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Kritik: Meiberger 2×03 „Der Berg“

In dieser Woche trifft „Meiberger“ auf „Dark“: Nachdem Maria Lang vor 30 Jahren bei einer Wanderung verschollen ist, taucht sie nun eines Tages wieder auf – und ist immer noch gleich alt wie damals. Wie kann das sein? Ist „Meiberger“ nun tatsächlich okkult geworden? Oder treibt da bloß jemand ein falsches Spiel?

„Der Berg“ ist wohl so eine Fall, den jeder anders rezipieren wird. Für mich als Anhänger des magischen Realismus und Fan von Mystery-Serien wie „Dark“ ist die zentrale Frage rund um die geheimnisvollen Umstände von Marias Auftauchen der absolute Mega-Hook. Andere werden sich vielleicht schon nach drei Minuten in dieser Folge fragen, was dieser Unsinn denn soll – Zeitreise, so was gibt’s doch gar nicht. Doch gerade wegen dieser Unmöglichkeit ist das so ein irrsinnig spannender Aufhänger für einen Fall. Die Frage ist nur: Kann die Folge das auch tatsächlich auflösen?

Real oder Fake

Man kann nicht anders, als die Folge im Kontext ihrer Ausstrahlung und der Serie zu sehen. Erstens ist „Meiberger – Im Kopf des Täters“ auf ServusTV (ein Sender, der oft Sendungen um österreichische Kultur und Landschaft ziegt) und zweitens war die Serie immer schon der Realität verpflichtet – ein übernatürliches Phänomen passt da einfach nicht ins Konzept. Und ja, Meibergers Magie ist nämlich auch nur eine Illusion.

Es muss also eine absolut rationale Erklärung geben. Irgendeine. Doch je mehr wir über die Begebenheit erfahren, als umso verwirrender entpuppen sich die Umstände. Alles deutet darauf hin, dass Maria Lang tatsächlich durch die Zeit gefallen ist. Dass „Meiberger“ das offensiv aufnimmt und dabei sämtliche naheliegenden Erklärungen in Windeseile von unseren Ermittlern ausgeschlossen werden, ist ein feiner Schachzug. Immer mehr fragt sich, wie die Serie das wohl erklären kann – abschalten unmöglich. Leider spielt die Serie dabei aber mit falschen Karten.

Es ist nämlich so: Eine Geschichte ist immer dann am Spannendsten, wenn wir als Zuseher uns selber noch keinen Reim daraus machen können, wie die Protagonisten aus einem Schlamassel herauskommen können. „Der Berg“ bietet uns ein Dilemma, das wirklich wie eine unknackbare Nuss erscheint: Wir haben Maria ja in beiden Zeitebenen tatsächlich gesehen, es handelt sich ganz eindeutig um dieselbe Person. Maria scheint alle relevanten Informationen zu besitzen, um ihre Identität zu bestätigen. Und selbst der Uhrenvergleich mit Richard Lang bekräftigt uns, dass die Zeit auf diesem Berg relativ verrinnt. Schließlich muss dann aber doch die Logik siegen und wir uns eingestehen, dass der Zauberberg kein solcher ist – das Zaubern ist allein Thomas Meiberger vorbehalten.

Dass Maria Lang sich doch noch als Schauspielerin entpuppt, ist die einzige logische Erklärung – und doch ergibt das nicht so wirklich Sinn. Welche Schauspielerin würde einem offensichtlich extrem berührten Mann vorspielen, seine lang vermisste Tochter zu sein? Wie kann sie sich so viele Eigenarten Marias aneignen, um mit ihrer Charade nicht sofort aufzufliegen? Richard schließt das ja kategorisch aus – wieso sollte er da lügen oder sich täuschen?

