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Kritik: Blind ermittelt – „Blutsbande“ (2019)

Alexander Haller ist blind und ermittelt in seinem zweiten Fall, in dem gleich eine heftige Familiengeschichte rund um die Hauptfiguren erzählt wird. Von der grausamen Kreativität des ersten Teils ist nicht mehr viel über und so „Blutsbande“ ein ziemlicher Blindgänger.

Immer wieder müssen wir auf unsere Besprechung des ersten Teils zurückgreifen, der am 5. Mai 2018 erstmals ausgestrahlt wurde. Nicht nur, weil einige unserer Befürchtungen wahr wurden, sondern auch, weil der zweite Teil an manchen Punkten daran anknüpft. Wer sich also nicht so gut erinnern kann, was vor eineinhalb Jahren im TV zu sehen war, sollte unbedingt noch vorab unsere Kritik nachlesen.

Zu Beginn bekommt Niko (Guenther) eine Droh-SMS und prompt wird Sophie (Aulitzky) entführt. Aus dem ersten Teil wissen wir, dass Niko wohl eine nicht ganz saubere Vergangenheit hat, was auch der Grund ist, warum er jetzt in Wien ist. Dass die Nachschau von ihm und Alex Haller (Hochmair) in seiner Spielervergangenheit beginnt, ist logisch, führt aber bald ins Leere.

Die dramaturgisch so wichtige falsche Fährte verbraucht, sitzen alle erstmal nur so rum. Das Entführerpaar Caro & Adrian (Richter, Tambrea) genauso wie unsere Helden. Eine Rückblende zu einem Gefängnisaufenthalts Adrians wird sich am Ende als völlig informationsfrei herausstellen.

Alex und Niko vertreiben sich die Zeit mit Gedächtnistraining. Alex‘ Sorge um seine Schwester scheint ihn zumindest nicht in Panik verfallen zu lassen. Niko hingegen macht das sichtlich zu schaffen. Jetzt kommt auch nochmal die Szene vom Anfang. Warum ausgerechnet die als Teaser vorangestellt wurde muss man nicht verstehen.

Als die Leiche des erschossenen Mittäters gefunden wird, ist jetzt auch endlich Laura Janda (Lämmert) zurück im Spiel. Interessanterweise gibt sich „Blutsbande“ Mühe, ihre neue Verlobung mit einem ständig anrufenden Unbekannten – Tobi – als irgendwie relevant zu inszenieren. Gestört hat es nicht wirklich. Klang so, als wären sie in den Hochzeitsplanungen.

Paarlauf

Bei der Übergabe in der Riesenradgondel kommt erstmals etwas Bewegung in die Sache. Aber es stellen sich uns auch zwei massive Fragen. Erstens: Warum genau kehrt Adrian überhaupt zum Schiff zurück bzw. warum haut er nicht bei erstbester Möglichkeit ab? Worauf wartet er? Die pure Gier nach einer weiteren Million haben wir jetzt nicht wirklich gesehen. Und die große Liebe nehmen wir diesem Paar eh nicht ab.

Zweitens: Wie finden die beiden Dodeln von der der Wettmafia immer wieder heraus, wo Niko gerade ist? Und warum versuchen sie ihn immer nur am helllichten Tag auf offener Straße zu schnappen? Nachdem sich das Paar aber eh schon als irrelevant für unseren Fall herausgestellt haben, ist ihr Beitrag zum Plot nur Füllmaterial der unnötigen Sorte.

Die Action am Riesenrad mit etwas Bass im Soundtrack kommt gerade recht. Weil wach sind sicher nicht mehr viele Zuseher zu diesem Zeitpunkt zur Mitte des Films. Das bisher Gebotene war leider ziemlich schwach und auch wenn wir zu diesem Zeitpunkt noch relativ wenig wissen, müssen wir uns doch Mühe geben nicht wegzuschalten.

Die weiteren Ermittlungen laufen nebeneinander, aber getrennt ab. Haller und Niko wollen Laura – so sehr sie ihnen sonst beisteht und Informationen gibt – verständlicherweise nicht einweihen und sie weiß nicht, dass ihr Toter mit deren Aktivitäten was zu tun hat. Wie so oft bräuchte man nur einfach einmal miteinander reden. Aber dann gäbe es ja keine Geschichte.

