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Kritik: Meiberger 2×06 „Die Stimmen“

Meiberger hat viel zu tun: Einerseits einen unschuldigen Jungen vom Mord an seiner Mutter entlasten, andererseits mehrere entführte Kinder wiederzufinden. Leider sind zwei Fälle aber nicht spannender als ein einzelner.

Zufällig spannend

„Meiberger – Im Kopf des Täters“ hat mit seiner zweiten Staffel wirklich überzeugt und unsere Erwartungen größtenteils getroffen. Wie auch schon in der ersten Staffel profiliert sich die Serie mit abwechslungsreichen Folgen und Fällen, die nicht am Reißbrett entworfen wurden, sodass man in keiner Woche bereits im Vorhinein erahnen kann, wohin die Reise führen wird. Der Abwechslungsreichtum der kniffligen Fälle hat in Staffel 2 sogar noch mal zugenommen, und insbesondere die unvorhersehbaren Wendungen sind ein wirkliches Alleinstellungsmerkmal.

Wie auch alle anderen Serien schauen wir aber „Meiberger“ nicht für seine Fälle (obwohl die uns durchaus gut unterhalten), sondern für die Charaktere und ihre Geschichten. Und diesbezüglich muss man leider festhalten, dass „Meiberger – Im Kopf des Täters“ so langsam ein Problem hat. Bislang haben die tollen Fälle uns noch darüber wegsehen lassen, aber je tiefer wir in die zweite Staffel gehen, umso mehr wird ersichtlich, dass uns die größeren Erzählbögen, die „Meiberger“ gerade so am Start hat, nicht wirklich funktionieren.

„Die Stimmen“ kann jedenfalls nicht darüber hinwegtäuschen. Der ist Krimi-Standardware, die unterhält, aber nicht begeistert. Große Illusionen und Wendungen gab’s in dieser Folge auch nicht zu sehen. Wir sind uns unsicher, ob der überraschendste Twist von „Die Stimmen“ jener war, dass Meiberger im Grunde komplett durch Zufall die entführten Kinder finden konnte, oder der, dass die zwei Fälle auch nur durch einen Zufall überhaupt etwas miteinander zu tun hatten. „Die Stimmen“ ist die erste „Meiberger“-Folge, in der wir uns am Ende fragen mussten: Wie, und das war’s?

Die vielen Kais aus der Kiste

Es kann nicht jeder Fall ein Meisterwerk sein, das kann man auch von „Meiberger – Im Kopf des Täters“ nicht verlangen. Auf den Episodenfällen herrscht allerdings zweifelsohne Druck, weil die Serie mit ihren Figuren strauchelt. Nicht, weil diese per se uninteressiert wären – mit Meiberger, Ganslinger und Nepo hat man drei Männer in vorderster Front, die nicht nur auf ihre unverwechselbare Art interessant sind, sondern mit denen man auch jede Menge Spaß haben kann, wie etwa in der Undercover-Aktion in „Die schwarze Witwe„.

Das große Problem ist aber jenes, dass keine der Figuren einen größeren Erzählbogen mit sich bringt. Mit Meiberger ist zu Beginn der Folge alles im Lot, Ganslinger hat seine neue Freundin gefunden, Nepo ist mit der Falschaussage so halbwegs durchgekommen, und Patrick ist mit seinem Delikt davongekommen. Von Barbaras Suche nach dem Mörder ihrer Mutter abgesehen gab es nichts, das uns auf diese Folge sonderlich heiß gemacht hätte, von der Erwartungshaltung gegenüber dem Fall (den Fällen) der Woche abgesehen.

Das alles ist im Grunde auf Staffel 1 zurückzuführen, genauer gesagt wie diese als abgeschlossene Einheit konzipiert wurde. Damals gab es Hannah, die Thomas Meiberger eine ganze Staffel nach dem Leben trachtete. Am Ende des Staffelfinales löste sich alles in Wohlgefallen auf, ohne dass weitere Ansätze gepflanzt wurden, wie es mit Meiberger & Co. spannend weiter gehen würde. Thomas und Barbara waren glücklich, Karo schwanger und Ganslinger single – Konflikte versprach das keine.

