Gastbeitrag: Die Film- und Fernsehlandschaft verändert sich gerade fundamental. 

Interessanterweise merken wir davon in Österreich noch relativ wenig. Bei uns läuft vieles weiter wie bisher. Es werden Filme produziert, Serien entwickelt, Förderungen vergeben, Sender beauftragen Programme. Man könnte also glauben, dass die große Veränderung anderswo stattfindet und mit uns nur bedingt etwas zu tun hat. Ich glaube, das wäre ein Fehler.

Gastbeitrag von LEO MARIA BAUER

Man muss nur nach Amerika schauen. Paramount will Warner Bros. Discovery übernehmen. Sollte dieser Zusammenschluss endgültig zustande kommen, werden unter einem Dach Marken und Welten versammelt sein, die vor einigen Jahren noch selbstverständlich verschiedenen großen Medienkonzernen zugeordnet waren. Paramount, Warner Bros., HBO, CNN, CBS und zahlreiche andere Marken wären Teile desselben Konzerns.

Das ist kein Einzelfall, sondern der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die seit Jahren läuft. Der große Streaming-Krieg, bei dem jeder Konzern glaubte, seinen eigenen Streamingdienst haben zu müssen, geht in eine Konsolidierungsphase über. Es gibt Fusionen, Kooperationen, Rückzüge und neue Bündelungen.

Und diese Entwicklung ist längst in unserem Raum angekommen.

Sky Deutschland, jahrelang auch ein wichtiger Auftraggeber für deutschsprachige Serien, gehört seit Juni 2026 zu RTL. Aus zwei Unternehmen, die um Zuschauer, Rechte, Stoffe und Abonnenten konkurriert haben, wird ein Konzern. RTL selbst begründet die Übernahme ausdrücklich damit, einen starken europäischen Anbieter zu schaffen, der gegen die globalen Plattformen bestehen kann.

Betriebswirtschaftlich ist das nachvollziehbar. Für Kreative bedeutet es aber zunächst etwas sehr Einfaches: Wo gestern zwei Türen waren, ist morgen möglicherweise nur noch eine. Und damit wird die Sache auch für Österreich interessant.

Österreich ist keine Insel. Österreich besitzt keinen eigenständigen Streamingmarkt, der mit Netflix, Disney+, Amazon Prime Video oder auch RTL+ vergleichbar wäre. ORF ON und die Plattformen der Privatsender sind wichtig, aber sie sind in erster Linie Verwertungs- und Abspielflächen ihrer jeweiligen Senderwelten und keine global agierenden Streamingstudios. Österreich hängt deshalb viel stärker am deutschsprachigen Markt, als wir uns manchmal eingestehen. Und dieser DACH-Markt wird wichtiger.

ZDF, ORF und SRF haben allein für ihre Gemeinschaftsproduktionen zuletzt ein jährliches Koproduktionsvolumen von rund 130 Millionen Euro erreicht. Gleichzeitig werden kommerzielle Anbieter größer und konzentrierter. Für ein kleines Produktionsland wie Österreich heißt das wahrscheinlich: Koproduktion wird noch wichtiger, aber die Zahl jener Stellen, die am Ende tatsächlich über Projekte entscheiden, könnte kleiner werden.

Das ist die eigentliche Verschiebung. Nicht unbedingt weniger Content. Nicht unbedingt weniger Geld. Aber weniger voneinander unabhängige Auftraggeber.

Die österreichische Besonderheit heißt Förderung.

Beim österreichischen Kinofilm kommt noch etwas anderes dazu. Wir besitzen ein Fördersystem, ohne das ein großer Teil des heimischen Films in seiner heutigen Form nicht existieren könnte. Das ist zunächst keine Kritik, sondern eine Feststellung. Ein Land mit neun Millionen Einwohnern kann seine Filmwirtschaft nicht nach denselben Marktgesetzen organisieren wie die USA.