Stattdessen oszilliert Niko zwischen Hotel und Lauras Büro hin und her, weil er auf dem Video zu sehen ist und dann auch an einer Gegenüberstellung teilnehmen muss. Dabei kann er einfach so auch die Bilder an der Wand abfotografieren, mit denen er dann genau das macht, was Lassmann eigentlich tun hätte sollen: Einfach mal alle Tätowierer fragen.

Ene mene mexican

Dann schnappen die Mafiosi Niko doch noch und wir haben natürlich totale Angst um ihn und seine Finger. Nach der „überraschenden“ Rettung folgen viel langweiliges Zeug um das Foto von Haller Senior, ein wenig Blumenschnüffelei – dass Blumen was damit zu tun haben wurde in der ersten Hälfte schon überdeutlich durch schlechtes Framing verraten – und die Besuche bei Caros Mutter (Linauer) und Ex-Staatsanwalt Arthur Pohl im Gefängnis.

Pohl (Silberschneider) ist die einzige Querverbindung zum ersten Teil der Reihe. Dass er für Haller und auch Hallers ermordete Verlobte Kara eine Art Mentorenfigur war, ist uns bekannt und so kommt auch seine Freundschaft mit Hallers Vater nicht von irgendwo. Allerdings gilt auch hier die in der Besprechung des ersten Teils geäußerte Kritik, dass ihre Beziehung sich mehr Screentime verdient hätte, um auch jetzt wirklich wirken zu können.

Zum Ende kommt es zum vermutlich spannungsärmsten Mexican Standoff der Filmgeschichte. Bevor die Situation durch Ene mene muh aufgelöst werden kann, erschießt Caro den unguten Kerl endlich und haut mit dem Geld ab. Die Beziehung der beiden – so wie sie uns präsentiert wurde – versuchen wir erst gar nicht zu verstehen.

Immerhin könnte Caro in einer kommenden Folge wieder auftauchen. Mit 750.000 Euro ist sie auch gut bedient. Aber können wir ihren persönlichen Schmerz wirklich glaubhaft nachvollziehen? Der Selbstmord ihrer Mutter ist sicher nicht die Schuld ihrer Halbgeschwister Alexander und Sophie.

Fazit

Der Qualitätsabfall zwischen erstem und zweitem Teil ist gravierend. Natürlich hatte der erste Teil auch die Funktion die Charaktere uns erstmals bekannt zu machen und erfüllte das auch passabel. Zusätzlich gab es aber einen extrem dichten, kreativen Fall, der wie erwähnte eine ganze Staffel hätte tragen können. Am Ende waren keine Fragen mehr offen.

Also muss „Blutsbande“ etwas völlig Neues aufbauen. Das gelingt nicht. Der Fall ist generisch und es kommt uns vor, als hätten wir den schon ein paar mal gesehen. Auch die Nebenstränge mit Nikos Spielsucht vermögen nicht für zusätzliche Spannung zu sorgen. Hallers Spezialfähigkeiten sind wieder ganz gut inszeniert, aber der Fall hat nicht so eine auditive Komponente wie der letzte. Die vermutete USP wird also nicht ausgespielt.

Dass der ehemaliger Superermittler seinen neuen Assistenten trainiert, um ihm die bestmöglichen Augen zu sein, ist eine gute Idee. Weniger gut ist aber, dass Niko es jetzt schon mit Sherlock Holmes aufnehmen kann. Bei Haller haben wir in Teil 1 noch irgendwie akzeptiert, dass der Neublinde innerhalb kurzer Zeit seine restlichen Sinne auf Superheldenniveau entwickelte. Aber bei einer Kontrastfigur, die der eher simple Normalo Niko zum Supergenie sein soll, funktioniert das nicht mehr.

Mal schauen, wie sich das im dritten Teil auswirkt. Lange warten müssen wir nicht, denn „Das Haus der Lügen“ ist bereits in einer Woche zu sehen. Am selben Sendeplatz: Montag, 9.12., 20:15, ORF1.


“Blind ermittelt: Blutsbande”
Reihe, 2019
Regie: Jano Ben Chaabane
Drehbuch: Jano Ben Chaabane, Ralph Werner
Darsteller: Philipp Hochmair, Andreas Guenther. Patricia Aulitzky, Jaschka Lämmert, Michael Edlinger, Julia Franz Richter, Sabin Tambrea, Johannes Silberschneider, Birgit Linauer, uvm.


