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Kritik: CopStories 4×05 „Wettschulden“

„CopStories“ hat auch in seiner 4. Staffel immer wieder große Überraschungen zu bieten. Auf viele von jenen in „Wettschulden“ hätten wir aber verzichten können.

Die Nacht der 1000 Stunden

Eine der beeindruckendsten Qualitäten von „CopStories“ ist es ja, wie viele Bälle die Serie gleichzeitig jonglieren kann, ohne dabei ständig Bälle fallen zu lassen. Mit ihren 11 Hauptfiguren und Dutzenden wiederkehrenden Nebenfiguren muss die Serie so viele Geschichten gleichzeitig parallel erzählen, und trotzdem wirkt eigentlich immer alles wie aus einem Guss. „Wettschulden“ fällt da merklich aus dem Raster, denn erstmals bekommt man in dieser Folge (gleich mehrmals) das Gefühl, man habe da wohl was verpasst – obwohl die Folge scheinbar am Tag unmittelbar nach 4×04 „Aufgeblattelt“ spielt (auszumachen daran, dass Leila Bergfeld von Itchys Unschuld erzählt – das hat sie sicherlich nicht tagelang für sich behalten).

Da ist zum Beispiel Mathias, der heute das geniale „Singende Polizisten“-Video bereut, während er gestern noch relativ stolz darauf war. Klar, er kann ja seine Meinung ruhig geändert haben, nachdem ihm bewusst wurde, dass sie dafür wirklich Probleme bekommen könnten und nachdem sie der Polizei-Chor diesbezüglich verarscht (sehr witzige Idee übrigens). Nur müsste das dann auch Roman auffallen, der wie in „Aufgeblattelt“ das Video nicht bereut.

Dann ist da Eberts, bei dem es eklatant ersichtlich ist, dass sich da die Autoren nicht recht absprachen. Tags zuvor verstirbt noch Gloria Michaelis‘ Schwester tragisch, und Eberts fällt nichts besseres ein, als ihr in „Wettschulden“ einen Heiratsantrag zu machen. „CopStories“ reflektiert allerdings nicht, wie ungemein unpassend das ist, und so nimmt Gloria den Antrag glücklich lachend an. Es hätte so schön und romantisch sein können, aber unmittelbar nach dem Tod von Anna funktioniert das einfach überhaupt nicht. Selbst wenn wir die gesetzte Timeline ignorieren und annehmen, dass da mehrere Tage oder Wochen inzwischen vergangen sind, stellt sich die Frage, warum „CopStories“ da nicht mehr Emotion und Verarbeitung aus Annas Tod schürft – aber das kann man wohl eher der Folge von letzter Woche, „Aufgeblattelt“, ankreiden.

Vor allem aber bei Lukas gräbt „CopStories“ tief in der Schublade, um eine alte Facette seines Charakters wieder hervorzuziehen, die schon lange nicht mehr Anklang fand: seine Karrieregeilheit. Dabei war er doch in den letzten Folgen so gut im Team angekommen. Nun lässt sich das vielleicht dadurch begründen, dass Lukas sich mit der Vaterrolle angefreundet hatte, und nun, wo er sich nicht mehr dadurch definieren kann, auf alte Laster zurückfällt. Doch erstens ist Ernsti laut unserer Timeline noch in Wien – Iris sagte in „Aufgeblattelt“ nicht, dass sie am darauffolgenden Tag bereits abreisen würde – und zweitens wurde diese Wandlung von Lukas überhaupt nicht bespielt. Die muss wohl über Nacht geschehen sein, denn am Abend davor schaute Lukas noch sehnsuchtsvoll auf Ernstis Foto.

Foto: ORF/Gebhardt Productions/Screenshot

Die Szene am Gericht ist eine der verwunderlichsten der bisherigen Staffel, und das nicht nur wegen Lukas‘ plötzlichem Wandel. Erstens ist mir nicht klar, inwiefern Lukas als Kriminalbeamter auf die Stelle des ehemaligen Staatsanwalts Hofmeister schielen kann – hat Lukas Jura/Jus studiert? Oder geht es mehr um die Rolle als gelegentlicher Einsatzleiter wie etwa damals beim Banküberfall im 2. Staffelfinale?

Zweitens sind Lukas‘ Angebote seiner Dienste wahnsinnig vage, sodass nicht wirklich nachvollziehbar ist, warum die Frau Oberstaatsanwältin an Lukas glauben sollte. Als sich später herausstellt, dass Lukas damit meinte, dass er seinen Chef überwachen würde, ist die Glaubwürdigkeit da endgültig dahin: Warum sollte er Bergfeld überhaupt überwachen, was ließe sich der so zu Schulden kommen? Und dann ausgerechnet am einzigen Tag, wo dieser „undercover“ (aber doch im Grunde wahnsinnig auffällig) Nadja Jasputina kennenlernt. Die Dynamik zwischen Bergfeld und Nadja ist auf Anhieb spannend, aber die Szene war wirklich schwach geschrieben – bei „CopStories“ zum Glück eine Seltenheit.

Foto: ORF/Petro Domenigg.