Der Aufwand, sich derart in Details einzulesen, um Maria glaubhaft zu verkörpern, ist schon immens – und das nur, ums Erbe zu erschleichen? Davon abgesehen – dass die Nummer überhaupt aufgehen und zum Ändern des Testaments führen würde, ist schon sehr, sehr abwegig, von der Gefahr des Auffliegens ganz abgesehen. Die vermeintliche Maria sagt ja noch selber: „Ihr Psychologen könnt’s doch einschätzen, ob wer lügt oder net.“ – sie ist also auch noch eine so gute Schauspielerin, um den übermächtigen Meiberger zu täuschen? Überall knirscht es da gewaltig.

Das vermeintlich stärkste Argument für Marias Authentizität ist allerdings die oben bereits schon erwähnte Tatsache, dass Zoë Straub sowohl Maria anno 1989 als auch die 2019 „Maria“ darstellt. Das lässt sich schlussendlich (vermeintlich) dadurch erklären, dass es Herr Langs subjektiver Wahrnehmung entspricht – d.h., die Erinnerung an Maria sind in den 30 Jahren dergestalt verblasst, dass er sich nur noch vage an ihr Aussehen erinnern kann, und Katharina Walli sieht eben Maria nur ähnlich genug, um ihn zu täuschen. (Was natürlich auch ein Riesen-Zufall ist.) Dass es die Subjektiven überhaupt gibt, wird zugegebenermaßen sehr elegant durch Richard Langs Episoden erklärt, in denen er vermeintliche kurze Zeitreisen erlebt.

Großer Logigfehler jedoch: Von Maria gibt’s schließlich Fotos. Ein einfacher Vergleich gleich zu Beginn der Folge hätte unweigerlich dazu führen müssen, dass sie auffliegt. Und so bricht das Kartenhaus in sich zusammen. Dem großen Mysterium der Folge muss man daher leider attestieren, dass es von hinten bis vorne nicht glaubwürdig ist. „Meiberger“ hat uns versucht auszutricksen, wir sind da aber leider schlauer, als es uns das Drehbuch zugestehen will.

Trotzdem mag ich „Der Berg“ beziehungsweise wofür die Folge steht, und das nicht nur, weil ich Fan dieses vermeintlichen Mystery-Events bin. Es ist mir lieber, eine Serie probiert großspurig Sachen und riskiert dabei, auch manchmal ein bisschen auf die Nase zu fallen, als dass sich jede Folge gleich anfühlt. Es hat schon seinen Grund, warum wir „Meiberger – Im Kopf des Täters“ wöchentlich begleiten und so manch andere Krimi-Serien nicht. Die haben schon auch ihre Existenzberechtigung, aber spannender finden wir dann doch die experimentierfreudigeren Serien – und Folgen wie „Der Berg“ sind dafür die Bauernopfer.

Zweitens setzt die Folge smarterweise nicht ihre gesamte Laufzeit auf das Geheimnis um Marias Identität, sondern biegt (wie auch schon der Staffelauftakt „Mörderisches Spiel“) nach der Hälfte unerwartet ab, und ab da geht’s um die Aufklärung eines Mordes. Dickes Minus ist allerdings, wie unaufregend aufgeklärt wird, dass Maria doch nicht Maria ist, sondern Katharina Walli. Nicht nur, dass eine neue, bislang unbekannte Nebenfigur die Enthüllung Ganslinger erzählt, der emotional für diesen Fall noch gar nicht auf Schiene geholt wurde – nein, viel schlimmer noch, die Rechtsmedizinerin klärt die Identität unaufgeregt nur als einen von zwei neuen Erkenntnissen auf und exponiert die Erkenntnis nicht groß. So antiklimaktisch kennen wir „Meiberger“ gar nicht.

Die Aufklärung des Mordes ist dann eher Krimi-Standardware – nicht schlecht, aber auch nicht sonderlich bemerkenswert. Die Auflösung von Marias Tod und die Erklärung für den Fund, nun 30 Jahre später, sind aber äußerst gelungen – nicht nur vom Plot her, sondern auch emotional. Dank Meiberger ist Richard Lang endlich in der Lage, sich seinen Geistern zu stellen und kann sich so an den Weg erinnern, den er vor 30 Jahren durch die Felsen genommen hatte. Besonders hübsch auch der Moment, in dem er Meiberger davon abhält, einen Schritt weiter zu gehen, um nicht so zu enden wie Maria – die Erinnerung kam in letzter Sekunde.

