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Kritik: Blind ermittelt – „Das Haus der Lügen“ (2019)

Stark verbessert, aber trotzdem noch relativ plump. Im dritten „Blind ermittelt“-Fall passiert ein grausamer Mord im Oberschichtsinternat. Haller ermittelt solange verdeckt als Lehrer, bis die Chemie stimmt.

Kritik: Blind ermittelt – „Die toten Mädchen von Wien“ (2018) – gesendet am 5. Mai 2018
Kritik: Blind ermittelt – „Blutsbande“ (2019) – gesendet am 2. Dezember 2019

Eine Woche nach “Blutsbande” folgt schon der nächste Film der Reihe. Ein Feuermord im Oberschichtsinternat. Eine perfekte Ausgangsposition. Klassisch, solide. Keiner darf reden. Ein Haufen Verdächtiger, aber kaum echte Motive, weil der ermordete Direktor scheinbar universal gemocht wurde. Ein paar konspirative Dialoge am Schulgang oder in der Nacht im Chemielabor und voilà, wir haben einen Fall wo nur einer durchblicken kann: Unser blinder Ermittler Alex Haller (Hochmair)

Hauptverdächtig ist von Anfang an eine ganze Familie. Hausmeister Holtinger (Gersak), sein Sohn und Internatsschüler Max (Gaier) und später dann auch noch Mutter Gitte (Wenzel). “Das Haus der Lügen” gibt sich viel plumpe Mühe, ein Indiz nach dem anderen anzuhäufen. Von fehlenden Feuerzeugen und Familienkonflikten über falsche Alibis und Radarfallen bis zu tatsächlichen Verstrickungen von Max und Gitte mit dem Ermordeten. Vor dem Ende stellt sich Holtinger, weil alles auf seinen Sohn deutet und wieder einmal keiner mit dem anderen redet.

Aber nicht mit Alexander Haller/Berg.

Antiklimaktisches Ende

Nachdem sich Holtinger gestellt hat und Laura klipp und klar aufgezählt hat, warum er der Täter sein muss, hat Alex ein Bauchgefühl. Sein einziges Argument – Max sei ein Jahr vor der Matura und der Mord daher nicht sinnvoll – überzeugt uns nicht. Allerdings gibt es neben Max mit dem verschuldeten Lehrer Leyer (Mohab), der Schülerin Marlene (Leitner) und ihrer Clique und schließlich auch Lotta noch einige Verdächtige, von denen wir noch nicht genau wissen, wie sie ins Gesamtbild passen.

Lotta (Schwarz) haben wir seit ihrer Reaktion auf die Berührung ihrer Narbe auf der Rechnung. Durch ihre Schnüffelei ist sie nicht nur in unserer Sympathie deutlich nach unten gerutscht. Auch in ihrer Enttäuschung, als sie herausfindet, dass Berg nicht Berg und Haller ehemaliger Polizist ist, nehmen wir ihr nicht den Verrat, die betrogene Liebe, ab. Wir sehen eine Person die Angst hat erwischt zu werden. Die andere Lesart ist aber natürlich auch legitim und hat die Spannung zumindest eine Spur länger gehalten.

Aber anstatt spätestens jetzt in ein spannendes, dramatisches, eventuell sogar wieder feuriges Finale einzubiegen, beschließt “Blind ermittelt” das ausschließlich via Dialog zu regeln. Die relevante Information kommt von einer neu eingeführten Figur – dem pensionierten Kommissar Burdinski (Buttinger) – und die Resolution und die Erklärung der Täterin geschieht mittels Voiceover, während sie im Taxi und Alex und Niko (Guenther) in ihrem Oldtimer zum Hotel unterwegs sind.

Spätestens bei der Konfrontation in der Lobby hätte ihr der frischgebackene Diplompsychologe wenn schon nicht aus subjektiv-emotionaler Enttäuschung dann wenigstens aus fachlich-objektiver Sicht sagen sollen, was für einen Bullshit sie da redet. Wir wollen die Traumata von Unfallwaisen nicht gering reden, aber dieses kalkulierte Vorgehen wie sie es beschreibt und die Grausamkeit der eigentlichen Tat spricht für eine erzählerisch interessante Psyche, von der wir doch bitte im Verlauf der 80 Minuten davor gerne irgendwas gesehen hätten. So bleibt das ganze eher fad und ohne echten Höhepunkt plätschert “Das Haus der Lügen” irgendwie in den Abspann über.

