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Kritik: CopStories 4×08 „Wird’s Bald“

Endspurt für die „CopStories“. „Wird’s Bald“ zieht merklich an Tempo an und rückt Berischer wieder ins Zentrum der Dinge. Das ist einerseits ganz schön spannend, andererseits aber auch ganz schön unlogisch.

Doppelagent Itchy

Seit zwei Folgen ist Itchy auf Abwegen, und das nicht nur in privater Hinsicht. In 4×06 „Herzkönig“ nahm er noch im Schutze der Nacht und im Schutze eines Hoodies Kontakt auf mit Berischer, in 4×07 „Na Hawedere“ war das umgekehrt. Wie sich herausstellt hat Itchy nun scheinbar statt bei dem Kurden die Schulden bei Berischer. Inwiefern das nun als Druckmittel gelten kann, ist ein wenig obskur und thematisiert die Serie vielleicht bewusst nicht allzusehr. Diese Schulden scheinen nun ja wohl kaum irgendwo offiziell auf – und selbst wenn, was könnten das schon für schlimme Konsequenzen sein, wenn Itchy dafür sogar einen Mord begeht?

Inwieweit Itchy nun tatsächlich kompromittiert ist und wo seine Loyalitäten liegen, das sind die Fragen, die uns seit seiner Kontaktaufnahme in „Herzkönig“ durch den Kopf schweben. „Wird’s Bald“ hat eigentlich vor, diese Frage in den Mittelpunkt zu stellen, indem sie uns zeigt, wie Itchy mehr und mehr seine Kollegen austrickst, um Berischers Aufträge zu erfüllen. Doch diese eigentlich sehr spannende Frage beantwortet die Serie, wahrscheinlich unbeabsichtigt, einen Ticken zu auffällig in ihren ersten Minuten, als Itchy Bergfeld versichert, dass er nicht nervös sei, und hinzufügt: „Ich hoffe es geht alles gut, aber ich bin mir nicht sicher.

Es ist nur ein sehr kurzer Dialogwechsel, aber der reicht, um der Serie in die Karten zu blicken. Weil es schlichtweg keinen anderen Kontext für dieses Gespräch gibt – kein Fall der Woche, nix im Privatleben, keine vorherige Unterhaltung – muss es dabei nach dem Ausschlussprinzip um den Sokolov-Fall gehen. Und das offenbart: Itchy und Bergfeld stecken unter einer Decke. Itchy macht nicht mit Berischer gemeinsame Sache, sondern ermittelt verdeckt im Auftrag von Bergfeld.

Bei einem Geheimnis wie diesem die richtige Balance finden zwischen zu viele oder zu wenige, zu offensichtliche oder zu subtile Hinweise zu geben, ist eine ganz, ganz schwierige Angelegenheit. Und vielleicht sind wir da jetzt auch zu überkritisch, hatten etwa ja beim Geheimnis um Flos Schicksal angemerkt, dass das widerum zu wenig angedeutet wurde. Und vielleicht ist die Zusammenarbeit zwischen Itchy und Bergfeld auch für die meisten Zuseher, die möglicherweise nicht so häufig oder intensiv „CopStories“ gucken wie wir, aus dieser Konversation gar nicht ersichtlich.

Wir merken das aber hier so groß an, weil bis auf diesen einen Dialog zwischen Itchy und Bergfeld die gestreuten Hinweise darauf in „Wird’s Bald“ äußerst gelungen sind – allesamt so, dass es nach der unausweichlichen Enthüllung von Itchys wahrer Mission zu einer Fülle an genialen „Aha“-Momenten käme. Etwa als die Frau Oberstaatsanwältin festhält: „Berischer funktioniert als Informant nicht.“ Ein Statement, das bislang keinem Widerspruch standhalten könnte, und trotzdem scheint Bergfeld so überzeugt von Berischers Nutzen zu sein, dass er die Verantwortung der ganzen Sache auf sich nimmt – weil er etwas weiß, das die Oberstaatsanwältin nicht weiß. Weil er an Berischer dran ist. Weil Itchy für ihn verdeckt ermittelt.

Oder wie er Itchys Loyalität gegenüber Leila oder Eberts verteidigt – auf den ersten Blick mag er da leichtgläubig sein, aber wenn man alle anderen Puzzleteilchen sieht, erkennt man: Da steckt mehr dahinter, ein tieferes Vertrauen – weil die beiden zusammenarbeiten. Ebenfalls zur Geschichte passt: Itchy hat Erfahrung als verdeckter Ermittler, und dass er für Berischer so weit gehen würde wie in „Wird’s Bald“ ist stark zu bezweifeln.

Irgendwo ist immer eine Grenze

Am Ende der Folge will die Serie die Frage nach Itchys moralischen Grauzonen noch einmal auf die Spitze treiben, als Berischer Itchy beauftragt, Mudarov zu beseitigen, nachdem er von Berischer und seinem Schergen bereits schwerst misshandelt wurde. Damit könne Itchy nicht nur sämtliche seiner Schulden bereinigen, sondern auch noch einen Batzen weiteres Geld verdienen, damit auch gleich seine künftigen Spielschulden gedeckt sind. Dass Itchy das durchzieht lässt sich durch seinen Undercover-Einsatz für Bergfeld erklären – trotzdem ist das schon ein ganz schöner Hammer.