Bittere Überraschung

„Wettschulden“ hat aber auch Überraschungen zu bieten, die beabsichtigt sind. Allen voran natürlich Flos scheinbarer Rückkehr – obwohl er ja nie weg war. Da hatte uns die Serie ganz schön in die Irre geführt, dass Flo aus der Serie aussteigen würde – sehr geschickt, weil da das Erzälmuster aus den beiden vorherigen Staffeln zunächst nachgezeichnet wurde, nur um die Figur im Gegensatz zu Altan und Tina doch in der Serie zu behalten. Und es wäre auch zu schön gewesen, dass mal ein Cop ein Happy End bekäme, oder zumindest einen einigermaßen versöhnlichen Ausstieg.

Doch anstatt dass Flo nach Graz gezogen wäre,trifft Sylvester diesen in einem Wiener Krankenhaus an. Das hat die Serie wirklich ausgesprochen klug verschleiert. Wie genau Flo das nun gegenüber Helga als Versetzung darstellen konnte, während er in Wirklichkeit scheinbar seinen Dienst quittierte, ist nicht ganz ersichtlich. Wir haben uns extra die vergangenen Folgen noch einmal angesehen und mussten feststellen, dass Helga nicht von Flos tatsächlichem Vorhaben wusste – sonst hätte sie den Brief des LPD in 4×01 „Blede Gschicht“ nicht mit „ausgerechnet jetzt“ kommentiert, und dann hätte sie auch nicht so ausgelassen in 4×03 „Wache Birn“ mitgefeiert.

Indizien für Flos Krankheit gab es – aber nur solche, die man wohl nur erkennt, wenn man den Twist schon kennt. Als Flo Vickerl in 4×02 „Arsch bleibt Arsch“ erzählt, dass er nach Graz gehen würde, bemerkt Vickerl, dass Flo blass aussehen würde – aber das konnte man auch schlichtweg als Ausdruck der Trauer oder Melancholie wegen des Weggangs verstehen. Außerdem ist Flos Auto bei seiner vermeintlichen Abfahrt aus Wien in „Wache Birn“ verdächtig leer – bis auf seine Sporttasche sehen wir da nichts. Dabei handelte es sich weder um einen Ausstattungsfehler noch um einen absichtlichen Fehler, damit er dann für Sylvesters „Entführung“ im Kofferraum Platz hat. Superdetektiven ist das vielleicht verdächtig vorgekommen, aber insgesamt wären da noch ein, zwei deutlichere Hinweise spannender gewesen. So präsentiert uns die 4. Staffel „CopStories“ einmal mehr eine Überraschung statt Spannung.

Aber auch das hat was, denn die Überraschung bzw. dieser Twist sind schon ein ganz schöner Hammer. Flo schaut alles andere als gesund aus – hat er Krebs? Scherte er die Haare wegen einer Chemotherapie ab?  Man, das ist so bitter, ausgerechnet Flo. Es trifft halt immer die Guten.

Heldenreise

Aber es kann sich ja auch immer wieder zum Guten wenden. Paradebeispiel dafür ist Roman, der ja auch selber sagt: Es findet sich immer ein Weg. Roman sahen wir am Ende der 2. Staffel noch am absteigenden Ast, nachdem er sich vorwerfen musste, bei Tinas Geiselnahme die Nerven verloren zu haben. Damals fragte er sich, ob er – insbesondere nach der erlittenen Schusswunde im Finale der 1. Staffel – überhaupt noch als Polizist taugt. In letzter Zeit wurde diese Seite seines Charakters nicht mehr stark bedient, weil es schien, dass er sich wieder mit seiner Rolle als Gesetzeshüter arrangieren konnte.

Das wurde in jüngster Zeit nie mehr groß bespielt, stattdessen fand sich Roman immer öfter im Zweiergespann mit Mathias abdeligiert. „Wettschulden“ bringt seinen Wandel seit der 1. Folge aber wunderschön auf den Punkt, denn bei dem Fall der häuslichen Gewalt wächst Roman förmlich über sich hinaus – und lässt da auch Mathias mal meilenweit im Schatten stehen. Es ist die vielleicht schönste Heldenreise der Serie, die Roman da vollzogen hat – vom bummelnden, relativ naiven Polizisten bis hin zu einem, dem man ohne mit der Wimper zu zucken so einen Eingriff wie in „Wettschulden“ zutraut. Auch Schauspieler Holger Schober hat da eine gewaltige Transformation mitgemacht – in der 1. Staffel war sein Roman noch eine der eintönigsten Figuren, aber in Staffel 4 deckt er die gesamte Bandbreite von Comic Relief und Held ab.

Der offenbar durch eine wahre Begenbenheit inspirierte Fall (sogar inklusive dem Pepperoni-Geschmack aus dem Vorbild) ist auch das optimale Sprungbrett für Roman. Gut, das Täuschungsmanöver und der Zugriff sind denkbar unspannend inszeniert, aber Romans wahre Heldentat beginnt erst nach der Festnahme, wenn es nämlich darum geht, Frau Kolbert zu beruhigen – besonders für einen Mann eine heikle Sache.