B/C/D-Plot

Lotta hatte ja auch eine Doppelfunktion. Zuerst als schlussendliche Täterin und dann als zentrale Figur im B-Plot “der Woche” – nämlich Alex’ Liebesleben. Dass er nicht nur ein wenig der eigenbrötelnde Einsiedler ist, nehmen wir ihm ab und das wurde auch in den vergangen Teilen halbwegs gut vermittelt. 

Nachdem die Dating-App bis auf ein kurzes Schmunzeln bei Niko keinerlei sichtbare Konsequenzen hat, verstehen wir aber nicht, warum sich Sophie (Aulitzky) für irgendwas entschuldigt. Alleine der Hinweis, dass er doch vielleicht wieder eine Zehe in den Datingpool stecken könnte, hat in ihm etwas ausgelöst und offen für die Idee gemacht. Pech nur, dass der erste Versuch zwar durchaus erfolgreich ist, aber aus offensichtlichen Gründen nichts langfristiges daraus werden kann.

Darunter verstecken sich dann auch noch Sophies Überlegungen, nicht nur über eine eigene Familie sondern auch als Nachfolge für die Leitung des Familienhotels. Irgendwann zwischendurch offenbart sie ihm aus dem Blauen heraus, dass sie keine Kinder bekommen kann und ihre Hoffnungen in Alex setzt – daher auch ihr Drängen er mögen doch bitte daten.

Pressefoto-Romantik, von der im Film nichts mehr übrig blieb.

Dritter Ministrang ist Nikos Spielsucht. Nachdem er von seinen Gläubigern letzte Woche entführt und fast ermordet wurde, ist natürlich dringend Hilfe geboten. Sichtlich um Niko besorgt, wenn auch die in den ersten beiden Teilen angeteaserte potentielle romantische Beziehung der beiden keine Rolle mehr spielt – ob das was mit der Unmöglichkeit ihrerseits irgendwann Kinder zu bekommen zu tun hat, darüber können wir nur spekulieren.

So nimmt sie Niko auf ihrer Geburtstagsfeier ein Versprechen ab. Niko löst das nur auf Druck von Alex ein und geht zu einer Selbsthilfegruppe für Spielsüchtige. Dort nimmt er das wie erwartet aber nicht so wirklich ernst und hat im weiteren Verlauf der Handlung sogar wieder einen Rückfall. ABER…

…so wirklich unkontrolliert wirkt sein spielen nicht. Als er verloren hat, schüttelt er seinen Mitspielern die Hand und geht. Was daran ist jetzt genau ungesund? Oder sollte das schon eine Besserung, einen Reifeprozess in seinem Spielverhalten symbolisieren? Auch hier lässt uns “Das Haus der Lügen” ziemlich im stich und die Szene bleibt im Endeffekt ziemlich isoliert und ohne Konsequenz stehen, auch wenn ziemlich ungeschickt auch noch einmal Kommissar Zufall für eine falsche Fährte sorgt. Aber dass Leyer irgendwie Dreck am Stecken hat wussten wir schon zuvor.

Neuer Fall, neue Skills

Dass Haller einfach alles kann und alles weiß, das haben wir schon in den ersten beiden Filmen gesehen. Jetzt ist er also auch nicht Diplompsychologe. Sofort erstellt er ein detailliertes Psychogramm des Täters, der sicher etwas mit Feuer zu tun haben muss und auch ganz sicher auf dem Begräbnis auftauchen wird.

Auf der anderen Seite ist er nicht in der Lage zu riechen dass Max KEIN Benzin oder anderes Entflammbares über Leyer geschüttet hat. Dass der Chemielehrer das selber nicht checkt erklärt sich vielleicht noch durch Panik, aber warum der Blinde mit den überentwickelten Wahrnehmung da so aussetzt erklärt wohl nur der Wunsch nach künstlicher Spannung. Ob das Riechvermögen vielleicht Hallers schwächster unter den restlichen Sinnen ist wurde nie so richtig ge- oder erklärt.

Aber nicht nur Haller ist immer genau so gut, wie es Drehbuch gerade braucht. Ähnliches lässt sich über Niko sagen. Letztes Mal haben er und Haller noch seine Sherlock-Skills trainiert, von Training oder dem erweiterten Einsatz ist in “Das Haus der Lügen” aber nichts mehr zu sehen. Im Gegenteil ist Niko jetzt wieder nur der Chauffeur und hätte ohne den Subplot um seine Spielsucht wirklich gar nichts zur Episode beizutragen gehabt.

