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Kritik: M – Eine Stadt sucht einen Mörder – Teil III & IV

Die Hetzjagd ist eröffnet! In Teilen III & IV beginnt der moralische Verfall erst so richtig – oder ist es vielmehr so, dass der Mörder bloß die Menschen demaskiert?

Der Clown und das Kind

Das Ende von Teil II hatte uns fälschlicherweise glauben lassen, dass Tamasj (Jeremy Miliker), der Sohn der Hure, unter einem der Eisgräber geruht hätte. Der treibt sich trotz einer Begegnung mit M im Krankenhaus (in Teil II) jetzt aber noch munter herum, das allerdings auf Wiens Straßen bzw. auf dem Campinghof der rumänischen Bettlertruppe. Die vermeintliche Gefahr, die Tamasj drohte, ist nun am Ende von Teil IV tatsächlich gegeben. In gewisser Weise ist das „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ im Mikrokosmos.

Einerseits ist das spannend und unterhaltsam. Schon allein aufgrund des Pfeifgesangs, bei dem die Serie den Ohrwurm-Charakter des Lieds sehr gut einfängt – wir haben uns in den vergangenen Tagen selber mehrmals beim vergnüglichen Pfeifen des Liedes ertappt, ehe uns das „vergnüglich“ im Halse stecken blieb, als uns der Kontext wieder einfiel. Auch visuell ist die Szene exemplarisch: wunderschön komponiert, großteils schwarz-weiß mit ein paar roten und gelben Einschlägen. Film Noir lässt grüßen.

Wie die Serie da jetzt hinkommt ist eine andere Frage. Wir nehmen jetzt mal stark an, dass dieser falsche Clown, der Tamasj da abholt, M ist. Aber wie kommt er dazu, Tamasj jetzt zufällig wieder zu treffen, nachdem er dem Buben in Teil II schon vergeblich eine Orange im Krankenhaus angeboten hatte? Hat er Tamasj die ganze Zeit verfolgt? Wie geht das, wenn er doch bei der gehörlosen Coco (Samira Lehmann) war? Warum hat M es überhaupt auf den Jungen abgesehen – ermordet er nun ebenfalls Burschen? Fragen über Fragen, und wir sind uns nicht ganz sicher, wie viele davon „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ zur Genüge beantworten kann.

Im Gegensatz zum Original scheint M kein Triebtäter zu sein, sondern hehre Ziele zu verfolgen. Er inszeniert die Tode regelrecht, gleich ob Schneegräber mit Kreuzen oder Ausstellungskasten mit makabrem Buh-Scherzchen. Bekannt werden will er, egal ob post-mortem oder nicht. Was er mit der Aktion aussagen will, wissen wir noch nicht – das halten Autoren Schalko und Romen noch für den letzten Akt zurück.

Zumindest wissen wir mehr als die Ermittler, denn die wissen genau gar nichts. Auch die Verbrecherbande, die unter der Leitung der Wilden (Sophie Rois) ebenfalls nach dem Mörder fahnden, weil sie nicht mit dem Kindermörder in einem Atemzug genannt werden wollen. Außerdem sind die Razzien schlecht fürs Geschäftsmodell. Die Wilde will dazu die rumänische Bettlermafia benützen – aber was wollen eigentlich die Bettler tun, um einen Mörder, dessen Gesicht man nicht kennt, zu finden? Es ist ja so ein cooles Konzept, dass die ganze Stadt nach ihm sucht, aber die mit ziemlich cooler Musik untermalte Sequenz, in der die Bettler „Ausschau“ halten, ist irgendwie einfach nur unfreiwillig komisch. Schade, denn diese Verbrüderung zwischen gut und böse ist ein tolles Motiv, und wie auch im Original in hübschem Wechselschnitt erklärt.

