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Kritik: Nightshift (1. Staffel)

Beinah hätten wir sie übersehen, diese österreichische Neo-Noir-Indie-Webserie von A1now. Das wäre schade gewesen, denn „Nightshift“ ist die ÖSerien-Überraschung des Jahres.

SPOILERWARNUNG
Wir besprechen hier die komplette Serie "Nightshift". Die 15 Episoden mit einer Gesamtlaufzeit von ca. 200 Minuten solltet ihr vorher gesehen haben. Auf A1now.tv sind alle Folgen frei und gratis verfügbar.

Wir waren nicht die einzigen, die der Serie, die doch schon seit Monaten online ist und deren letzten 5 Folgen vergangene Woche veröffentlicht wurden, keine Beachtung schenkten. Im Feuilleton wurde die Serie in keinster Weise erwähnt, es gibt keine „Nightshift“-Web- oder auch nur Facebook-Seite, und auch sonst wurde so gut wie keine Werbung für die Serie gemacht – und dank des generischen Namens ist die Serie auch denkbar schwer zu googlen. Finanziert wurde die Serie wohl hauptsächlich, um A1now zu promoten – aber wir können niemandem einen Vorwurf machen, noch nie von A1now gehört zu haben.

Dass das miserable Marketing von „Nightshift“ aber seine größte Schwäche ist, spricht schon mal klar dafür, der Serie eine Chance zu geben. Das ist bei „Nightshift“ einfach, weil die Serie unmittelbar in ihren Bann zieht. Die Geschichte beginnt nämlich in medias res: Fablo (Fábián Villányi) werden 20.000€ angeboten, um das Gemälde „Caravaggio“ zu stehlen. Doch er ist nicht der einzige, der dahinter her ist – die Unterwelt Wiens schläft nicht. Und so gerät Fablo über die nächsten Nächte in einen Strudel aus Gewalt und Verbrechen.

Man kommt nicht umhin, sofort zu bemerken, dass hinter „Nightshift“ eine standfeste Vision steckt. Der Look, der Sound, die Geschichte, der Vorspann – das alles wirkt wie aus einem Guss. „Nightshift“ fühlt sich über viele Strecken an wie Nicolas Winding Refns „Drive“ in Serie. Neonlichter geben vielen Szenen ein geisterhaftes Flair und der Serie einen unverwechselbaren Look. Die Musik ist wahnsinnig stimmungsvoll und kreiert oftmals eine treibende, teils auch melancholische Atmosphäre.

Wo kommt das rote Licht her? Keine Ahnung, Hauptsache es sieht geil aus. Und das tut es.

Eines der Highlights von „Nightshift“ ist das Intro. Es wäre so einfach für eine Serie wie „Nightshift“, schlichtweg kurz seinen Titel zu Beginn jeder Folge einzublenden, und auch das hätte mit diesem Soundtrack seine Wirkung erzielt. Stattdessen bietet uns die Webserie animierte Sequenzen, die subtil ein paar für die Episoden charakteristische Objekte und Bilder zeigen. Die Animation ist minimalistisch, aber gerade dadurch unheimlich stilvoll. Die Intros sind so hübsch, dass sie tatsächlich ein Mitgrund sind, sich auch die weiteren Folgen anzusehen.

Moment, Intros? Ja, „Nightshift“ hat drei unterschiedliche Intros, weil sich die 15-teilige Serie nach jeweils 5 Folgen einem anderen Protagonisten widmet. Nachdem wir mit Neo-Kriminellen Fablo in die Wiener Unterwelt eingeführt werden, folgen wir im weiteren Verlauf der Serienmörderin Mannie (Merle Kreuzaler) und dem Gangsterboss Pacho (Georg Rauber) – wobei wir da aber auch die anderen Figuren nicht aus den Augen verlieren.

Das Puzzle

Die Erzählstruktur von „Nightshift“ ist vielleicht der erstaunlichste Aspekt der Serie. Dadurch, dass die Geschichte achronologisch erzählt wird, ist die Story hochkomplex – eine häufig eingeblendete Uhr versucht zwar zu helfen, die Ereignisse in die Chronologie einzuordnen, scheitert darin allerdings kläglich, weil man sich nicht erinnern kann, was genau jetzt um 21:13 Uhr, 22:11 Uhr oder 22:38 Uhr geschehen ist. Gleichzeitig ist „Nightshift“ dadurch aber auch ein riesengroßes Puzzle, bei dem man genau aufpassen muss – und es macht durchaus wirklich Spaß, sich zu fragen, wann genau sich Fablo und Mannie kennen gelernt haben, wann sie den Koffer dabei hatte, ob der in Folge 9 gezeigte Kunsthändler jener ist, der in Folge 3 bereits erwähnt wurde, etc.