Und das sorgt dafür, dass „Meiberger – Im Kopf des Täters“ uns nun Konflikte liefert, die wie Kai aus der Kiste daherkommen. Bei Barbara ist das etwa die 30-jährige Suche nach dem Mörder ihrer Mutter. An sich sollte das eigentlich spannend sein – aber man kommt einfach nicht umhin, sich zu fragen, wo das auf einmal herkommt, weil das in keinster Weise in Staffel 1 angedeutet wurde. Dadurch wirkt das wie beliebig auf die Barbara Simma-Figur draufgesetzt. Es fühlt sich so an, als käme als Nächstes Nepos Bruder vorbei, der uns dessen 25-jährige Brüder-Fehde präsentiert, die nach zwei Folgen wieder auserzählt ist.

Denn die Konflikte werden in dieser Staffel stets ganz schön zügig aberzählt. Patrick war in Folge 1 noch der mürrische Teenie, der sich aufgrund seines neuen Halbgeschwisterchens vernachlässigt fühlte. Davon ist jetzt nicht mehr viel über, jetzt ist er wieder der brave Junge, der mit dem Papa Zaubertricks vorbereitet (dafür aber ziemlich coole). Ganslingers Flamme taucht diese Woche gar nicht auf, sodass wir dessen Liebesglück gar nicht miterleben. Das ergibt insofern Sinn, weil ohne Leiche keine Pathologin von Nöten ist. Trotzdem hallt das noch ein wenig in uns nach, wie schade es ist, die beiden nicht länger geshippt haben zu können.

Und so ist das Erscheinen von Meibergers Vater (Miguel Herz-Kestranek) kein „Oh Wow!“-Moment, sondern lässt uns eher gleichgültig die Schultern zucken. Der kommt ohne einen vorbereiteten Konflikt unangekündigt an, wird wohl die letzten zwei Folgen eine Rolle spielen und danach wieder, wenn sich alles erneut zum Guten gewandelt hat, wie Kai zurück in die Kiste gepackt. So unterhaltsam die „Meiberger“-Fälle oft auch sind – irgendwie ist das unbefriedigend.

Noch mehr Bla

  • Nächste Woche DOPPELFOLGE zum Staffelabschluss. Unsere Kritik kommt dementsprechend auch eine Stunde später, ist aber logischerweise auch länger.
  • Offensichtliche Leseempfehlung diese Woche: „Kai aus der Kiste“ von Wolf Durian
  • Karli (Alexander E. Fennon) kennt vielleicht Stefan Zweig, aber er ist definitiv nicht so freundlich der Polizei gegenüber wie Vickerl – der IMMER am Ort des Geschehens auftauchende Sandler aus den „CopStories
  • Nein, der in Staffel 2 nicht mehr vorkommende Giovanni (Otto Schenk) ist NICHT der Vater von Meiberger. Ich könnte mir vorstellen, dass der eine oder die andere noch schwammige und falsche Erinnerungen an diese Figur aus der ersten Staffel hat.
  • Alle bisherigen Kritiken, Berichte und den Podcast zur Serie findet ihr unter diesem Link

Fotos: ServusTV / MonaFilm / Kerstin Stelter

2 Comments

  1. Sibl 5. Dezember 2019

    Danke für den abendlichen Lacher wegen des Reisbretts.
    So eins werd ich mir zulegen, um Sushi zu servieren. 😉

    Jedenfalls möcht ich zustimmen, da steht viel wahres drin.

    Schönen Tag wünsch ich!

    • Hannes Blamayer Post author | 6. Dezember 2019

      Haha, danke für den Hinweis, ist korrigiert. Da wo ich herkomme spricht man Reißbrett so aus wie Reisbrett, und ich dachte daher auch bislang immer, dass man das tatsächlich so schreibt.

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