Foto: ORF/Superfilm

Aber weil alle im Dunkeln tappen ist „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ auch manchmal spannungsarm. Vielleicht hat das Remake hier von Anfang an einen Nachteil, weil viele Zuseher das Ende schon kennen und man die Serie vielleicht auch auf diese veränderte Zusehererwartung dramaturgisch anders aufbauen muss. Und weil das Remake das Kaleidoskop der Gesellschaft in knapp 5 Stunden erzählt statt nur in 1,5. Während wir uns jedenfalls in Teilen I & II noch unsicher waren, wie viel wir über die Identität des Täters spekulieren durften ohne zu spoilern, wird spätestens in Teil IV kein großes Geheimnis darum gemacht, wer der Mörder ist: M (Gerhard Liebmann). Aber nicht weil wir mit den Kommissaren M langsam auf die Schliche gekommen sind, sondern weil uns einfach mehr M gezeigt wird.

Es ist nicht die Spannung oder der Plot, der hier im Vordergrund steht – es ist die Stimmung. Es ist die Originalität. Es ist die Ästhetik. Es ist die einzigartige Vision, die „M“ dadurch zum Ausdruck bringt. Wer realistische oder wahnsinnig spannende Mörderjagd sucht, ist hier falsch am Platz. Wer die Metaphorik gut findet, wenn der bleiche Mann (Bela B) frustriert Schaufensterpuppen umschubst, ist da eher das Zielpublikum. Und für die meisten, die da dazwischen sind… naja, wenn ihr hier mitlest und schon 4 Folgen gesehen habt, habt ihr euch sicher schon eine Meinung gebildet. Oder ihr habt ohnehin das M-Schiff schon längst verlassen. Der Vertrauensvorschuss, den sich Schalko durch seine vielen bisherigen Erfolge hart erarbeitet hat, wird dann auch im Finale noch wirken. Und wie auch schon in Teilen I & II gilt: Wer sich darauf einlässt, wird viel zu Staunen haben. Wie ein dystopischer Rummel, der der letzten Szene vielleicht nicht ganz unähnlich sieht.

Die Stadt sucht einen Mörder

Es war also nicht Tamasj, sondern ein anderes Kind, das am Ende von Teil II verloren ging und nicht vermisst wird. Um den Fall zu lösen entschließt sich der Innenminister (Dominik Maringer), das Foto der Ermordeten zu veröffentlichen – und schon bald ziert ganz Wien (und zwar wirklich GANZ Wien, das Poster ist ja wirklich überall) das Antlitz einer Kinderleiche. Wer kennt dieses Mädchen? Es ist ein wunderbares Sinnbild für den moralischen Verfall, den Schalko und Romen in der Besprechung zwischen Minister und der Frau Oberst (Johanna Orsini-Rosenberg) sehr gut erklären: Eigentlich verletzt das ja die Menschenwürde. Aber ist ja egal, dass die „unantastbar“ ist – solange sie der Sache dienlich ist und solange es die Bevölkerung schluckt sind alle Mittel recht.

Der Innenminister. Foto: ORF/Superfilm/Klaus Pichler.

Und teuflischerweise gibt der Erfolg ihm Recht: Erst mithilfe dieser Aktion wird die Identität des Mädchens festgestellt, Muriel Krivacek. Der erste Schritt ist getan, die Grundrechte der Menschen anzugreifen – und am Ende von Teil IV bläst der Innenminister folgerichtig zu weiteren Schritten auf. Plötzlich findet sich da der Serientitel innerhalb der Serienwelt wieder, Wien steht nun wirklich unter dem Motto „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“. Begleitet wird der Ruf nach der Hetzjagd (und nebenbei nach der Widerwahl des Inninministers) mit diversen eingeblendeten Sprüchen wie „Wien wacht auf!“ oder „Das Schwein wird hängen und ich werde applaudieren!“ – wohl nicht ganz zufällig in einer Ikonografie, die jener aus den 30er-Jahren nicht ganz unähnlich sieht. „Wir werden Sie finden und austilgen.“ Die satirische Komponente ist nach wie vor die stärkste von „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“.

Alle Kinder werden erwachsen. Alle? Außer einem.

