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Kritik: CopStories 4×07 „Na Hawedere“

Die Winterpause ist vorbei. „CopStories“ lässt eine Folge mal den Polizeialltag zurück und stellt sie stattdessen unter das Motto: All you need is love. Außergewöhnlich ist „Na Hawedere“ auf alle Fälle – aber ist das auch gefällig?

Früher Feierabend

Berischer, Nadja und der Rest der Unterwelt machen mal einen Tag Pause – noch nie war Ottakring so kriminalitätsarm, sodass die Folge schon nach gut einer Viertelstunde in die Nachtzeit wechselt. Einzig ein kurzer Autounfall, der Tod anhand tiefgefrorenem Eis (da beklag nochmal, dass der ORF dem Bildungsauftrag nicht gerecht werde), eine nicht bezahlte Prostituierte sowie eine Frau, die vor lauter Trauer einen Zebrastreifen auf jene Straße malt, wo ihr Kind umkam, beschäftigen die Polizisten in „Na Hawedere“ – der Rest verhandelt ausschließlich das Privatleben der Cops.

„Na Hawedere“ ist eine Folge, die in Frage stellt, was man sich als Zuseher denn eigentlich von der Serie erwartet. Sind es spannende Fälle? Ist es der Kampf gegen das organisierte Verbrechen und die Ottakringer Unterwelt? Ist es der Kampf gegen Berischer, Nadja und Co. und die Lösung des Diamantenraubs und des ermordeten Sokolov? Oder sind es die Leiden und Freuden der Cops, ihre Höhen- und Tiefpunkte, ihre Techtelmechtel und Eifersuchtsgeschichten und Verlobungsfeiern?

Foto: ORF/Hubert Mican

„CopStories“ ist kein Krimi, sondern Österreichs einzige aktuelle, pure Drama-Serie. Als solche stehen die Privatleben der Polizisten und Krimineser nicht nur für uns Superfans im Vordergrund (wie es auch etwa bei „Schnell ermittelt“ der Fall ist), sondern sind durchwegs der Hauptfokus der Serie. Trotzdem gehören die originellen, berührenden und spannenden Fälle zur DNA der Serie dazu, vor allem die episodenübergreifenden, die dramaturgisch gesehen das Rückgrat der Serie bilden. Nadja kommt in „Na Hawedere“ jedoch überhaupt nicht vor, und Berischer nur am Rande – und das im Grunde in einer sehr ähnlichen Szene wie das Ende von 4×06 „Herzkönig„.

Gerade weil es nun nur noch drei weitere Folgen zum Finale sind und in „Herzkönig“ der Sokolov-Fall endlich so richtig spannend wurde, ist das eingermaßen verwunderlich. Und ausgerechnet jetzt präsentiert uns „CopStories“ seine erste und wohl einzige sogenannte Bottle-Episode, d.h. eine Folge, die zur Gänze oder größtenteils auf ein Set beschränkt ist, damit die Produktion dabei Geld sparen kann (weil die Drehzeit das teuerste in der Filmproduktion ist, und die Umzüge von Set zu Set viel Zeit verplempern – gerade bei „CopStories“ ja sicher ein großes Thema, weil stets so viele Fälle an komplett unterschiedlichen Orten stattfinden).

Die Nebenfiguren sind die heimlichen Helden

Gleichzeitig ist „Na Hawedere“ auch eine Folge, die sich nur eine Serie in ihrem späten Zyklus leisten kann, weil sie ja voraussetzt, dass wir uns schon so sehr um die Figuren kümmern, dass wir ihnen fast eine ganze Folge beim Flirten, Tanzen und Streiten zusehen. Es hilft natürlich, auch ein Netz aus wiederkehrenden Nebenfiguren aufzubauen, die das unterstützen kann. „CopStories“ hat in dreieinhalb Staffeln beides mit Bravour getan – die Hauptfiguren haben sich mittlerweile allesamt gefunden, und keine Serie im deutschsprachigen Raum hat eine auch nur annähernd so interessante, komplexe und vielseitige Riege an Nebenfiguren wie „CopStories“. Und dass in diesen noch viel erzählerisches Potential schlummert, beweist „Na Hawedere“ eindrucksvoll.

Eine der schönsten Aspekte dieser Folge ist es, dass die Serie durch die Verlobung von Eberts und Gloria einen Anlass findet, viele neue Figurenpaarungen auszuprobieren. Lukas und Bettina, Dorfer von der Internen und Vickerl von der Externen, Dana und Sylvester, Azra und Leila, Itchy und Sylvester… allesamt Figuren, die wir noch nie so recht aufeinander treffen sehen haben und die dadurch das Gefühl vermitteln: Die Welt von „CopStories“ ist dynamisch und lebendig und immer für ein paar Überraschungen gut.

