Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Kritik: Das Wunder von Wörgl

Auf historischen Ereignissen aus den frühen 1930ern basierend erzählt „Das Wunder von Wörgl“ die Geschichte der Einführung einer Alternativwährung während der Wirtschaftskrise.

Michael Unterguggenberger (Karl Markovics) hat gleich mehrere Kräfte gegen sich und man fragt sich, wie viel kann ein einzelner Mensch eigentlich aushalten? Die Zeiten sind hart. Mit seinem sicheren Job bei der Bahn kann er wenigstens überleben und hat sogar noch etwas für den Bettler am Wörgler Bahnhof über. Aber darüber hinaus ist die ganze Welt gegen ihn.

Politisch ist er isoliert, will nichts mit den aufstrebenden Nationalsozialisten zu tun haben, mit den etablierten Fraktionen im Gemeinderat aber offenbar auch nicht. Mit der Kirche hat er nichts am Hut, ebensowenig mit dem Sportverein oder der Blasmusik – er spielt lieber alleine daheim auf der Zither. Der Sohn (Aaron Friesz) respektiert die Stiefmutter Rosa (Verena Altenberger) nicht und lässt sich vom Obernazi im Ort einwickeln. Außerdem ist auch der eigene Körper gegen ihn.

Was genau macht also Unterguggenberger zum Helden der Geschichte? Er ist wohl sehr belesen und irgendwann ist ihm zufällig das richtige Buch untergekommen. Danach meldet er sich freiwillig zum Bürgermeister und wird nicht, wie es uns die Programmankündigung weismachen will, „per Los“ unfreiwillig in die Rolle gedrängt. Er ist wohl kein schlechter Mensch, aber reicht das schon als Motivation?

Dunkel die Zeiten, dunkel das Bild

Nichts bemängeln kann man an den technischen Elementen und dem filmemacherischen Handwerk. Da macht „Das Wunder von Wörgl“ kaum was falsch und die versammelte Schauspielerriege macht genau den exzellenten Job, den man beim ersten Blick auf die Darstellerliste erwartet hat. Das Bild war sehr dunkel und soll natürlich auch die Situation der Zeit spiegeln. Da gab es wenig zu lachen.

Nichts zu lachen in dunklen Zeiten. Foto: ORF/Epo Film/Lukas Strebel

Auch sonst ist der Film nicht wirklich unterhaltsam. Es fehlt der Humor, es fehlt die Action und Neuartiges, das uns beeindruckt oder wenigstens irritiert, findet sich in diesen eineinhalb Stunden auch nicht. Eigentlich wird relativ geradlinig ein Programm abgespult. Ein wenig zwischenmenschlicher Konflikt hier und da, ein paar Momente routinierter Spannung – kommen die Arbeiter oder nicht? – und ein wenig Privatleben der Unterguggenbergers. Ein Drehbuch nach Lehrbuch. Nicht schlecht, aber einfach nichts Besonderes.

Das N-Wort

Es wird dem österreichischen Film ja oftmals vorgeworfen, dass es überdurchschnittlich oft um Nazis geht. Ob das empirisch haltbar ist lassen wir jetzt einmal dahingestellt, aber eines muss man zu „Das Wunder von Wörgl“ definitiv feststellen: Die Nazis hat es nicht gebraucht.

Prinzipiell braucht es Nazis sowieso nie und nirgends, aber für die Handlung war der historische Hintergrund einfach egal. Der Fleischhauer Toni (Andreas Lust) hätte auch einfach so ein „Ungläubiger“ und Gegner des Experiments sein können. Vielleicht auch noch aus einer akademischen Motivation heraus, weil er auch ein oder zwei Bücher gelesen hat.

So ist sein Nazi-Hintergrund eigentlich nur ein irrelevantes Detail und der mangelnde Besucherandrang zur von ihm organisierten Veranstaltung und die Weigerung des Gastes, mithilfe der Partei/Bewegung etwas gegen das „Spielgeld“ zu unternehmen, nimmt ihnen auch jede antagonistische Kraft. Außerdem behandelt Unterguggenberger Toni als Wörgler und nicht als Nazi und es gibt keinen dramaturgischen Grund, warum der Film sich überhaupt dieses Details angenommen hat.