Interessant ist allerdings, was passiert, wenn Förderung nicht mehr Ergänzung eines Marktes ist, sondern zu dessen entscheidender Grundlage wird. Denn dann verändert sich zwangsläufig die Frage, für wen ein Film gemacht wird.

Beim klassischen kommerziellen Kino ist der Zuschauer brutal einfach: Kauft er keine Karte, funktioniert das Geschäftsmodell nicht. In einem stark geförderten System befindet sich zwischen Film und Zuschauer eine zusätzliche Instanz. Ein Projekt muss zunächst Institutionen, Jurys, Sender, Redaktionen und Finanzierungspartner überzeugen.

Das hat große Vorteile. Ohne dieses System wären viele österreichische Filme niemals entstanden, gerade jene, die international künstlerisch erfolgreich waren. Aber jedes System erzeugt auch seine eigene Logik. Und meine persönliche Beobachtung ist, dass wir in Österreich sehr viel darüber diskutieren, wie der Filmstandort abgesichert werden kann, und wesentlich weniger darüber, wie dieser Standort inhaltlich erneuert werden soll.

Dabei ist selbst die Behauptung, die Filmförderung werde einfach nur gekürzt, zu simpel. 2026 wurde die selektive Förderung des Österreichischen Filminstituts sogar deutlich gestärkt. Gleichzeitig wurden Mittel aus ÖFI+ umgeschichtet und Teile der automatischen Standortförderung eingeschränkt. Das zeigt eigentlich sehr schön, worum es in den nächsten Jahren gehen wird: Nicht nur um die Frage, wie viel Geld vorhanden ist, sondern wohin es fließt und welches System damit erhalten wird.

Denn Geld allein erzeugt noch keine Innovation. Wo ist das Risiko?

Wenn ich mir die österreichische Kinolandschaft der vergangenen zwanzig Jahre anschaue, interessiert mich deshalb weniger die Frage, ob gute Filme entstanden sind. Natürlich sind gute Filme entstanden.

Mich interessiert eine andere Frage: Was haben wir wirklich riskiert? Wo wurden neue Publikumsformen ausprobiert? Wo entstanden Genres, die vorher bei uns kaum existierten? Wo wurden Produktionsmethoden verändert? Wo wurde ein Publikum erreicht, das mit österreichischem Kino normalerweise wenig anfangen kann?

Wir haben immer wieder einen Kabarettfilm, der dann die Rolle des heimischen Blockbusters übernehmen soll. Wenn einer oder zwei dieser Filme im Jahr starten, können sie selbstverständlich einen beträchtlichen Teil des Publikums auf sich ziehen. Aber daraus entsteht noch keine breit aufgestellte kommerzielle Filmindustrie.

Beim Krimi sieht man etwas Ähnliches. Erfolgreiche Modelle werden beobachtet, und selbstverständlich schaut man auch auf Phänomene wie die Eberhofer-Filme in Deutschland. Dann versucht man herauszufinden, welche Elemente davon im eigenen Markt funktionieren könnten.

Das ist legitim. Film war immer auch Nachahmung erfolgreicher Formen. Aber Verwaltung des Funktionierenden und Entwicklung des Neuen sind zwei verschiedene Dinge. Gleichzeitig passiert von unten etwas völlig anderes. Und genau deshalb finde ich eine zweite Entwicklung momentan fast interessanter als die großen Fusionen. Während sich oben immer größere Medienkonzerne zusammenschließen, passiert unten das genaue Gegenteil.

Filmproduktion wird demokratisiert.

Ein besonders interessantes Beispiel ist Kane Parsons. Er begann als Teenager mit *The Backrooms* auf YouTube. Aus diesen mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln produzierten Videos entstand ein Millionenpublikum. Daraus wurde schließlich ein Kinofilm für A24.

Curry Barker ist ein anderes Beispiel. Auch er kommt aus der YouTube-Welt. Mit *Obsession* gelang ihm der Sprung ins Kino. Markiplier hat mit *Iron Lung* ebenfalls gezeigt, dass zwischen Internet-Creator und Filmemacher keine klare Grenze mehr existiert.