Um- und Abwege

Mit Meiberger, Nepo und Ganslinger hat „Meiberger“ genug Ermittler, soddass nicht immer alle für den Fall gebraucht werden. Nepo ist zum wiederholten Male ein bisschen außen vor, bekommt dafür aber mehr emotionalen Stoff. Schön zu sehen, wie sehr er sich für Patrick, der immerhin gar nicht sein eigener Sohn ist und den Nepo wohl noch nicht allzu viele Jahre kennt, ins Zeug legt – und sich dabei wie ein „1A-Orschloch“ benimmt.

Es ist ein toller Konflikt, weil man sowohl Nepos als auch Barbaras Standpunkt verstehen kann. Auch hier vermag „Meiberger“ zu überraschen – während man zuerst glauben mag, dass Elli Asenbaum auf Nepos quid pro quo eingeht, steht Nepo am Ende der Folge doch auf der Abschussliste, wahrscheinlich wegen versuchter Beamtenbestechung und/oder Erpressung. Spannend bleibt auch, dass Meiberger noch immer nichts von Patricks Taten weiß – wie wird er darauf reagieren, und was wird er von Nepos Engagement halten? Wird er da auf Nepos oder auf Barbaras Seite stehen?

Ganslinger hat diese Woche mal ein bisschen weniger zu tun. Seinen Krapfen nach zu urteilen gehört Olivia endgültig der Vergangenheit an. Dafür scheinen Drehbuchautoren Maja und Wolfgang Brandstetter meine Gebete von der Vorwoche erhört zu haben – es gibt da nun tatsächlich eine neue Figur in der Rechtsmedizin, die Ganslingers Angebetete werden könnte. Ulla Tettmann heißt sie, und bislang knisterte da bislang bewusst noch nichts – aber schon ihre prominente Besetzung in den Credits verheißt, dass sie noch eine größere Rolle spielen dürfte diese Staffel. Funken wird’s da noch – wetten?

Noch mehr Bla:

  • Für die Timeline: „Mörderisches Spiel“ liegt in dieser Folge bereits mehrere Monate zurück.
  • Patrick hat richtig guten Musikgeschmack! Das Lied zum sich beruhigen: Großstadtgeflüster – Weil das morgen noch so ist.
  • Was ich emotional an „Der Berg“ leider nicht sehr stimmig finde ist Richard Langs Gefühle nach dem Tod der 2019 Maria. Allzu stark wurde das nicht betextet, dass der Mann seine Tochter gerade zum zweiten Mal verloren hat – was für eine überaus grausame Erfahrung.
  • Kein Fan von der Szene, in der Patrick seiner Mutter vormacht, er habe Liebeskummer. Hätte mir da wirklich gewünscht, dass Patricks Dilemma im Subtext angesprochen wird, indem Karo da einen Ratschlag für den Kummer gibt, der unbewusst perfekt auf Patricks tatsächliches Dilemma passt.
  • Ich glaube, die Drehbuchautoren haben noch nie ein Dating-App verwendet. No way, dass Ganslinger aufm Land 34 Anfragen von Damen allen (und insbesondere älteren) Alters bekommen würde. Meine einzige Erklärung ist, dass er da Spamanfragen bekommen hätte, aber „Meiberger“ hat das nicht betextet.
  • Hübsches Easter Egg: Die Fotos der Schauspielerin Katharina Walli sind genau jene, die die Schauspielerin Zoë Straub auf ihrer Agentur-Homepage zur Schau stellt.
  • Alle Fotos: © ServusTV / MonaFilm / Kerstin Stelter

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