Mehr Brutto vom Netto

  • Wurde eigentlich seit es den Song gibt (1981) jemals „Der Kommissar“ als Titellied einer Krimiproduktion verwendet? Jedenfalls ist die Eingangsszene ziemlich cool gemacht.
  • Ein Flugticket nicht nach Mexico, sondern nach NEW Mexico. Da ist wohl wer „Breaking Bad“-Fan. Ich verzichte jetzt auf einen Faktencheck, ob es Direktflüge von Wien nach Albuquerque gibt.
  • Was ich nicht verstehe, sind die Credits. Da werden die gleichen Darsteller und nur wenige zusätzliche Departmentverantwortliche gelistet, wie im „Der Kommissar“-Vorspann. Die diversen mittelbekannten Nebendarsteller (Georg Rauber, Mehmet Ali Salman, Valentina Schatzer, Michael Schönborn) bleiben leider unerwähnt. Regisseur Chaabane ist dafür noch einmal unter „Buchmitarbeit“ verzeichnet, obwohl er sowieso bereits als Autor zu Beginn genannt wurde.
  • Mit keiner Silbe wir die Verbindung zwischen Adrian, Caro und dem dritten Mann erklärt, oder? Ob sie ihn überhaupt für die Entführung brauchten ist schon einmal fraglich, aber offenbar gehörte ihm das Schiff, auf dem sie Sophie gefangen halten. Wie nonchalant sie ihn aber beseitigen spricht wieder dafür, dass er einfach nur irgend ein angeheuerter Handlanger war.
  • Andreas Guenther hat natürlich Charme ohne Ende und Patricia Aulitzky ist ein Traum. Aber so richtig shippen – wie Hannes sagen würden – kann ich die beiden nicht wirklich.
  • Auch diese protektive/machohafte Eifersucht von Alex Niko und seiner Schwester gegenüber ist sowas von Kindergarten. Das möchte ich in Geschichten über und für Erwachsene nur mehr in begründeten Ausnahmen sehen.
  • Als Laura an den Fundort der Leiche kommt, bemerkt sie den neuen Schnauzbart von Kollegen Lassmann (Edlinger). Das ist zuerst einmal ein Anschluss an den vorigen Film, wo Lassmann glatt rasiert war. Aber: Wer sich nach eineinhalb Jahren an diese Figur erinnern konnte, die im ersten Teil heiße 10 Sekunden netto im Bild war, dem/der geb ich ein Bier aus. Erwähnenswert, weil den Autoren dieses Detail, diese Kontinuität so wichtig war, während im ganzen Plot so viele andere gravierende Baustellen zu beheben gewesen wären. Und Michael Edlinger „brauchte“ den Schnauzer übrigens für seine Rolle als Strizzi in „Der Fall der Gerti B.“, der laut meinen Informationen direkt nach den beiden neuen „Blind ermittelt“-Teilen gedreht wurde.
Na? Wer erinnert sich? Foto: Screenshot

Fotos: ORF/Mona Film/Philipp Brozsek

2 Comments

  1. Sibl 5. Dezember 2019

    Shippen.
    Das ist schon ein sagenhaft grausliches Wort.
    Denglish deluxe.

    ‚Ich würd mich freuen, wenn zwischen den Beiden was laufen würde.‘
    ‚Wie schön wär’s, wenn’s da knistert würde?‘

    Es gibt so schöne Varianten.

    Ps. Gut, dass ich das nicht gesehen hab. Danke für die Zusammenfassung.
    lg

    • Hannes Blamayer 6. Dezember 2019

      Ich bin der festen Überzeugung, dass Shippen eine Aktivität der Zuseherinnen und Zuseher beschreibt, die von großer dramaturgischer Bedeutung ist – eine Bedeutung, die in Fachkreisen noch viel zu wenig Beachtung findet. Deshalb fände ich gut, wenn dieses Wort Teil des gängigen Jargons wird. Shippen, so nämlich meine Theorie, sorgt für starke Zuseherbindung. Die Übersetzung wäre wohl „hoffen, dass zwei Figuren zusammenkommen“, aber das ist umständlich und weniger präzise, finde ich. Aus diesen Gründen werde ich das auch in Zukunft verwenden, tut mir leid. Liebe Grüße, Bla

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