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Gastbeitrag: Lektionen fürs Leben

Antwortend auf unsere Analyse zu den Kinobesuchen des ersten Quartals 2019 schlüsselt unser Gastautor Horst-Günther Fiedler auf, was uns 2019 sonst noch im Kino erwartet. Die Frage ist nur: Wer wird sich das anschauen?

Immer wieder rufen wir zur Debatte über den österreichischen Film auf und stellen euch gerne die Plattform dafür zur Verfügung: In den Kommentaren, auf unseren Social Media-Kanälen oder indem ihr einen eigenen Beitrag veröffentlicht. Unser Gastautor hat diese Einladung angenommen.

Sachliche Analyse, zu der ich jedoch ein paar subjektive Anmerkungen machen möchte, nämlich Richtung Zukunft:

Die Hochrechnung zum Jahresende mit 760.000 Besuchern ist sehr optimistisch, für mich eher schwer erreichbar. Warum? Wenn man sich die ÖFI-Seiten ansieht, was in Produktion ist bzw. so weit in der Postproduktion, dass es heuer noch starten kann – ich frage mich immer, warum das bei uns so ewig lange dauert – dann findet man … naja, ich wäre versucht zu sagen nichts, also sagen wir um des lieben Friedens willen: ziemlich wenig.

Vor Kinostart: Nur schwere Kost bis in den September bei Spielfilm und Doku, die vereinzelt ihre Qualitäten haben mag, aber einem zahlenmäßig nennenswerten Publikum berührungslos am Hintern vorbeigehen wird. Trotzdem drücke ich der Komödie „Kaviar“ (Russischer Milliardär will auf der Schwedenbrücke eine Villa bauen, alle lernen eine Lektion fürs Leben), dem Drama „Nobadi“ (Pensionist begräbt mit Hilfe eines afghanischen Flüchtlings seinen toten Hund im Schrebergarten, alle lernen eine Lektion fürs Leben) oder „Nevrland“ (17-jähriger Schlachthofhilfsarbeiter mit Angststörungen findet seine Erlösung bei einem Sex-Chat, alle lernen eine Lektion fürs Leben) alles erdenklich Gute.

Sieht man sich an, was in Produktion ist und es daher vielleicht bis Jahresende in Kino schaffen könnte, dasselbe Bild. „Oskar & Lilli“ (Tschetschenische Flüchtlingsgeschwister, die bei Pflegefamilien in Wien leben, versuchen, ihre selbstmordgefährdete Mutter zu finden, alle lernen eine Lektion fürs Leben), „Little Joe“ (genmanipulierte Pflanzen, eine Mutter, die Angst hat, ihren Sohn zu verlieren und dabei sich selbst verliert, alle lernen – wir ahnen es – eine wertvolle Lektion fürs Leben) oder „Gipsy Queen“ (Alleinerziehende Kellnerin, die eigentlich Weltmeisterin im Boxen werden wollte, muss um ihre ausgerissenen Kinder kämpfen, oder so ähnlich) mögen ehrenwert, fein besetzt und voll mit gutem Willen sein, aber da ist – da lehne ich mich gern weit aus dem Fenster – kein Publikumshit dabei, der die Statistik fortgeschritten fünfstellig nach oben treiben wird.

Manche Filme, die seit über einem Jahr abgedreht sind, haben lt. ÖFI noch nicht mal einen Verleih, was nichts Gutes bedeutet. Nicht mal bei den Dutzenden Leicht- bis Mittelgewichtsdokus, die in der Pipeline warten, ist auf den ersten Blick ein Dark Horse dabei. Außer, in den Österreicherinnen und Österreichern explodiert plötzlich das cineastische Interesse an Themen wie Bora (nicht der VW, sondern der Wind), Brot oder Bernie Paul und seinem Circus Roncalli.

Das wird ein interessantes, restliches Kinojahr aus heimischer Sicht, denn Hollywood haut uns riesige Steaks auf den Grill (Avengers: Endgame, König der Löwen, Aladdin, Fast & Furios: Hobbs & Shaw, Pets 2, Spiderman: Far from Home, Toy Story 4, etc), während uns der österreichische Film mit asketisch-grauem Gesicht einzureden versucht, dass blasser, salzarmer Gemüsesud viel gesünder und besser für die Welt sei. Ist ja nicht falsch und es kann nicht immer Steak sein, aber ein Schnitzerl wie „Love Machine“, ein kräftiger Gemüseauflauf wie „Green Lie“ oder eine ein bisschen pickerte Mehlspeis wie „Wilde Maus“ gehört auch dazu und stehen heuer wohl nicht mehr am Speiseplan.

Ich in sehr gespannt auf die Marktanteilsverhältnisse am Ende des Jahres…

Über den Autor

Horst-Günther Fiedler ist Filmjournalist und lebt in Wien. Er schreibt u.a. für TV-Media und moderiert bei W24 die Filmdiskussionsrunde „Spätvorstellung„.

Beitragsbild: Kaviar (2018IoanGavriel); Nevrland (Orbrock Filmproduktion GmbH); Oskar & Lilli (Wega); Little Joe (Christa Amadea/coop99);Gipsy Queen (DOR)

One Comment

  1. monica armstong 10. April 2019

    Dass, das aut-kino, seit mittlerweile jahrzehnten mit uninteressanten filmen auffaellt ist ja nichts neues. frage: wieso sieht da z.b. der ‚geldgeber‘ vertreten durch den rechnungshof und andere kontrollinstanzen diesem ‚treiben‘ scheinbar unhinterfragt zu? denn am mangelnden geld duerfte es ja nicht fehlen, bei zirka 100 millionen euro (lt. filmwirtschaftsbericht des OeFI), die jaehrlich dem aut-film (kino & tv-film/serien) zur verfuegung stehen?

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