Im Gegenteil, seine kognitiven Skills drohen sogar zu veröden. Nicht anders ist es zu erklären, dass er eine “gefährliche Chemikalie” (Zitat Alex H. 5 Sek davor) aus einer Glasflasche in ein Plastikbehältnis gießt. Ohne Schutzmaske, ohne gar nichts. Die bildgewaltige Wirkung eines Messbechers wollen wir nicht kleinreden, aber dass in der Flasche weit keine 900ml drin sind hätte Niko auch so sehen können/schätzen/wiegen können.

Fazit

Eine deutliche Steigerung im Vergleich zu “Blutsbande” letzte Woche, sowohl der Fall an sich als auch der erneute Fokus auf die Hauptfigur. Wie sich Alex in neuer Umgebung zurechtfinden muss und mit seinen Sinnen das ein oder andere Indiz wahrnimmt, passt wieder so richtig in Konzept.

Dafür wird Niko geopfert. Die beiden zusammen sind meistens besser als alleine, schade also dass man sie trennen musste. Hätte ein blinder Lehrer nicht eine Support-Person dabei haben können? Nikos – sagen wir einmal – “Bodenständigkeit” hätte mit den hochwohlgeborenen Schüler:nnen zu einigen witzigen Momenten führen können.

Überhaupt kam die Schulatmosphäre etwas zu kurz, wurde nur durch ein paar herablassende Bemerkungen von Lehrer Leyrer überhaupt tangiert. Auch wieder ein Fall, der eine längere Laufzeit gebraucht hätte, um zur vollen Entfaltung zu kommen.


“Blind ermittelt: Das Haus der Lügen”
Reihe, 2019
Regie: David Nawrath
Drehbuch: Don Schubert
Darsteller: Philipp Hochmair, Andreas Guenther, Patricia Aulitzky, Jaschka Lämmert, Aenne Schwarz, Sascha Gersak, Enzo Gaier, Andrea Wenzl, Wiebke Frost, Wolfgang Rupert Muhr, Inge Maux, Edita Malovčić, Emilia Leitner, Haymon Maria Buttinger, uvm.


Mehr Brutto vom Netto

  • Am Donnerstag liefern wir noch ein größeres Fazit über die drei ersten Teile und analysieren, was eine Reihe so können muss und was „Blind ermittelt“ diesbezüglich gut oder schlecht macht.
  • Wieder was gelernt: Perchlorsäure gibt es wirklich und nachdem ich zumindest den Wikipedia-Artikel gelesen habe, war das ja eine Hochrisikosituation in der sich Niko und Alex befunden haben.
  • Leider konnten wir nicht herausfinden, was für ein Lied Max am Ende singt. Scheint wohl ein eigens für den Film geschriebenes zu sein. Wir freuen uns über Hinweise/Links.
  • Das coole „Der Kommissar“-Intro von „Blutsbande“ wird nicht wiederholt oder neu gemacht, sondern jetzt gibt es wiederüberhaupt kein Intro. Allerdings wird der Song einmal kurz angespielt als Alex und Niko auf dem Weg ins Internat sind.
  • In der gleichen Szene macht sich Niko auch über die Fake-Website und die neue Identität Hallers lustig. Dabei nennt er ihn deutlich hörbar „Börs“ oder vielleicht „Börls“, aber definitiv nicht Berg.
  • Ganz interessant, wie kurz Edita Malovčić als Polizeichefin, Staatsanwältin oder was auch immer zu sehen war. Soll das eine längerfristige Rolle werden? Inge Maux und Haymon Maria Buttinger haben auch nur Kurzauftritte, haben aber zentrale, emotionale Funktionen zu erfüllen und machen das auch.

Fotos: ORF/Mona Film/Philipp Brozsek

3 Kommentare

  1. Franziska Harich 9. Dezember 2019

    Wollte den Film schauen, leider etwas zu spät begonnen, in der TVThek mit der Restart-Funktion zu schauen begonnen. Nach einer halben Stunde ist der Stream abgebrochen und da man beim Restart nicht vorspulen wollte dachte ich mir, ich warte bis der Film aus ist und schau ihn dann an. Leider falsch gedacht, denn er ist nicht zum späteren Genuss in der TVThek vorhanden..
    Um 2:20 in der Früh werd‘ ich ihn wohl auch nicht ansehen..

      • Franziska Harich 10. Dezember 2019

        Ja, das ist eh normal im EDV-Bereich. Insgesamt hab ich doch deutlich mehr Freude mit der TVThek, als dass ich mich ärgere.
        Dass manche Dinge nur zwischen 20:00 und 6:00 abrufbar sind finde ich grundsätzlich ok, auch wenn es natürlich immer wieder nervt.

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