Geschmackssache

Aber reicht das für gute Unterhaltung? Noch nie hatten wir in der Bruttofilmlandsprodukt-Redaktion so konträre Meinungen zu einer Folge. Haris Meinung dazu lest ihr hier, aber ich? Ganz ehrlich: Ich liebe diese Folge. Denn obwohl „Na Hawedere“ in vielerlei Hinsicht die Erwartungen bricht und weder spannende Fälle noch Entwicklungen im Sokolov-Fall bietet, bin ich der Überzeugung, dass sich „CopStories“ so eine außergewöhnliche Folge leisten kann, wo der Polizeialltag mal pausiert. Und das nicht nur, weil die Folge so gut geschrieben ist, sondern vor allem, weil es einfach so viel Spaß macht, den Cops einfach beim Leben zuzusehen. Dass eine Serie überhaupt mal an diesem Punkt gelangt, ist eine ganz große Leistung.

Ich mag unsere Cops so gerne, dass ich ihnen stundenlang beim Party machen, tanzen, reden und streiten zusehen könnte. Ich liebe es, wie sie miteinander flirten oder es auch nicht tun. Ich liebe Vickerls Idee mit der Tombola. Ich liebe den Moment, wo Bergfeld eine Klopapierrolle gewinnt. Ich liebe es, wie Azra und Leila einfach mal nur über Männer und Dating reden. Ich kann mich an den vielen unsicheren, fragenden, bedeutungsschwangeren Blickwechseln zwischen Itchy, Leila und Patrizia gar nicht satt sehen. Ich liebe die Szene zwischen Lukas und Bettina, die einen eskalierenden Streit erzählt, der beiden Figuren ganz schön schadet und sie dadurch auch humaner zeichnet. Ich liebe es, wie hin und weg Vickerl von der Dorfer ist. Ich liebe Bergfelds kurzen Blick, als er sieht, dass Helga high ist, und ich liebe es, wie er es trotzdem zulässt. Es gibt mehr schöne Szenen, als dass wir dafür Zeilen haben.

Bergfeld wie wir ihn kennen und lieben. Foto: ORF/Gebhardt Productions/Screenshot

Okay – so ganz glaubwürdig, dass Dorfer die Party im Büro der Kripo gutheißen würde, während überall im Hintergrund noch aktuelle Ermittlungsergebnisse rumliegen (siehe obiges Foto), ist das nicht. Vor allem weil Eberts‘ Behauptung, dass ja eh nur Polizisten anwesend wären, in keinster Weise stimmt – Gloria, Bettina, Vickerl, Heuberer und wer da auch sonst noch immer war strafen ihn da Lügen.

Die Party hätte aber nirgendwo anders stattfinden können, denn es gibt keinen anderen Ort, an dem die Serie so daheim ist wie in der Polizeiinspektion – und dieses Gefühl von „daheim-sein“ trägt entscheidend dazu bei, wie willkommen auch wir Zuseher uns bei dieser Feier fühlen. Außerdem lässt sich Autorin Karin Lomot ja jede Menge Dinge einfallen, die für die Party spaßigerweise zweckentfremdet werden – vom Metallsarg angefangen („die Azra sagt immer: da rinnt sicher nichts aus!“) bis hin zum Einwegspiegel des Verhörraums. (Und wirklich bemerkenswert, dass die Serie der Versuchung widerstehen konnte, dass Itchy und Leila beim Sex versehentlich das Mikro einschalten würden – Klischee vermieden!)

Man muss schon festhalten, dass „CopStories“ sich so eine Folge nicht öfter leisten könnte. Vor allem jetzt, wo wir nur noch drei Folgen vor uns haben, in denen noch unzählige Handlungsstränge abgeschlossen werden müssen. Allein was Berischer betrifft sind das etwa der Moldawien-Express, der Diamantenraub sowie die Morde an Engelmayer und Dogan, für die sich Berischer wohl verantwortlich zeichnet – gerade bei den letzteren beiden ist zu hoffen, dass „CopStories“ diese Handlungsstränge nicht einfach fallen gelassen hat, diese Namen sind schließlich schon lange nicht mehr gefallen. Aber für eine Folge lang das alles mal hinten anzustellen und einfach mal das Leben zeigen – das muss schon drin sein. Vor allem wenn das Ergebnis so schön ist. Eine Folge zum Immerwiederansehen.

