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Kritik: CopStories „Stille Nacht“

Das letzte Stündlein der „CopStories“ hat geschlagen, und das ist alles andere als still. Es ist schön, die Cops noch einen letzten, ereignisreichen Arbeitstag zu begleiten – doch ausgerechnet dabei vergisst „CopStories“, was die Serie eigentlich ausgemacht hat.

Es mag zunächst antithetisch klingen, dass „CopStories“ ausgerechnet zur besinnlichsten Zeit des Jahres ein Special voller Action, Drama und Tränen liefern will. Doch gerade diesen scheinbaren Widerspruch greift die Serie offensiv auf und zeigt sich in kreativer Bestform. Karin Lomot und Mike Majzen bedienen sich so gut wie aller Weihnachtsklischees, die man sich nur so vorstellen kann, und finden dafür originelle Fälle und Sujets. Sehr witzig zum Beispiel die im Polizeipräsidium dank der Fahndung steigende Anzahl an Weihnachtsmännern. Die Bandbreite reicht von verschwundenen Weihnachtselfen, den in fast allen zu dieser Zeit laufenden Programmen fast obligatorischen Weihnachtswundern bis hin zum klassischen Konflikt zwischen Weihnachtsmann und Christkind.

Letzterer fällt gleich zu Beginn der Folge relativ eindeutig aus. Es schadet nie, eine Geschichte gleich mit einem ordentlichen Wumms zu starten, und der von Barbara Eder inszenierte ist einer der besten Wummse der jüngsten ÖFilm-Zeit. Das Attentat auf die Juwelierin ist ein opulentes, perfekt geschnittenes Mini-Meisterwerk, das sofort verspricht: Das hier ist nicht bloß die 41. Folge der „CopStories“, sondern spielt in in einer anderen Liga.

Doch wer dank dieser Szene (oder weil „CopStories“ die beste ÖSerie der Dekade war) Großes von „Stille Nacht“ erwartet, wird leider bitter enttäuscht. Und das hat zwei Gründe.

Emotionsarme Weihnachtswunder

Zum einen, weil das Weihnachtsspecial den Abschluss der Serie darstellt, ohne sonderlich daran interessiert zu sein, sich auch wie ein Abschluss anzufühlen – es ist offensichtlich, dass der Film nicht als Ende gedacht war. Einige Geschichten werden hier neu aufgemacht (Leyla ist schwanger!? Bergfeld geht mit Asra aus!?), ohne dass wir je eine Konklusion zu diesen finden werden. Einige Geschichten aus der 4. Staffel werden hingegen gar nicht aufgegriffen, allen voran der Moldawien-Express oder Flos längst schon nicht mehr bespielte Beziehung zu seiner Tochter. Und hatte Patrizia nicht zuletzt mal damit geliebäugelt, Helgas Nachfolgerin zu werden?

Dass man auf die Eventualität eines frühzeitigen Endes nicht geachtet hat, ist sicher auch dem Ende der 4. Staffel geschuldet, das zwar auch ein oder zwei Dinge in der Schwebe ließ, aber dennoch insgesamt sehr, sehr rund war, viele Geschichten zu Ende erzählte und immerhin alle Figuren bediente. Schwierig also, hier erneut alle Figuren wieder aufzugreifen und ihnen neuen Stoff zu geben, insbesondere auf emotionaler Ebene – und trotzdem ist die Abszenz davon ein echtes Manko, das den Abschied so vieler Figuren, die in diesem unfreiwilligen Finale überhaupt keine persönlichen Geschichten mehr bekamen (Lukas, Flo, Sylvester, Patrizia), äußerst unzeremoniell und unzufriedenstellend ausfallen lässt.

Das Engerl-Bengerl am Ende der Episode ist ein Trost, wenn auch ein schwacher. Es ist ziemlich merkwürdig, warum das gesamte Team Heiligabend bei der Arbeit verbringt, ohne dass auch nur ein Wörtchen darüber beklagt wird. Immerhin ist es ein dramaturgisch guter Kniff, am Ende der Folge noch einmal fast alle Figuren zusammentreffen zu lassen und die Gemeinsamkeit zu feiern. Das weiße Weihnachtswunder löst dann zwar wenig Begeisterungsstürme aus (erstens wurde das nicht wirklich vorbereitet, um besonders zu sein, zweitens hatte es ja schon in der Haftanstalt-Szene mit Helga geschneit), liefert aber trotzdem ein schönes Bild, auf dem die Serie endet. Insbesondere ist es auch emotional stimmig, wie auch beinah die gesamte zweite Hälfte des Films – leider ist das aber nicht genug.