Die persönlichen, emotionalen Geschichten sind, wie bei Schalko-Produktionen öfters der Fall – eher eine gemischte Sache. Während uns das Drama rund um Elsies Eltern in Teil I & II noch mehr berührte, wird es hier mehr zur Ekeltragödie, als sich herausstellt, dass Elsies Mutter (Verena Altenberger) Elsie Fäkalien gespritzt hatte. Igitt. Wie Elsies Mutter versucht, ihre Trauer mit Hilfe einer Puppe zu kompensieren, ist tragisch, aber Teil IV weiß dann nicht mehr recht, was es da weiter zu erzählen gibt. Man darf gespannt sein, wie die Geschichte zu Ende geführt wird. Wie kann man daraus jetzt noch ein zufriedenstellendes Ende basteln, wo Elsies Mutter so fernab jeglicher Sympathie ist?

Ganz andersrum bei Coco. Samira Lehmann ist vielleicht die Schauspielentdeckung der Serie – irre, wie sehr man die ins Herz geschlossen hat. Das hat natürlich auch mit der Gehörlosensprache zu tun, die visuell einfach wahnsinnig viel zu bieten hat: Worte wie „Schlingel“ oder „küssen“ oder „sich fürchten“ oder einfach „ja“ und „nein“ sind einfach Hingucker und lassen einen grinsen. Und wie selten ist es, dass eine Serie oder ein Film gehörlose Figuren einsetzt, ohne dass die Geschichte davon abhängt?

Elsie, Samira oder Leyla sind natürlich auch unschuldige Kinder, aber bei Coco ist es Schalko und Romen wirklich ausgezeichnet gelungen, ihre Lebensfreude zu zeigen – weshalb es umso tragischer ist, dass es Coco erwischt hat. Falls sie wirklich verloren ist. Denn obwohl auf den ersten Blick alles darauf deutet, dass sie in der Vitrine steckte, tappst „M“ auffällig oft um den tatsächlichen Sachverhalt herum. Wir hören beispielsweise nicht, was die Lehrerin Cocos Vater sagt, als dieser bittet, nach Coco zu schauen. Wir sehen nicht eine etwaige emotionale Reaktion von ihm. Wir sehen Coco nie in der Vitrine. Selbst als die Kommissarin (Sarah Viktoria Frick) fragt „Ist es ein Mädchen?“ erklingt die Antwort ausschließlich im Off. Und vor allem: Dass Coco abends zuvor Halsweh als Vorwand angab, um die Schule zu schwänzen, konnte M gar nicht wissen. Und schon bei Teil II hat uns die Serie erfolgreich auf die falsche Fährte geführt. Hmm…

Diese Theorie wirft natürlich ein paar andere Fragen auf – warum war M bei Coco und ihrem Vater zu Besuch? Warum hat M Cocos Vater Schlaftabletten eingeflößt? Warum hat er ihr nichts getan? Woher hatte er dann so spontan eine andere Kinderleiche? Hm, jetzt haben wir uns unsere eigene Theorie wieder kaputtargumentiert. Andererseits scheint M ja generell über fast überirdische Kräfte zu verfügen (siehe Verbindung zu Tamasj oder Feli, der Tochter des Ermittlers). Und wir bräuchten dann jetzt ein anderes Kind, das Ms Opfer geworden ist – wenn die Frage schon so bedeutungsschwanger in den Raum gestellt wird, ob es ein Mädchen ist, fällt unser Verdacht auf Rudi – was auch erklären würde, warum der so prominent vorkommt, ohne dass er bislang eine allzu relevante Rolle eingenommen hätte.

Überhaupt gibt es in Sachen Coco noch einige Fragezeichen. Was wir ehrlich gesagt nicht verstanden haben ist, warum die Polizei plötzlich ein Foto von Coco hat (noch bevor sie vermeintlich umgebracht wird). Ist sie Cosima Bacher? Die ähnlichen Vornamen würden es nahelegen. Andererseits sollte Cosima Bacher doch schon ein Teenager sein, oder nicht? Andererseits hat Coco keine Mutter und ihr Vater will offensichtlich nicht über die Mutter sprechen. Das könnte natürlich auch sein, weil er sie vermisst, aber da mehr dahinter steckt. Er ist jedenfalls nicht der beste Vater – zwar liebevoll, aber irgendwie auch ein wenig zu sorglos. Er lässt das Kind fast beliebig schwänzen, lässt sein gehörloses Kind nachts beim Sturm verstecken spielen und raucht innerhalb der Wohnung. Irgendwas hat es mit dem auf sich.

