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Kritik: CopStories 4×06 „Herzkönig“

Im Fall des ermordeten Sokolov tut sich was: Plötzlich sind die Polizisten einem Diamantenraub auf der Spur, Nadja Jasputina hat ihre Finger ebenfalls im Spiel. Eine Entwicklung, die schon viel früher geschehen hätte sollen.

Späte Spannung

Als Nadja Jasputina in Folge 4×03 „Wache Birn“ ihren ersten Auftritt hatte und Berischer sofort gehörig Respekt einflößte, war von Anfang an klar, dass sie eine entscheidende Rolle in der größeren Geschichte dieser Staffel spielen würde. Auffällig war aber auch, wie spät die Serie sie einführte und wie lang man darauf wartete, sie in Aktion zu zeigen. Ihr Cocktail mit Bergfeld letzte Woche war zwar ziemlich cool (wenn auch hölzern); diese Woche sehen wir sie erstmals wirklich in Aktion. Es ist eine ungemeine Genugtuung, zu sehen, wie sie Berischer einschüchtert und unter Zugzwang setzt – dumm bloß für Ali, Juliana und Co., dass Berischer an ihnen seinen Frust auslässt.

Die Szene zwischen Nadja und Berischer ist die vielleicht informativste der bisherigen Staffel, weil in ihr der gesamte Fall um den ermordeten Sokolov völlig auf den Kopf gestellt werden. Plötzlich geht es dabei um gestohlene Diamanten, plötzlich entpuppt sich Sokolov als Mitarbeiter von Nadja Jasputina bzw. der russischen Mafia, und plötzlich geht es nicht nur noch darum, Nuri Mudarov zu finden, sondern vor allem die Edelsteine, die Mudarov wohl Sokolovs Magen entnommen hat. Insbesondere ist der Fall jetzt auch persönlich für die Antagonisten relevant. Wenige Szenen später erfahren auch Leila, Itchy, Eberts und Lukas von Bergfeld, um was es bei der ganzen Sache geht.

Es ist ungemein antiklimaktisch, dass den Ermittlern all die Informationen auf einmal von Interpol präsentiert bekommen. Anstatt zu sehen, wie unsere Helden die entscheidenden Fortschritte beim Fall selber erzielen, werden sie ihnen auf dem Silbertablett präsentiert. Aber auch die Tatsache, dass uns die Serie die halbe Staffel über vorenthielt, um was es bei diesem Fall wirklich geht, wirkte sich negativ auf. Obwohl der Fall klar als großer Staffelfall zu erkennen war, hielt sich unser Interesse ein wenig im Rahmen – nicht umsonst fand er etwa im Artikel zu Folge 4×05 „Wettschulden“ nur nebenbei Erwähnung. Was fehlte war ein klareres Bild, warum gerade dieser Mordfall von Bedeutung ist. Der Fall war schon okay (und gut geplottet wie immer), aber erst mit dieser Folge wird er so richtig spannend, denn plötzlich steht deutlich mehr auf dem Spiel als bloß, dass ein Kleinkrimineller davonkommt. Jetzt geht’s um die dicken Fische. Ein höchst überfälliger Schritt.

Foto: ORF/Petro Domenigg.

Umso spannender ist aber „Herzkönig“, in dem Berischer ordentlich Luft aufwirbelt. Super etwa, dass er mal wieder Vickerl als Spitzel verpflichtet – hoffentlich macht die Serie da mehr daraus als in Staffel 3, wo die Polizisten das ja unmittelbar mitbekamen. Aber auch den Bewohnern seines Asylantenheims rückt Berischer auf die Pelle und prügelt aus ihnen heraus, was die Polizisten schon vor ein paar Folgen erfuhren – nämlich, dass Juliana ein Verhältnis mit Nuri Mudarov hatte, während sie eigentlich mit Sokolov zusammen war. (Wobei nicht ganz klar wird, warum Berischer glaubt, dass Ali etwas wissen müsste, und warum Ali überhaupt so lange dichthält.)

Doch dann passiert genau wieder etwas, wo unsere Protagonisten keinen Beitrag beisteuern: Nuri Mudarov taucht völlig unvermittelt im Verhörraum auf, weil nicht gesehene Beamte ihn festnahmen. Immerhin ist das Verhör ganz spannend, weil „CopStories“ da mal wieder eine unerwartete Wendung zu bieten hat: Nuri Mudarov hat ein Alibi. Wer also hat Sokolov umgebracht? Weil Berischer offensichtlich unwissend ist, würden wir uns bei den anderen Figuren dieser Geschichte umsehen – und unser Blick fällt da auf Ali…

Itchy und die Frauen

Zwei Folgen ist es nun her, dass enthüllt wurde, dass Patrizia und Itchy was miteinander haben, und wir haben darüber noch kaum ein Sterbenswörtchen verloren – das wollen wir mal nachholen. Es ist nicht unbedingt eine offensichtliche Paarung an Figuren, nicht zuletzt deshalb, weil die beiden in Staffel 3 noch mit jeweils anderen Figuren liebäugelten – Patrizia ein wenig mit Sylvester, Itchy mit Svetlana und irgendwie auch mit Leila. Zudem war Patrizia noch ein sehr unbeschriebenes Blatt, mit der die Serie offenbar noch nicht recht wusste, was sie mit ihr tun soll. Da liegt eine Liebesbeziehung naheliegend – aber ausgerechnet Itchy, mit dem sie nie etwas zu tun hatte?