Das Entscheidende daran ist für mich gar nicht, ob jeder dieser Filme großartig ist. Das Entscheidende ist der Weg dorthin. Diese Leute haben nicht darauf gewartet, dass ihnen jemand erlaubt, Filmemacher zu sein. Sie haben Filme gemacht.

Sie haben mit den technischen Möglichkeiten gearbeitet, die ihnen zur Verfügung standen. Sie haben auf YouTube gelernt, was ein Publikum annimmt und was nicht. Sie haben ihre eigene Filmsprache entwickelt, teilweise aus Computerspielen, Internet-Horror, Memes, Kurzvideos und klassischen Filmen gleichzeitig Und plötzlich schaut Hollywood dort hin. Das ist eine bemerkenswerte Umkehrung.

Früher ging man auf eine Filmschule, schrieb Drehbücher, versuchte Produzenten zu überzeugen und hoffte irgendwann auf die Möglichkeit, einen Film drehen zu dürfen. Heute kann jemand zuerst hundert Millionen Views haben und danach mit einem Studio darüber reden, ob er einen Kinofilm machen möchte.

Das bedeutet nicht, dass Filmschulen überflüssig werden. Es bedeutet auch nicht, dass jeder YouTuber Regisseur ist. Es bedeutet nur: Es existiert plötzlich ein zweiter Eingang. Genau das könnte für Österreich entscheidend werden

Ich habe selbst einen technischen Umbruch in dieser Branche erlebt: den Übergang von analog zu digital. Damals wurde nicht das Geschichtenerzählen abgeschafft. Aber plötzlich konnten Dinge schneller, billiger und anders hergestellt werden. Postproduktion veränderte sich, Kameras veränderten sich, Schnittplätze veränderten sich, ganze Berufsbilder veränderten sich. Heute erleben wir möglicherweise einen ähnlich starken Umbruch, allerdings auf mehreren Ebenen gleichzeitig.

Streaming verändert die Verwertung. Medienkonzerne konzentrieren sich. YouTube und TikTok verändern Talententwicklung und Publikumskontakt. Billige digitale Kameras haben die Produktionsschwelle längst gesenkt. Und jetzt kommen KI-Werkzeuge dazu, die Bildproduktion, Postproduktion, Synchronisation, Übersetzung und irgendwann wahrscheinlich ganze Produktionsabläufe noch einmal verändern werden.

Das Interessante daran ist: Oben wird Film größer. Unten wird Film kleiner. Oben entstehen Konzerne mit Milliardenbudgets und gewaltigen Rechtebibliotheken. Unten kann ein Einzelner mit einem Computer etwas herstellen, wofür vor zwanzig Jahren eine Produktionsfirma notwendig gewesen wäre. Und dazwischen befindet sich unsere klassische Film- und Fernsehindustrie.

Vielleicht stellen wir deshalb die falsche Frage. Die Frage sollte nicht nur lauten: Wie sichern wir den österreichischen Filmstandort? Natürlich müssen Arbeitsplätze, Produktionsfirmen, Filmschaffende, Studios und Infrastruktur abgesichert werden. Aber vielleicht müsste die zweite Frage mindestens genauso laut gestellt werden: Wie verhindern wir, dass wir einen perfekt abgesicherten Standort für ein System besitzen, das sich rundherum längst verändert hat?

Vielleicht brauchen wir schnellere Entwicklungsentscheidungen. Vielleicht brauchen wir kleine Budgets, bei denen Scheitern ausdrücklich erlaubt ist. Vielleicht müssen wir Leute hereinholen, die noch nie eine Filmschule von innen gesehen haben. Vielleicht muss ein Nachwuchsregisseur nicht mehr zuerst beweisen, dass er das System versteht, sondern zeigen, dass er hunderttausend Menschen für zehn Minuten an einen Bildschirm fesseln kann.