Denn die zweite, eigentlich noch viel gravierendere Schwäche des 90-Minüters ist, auf welch weiten Teilen hier die Emotionen fehlen. Die Fälle der Cops können teilweise ganz spannend und opulent sein, aber was uns schlussendlich fesselt sind die persönlichen Dramen unserer Protagonisten. Und da muss man sagen: Noch nie war „CopStories“ langweiliger als in der ersten Hälfte dieses Specials. Es passierte zwar typisch viel auf Ottakringers Straßen, weil das Verbrechen auch an Heiligabend nicht schläft. Aber emotionale Ankerpunkte zu Beginn des Films waren komplette Fehlanzeige.

Das wird auch dadurch ersichtlich, dass die berührendste Geschichte der Folge nicht einmal einem Charakter aus dem Hauptcast gehört, sondern Gloria Michaelis (oder heißt die nun Eberts?). Hier greift „CopStories“ eine uns bereits bekannte, emotionale Geschichte auf und findet neue Nuancen und Wendungen, die wirklich berühren und uns auch zu einen neuen Endpunkt hinbegleiten, der zwar noch Türchen offen lässt, aber dennoch einen wunderschönen Abschluss für Glorias Geschichte darstellt. Der Unfalllenker wurde nie gefunden, aber zu hören, dass der sinnlose Tod Glorias Schwester einem anderen Menschen das Leben gerettet hat, spendet ihr ein Quäntchen Trost.

Auch Leyla und Helga haben spannendes Material, das aber leiden in Cliffhangern endet – und eben erst in der zweiten Hälfte des Films wirklich präsent und emotional bespielt wurde. Leyla als working mum – das wäre was gewesen! Und wie hätte wohl Itchy darauf reagiert? Bei Helga werden sogar bei beiden ihrer persönlichen Geschichten neue emotionale Beats gefunden: Mit Heuberger herrscht nun Eiszeit (und wie traurig ist das bitte, dass Helga ihn nie besucht hat? Dieses Pärchen war so verdammt shippable), während es mit Tonis Freundin Astrid erstmals einen semi-verständnisvollen Moment gibt. Astrid ist zwar nach wie vor ein perfides Schwein, aber die gleich zweimalige Schenkung von Skateboard und Lichtschwert findet bei den Kindern mehr Anklang als gedacht. Mal davon abgesehen, dass die Bescherung im Kaffeehaus stattfindet, ist das eine wirklich sehr clevere Szene, die uns verrät, dass es vielleicht doch irgendwie einen Weg geben könnte, wie sich Helga mit Astrid arrangieren kann. Oder halt muss.

Wenn „Stille Nacht“ doch auch anderen Figuren solche Geschichten spendiert hätte. Die Verbrecherjagd ist teilweise ja ganz unterhaltsam, und insgesamt sind wir schon froh, dass es dieses „CopStories“-Special überhaupt gibt. Aber schlussendlich sind es die Figuren, die „CopStories“ ausmachen – nach 4 Staffeln, in denen wir sie zum Teil richtig gut kennen gelernt haben, mehr denn je. Dass „Stille Nacht“ uns diesbezüglich so wenig liefert, ist daher schlussendlich eine Enttäuschung.

Noch mehr Bla:

  • Leylas Bisswunde war wirklich eine super Blindspur. So überrascht von einer Schwangerschaftsdiagnose wurde ich schon lange nicht mehr.
  • Der Titel des Lieds der Eröffnungssequenz übrigens: Carol Of The Bells (Nate Maelz & StickyBeats Trap Remix)
  • Grässlich: wie sehr „CopStories“ bei der Obduktion ins Detail geht. Andererseits gehört das zum fein kalibrierten Humor des Films dazu, sodass man da schon auch seinen Hut ziehen muss.
  • Fotos: ORF/Hubert Mican

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