Umso überraschender, wie gut die zwei harmonieren. „Herzkönig“ fängt die Chemie zwischen Itchy und Patrizia ausgezeichnet ein. Damit ist nicht die Sexszene gemeint (naja… die auch…), sondern ihr Geplänkel vor dem ÖBB-Spint, bei dem zu erkennen ist: Die beiden haben wirklich Chemie. Das ist nicht bloß ein Techtelmechtel für Itchy oder Patrizia – die Beziehung hat Zukunft. Auch sehr schön ist Romans Reaktion darauf, der deutlich spürt: Da ist doch was im Busch. Aber dann ist er doch so dezent und fragt nicht nach, sondern bittet die beiden nur um ein wenig mehr Pietät.

Weniger Verständnis dafür bringt Leila auf, die da regelrecht schnippisch wird und ihre Ablehnung nun unverhohlen zur Schau stellt: „Ja genau, 10 Minuten, für mehr reicht’s bei dir eh nicht.“ Dass sie nicht will, dass ihre Cousine Dana mit Itchy was anfängt – weil es ihr Kollege ist und weil er so viel älter ist als sie – ist ja noch verständlich, aber wie sie ihn behandelt, seitdem sie sein Verhältnis mit Patrizia spitz bekam, spricht eindeutig von Eifersucht.

Ist da was zwischen den beiden vorgefallen, das wir nicht sahen? Wir erinnern uns zurück an ihren Spruch aus 4×01 „Blede Gschicht“, als sie noch sagte, sie und Itchy seien mehr als bloß Kollegen. Itchy jedenfalls dafür zu schelten, während der Arbeit ein Schäferstündchen (oder wie lang es nun auch tatsächlich war) einzulegen, ist absolut legitim, aber Leila lässt es immer wieder persönlich werden. Es ist nicht die feine Art, ihre Gefühle zu zeigen – falls wir das richtig interpretieren. Aber bei Itchy ist da gerade nichts zu machen.

Sonnenblumen

Um Gefühle geht’s auch in den Privatleben der anderen Cops. Nachdem Helga ihre Beziehung zu Heuberger zu Beginn der Staffel ihrem Job opferte, trifft dieser nun zufällig auf Vickerl und plaudert mit diesem über Gott, die Welt und die Liebe. Die Paarung funktioniert nicht nur aufgrund der Ähnlichkeit ihrer stolzen Mähnen, sondern vor allem, weil sich da zwei irgendwie verwandte Seelen finden – Freigeister, die das Leben lieben, und beide mit Faible für Blumen (wer sich erinnert: Vickerl erzählte in 3×08 „Undiplomatisch„, dass sein erstes Mal mit einer Frau war, die nach Blumen roch).

Erstmals fragt jemand Vickerl, warum er überhaupt auf der Straße ist – für die Polizisten ist er wohl schon so sehr ein Fixpunkt ihrer Ottakringer Welt, dass sie vielleicht vergessen haben, dass da wohl eine ganz, ganz lange und intensive Geschichte in ihm ruht. Sehr schön auch, wie uns die Serie da mit einem vagen „I hab was Schlimmes gemacht“ abfertigt – nicht nur, weil es charakterlich passt, dass er damit wohl eher nicht so schnell rausrückt, sondern auch, weil Vickerl damit ein Mysterium bleibt – wie all die Obdachlosen, denen wir begegnen, bei denen wir uns aber nie trauen zu fragen, was ihre Geschichte ist.

Es ist schon ein klein wenig zufällig, dass Heuberger ausgerechnet Vickerl kennen lernt – aber gut, Vickerl-Geschichten haben den Zufall ja quasi für sich gepachtet, und das nimmt man mittlerweile einfach so zur Kenntnis – ja hat fast schon seinen eigenen Charme entwickelt. Schade ist allerdings, dass die Serie bei den beiden nicht wirklich einen Konflikt verhandelt, sondern Heuberger von Anfang an die Intention hat, abends Helga aufzusuchen – warum ist es nicht Vickerl, der Heuberger die Idee dazu gibt, um seine Ideale zu kämpfen, weil er selber das vielleicht in seiner Vergangenheit nicht tat? Und Heuberger ihn dann als Dankbarkeit zu seiner Ex-Freundin mit einlädt? So sehen wir leider nicht, wie Heuberger zum Entschluss kommt, nach ein paar verstrichenen Folgen endlich wieder mit einer Sonnenblume aufzukreuzen.