Am Ende geht die Familie Unterguggenberger in eine ungewisse Zukunft, aber doch irgendwie glücklich. Der eingeblendete Text verrät uns aber, dass dieses Glück nur von kurzer Dauer war, denn Michael Unterguggenbauer wird ein Jahr darauf an seinem Lungenleiden versterben. Die erwartete Schwarzblende bleibt aus und die Innenstadt von Wörgl wird eingefärbt vom Rot-Weiß-Schwarz der Hakenkreuzfahnen.

Was soll uns das nach 90 Minuten, in denen es um ganz was anderes ging, jetzt noch sagen? Eine Erklärung wäre vielleicht, dass nach dem Ende des Experiments mit dem wieder zurückgehenden ökonomischen Lage auch der soziale Friede nicht mehr gegeben war und der Nationalsozialismus auch in Wörgl gedeihen konnte. Das war im Film aber so nicht zu sehen, aber die Überblendung am Ende war trotz der Naziflaggen ein ästhetisch wunderschön inszeniertes Filmbild.

Unterguggenberger hat Recht

Aber der Film hat auch eine Botschaft, die in der heutigen Zeit durchaus auf fruchtbaren Boden fallen könnte. Unser Finanzsystem funktioniert zwar irgendwie, aber es knarzt an allen Ecken und Enden. Unser Wirtschaftssystem verändert sich rasant und an zentralisierten Stellen („in Wien“, „in Brüssel“) wird entschieden, wie sich kleinere Verwaltungseinheiten zu organisieren haben. Die Folge ist unter anderem Abwanderung in die Städte und das Sterben der kommunalen, ländlichen Strukturen.

Aber so wirklich will der Film auch nicht Partei ergreifen, für die eine oder andere Lösung. Braucht es eine größere Umverteilung? Ist die Lösung unserer aktuellen Probleme wirklich eine radikale Neuordnung des Finanzsystems? Oder braucht es mehr Subsidiarität, also die Entscheidungsgewalt auch über die größten Themen auf der möglichst niedrigsten Ebene? Antworten darauf gibt es nicht wirklich.

Eine kleine versteckte Antwort findet sich vielleicht auf der metaphorischen Ebene. Der Gang zum Gericht durch die Armut der Stadt ist schon ein bildliches Urteil, noch bevor das entgegengesetzte im Gerichtssaal gesprochen wird: Unterguggenberger hat Recht!

So bleibt der Film ein solides Stück Qualitätsfernsehen, aber ohne wirklichen Unterhaltungs- oder Diskurswert. Gut gemacht sicher, vielleicht auch gut gemeint, aber unterm Strich dann doch nicht wirklich gut gelungen.

Lists Liste

    • Jetzt haben Sie die Kritik vielleicht gelesen und denken sich „Warum sagen die nichts zum historischen Wahrheitsgehalt? Das ist doch alles gar nicht so passiert.“ Die Antwort ist: Das ist eine FILMkritik. Bei Buchverfilmungen zählt die Vorlage nicht und ebenso ist es bei historischen Stoffen. Der Film muss funktionieren und wo die Drehbuchautorinnen ihre Inspiration her hatten, ist uns egal. Es gibt sowieso keine Perfektion in der Umsetzung von einer Erzählform in die andere, also lassen wir das einfach aus. Aber wir laden dazu ein Ihr Fachwissen in Form eines Kommentars mit uns allen zu teilen.
    • Eigentlich hatten wir einen Podcast angekündigt, daraus wurde leider aus diversen Gründen nichts.
    • Das Budget des Films betrug laut Fernsehfonds über 3,5 Mio. Euro. Produziert und gefördert wurde der Film von Institutionen aus vier und Sendern aus fünf Ländern (Österreich, Deutschland, Italien, Schweiz und via ARTE auch Frankreich).
    • Es ist schon lustig, dass Harald Windisch, der einzige Tiroler unter den Hauptrollen, seinen Dialekt zurückdrehen muss weil sein Charakter lange in Wien lebte. Die anderen bemühten sich auch sichtlich (bzw. hörbar), Wörgler Dialekt zu sprechen, klangen aber oftmals eher wie Innschbrucker. Den Bruttofilmlandsprodukt-Award für den besten Dialekt geht in „Das Wunder von Wörgl“ an Gerhard Liebmann.
    • Der Film ist sicher in der ORF TVthek abrufbar, ebenso wie die im Anschluss ausgestrahlte Dokumentation „Der Geldmacher – Das Experiment des Michael Unterguggenberger“.
  • Beitragsbild: ORF/Epo Film/Lukas Strebel