Noch mehr Bla:

  • Bei den Episodentiteln dieser Staffel habe ich das Gefühl, da ist ein Suchprogramm durch die Drehbücher gegangen und hat dann eine vollkommen zufällige Phrase darin ausgewählt. Geht’s noch beliebiger als „Na Hawedere“?
  • Ich verstehe nicht ganz, inwiefern Berischer Itchy jetzt in der Hand hat. Er hat doch Itchys Wettschulden allesamt beglichen, oder nicht?
  • Auch mal wieder eine teils irre witzige Folge. Vickerl: „Sie sand owa ned oft do.“ Dorfer: „Oft genug.“
  • Dana: „Ich hab noch nie was mit einem Polizisten gehabt.“ Itchy: „Liegt wohl in der Familie…
  • „CopStories“ könnte ruhig die Namen der selten gesehenen Figuren öfter in die Konversationen einfließen lassen. Die Namen von Luaks‘ Bombenentschärfungskumpel (aus 3×05 „Ewig her“ – passender Titel) oder jener des fleißigen Puff-Besuchers (aus 3×07 „Haaße Luft„) fallen in „Na Hawedere“ jedenfalls nicht.
  • Puh, wie Helga die Zebrastreifen-malende Frau vor einem Auto rettet sieht leider gar nicht gut aus. Sie steht einfach zu weit weg, um die Frau „in letzter Sekunde“ retten zu können, weil ja nicht vorauszusehen ist, dass der Autofahrer die Frau übersehen wird.
  • Nur weil du die einzige bist, die heute Abend nichts trinken darf, muss ich nicht auch eine Spaßbremse sein.Vor zwei Folgen feierten wir Roman noch als Helden und dann das. Der Mann verträgt den Alkohol nicht gut.
  • Hehe, du bist ja nur neidisch„, sagt Toni, als Helga sich aufregt, dass Astrid die Kinder mit Geschenken bombardiert. Toni ist einfach so ein perfektes Arschloch, hahaha.
  • Die „CopStories“ sind nächste Woche wieder auf Pause. Folge 4×08 mit dem passenden Namen „Wird’s Bald“ folgt dann erst am 5.2.

7 Kommentare

  1. Georg T. 30. Januar 2019

    Ich fand den Folgentitel aber sehr treffend und gar nicht beliebig – ist ja ein Ausruf des Erstaunens und meint so etwas wie „ich pack’s net“ und die Entwicklungen auf der Party fallen ja durchaus unter diesen Ausruf… 😉

    • Hannes Blamayer Autor des Beitrages | 30. Januar 2019

      Aber in welcher Folge passiert nicht etwas, das einen Ausruf des Erstaunens hervorrufen würde? Ich würde behaupten, dass der Titel auf mindestens die Hälfte aller Folgen passen würde.

  2. Georg T. 30. Januar 2019

    Als schwuler Fan kommt es bei mir grad komisch rüber, dass alle Paarungen neu und alt kommentiert und hervorgehoben werden, nur dass nach 4 Staffeln endlich auch Serge Falck endlich mal zum Zug kommen darf und gleichzeitig so ein prominenter Teil der Folge sich darum drehte wie er mit der Anwesenheit des „Sprengmeisters“ (in Ermangelung eines Rollennamens) umgeht, keinerlei Erwähnung findet. Kann ja sein, dass das einer der Aspekte der Folge war, die Dir weniger gefallen haben, aber dann hättest Du das auch erwähnen können.
    Auch wenn Lukas für mich kein Sympathieträger ist und ich es komisch fand wie der Sprengmeister letzte Staffel eingeführt wurde, nur um dann nicht weiterverfolgt zu werden, fand ich die Entwicklung in dieser Folge dann doch amüsant und auch zufriedenstellend – weil es mich schon länger ärgert, dass seit der ORF endlich auch schwule Rollen in seine Serien einbaut, diese doch eher im Spektrum der Unsympathler und Bösewichte bleiben (sowohl bei Copstories als auch Vorstadtweiber).