Und vielleicht müssen wir wieder stärker darüber reden, was das Publikum eigentlich sehen möchte. Nicht als populistische Forderung, dass nur noch produziert werden darf, was möglichst viele Menschen sehen wollen. Öffentlich finanzierte Kultur darf und muss Dinge ermöglichen, die der Markt allein nicht hervorbringen würde.

Aber das andere Extrem ist genauso problematisch: so zu tun, als wäre das Publikum lediglich der letzte Punkt einer Verwertungskette.

Film ist für Zuschauer gemacht.

Das klingt banal. Manchmal habe ich allerdings das Gefühl, dass genau dieser banale Satz in unseren Debatten erstaunlich wenig vorkommt. Die nächsten Jahre werden deshalb interessant.

Ich glaube nicht an den Untergang des österreichischen Films. Ich glaube auch nicht, dass morgen alle Sender verschwinden und wir unsere Filme nur noch auf YouTube hochladen. So funktionieren Veränderungen nicht. Das Alte verschwindet meistens viel langsamer, als die Propheten behaupten. Und das Neue setzt sich meistens viel schneller durch, als die etablierten Systeme glauben.

Genau deshalb interessiert mich, was in den nächsten Jahren passiert. Was bedeutet die internationale Konzentration für den DACH-Raum? Was bedeutet ein Unternehmen wie RTL/Sky für Produzenten und Autoren? Welche Rolle spielen ORF, ZDF und SRF, wenn kommerzielle Konkurrenten immer größer werden? Was passiert mit Filmförderung, wenn öffentliche Budgets enger werden? Wie viel Innovation kann ein Fördersystem zulassen, dessen verständliche Aufgabe gleichzeitig darin besteht, eine bestehende Filmwirtschaft zu erhalten?

Und wo entstehen die nächsten Filmemacher? An einer Filmschule? In einer Produktionsfirma? Auf YouTube? Auf TikTok? Oder sitzt gerade irgendwo ein 17-Jähriger vor einem Computer und baut etwas zusammen, über das wir in fünf Jahren diskutieren werden?

Ich weiß die Antworten darauf nicht. Genau deshalb finde ich die Fragen interessant. Und vielleicht ist das auch ein guter Ausgangspunkt für einen Podcast über Film und Fernsehen in Österreich: nicht ständig zu erklären, dass alles schlechter wird. Aber auch nicht so zu tun, als würde alles bleiben, wie es ist. Sondern hinzuschauen.

Was verändert sich gerade? Wer gewinnt dadurch? Wer verliert? Wer entscheidet morgen darüber, welche Geschichten produziert werden? Und vor allem: Wo entstehen plötzlich Möglichkeiten, die es gestern noch nicht gegeben hat?

Denn möglicherweise liegt die größte Veränderung der Filmindustrie gar nicht darin, dass Paramount Warner kaufen will oder RTL Sky gekauft hat. Vielleicht liegt sie darin, dass gleichzeitig irgendwo jemand einen Film macht, ohne einen dieser Konzerne vorher um Erlaubnis zu fragen.

Das war jetzt ein langer Anlauf, um zu sagen: Wahrscheinlich kommt von mir so ein Podcast, und vielleicht finde ich auch Leute aus der Branche, die mit mir über so was reden würden. 

Leo Maria Bauer ist Unterhaltungshandwerker und Pioneer der K.I-Comedy. Neben zahlreichen Engagements in Theater, Film und Fernsehen betreibt er den YouTube-Kanal Leoland und ist mit (kultur)politschen Kommentaren online präsent.


Der Text erschien urpsünglich in diese Version am 18. August 2026, 06:15 auf Leos Facebook-Seite und erscheint hier mit ausdrücklicher Erlaubnis. Für bessere Lesbarkeit wurden Absätze zusammengeführt und einzelne Sätze als Zwischenüberschriften herausgestellt.

Leo war auch der erste Podcast-Gast, als Bruttofilmlandsprodukt 2025 neu gestartet ist. Die Folge ist noch online.

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