Sylvester, der Einfühlsame

Bromance statt Romance gibt es bei Sylvester und Flo. Rührend, wie Sylvester seinem besten Kumpel beisteht – in guten wie in schlechten Zeiten, was? Es wird so langsam zur Tradition, dass Sylvester seine Kollegen im Krankenhaus besucht und sich dabei von seiner softeren Seite zeigt. Im Gegensatz zum Besuch bei Tina in der Psychiatrie verkennt Sylvester dieses Mal nicht die Lage und findet die richtigen Worte.

Fotos: ORF/Hubert Mican bzw. ORF/Petro Domenigg

Dass er charakterlich gewachsen ist, sehen wir auch darin, wie er seinem Vater begegnet, der sich also überlebende Alkoholleiche aus der Folge zuvor herausstellt – da haben wir richtig vermutet! 15 Jahre sind eine lange Zeit, um über jemanden nie hinwegzukommen, und doch nimmt es Sylvester ziemlich bravurös hin. Mal sehen, was passiert, wenn der Mann aufwacht – nicht, dass er sich als unverbesserliches Arschloch herausstellt.

Doch zurück zu Flo: Bei dem bestätigt sich, dass er Chemotherapie macht und es nicht gut um ihn bestellt ist. Doch während „Wettschulden“ noch pessimistisch endete, gibt sich „Herzkönig“ da fast schon optimistisch. Einerseits, weil Flo Sylvester gesteht, warum er ihm nichts davon erzählen wollte, und Sylvester daraufhin reinen Tisch macht und Flo versichert, dass er für ihn da sein wird. Und da ist es schwer vorstellbar, dass uns „CopStories“ Flo wirklich nehmen würde.

Andererseits aber auch, weil Eberts bereits der zweite Polizist in zwei Folgen ist, der Flo zufällig am Krankenhausflur über den Weg läuft, und obwohl die beiden eigentlich nie recht was miteinander zu tun hatten, Flo so behandelt, als wäre es das normalste der Welt. Und das, gekoppelt mit dem abendlichen Besuchen am Krankenbett, scheint Flo neue Lebenskraft zu geben. Und der Serie auch.

Noch mehr Bla:

  • Der titelgebende Herzkönig ist nicht der Falschspieler, sondern unser lieber Eberts. Och ist das schön.
  • Mal was stilistisch ganz anderes in der Musikmontage: Miley Cyrus – Wrecking Ball. War okay.
  • Ich mag es, wenn die Ermittler an ihrer Ermittlungs-Wand arbeiten. Das gibt uns oftmals die Chance, lang verflossene Verdächtige und Gegenspieler in Erinnerung zu rufen – in diesem Fall Hofmeister, Obradovic, Chantal, und wen man da auch sonst noch erkennen kann. Bergfeld könnte aber ja auch mal das Licht einschalten…
Foto: ORF/Gebhardt Productions/Screenshot
  • Haben Sie was angegriffen?“ – „Bin I bled? I schau Tatort.
  • Der Tod von Glorias Schwester war wohl wirklich bloß eine lose Episodenidee, auch in „Herzkönig“ ist davon nichts zu spüren.
  • Die Inszenierung zum Schluss zwischen Heuberger und Helga war verwirrend. War Vickerl da dabei? Was denkt Helga darüber? Lässt sich Helga nun wieder auf Heuberger ein, obwohl sich an den Gründen der Trennung nichts veränderte?

3 Comments

  1. Georg T. 13. Januar 2019

    Interessant, dass ihr hier noch gar nichts zum Cliffhanger schreibt, der ja wie üblich einiges offen hält, aber doch eine spannende Entwicklung darstellt – Itchy will mit Berischer ins Geschäft kommen – während Leila draußen im Auto sitzt… ist das ein Undercover-Einsatz von Itchy der mit Leila und Co abgesprochen ist – oder überwacht Leila weiterhin Itchy und bekommt so von einer krummen Tour von ihm mit. Ich glaub ja nicht dass es sich um letzteres handelt, aber wir wissen ja auch noch nicht wie tief Itchy in seinen Wettschulden steckt…

    Ansonsten herzlichen Dank für Eure Seite und die schönen CopStories Kritiken… ich hab es mir jetzt schon zur Gewohnheit gemacht sie nach jeder Folge zu lesen und werde jetzt auch gleich mal schauen was Ihr so zu Walking on Sunshine zu sagen habt… dass ich eigentlich auslassen wollte weil mich jetzt eine Serie über eine Wetter-Redaktion nicht wirklich interessiert, aber die tollen Quoten und ein Hinweis dass es nicht schlecht sein soll, hat mich dann doch reinschauen lassen im Nachhinein… Proschat Madani und Aaron Karl mag ich auf jeden Fall schon mal recht gern.

  2. DizzySka 13. Dezember 2018

    Kleine Kritik an eurer Kritik: Sie scheint leider nicht im Reiter CopStories auf, und ist daher etwas schwerer wiederzufinden.
    Ansonsten sag‘ ich vielleicht dazu, dass ich all eure Texte und Podcasts, wobei ich vor allem jene über CopStories konsumiere, sehr gut finde.

    • Hari List 14. Dezember 2018

      Dankeschön und auch danke für den Hinweis.
      „Fehler“ und Verbesserungsvorschläge bitte jederzeit 🙂

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