    • Hari List 30. Januar 2019

      Ich hab ja auch „Bombenentschärfer“ in meiner Kritik verwendet 😉

      Wer ist bei den Vorstadtweibern eigentlich nicht unsympathisch, wurscht welcher Orientierung? Lukas als Unsympathler zu sehen ist wohl Geschmackssache, ich mag ihn. Aber Bombenentschärfer ist aber definitiv keine Unsympathler. Da steht deine These meiner Wahrnehmung nach eher auf wackligen Beinen, aber ich achte da auch nicht wirklich drauf weil es mir völlig gleich ist wer wen mag (außer natürlich es ist plotrelevant, weil es zB ein homophobes Mordmotiv gibt).
      Aber falls du dazu mehr Wissen/Input hast bist du jederzeit im Podcast willkommen oder eingeladen einen Gastbeitrag über schwule/LGBTQ-Rollen im ÖFilm zu schreiben (auch unter Pseudonym)

    • Blamayer 30. Januar 2019

      Hi,
      Ich hab hier darauf verzichtet, den Bombenentschärfer zu besprechen, weil ich mir schlichtweg nicht sicher bin, was ich von ihm halten soll. Ehrlich gesagt hab ich damals beim Verfassen des Artikels auch den Bogen nicht so ganz verstanden gehabt von Lukas‘ Motivation, dann doch noch mit dem Typen zu gehen, wo ihn der doch mehrfach bloß lasziv angesehen hatte. Aber ich mach mir mal ne mentale Notiz, dass ich auf sowas achte. Danke also für den Kommentar.

      Was die Unsympathen betrifft, muss ich dem Hari allerdings Recht geben: Bei den Vorstadtweibern gibt’s fast nur Unsympathler. Und bei den CopStories ist im Maincast zwar Lukas als einziger Homosexueller eher einer der weniger sympathischen Hauptfiguren, die homosexuellen Gastrollen sind aber meistens ziemlich positiv besetzt. Spontan kann ich mich an den schwulen Muslimen (gespielt von Morteza Tavakoli), den schwulen Diplomaten, Kobra-Kurti (ein Schlitzohr, aber einer mit dem Herz am rechten Fleck) und den Businessmann mit BDSM-Fetisch erinnern. Und an Lukas‘ ehemalige Bekanntschaft aus Staffel 2, gut, der war ein Böser. An lesbische Figuren kann ich mich gerade so spontan an keine erinnern (hm komisch).

      • Georg T. 2. Februar 2019

        Danke Euch für Eure Antworten! Ich wollte Euch jetzt auch keine Homophobie unterstellen, mir war es nur aufgefallen, warum eine doch so wichtige Storyline der Folge ausgespart bleibt.
        Ihr habt schon vollkommen Recht, den Bombenentschärfer find ich zwar gewöhnungsbedürftig und nicht von Start weg recht glaubwürdig, aber nicht unsympathisch. Mir waren ja auch in der ersten Staffel der Vorstadtweiber Marias Ehemann (Georg – musste ich jetzt nachschlagen) und der Politiker nicht unsympathisch, aber bei beiden Rollen ging es halt dann in ganz andere Richtungen weiter und ihr habt schon Recht, dass alle bei den Vorstadtweibern nicht klassische Held_innen sind, aber die Weiber sind kommen schon meist besser weg und sind klar Identifikationsfiguren, was Schnitzler und Georg irgendwann dann gar nicht mehr waren.
        Gastauftritte gerade in einer Krimiserie seh ich noch ein wenig anders als Protagonisten also Hauptrollen mit denen sich der Zusehende ja immer auch identifizieren soll – die Gäste sind oft auch eher da um schräges, skurilles oder „anderes“ zu zeigen… aber ja da war Cop-Stories schon nicht so unfair.

        In Summe bin ich wohl ein wenig empfindlich beim Thema Homosexualität und ORF weil es halt einfach übertrieben lang gedauert hat bis mit den Vorstadtweibern überhaupt mal schwule Sexualität dargestellt wurde oder schwule Serienfiguren in ORF Serien Platz gefunden haben… gleichzeitig gibt es die Geschichte dass auch in den 2000ern noch aus einem Kurzzeit-Dating Format dass der ORF mal hatte die einzig schwule Folge ausgespart wurde… oder bei Weeds wurde in der ORF Ausstrahlung auch ausgespart, dass sich Schwager Andy (Justin Kirk) sich in einer Folge von einer Partnerin penetrieren lässt, das war dem ORF damals wohl auch noch zu queer – nicht dass das im Original gezeigt worden wäre, aber der verwendete Dildo wurde rausgeschnitten.
        Also ich kenn mehr Beispiele dafür dass der ORF eine vollkommen veraltete Haltung zu Homosexualität hat als positive!

  3. Helmut Lehner 24. Januar 2019

    „Ich verstehe nicht ganz, inwiefern Berischer Itchy jetzt in der Hand hat. Er hat doch Itchys Wettschulden allesamt beglichen, oder nicht?“
    Dadurch wandern Itchys Schulden nun zu Berischer, der in damit in der Hand hat.

    Liebe Grüße

    Helmut Lehner

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