Foto: ORF/Petro Domenigg

Der unlogische Aspekt an der Geschichte ist allerdings, warum Berischer das überhaupt möchte. Die Serie spricht das zwar offen an („Schau, mir persönlich ist das ja vollkommen wurscht. Ein Anruf und das macht ein anderer. Ich will nur helfen.„), aber schlüssig ist das noch lange nicht. Berischer wurde nie als sonderlich sadistisch charakterisiert – das Aufgeilen an Itchys moralischem Verfall kann es nicht sein. Dass Berischer mit 500er-Scheinen nur so um sich werfen würde passt auch nicht zu seinem Charakter. Warum er also schlussendlich Itchy dafür braucht, eine Pistole abzufeuern, während sie den Mann doch einfach mit dem Plastiksack ersticken hätte können, bleibt vollkommen offen.

Ist es, weil Berischer Potential in Itchy sieht, ihn vollends auf seine Seite zu ziehen, und ihm damit einen Test unterziehen möchte? Aber das könnte er doch auch tun, indem ihm Itchy bei etwas helfen sollte, was Berischer wirklich bräuchte. So aber verschleudert Berischer seine Kohle nicht nur offensichtlich ziemlich freimütig, er geht dabei auch noch ein enormes Risiko ein, von Itchy verraten zu werden. Der Plan funktioniert also nicht, wenn er nicht von Anfang an davon ausgeht, dass Itchy dichthalten würde – der große Test über Itchys Loyalität erfordert also von vorneherein ebendiese. Da beißt sich die Schlange in den Schwanz.

Noch kurioser sind allerdings sämtliche Umstände in der letzten Szene am Parkplatz, an dem Itchy Nuri Madarov tatsächlich erschießt. Warum tun sie das an so einem öffentlichen Platz im Freien, wo man den Schuss ja hunderte von Metern weit hören müsste (und wo es dann tatsächlich einen Zeugen gibt – Ali, der warum auch immer da am Dach des Parkplatzes herumschleicht)? Warum versauen sie dabei den Kofferraum eines PKW mit Blut – was ist das überhaupt für ein PKW? Sehen wir das richtig, dass Itchy da seine Undercover-Waffe einfach wegwirft? Und warum trägt er keine Handschuhe? Das wirkt alles extrem konstruiert. Es sieht ja alles recht cool aus, aber inhaltlich ist das ganz schön dünn.

Sylvester und sein Stolz

Rainer Hackstock, neu im Autorenteam bei den „CopStories“, legt seine Folge dramaturgisch eher an wie eine Folge der 2. Staffel, als die Serie noch häufiger dazu tendierte, ihre Episodenfälle als Vehikel für Erkenntnisse zu benützen, die die Cops in ihren Privatleben dienen. Das ist in keinster Weise ein Rückschritt, denn dieses Modell diente der Serie immer sehr gut – und Hackstock weiß, wie er bei den Fällen von Sylvester, Mathias und Roman daraus schöpfen kann.

Vor allem bei Sylvester ist das in „Wird’s Bald“ der Fall. Nachdem ihm die Uniform entwendet wird und er sie mithilfe von Patrizia lokalisieren kann, stellt sich heraus, dass da ein junger Mann seinem sterbenden Vater bloß einmal kurz vorspielen wollte, dass er Polizist wurde, genau so wie es sich der Vater gewünscht hatte. Gut, die Parallelen sind jetzt nicht gerade subtil, und dass ausgerechnet jener Mann Sylvesters liegengelassene Polizeimontur in der Umkleide findet, der einen sterbenden Vater mit ganz spezifischem Berufswunsch für den Sohn hat, ist natürlich schon ein wenig auffällig zufällig. Dennoch ist es schön zu sehen, wie das Verständnis für den Dieb etwas in Sylvester auslöst, und wir sind bereit dafür, wie er seinem Vater zeigen kann, was aus ihm geworden ist.

Und dann, als er vor seinem eigenen sterbenden Vater steht, kommt nicht die erwartete Versöhnung, sondern das Gegenteil: eine Abrechnung, wie der Mann Sylvesters Mutter geschlagen, misshandelt und schließlich verlassen hat. Zu sehen, wie die Familie des Diebs sich liebevoll um den sterbenden Vater scharte, muss Sylvester einen heftigen Schlag versetzt haben – das Familienglück, das er selber nie hatte. Der Wunsch, den Vater stolz zu machen, den er nie hatte. Sylvester wurde wohl aus eigener Überzeugung und eher trotz anstatt wegen seines Vaters Polizist.

