinktiv handelt anstatt logisch zu denken. Das zeigt sich auch bei der Verfolgung von Nuri Mudarov, der bei der Verhaftung kurzerhand das Messer zückt und Itchy in den Bauch stößt. Itchy ist nicht der Typ, der sich von so etwas aufhalten lassen würde – er sieht sich dafür zu männlich, als dass ihn Schmerz vor so etwas abhalten könnte, und zudem will er nicht dafür verantwortlich sein (bzw. sich so fühlen), dass Nuri Mudarov davonkommt. Lukas bringt das beeindruckend auf den Punkt: „Natürlich brauchst du die Rettung, du dummer Bua!

Flo

Florian scheint doch noch Teil der Serie zu bleiben. Wie es aber mit ihm weitergeht bleibt weitgehend unklar: Warum er sich die Haare rasiert und was das bedeuten soll bleibt völlig unklar. Glücklich schaut er dabei nicht aus, aber was will uns die Serie damit sagen? Die Serie versucht in ihrer 4. Staffel noch komplexer zu erzählen und streut diese Andeutungen ein, die für sich alleine noch nicht zu entschlüsseln sind, aber dann im Kontext der weiteren Folgen Sinn ergeben – weitere Beispiele sind die Vorbereitungen für den Fall der K.O.-Tropfen-Susi in 4×02 „Arsch bleibt Arsch“ oder Itchys Probleme im Staffelauftakt.

Ich bin mir nicht so sicher, wie gut diese neue Erzählweise funktioniert. Fürs Bingen ist das natürlich super, aber „CopStories“ ist doch noch eine Serie, die primär wöchentlich geschaut wird (wo bleibt der Netflix-Deal für Deutschland?). Und für eine wöchentliche Ausstrahlung wünscht man sich doch lieber Geschichten mit Anfängen, Mitten und Enden.

Vickerl

Das war die schönste Vickerl-Geschichte aller Zeiten. Die Dynamik mit der dementen Frau Gruber ist wunderbar – wie er sie dazu nützt um eine Jause zu ergattern (dabei aber trotzdem sich um sie liebevoll kümmert), wie er gar nie verrät wo sie wohnt, mit welcher Heiterkeit und Selbstverständlichkeit er „Mensch ärgere dich nicht“ mit ihr spielt und ihr gegenüber Geduld zeigt, während die Polizisten mehr und mehr die Hände frustriert falten.

Dem zugute kommt, wie emotional dieser Fall in Szene gesetzt ist. Schon als die Frau „Du hast geschummelt! Du hast keinen Dreier gewürfelt!“ schreit und dann nach ihrer Mutter fragt, sind Freud und Leid nah beieinander. Noch dicker kommt es dann aber, als Mathias und Roman bei der Tochter der dementen Dame anklopfen und wir in einer fantastischen Szene nicht nur ihr Dilemma emotional präsentiert bekommen, sondern auch ihren Standpunkt fair erfahren. Wir sehen die Frau nur eine Minute, doch in ihrem Gesicht ist eine jahrelange Last gezeichnet – und Mathias und Roman finden genau die richtigen Worte.

Foto: ORF/Gebhardt Productions/Screenshot

Mathias und Roman

Die Serie scheint die beiden jetzt immer miteinander auf Streife schicken zu wollen. Einerseits schade, weil die Serie damit weniger Abwechslung bietet und die beiden dadurch immer mehr in die Comic Relief-Rolle abgedrängt werden. (Gerade dadurch funktionieren dann emotionale Szenen wie die oben genannte Szene bei Frau Gruber umso besser.) Andererseits weiß „CopStories“ damit aber auch etwas anzufangen – Bettinas Auftritt in der PU ist aus genau den richtigen Gründen peinlich, Romans und Mathias‘ virales Video ist wirklich witzig, und ihre Reaktionen auf Helgas Aufregung darüber ungemein köstlich (Roman: „Des is ihr Lieblingslied.“ Mathias: „Ja, das singt sie selber, sehr schön sogar.“).