Auch das Auftreten der Figuren ist Teil dieses Puzzles, denn „Nightshift“ setzt vielerorts auf wiederkehrende Figuren und zufällige Begegnungen. Das ist nicht nur erzählökonimisch (und wohl auch ökonomisch), sondern erzeugt auch den Eindruck, dass die ganze Wiener Unterwelt ein eng verwobenes Netz ist. Jeder scheint beispielsweise den lakonischen Waffenhändler Friedl (genial: David Scheid) zu kennen, und niemand scheint seine Drohungen ernst zu nehmen, wenn er Geld einfordert.

Anstatt dass die Bekanntschaften mit Friedl zufällig wirken, lässt ihn das vielmehr wie eine Institution wirken. Zudem erzeugt auch das ein Spiel mit dem Zuseher: Moment, hab ich den Gangsterboss von Folge 7 nicht schon mal in Fablos Taxi gesehen? Weil die später gezeigten Szenen oftmals auch die früheren in anderem Licht erscheinen lassen, ist man durchaus versucht, vorherige Folgen nochmal unter die Lupe zu nehmen. Auch, weil die 10-minütigen Folgen ja kein Aufwand sind (und man da eine Ausrede hat, nochmal diese hübschen Intros zu sehen).

Smells like Indie Spirit

Der Plot rund um das Caravaggio-Gemälde ist spannend und gut durchdacht, und trägt auch die Spannung gekonnt über alle 15 Folgen. In den Szenen selbst wird der coole, harte Noir-Ton aber gelegentlich verraten. Manchmal von einer versuchten Humor-Farbe (etwa bei dem jovialen Mord an Skeeter in Folge 6), manchmal aber auch von ein paar unausgereiften Dialogen. Beispielsweise kann „Nightshift“ in keinster Weise erklären, warum Fablo und Sam in Episode 3 gemeinsame Sache machen, was der Serie in dem Moment diese dunkle Authentizität raubt.

Gelegentlich schimmert dann eben doch durch, dass „Nightshift“ eine Indie-Serie ist und keine riesengroße Produktionsfirma hinter sich hat. Das zeigt sich beispielsweise auch schauspielerisch – gerade im Neo-Noir-Genre immer besonders schwierig, weil Dialogzeilen wie ein mit der Pistole drohendes „Ich drück schneller ab, wär nicht das erste Mal“ zwar perfekt ins Genre passen, aber unheimlich schwierig glaubhaft rüberzubringen sind. Fábián Villányi hat als einsilbiger, überforderter Neo-Krimineller die wohl schwierigste Aufgabe, und erledigt die zwar glaubwürdig, ist aber auch kein Ryan Gosling. So ist Fablo ein passabler Protagonist, aber ein richtiger Sog entwickelt sich nicht um ihn.

Dass manchmal der Ton nicht perfekt ist, oder mal das Spiegelbild des Kameramanns deutlich im Bild ist, oder Mannies Abstechszenen nicht allzu glaubhaft inszeniert sind – alles geschenkt, weil man sich schlussendlich doch bewusst ist, dass man hier keine High-End-Serie schaut. Gerade durch diese gelegentlichen Momente erhält die Serie aber nochmal eine andere Art von Charme. Einen Indie-Charme – ohne aber, dass sich Fabian Krempus‘ „Nightshift“ von der ORF- oder Servus TV-Konkurrenz verstecken müsste.

Noch mehr Bla

  • HIER ENTLANG zu allen 15 Episoden, frei verfügbar auf A1now.tv
  • Der Player von A1now ist eigentlich ganz gut, und auch noch werbefrei. Nur die Auto-Abspiel-Funktion ist fatal, weil sie bei „Nightshift“ nach jeder Folge automatisch die 15. und letzte „Nightshift“-Folge abspielen will.
  • Mannies Telefonanrufe sind der Hammer. Nicht nur stilistisch, sondern auch tolle Dialoge.
  • Leider muss man auch festhalten: „Nightshift“ ist eine Serie von Männern für Männer. Männer haben die überwiegende Mehrheit aller Dialoge, und die einzigen zwei Frauenfiguren sind eine stereotype Femme Fatale und ein Opfer häuslicher Gewalt. Den Bechdel-Test bestehen die ca. 200 Minuten Laufzeit gerade noch so.
  • Ich hätte jetzt auch ohne den Torture-Porn der letzten Folge gut leben können.
  • Fablo kriegt für den Caravaggio-Diebstahl 20.000€, aber Merle für einen Mord nur 5.000€? Paygap auch im kriminellen Gewerbe.
  • Uff, dass ein Typ ganz unironisch „Liebe siegt“ als Puder-Musik auflegt sagt auch echt alles über den aus. Tolle Musikwahl.
  • Was ist im Koffer???

Fotos: KRÆMPUS, A1Now

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