4 Kommentare

  1. Beate Bockting 10. Dez 2018

    Sehr geehrter Herr List,

    Sie sollten sich den Film noch einmal ansehen!

    Ich empfand es als wohltuend, dass auf zusätzliche „Action“ verzichtet wurde. Und der Film lieferte „nichts Neuartiges, Irritierendes“? Brauchen Sie immer noch was obendrauf? Diese unersättliche Konsumhaltung in einer Filmkritik scheint mir schon wieder typisch für diese Zeit! Lassen Sie sich doch einmal wirklich berühren von der Handlung, beim zweiten Mal ansehen.

    Und Nazis überflüssig in diesem Film?! We alt sind Sie denn? Haben Sie kein Gefühl dafür, in welcher historischen Situation Unterguggenberger sein Experiment gewagt hat? Sein Ideengeber Silvio Gesell war nur 14 Jahre vorher nach der ersten Räterepublik wegen Hochverrats angeklagt gewesen, dessen Mitstreiter Gustav Landauer wurde von Freikorps-Soldaten misshandelt und getötet, Erich Mühsam kam 1934 im KZ um, nachdem Hitler am 30. Januar 1933 in Deutschland die Macht übernommen hatte. Auch in Österreich war 1933 ein Faschist an die Macht gekommen. Ich finde, der Film bringt dies ausgezeichnet rüber. Mir jedenfalls ging das unter die Haut.

    Mit freundlichen Grüßen

    Beate Bockting, INWO e.V.

    • Hari List Autor des Beitrages | 10. Dez 2018

      Liebe Frau Bockting,
      vielen Dank für Ihren Kommentar und dass Sie die Einladung angenommen haben, den Film historisch einzuordnen.
      Sie erlauben, dass ich auf Ihre Punkte etwas ausführlicher antworte:

      1) Ich bin mir nicht sicher was Sie mit „typisch für diese Zeit“ genau meinen, aber ja, ich suche immer nach dem Besonderen, dem „Obendrauf“. Action (im Sinne von Bewegung, Tempo, nicht Explosionen) und Humor waren Beispiele für Elemente, die nicht da waren und in der richtigen Dosis eventuell den Film besser hätten machen können. Meine Meinung.

      Ich bin mir aber auch ziemlich sicher, dass man abstumpft, wenn man sich zu sehr mit einer guten Sache beschäftigt. So wie der Restauranttester vermutlich kein gutes Dorfwirtshaus, in dem die üblichen Gerichte mit Liebe und in bester Qualität angeboten werden, mehr zu schätzen weiß, so kann es mir mit österreichischen Fernsehfilmen wohl auch gehen. Dass Sie das anders sehen kann ich verstehen, aber ich könnte mir vorstellen dass Sie auch Expertin/Con­nais­seu­se in etwas sind, wo nur das Allerbeste gerade gut genug ist und ich bereits mit Solidem hochzufrieden wäre.

      2) Ich bin 30. Alter tut hier aber wohl nichts zur Sache und die Leute, die noch echt ein „Gefühl“ für die Situation haben, davon gibt es leider nicht mehr viele, insofern arbeiten die meisten von uns mit angelerntem Geschichtswissen (von dem man sowieso nie genug haben kann). Und ich schau mir den Filme gerne noch einmal an, bitte Sie aber im Gegenzug meine Kritik noch einmal zu lesen. Speziell, aber nicht nur, den ersten Absatz meiner Ergänzungsliste.