Es ist ein ungeheuer schwieriger Prozess für die Frau, die Misshandlungen dokumentieren zu lassen – nicht nur, weil sie sich dabei wildfremden Menschen halbnackt zeigen muss, sondern auch, weil sie dieses nüchterne Verfahren ja auch daran erinnert, dass sie so misshandelt wurde – noch dazu, weil sie sich zum Teil selber die Schuld gibt, dass sie es nicht kommen sehen konnte.

Foto: ORF/Hubert Mican.

Roman ist vielleicht nicht derjenige, der wie Sylvester mit gezückter Waffe mit vollem Selbstvertrauen in eine Wohnung stürmen kann, oder der wie Helga für zehn Dinge gleichzeitig die Verantwortung übernehmen könnte – aber er ist derjenige, der im richtigen Moment Empathie zeigen und die perfekten Worte finden kann:  „Es findet sich immer ein Weg.„, „Sie machen weiter.“ und „Ich lass Sie nicht allein. Ich versprich’s„. Und das macht ihn zum MVP dieser Folge – denn sein zusicherndes Nicken kann Berge versetzen.

Helga vs Astrid vs Dorfer

Die dritte Heldin dieser Folge ist die vielleicht ungesungendste der Serie: Helga. Die bekommt es in dieser Folge mit Astrid zu tun. Während wir beim ersten Auftritt der Frau uns noch „arme Astrid“ dachten, muss man jetzt fast sagen: „armer Toni“. Denn Astrid ist eine wirklich unmögliche Frau, die Helga und die Dorfer von der Internen so dermaßen von oben herab behandelt („Können wir das vielleicht wie zwei erwachsene Frauen behandeln? Geht das?„), dass wir Helgas Entgeisterung und eigentlich schon recht garstiges Verhalten bestens verstehen.

Foto: ORF/Gebhardt Productions/Screenshot

Dass Mike Majzen dabei die Dorfer hinzuzieht, ist der vielleicht größte Geniestreich der Folge. Helga und die Dorfer sind auf jeher auf Kriegsfuß. Nichts verbündet einen aber so sehr wie ein gemeinsames Feindbild – eine Rolle, die Astrid dankbar annimmt („Haben Sie Kinder? Nein? Das habe ich mir gedacht.„). Da zeigt sogar die Dorfer einmal Verständnis für die privaten Dilemma unserer Polizisten. Besonders schön auch, wie Helga Dorfer zum Schluss noch ein Schnippen schlägt: Sie hat keine Zeit für die Fragestunde, weil sie ausrücken muss – weil Flos Stelle ja nicht nachbesetzt wurde. Wenn die Folge bloß mehr darauf geachtet hätte, wie hier die Kontinuität zu den vorherigen Folgen zu wahren.

Noch mehr Bla:

  • Diese Woche das Lied zur Musik-Montage: Pearl Jam – Just Breathe
  • Wie, die tote Schwester von Gloria Michaelis ist schon wieder verarbeitet?
  • Wo ich so daran denke passt auch bei Itchy die Timeline nicht wirklich – der wurde in „Aufgeblattelt“ noch angestochen, in „Wettschulden“ kann er ohne Probleme bei den prügelnden Männern eingreifen.
  • Im Fall des ermordeten Asylanten (Sokolov) gibt es auch neue Erkenntnisse: Sein Pass wurde im Zimmer des in der Vorfolge geflüchteten Nuri Mudarov entdeckt. Sonderlich mitreißend ist das in dieser Folge nicht, weil die Erkenntnisse offscreen geschehen.
  • Leila ist ja ganz schön bissig gegenüber Patrizia. Ganz schön eifersüchtig, hätte ich ihr gar nicht zugetraut – ob das bei Iveta auch schon mitschwang? Leila hat diese Staffel eindeutig eine der interessantesten Rollen inne.
  • Gloria Michaelis‘ Augenklappe ist wirklich ein Mysterium. Bei der Frau passieren Tag für Tag lebensverändernde Sachen, aber die eine Storyline – falls sie denn eine sein wird – die „CopStories“ bei ihr diese Staffel durchzieht, ist dieser Fall der Gewalt.
  • Der Grund für jede Selbstjustiz: „Des war Gerechtigkeit. Aber davon versteht’s ihr Kiberer ja nix.“
  • Hat jemand erkannt, wen Sylvester da sturzbetrunken erblickt? Kennen wir den? Sylvester scheint der Person ja nahe zu stehen – ist das vielleicht sein Vater?
  • Dass „CopStories“ in jeder Folge genau einen Arbeitstag erzählen muss ist immer dann ein Laster für die Serie, wenn es solch Cliffhanger gibt wie in dieser Folge. Die erste Unterredung der beiden wird wohl ausgespart werden – und dabei wär das doch so wahnsinnig interessant, was sie sich zu sagen hätten. Stattdessen erfahren wir davon aber wohl nur via indirekter Rede im Café in der Früh, oder „CopStories“ spricht es erst wieder am Ende von Folge 4×06 an, wenn Sylvester Feierabend macht und Flo besuchen geht.

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