Auch bei den Kommissaren haben Teile III und IV Wunder vollbracht. Nachdem diese in den ersten Teilen – auch aufgrund der Flut an Figuren und der Anonymität der Namenlosen – noch ziemlich untergegangen waren, erfahren wir hier nicht nur so langsam, warum wir uns um die beiden kümmern sollten, sondern sehen wir sie auch eine interessante Dynamik entwickeln. Das sind jetzt nicht die allerausgearbeitetsten Kommissare der Filmgeschichte, aber es macht doch Spaß, den beiden beim Kabbeln zuzuschauen. Oder wie sie sich versichern, wie erwachsen bzw. unerwachsen sie im Grunde sind. Süß! Gerade bei unserem alkoholischen, borstigen männlichen Kommissar ein äußerst notwendiger, fast schon überfälliger Schritt, bevor uns der mit seiner Grantelei selber die Laune verdirbt.

Die beiden sind nach wie vor weit entfernt davon, sowas wie die emotionalen Ankerpunkte der Serie zu sein.

Noch mehr Bla:

  • Ein Bruttofilmlandsprodukt-Glückstreffer: Dass wir bei der Kritik zu Teilen I + II auf die Worte des Innenministers genauer eingegangen waren, auf welcher Seite man stehe – auf der der Opfer oder der Täter. Die Frau Oberst steht uns da in nichts nach, die durchschaut seine Rhetorik genauso wie wir.
  • Mini-Mogelpackung: Die mitunter spektakulärsten Aufnahmen sind Traumsequenzen, die jetzt nicht unbedingt für die Geschichte notwendig wären. Die erotische Kussszene zwischen Kommissar und Ex-Frau ist wunderbar, vor allem aber Rudis Schokotraum ist ja mal wirklich ausschließlich Teil von „M“, weil’s halt geil aussieht. An dieser Stelle sei aber ebenso festgehalten: „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ ist und bleibt wunderschön.
  • Hilfe, ist diese Ausstellungsvitrine schaurig.
  • Wusst ich’s doch, dass der Lehrer eine dunklere Seite inne hat! Aber besser als gedacht: Es ist nicht so, dass die Vorwürfe des sexuellen Übergriffs sich als wahr herausgestellt hätten, sondern vielmehr der Frust der falschen Anschuldigungen, der ihm den Vorwand liefert, sauer auf die Gesellschaft zu sein – was ihn nach einem Sündenbock suchen lässt, den er in Unicorn findet.
Foto: ORF/Superfilm/Ingo Pertramer
  • Noch so ein Fall für „Kunst, Meta-Humor oder Unsinn?“: Der Kommissar sieht irgendwo in Wien zufällig einen Clown in der perfekten Montur, der genau die gleichen Luftballons verkauft wie unser pfeifender Clown, nur um festzustellen, dass er ihn verwechselt hat. Muss ja eine ganz schöne Clowns-Flut gegeben haben in Wien, seit ich aus der Stadt weggezogen bin…
  • Kein Highlight: Wie oft sich der Plot auf Zufälle stützt. Ausgerechnet die Tochter des Kommissars wird vom Mörder angesprochen? Ausgerechnet sie entdeckt schon fast das ermordete Kind im Ausstellungskasten? Wieso trifft M Tamasj zufällig wieder, und woher weiß er von seiner Freundschaft mit dem Clown?
  • Der Twist, dass der bleiche Mann (Bela B) mit seinem Baseballschläger zu spät kommt, wäre ja echt cool gewesen, wenn uns nicht ein paar Minuten davor schon mitgeteilt worden wäre, dass die Polizei schon vor Ort ist.
  • Bananaaaa!“ Spielt Rudi da auf die Minions an? Aber ich fand’s jedenfalls witzig.
  • Wo liegen denn die Loyalitäten der Frau Oberst? Die kann ich so gar nicht einschätzen, ich weiß nie ob sie lügt oder die Wahrheit spricht, ob sie ihrem Gegenüber manipulieren will oder aufrichtig ist.
Frau Oberst. Foto: ORF/Superfilm/Ingo Pertramer

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