      Man kann den Film aus mehreren Dimensionen beleuchten: ökonomisch, historisch oder, so wie ich, dramaturgisch. All die von Ihnen erwähnten Personen kommen im Film nicht vor, warum also sollte ich sie in meiner eher Dramaturgie-zentrierten Kritik berücksichtigen?

      Die dramaturgische Frage für mich (und für unsere Diskussion hier) ist: Was ist die Essenz, die einzeilige Synopsis, der erzählten Story? Ist es „Bürgermeister kämpft und verliert gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus in seinem Ort?“ Nein. Es ist zB “ Bgm. versucht und scheitert mit Hilfe einer alternativen Währung einen ökonomischen Aufschwung im Ort in Gang zu setzen.“ Die zweite Variante können Sie übrigens nehmen und an einen anderen Ort, zu einer anderen Zeit, in einer fiktiven Welt (Kufstein, Mittelalter oder Zukunft, Mittelerde) stattfinden lassen. Das ist dann die künstlerische Entscheidung. Sie können auch noch anhängen „…in Zeiten des aufkeimenden Nationalsozialismus“ DANN aber, muss der auch eine Rolle spielen. Das war nicht der Fall. Mehr hab ich nicht gesagt.

      Ich freue mich sehr, wenn Ihnen der Film unter die Haut ging. Persönlich erwarte ich mir mehr und das ist auch nicht immer ganz fair den Filmemacher:nnen und dem Publikum gegenüber. Aber es ist meine Meinung, die ich mir gut überlegt habe und zu der ich stehe und wenn Sie öfter hier meine Kritiken lesen oder unsere Podcasts hören, dann wissen Sie, dass ich sehr oft die Konzession mache, dass man Dinge auch anders sehen und interpretieren kann. Aber das entwertet nicht meine Meinung und mein Geschmacksurteil über die Qualität des besprochenen Films.

      Gerne lade ich Sie auch ein Ihre Expertise öfter hier zu teilen, speziell bei historischen oder wirtschaftsbezogenen Stoffen. Das würde uns sehr freuen, denn – und auch da bin ich on-the-record – gerade da fehlt es uns im Team und auf der Seite generell.

      Herzliche Grüße
      H. List

  2. A ECHTE UNTERLANDLERIN 9. Dez 2018

    Die Kritik ist gerechtfertigt.. An sich ein guter Film, aber als echter Unterlandler kann man sich den nicht anschauen.
    Der Dialekt ist unzumutbar und ärgert mich extremst!
    Spätestens bei dem gesprochenem Dialekt ist für mich die Geschichte schon nicht mehr glaubwürdig und ich schau mir den Film erst wieder an (beziehungsweise weiter denn ich hab den Dialekt nicht ausgehalten) wenn richtige Tiroler mitspielen!

    • Hari List Autor des Beitrages | 9. Dez 2018

      Das ist interessant, weil Kollege Hannes, der ja aus Wörgl stammt und immer noch viel Zeit dort verbringt, den Dialekt als Ok empfunden hat.
      Klar spielt Sprache und unsere Wahrnehmung eine große Rolle aber unterm Strich meine ich, dass es um die Geschichte geht. Perfekte Dialekte und einen rein tirolerische Besetzung wird es nie geben können.

      Als Niederösterreicher/Wiener hab ich natürlich für die feinen Unterschiede zwischen Unter- und Oberland leider kein Ohr, aber ich muss sagen dass ich sehr gerne große Filme sehe, die im Westen spielen und einmal nicht in Wien. Da gabs in der Vergangneheit ja einige Highlights, wie „Der stille Berg“ (Tiroler Regisseur) oder „das finstere Tal“, wo auch ein großer Teil der Rollen mit Tirolern besetzt waren (Karl, Windisch bzw. Moretti, Leutgeb fallen mir auf die Schnelle ein). Also es wird schon versucht, wenn geht, „echte“ Tiroler zu nehmen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.