Foto: ORF/Gebhardt Productions/Screenshot

Bromance vorbei

Die dritte große Geschichte der Folge gehört einmal wieder Mathias und Roman – ich vermute langsam, dass die beiden fast die meiste Bildzeit der gesamten Figurenriege in dieser 4. Staffel bekommen. In quasi jeder Folge haben die beiden nicht nur privat alle Hände voll zu tun, sondern müssen auch meist gleich mehrere Fälle pro Folge lösen. Auch in „Wird’s Bald“ ist das der Fall – zuerst fassen sie die Übeltäter hinter der den Horrorclown-Prank-Videos (und lassen den Burschen und seine Mutter ganz schön glimpflich davonkommen – das ist kein Kavaliersdelikt!), danach fassen sie eine entlaufene Schlange.

In beiden Fällen stellen sowohl Mathias als auch Roman unter Beweis, wie sehr sie seit der ersten Staffel als Charaktere (aber auch als Figuren) gewachsen sind. Gut, ein Laster ist ihnen geblieben: Ich werde den Tag feiern, an dem Roman und Mathias endlich mal einen flüchtenden Verdächtigen per pedes verfolgen und einholen können. Die (jetzt nicht außergewöhnlich sportlich aussehende) Frau läuft mit einer kiloschweren Motorsäge in äußerst auffälliger Montur durch die Gegend und Roman kommt nach nur wenigen Sekunden keuchend zurück – das ist schwierig abzukaufen, aufgewärmt hin oder her.

Foto: ORF/Hubert Mican

Aber davon abgesehen beweisen die beiden – wie wir auch schon in unserem Artikel zu 4×05 „Wettschulden“ anmerkten – mit wie viel Abgeklärtheit und mit welcher Empathie sie imstande sind, an die Fälle heranzugehen. Vor allem bei Mathias erinnert in der 4. Staffel nur noch wenig an die leicht dümmliche Rolle, die ihm anfangs der Serie angedacht war. Und so ist es nicht etwa sein Tiroler Schmäh, sondern vielmehr seine Souveränität und Intuition, mit der er die Gefahrensituation beim verwirrten Schlangenbesitzer entschärft.

Auch von Romans Seite aus war das eine spannende Szene, weil die Serie Romans Geschichte mit Schusswaffen nicht vergessen hat. Als er in der 2. Staffel aus dem Koma erwachte, tat er sich zunächst schwer, in Ausnahmesituationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Vor allem im Angesicht einer Pistole, weil sie ihn zwangsweise an die selber erlittene Schusswunde erinnert. Hier aber bewahrt er, ebenso wie Mathias, einen kühlen Kopf, was wie auch in „Wettschulden“ beweist: Roman ist gewachsen.

Ob das nun aber auch für ihn beziehungstechnisch gilt, da sollte man besser nicht darauf wetten. Auch wenn er Manns genug ist, um den Streit mit Mathias aus der Folge zuvor beizulegen, gibt es keine Anzeichen dafür, dass er seine Einstellung gegenüber Bettina oder dem Elternwerden geändert hätte. Erinnern wir uns, bei Eberts Verlobungsparty bezeichnete er Bettina als Spaßbremse – so ziemlich eins der letzten Worte, die man als werdendes Elternpaar sich vorwerfen sollte, denn darum geht es beim Elternwerden schlichtweg einfach nicht.

Dennoch endet die Folge in dieser Hinsicht optimistisch. Aber es wäre nicht „CopStories“, wenn die Folge da nicht noch eine melancholische Wendung bieten würde, und so ist es Mathias, der aus seiner eigenen Wohnung auszieht. Weil drei bei einer Beziehung vielleicht doch einer zu viel ist. Stattdessen geht es für ihn wohl eher wieder in Richtung Chantal weiter, deren Anwältin ja in „Na Hawedere“ mit ihm in Kontakt trat. Endlich! Das Wiedersehen kann gar nicht bald genug kommen.

Zwei Folgen noch.

Noch mehr Bla:

  • Nur für’s Protokoll: Wir verfassen die Artikel immer, ohne zu wissen, wie es tatsächlich weitergehen wird. Aber die Puzzleteilchen passen einfach zu perfekt, um irgendetwas anderes zu sein als Itchys Undercover-Einsatz für Bergfeld.
  • Astrid ist einfach das Letzte. Ganz toll geschriebener Charakter.
  • „Du bist ein großes Mädchen mit ner Glock am Arsch, ja, du kannst schon auf dich aufpassen!“
  • Uff, das Ding zwischen Itchy und Patrizia ging ja ganz schön unzeremoniell zu Ende. Ich war nie der größte Patrizia-Fan, aber das tat dann doch ein wenig mehr weh als ich dachte – vor allem, weil ich doch eher Leila und Itchy shippe.
  • Kein Highlight: Wie alle auf einmal Itchy verdächtigen. Erstens interpretieren da alle  ganz schön schnell ganz schön viel rein (und liegen damit zufällig goldrichtig), zweitens benimmt sich Itchy auch auffälliger, als man das von einem verdeckten Ermittler erwarten kann.
  • Ali ist jetzt wieder von unserer Hauptverdächtigen-Liste für den Mord an Sokolov runter, weil er jetzt auf andere Weise noch wichtig wird für den Sokolov-Fall (als Zeuge gegen Itchy). Aber wer kann’s sonst sein?

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