Die Hofers

Alle Jahre/Staffeln wieder. Wie Redakteur Bernhard Natschläger in unserem Podcast auch erklärt stehen die Hofers für rustikale, ulkikge Liebesgeschichten. „Aufgeblattelt“ bietet in vielerlei Hinsicht den besten Hofer-Fall bislang, und das nicht nur (aber auch) in humoristischer Hinsicht. Passend zur wohl letzten Staffel lässt „CopStories“ da mal mehr auf dem Spiel stehen, inszeniert den Fall größer, spannender und aberwitziger. Dass die Geschichte nicht ganz so glimpflich ausgeht wie bei den Hofers sonst immer ist da nur stringent – Frau Hofer wandert hinter Gittern. Das bittersüße Ende verspricht aber, dass Herr Hofer auf seine Prinzessin warten wird. Falls dies das letzte Mal war, dass wir die Hofers zu Gesicht sehen, war das ein wunderbares Ende für die beiden.

Foto: ORF/Gebhardt Productions/Screenshot

Sylvester

Der Pu77i-Fall – offensichtlich die „CopStories“-Variante vom Schrecken aller Wiener Hausmeister, Puber – dient als Ermittlungserfolg von Sylvester, für den immer klarer wird, dass er auf eine Karriere bei der Kriminalpolizei schielt. Dass er spitzkriegt, dass bei dem Geständnis etwas faul ist, kann ihm hoch angerechnet werden – auch wenn der Schluss, dass der Junge Analphabet, sich aus dessen Worten nicht wirklich ergeben hätten. Zudem hätte doch ein einfacher, wesentlich naheliegenderer Test, ob er den Pu77i-Tag korrekt hinbekommen hätte, auch funktioniert. Aber auch Patrizia verhält sich ein wenig unlogisch: Warum stellt sie dem Tatverdächtigen die Spraydosen hin, mit deren Fingerabdrücke sie ihn überführen möchte – er kann die doch blitzschnell anfassen und so ihre Beweise vernichten.

Eberts

Gloria Michaelis ist immer ein willkommener Anblick, die Beziehung der beiden ist einfach zu süß. Der Tod ihrer Schwester ist aber eine verpasste Chance – wir hätten Anna vorher schon sehen sollen, oder zumindest erwähnt hören müssen, um da emotional abgeholt zu werden und mit Gloria den Verlust zu betrauern.

Foto: ORF/Gebhardt Productions/Screenshot

Lukas

Egal ob Geiselnahme im AMS, Überwachung des Asylantenheims, Verfolgungsjagd von Nuri Mudarov oder sein Treffen mit Iris – Lukas hatte in dieser Folge scheinbar überall seine Finger im Spiel. Dabei sahen wir das volle Spektrum von Lukas – von ein paar irrsinnig witzigen Zeilen (zuerst Fat-Shaming von Mathias und Roman, dann ein entschuldigendes „Des würd der Eberts sagen…„) bis hin zur ernüchternden Erkenntnis, dass Iris und Ernsti nach Berlin ziehen wollen.

Sein Einwand ist berechtigt, Iris wollte auf zwei Hochzeiten tanzen – einerseits das alleinige Sorgerecht des Sohns zu haben, andererseits trotzdem auf Lukas‘ emotionale und physische Unterstützung bei der Erziehung des Kleinen zu haben. Und nun ist der Mann, der sich einst überhaupt nicht in der Vaterrolle sehen wollte, der konsternierte Vater, dem das Kind entzogen wird. Ein sehr schöner Bogen.

Helga

Auch Helga hat mal wieder alle Hände voll zu tun. Flos freigewordene Stelle wird nicht nachbesetzt – gut so, eine neue Figur für die letzten 6 Folgen hätte es wirklich nicht gebraucht, und gerade „Aufgeblattelt“ ist doch Testament dafür, dass die Serie auch mit 10 Hauptfiguren genug zu erzählen hat. Doch zurück zu Helga, die unerwarteterweise „Konkurrenz“ durch Astrid bekommt. Toni hat es – wie auch immer – scheinbar geschafft, die Frau nicht nur zuerst um den Finger zu wickeln, sondern auch sie dazu gebracht bei ihm zu bleiben. Ob Helga ihr die Augen öffnen kann?

