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Gastbeitrag: Womit haben wir das verdient?

Eine kritische Anmerkung zum Film von Eva Spreitzhofer.

Immer wieder rufen wir zur Debatte über den österreichischen Film auf und stellen euch gerne die Plattform dafür zur Verfügung: In den Kommentaren, auf unseren Social Media-Kanälen oder indem ihr einen eigenen Beitrag veröffentlicht. Unser Gastautor hat diese Einladung angenommen.

Von Gottfried Wagner

Ein ‚netter‘ Film, ein erfolgreicher. Man möchte ihn loben – wäre er nicht auch zwiespältig, nicht zu Ende gedacht. Trotz seines Humors trägt er, steht zu fürchten, nicht zur Entkrampfung der ‚Islamdebatte‘ bei, eher vielleicht zum Gegenteil. Warum?

Weil er im Grunde seine Lacher auf Kosten „der anderen“ erzielt. Sein Witz – das Brechen von Tabus – macht ihn zur Komödie als unbewusst feindselige Erleichterungsübung, die Spannungsabfuhr erlaubt; werden nicht „die anderen“ im Grunde mit allerhand Dunklem und Miesem gleichsetzt? Fast ohne Versuch des Differenzierens oder gar Verstehens: Islam = (ist gleich) andere Übel wie Drogen, Vor-Zivilisation, Gewalt, Dummheit; der Imam – es mag ja solche geben – ist unerträglich; die Bekehrungs- und Belehrungs-Videos sind dumm, peinlich. Differenzierung findet im Wesentlichen auf der Seite des liberalen österreichischen Bürgertums statt, das zwar auch (und durchaus komisch) mit seinen Blindheiten, seiner Contenance ringt, aber letztlich unangefochten die Krone der Schöpfung darstellt.

Ausgenommen vom Islam-Bashing ist die Mutter der Freundin der Konvertitin, selbst ein kluges Mädchen!, eine klare, feine Frau, Muslimin ohne das „Bedrohliche“, sogar (oder nur?) gegen das Kopftuchtragen der Tochter (weil es der Karriere schaden könnte). Ihnen wird aber wenig Platz gelassen; könnte eine wirklich kluge Komödie deren Widersprüchen auch humoristisch Raum geben, idealerweise gleich viel, als Spiegelgeschichte quasi, auf Augenhöhe?

Klar, was geschildert (oder soll man sagen aufgetischt?) wird, empört teilweise: Starrsinn, Machismo, Frauenfeindlichkeit, Aberglaube, Herrschaft des Obskuren, Homophobie… im Übrigen auch „bei uns“ noch nicht lang vergangene oder im Grunde immer noch wirksame Kräfte…!

Klar, und das ist schon ein starkes Stück Vereinfachung: Alle Arbeit an Emanzipation (Feminismus, Laizität, Freiheit) scheint vom Islam bedroht zu werden. Da meldet sich auch die Rechte johlend zu Wort, paradoxerweise, weil Eva Spreitzhofer mit denen nichts am Hut hat. Und weil Motive, Milieu und Ziele ja total andere sind.

Klar, es gibt schöne Utopien, z.B. die Schlussszene, die gemeinsame Demo für „Allah ist weiblich“; die Ösi-Muslima mit Kopftuch Seite an Seite mit der türkischen ohne selbiges.

Klar, es gibt viele witzige Szenen, manche nahe am Klamauk: Das „Gschnas“, das die Polizisten als „Rechtfertigungs-Ausweg“ anbieten statt einer Anzeige wegen Vollverschleierung, steht für die komische Ableitung der Spannungen: Hier eiern Humor und Zynismus noch hin und her. Die Schweinswurst-Szene dagegen, die die konvertierte Tochter – schlechten Gewissens mampfend – mit Mama (endlich fast am Ziel der Rückführung der verlorenen Tochter ins family-patchwork-Paradies) vertöchtert, ist schon sehr dick aufgetragen.

„Aber die guten Absichten…“, höre ich. Tja… Erster Einwand: Die entwicklungspsychologisch interessante Ablösungsdimension (Tochter konvertiert – als größtes, hippstes Tabu – zum Islam) bleibt leider unterbelichtet, schimmert nur in der Familientherapiestunde zu Beginn auf, sieht man von den z.T. sehr guten Schauspielerleistungen ab, Caroline Peters vor allem!

Zweiter Einwand: Der scheinbar „allgemeine“ Spott über „die Religionen“ geht auch schief, denn er wischt die kulturgeschichtliche Interpretationsleistungen der Spiritualität mit den (richtigen) Argumenten (Opium…, Aberglaube, Herrschaft(en), Manipulation…) hinweg. Diese wohlfeile Unter-Bestimmung der Religion(en) ist symptomatisch für den zu leicht befundenen Ton dieser Komödie.

Was mich aber eigentlich bekümmert: 60.000 Zuseher schon in Österreich, Kinostart in Deutschland steht erst bevor, Festivaleinladungen: Da ist die Frage, was der Film unter der Oberfläche suggeriert im gegenwärtigen politischen Kontext des culture clash, keine bloß theoretische. Die Regisseurin erzählte anlässlich einer öffentlichen Diskussion im Votivkino, wie in Schulklassen-Diskussionen Empörung der muslimischen Schüler/innen und Lachen Hand in Hand gingen. Nachvollziehbar. Eine weitere Eskalation wider Willen? Eine weitere Station auf dem Weg zu „französischen Verhältnissen“? Wäre ich Muslim, fühlte ich mich bestätigt: „Die sehen uns nur als Abschaum…. die wollen uns nie!“

„Womit haben wir das verdient?“ Oder spinn ich?

Gottfried Wagner ist Culture Consultant in Wien. 
Zuvor war er Lehrer am BRG III, Wien und Lektor an der Universität Wien, dem IFF und dem Pädagogischen Institut des Bundes. Von 1994 bis 2001 Abteilungsleiter und später Direktor von KulturKontakt Austria, danach Direktor der Europäischen Kulturstiftung in Amsterdam und Stabstelle Internationales im BMUKK.


„Womit haben wir das verdient?“ läuft noch in den österreichischen Kino. In unserem Podcast haben wir ebenfalls die politische Dimension des Films diskutiert. Hast du was zu ergänzen? Widerspruch oder Zustimmung zu diesem Kommentar? Dann hinterlasse hier gleich einen Kommentar oder tritt mit uns anderweitig in Kontakt. Und wenn du dich anderweitig bei Bruttofilmlandsprodukt einbringen willst, dann haben wir auf dieser Seite alle Möglichkeiten zusammengefasst. Wir freuen uns auf deine Nachricht.

Beitragsbild: Luna Film

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