Ali

Ein immer wieder zu sehender Gast, der noch so gar nicht einzuschätzen ist. Hat der Dreck am Stecken? Ist er unschuldig? Die Geschichte rund um den ermordeten Asylwerber ist relativ komplex, aber hier zum Mitschreiben: Liliane war die Verlobte des Toten, hatte aber ein Verhältnis mit Nuri Mudarov – jener Drogendealer, der Itchy mit dem Messer verletzt. Berischer ist an Mudarov ebenfalls interessiert – weil er in seinem Revier Drogen vercheckt oder weil Berischer weiß, dass Mudarov noch mehr Dreck am Stecken hat?

Nadja Jasputina

So heißt der Kopf des Moldawien-Express, wie wir hier erfahren haben. So langsam nimmt diese Geschichte an Fahrt an.

Noch mehr Bla:

  • Das Lied in der Schlussmontage war diesmal von „Sinking Man“ von Of Monsters And Men.
  • Super, wie die Serie in letzter Zeit die Kaffeehaus-Einstiege umschifft und die Teaser spannender gestaltet.
  • Hat Vickerl geschummelt, was meint ihr?
  • Ich liebe den kurzen Teil einer Szene, wo ein Moped-Fahrer einer Frau am Straßenrand die Handtasche stiehlt, während Lukas, Helga, Sylvester und Co. am anderen Straßenrand die Hofers einpacken, und Lukas über die Dreistigkeit des Diebes schallend lacht. Hat nichts mit den anderen Fällen zu tun, erzählt keine komplexe Geschichte, der Dieb wird nie erwischt – und trotzdem trägt das zur Atmosphäre der Serie bei.
  • Wer kann uns den Namen der Schauspielerin von der jungen Frau Gruber verraten? Superleistung. Aber auch einfach toll geschrieben.
  • Bei den Hofers hätte ich mir so sehr zum Schluss noch ein Lebenszeichen von Frau Hofer gewünscht, als Zeichen für ihren Habschi – so á la Leuchten bei der Luke in „Lost“.

6 Kommentare

  1. Helmut Lehner 28. Nov 2018

    GISELA SALCHER heißt die Darstellerin der jungen Frau Gruber.
    Liebe Grüße
    Helmut Lehner

  2. Serge Falck 28. Nov 2018

    Vielen Dank für diese so detailverliebte und präzise Nachbetrachtung der Folgen. Ich lese sie immer mit großem Interesse.
    Liebe Grüße, Serge

  3. Coolrunner 27. Nov 2018

    Lese Cafe. Seit Mitte der 3. Staffel eure Reviews und find sie sehr informativ. Drei Punkte möchte ich noch anführen

    1. Cool,dass sie bei dem Video von Roman und Matthias Bezug auf die „Atemlos-Cops“ nehmen und somit die Verknüpfung mit der realen Welt herstellen

    2. Ein wunderbares Easter-Egg: Als Sylvester die Aussage vom Hofer aufnehmen wollte und dieser unwirsch antwortete:“ Wer redet denn mit dir Knickerbocker?“

    3. Finde es einen witzigen Zufall,dass ausgerechnet Sylvester zur Kripo möchte, da Michael Steinocher ja jetzt bei Soko Donau mitspielt und CopStories ein bisschen wie ein Spin-Off wirkt

    • Hannes Blamayer Autor des Beitrages | 27. Nov 2018

      Ja stimmt, die Knickerbocker-Referenz! Die war bestimmt kein Zufall. Wollten wir eigentlich auch selber in der Kritik erwähnen aber haben es dann vergessen – danke für die Ergänzung!
      Die Atemlos-Cops kannten wir gar nicht. Roman und Mathias standen den beiden aber in nichts nach. 🙂

      • Coolrunner 27. Nov 2018

        Dass die beiden gleich gut waren,wollte ich auch nie bestreiten 🙂 Und mir ist noch eine Theorie eingefallen,warum Flo sich die Haare abrasiert hat: vielleicht hat er Krebs und wollte nicht,dass seine Kollegen ihn leiden sehen bzw. damit Sie ihn in gutem Zustand in Erinnerung behalten

        • Hannes Blamayer Autor des Beitrages | 27. Nov 2018

          Ja, das ist keine schlechte Theorie…

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