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Kritik: Tatort „Baum fällt“

Diesmal sind Eisner und Fellner in Kärnten unterwegs in einem Fall ohne Leiche und unzähligen Verdächtigen. Eine wichtige Rolle spielt auch ein alter Bekannter: Polizei-Chef Alois Feining (Karl Fischer)

Eigentlich sind Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Birgit „Bibi“ Fellner (Adele Neuhauser) nur in einem Vermisstenfall unterwegs, als Gefallen für einen Freund des Polizeipräsidenten. Dieser Freund, Holzunternehmer Tribusser (Johannes Seilern), vermisst seinen Sohn Hubert (Christoph von Friedl).

Missmutig, weil Eisner und Fellner mal wieder außerhalb ihres Terrain und nur auf Grund eines „politischen“ Gefallens unterwegs sind, kommt das Team in der Nähe des Großglockners in Kärnten an. Noch bevor sie Fragen im Vermisstenfall Tribusser stellen können, erreicht sie die Nachricht, dass Überreste im Holzwerk gefunden wurden. Und das ganze Dorf weiß wer es ist – der vermisste Hubert Tribusser.

Als Eisner und Fellner am Tatort ankommen, wissen sie auch warum. Bis auf Huberts künstlichem Schultergelenk ist nichts von ihm übrig. Er ist anscheinend im betriebseigenen Kraftwerk restlos verbrannt.

Eisner und Fellner machen sich ans Werk und instruieren die Dorfpolizei wie weiter vorgegangen wird. In Zuge dessen trifft Eisner auf Alois Feining (Karl Fischer), der jetzt der Chef der Dorfpolizei ist. Eisner erkennt ihn zu erst nicht wieder, sieht aber dann in ihm einen guten Mann, der Bibi und ihm helfen kann den Fall zu lösen.

Denn das gestaltet sich als schwierig. Neben Anfeindungen, hauptsächlich durch Umweltaktivist Holzer, war Hubert Tribusser auch ein Schwerenöter. Mehrere Frauen schienen mit ihm verbandelt, darunter auch einige verheiratete. Probleme sind da vorprogrammiert. Auch brodelt es innerhalb der Familie Tribusser auf Grund der Erbfolge und der Leitung des Betriebs.

Das Team steht nun vor der Mammutaufgabe herauszufinden, wer aus dem Dorf Hubert umgebracht hat. Verdächtige gibt es genügend. Denn bis auf Vater Tribusser scheint jeder dem Junior den Tod gewünscht zu haben.

Männerpartie

Einen großen Teil, jedenfalls gefühlt, nimmt die Beziehung zwischen dem lokalen Polizeichef Alois und Moritz Eisner ein. Zuerst ruppig und grantig steht Eisner der lokalen Polizei gegenüber, ohne ersichtlichen Grund (drüber später mehr), dann ändert sich die Einstellung des Ermittlers aber grundlegend, als er einen alten Bekannten in Alois erkennt.

Dieser Aspekt ist eigentlich sehr schön für eine Reihe, die schon so lange läuft. Moritz sagt, dass Alois ihm einmal in einem Fall vor 25 Jahren geholfen hat. So lange gibt es den Österreich-Tatort noch nicht, aber seit 20 Jahren. Deshalb wäre es noch herzzerreißender und stimmiger gewesen wenn wirklich eine ehemalige Figur aus dieser Zeit aufgetaucht wäre oder Schauspieler Karl Fischer schon damals in einem Tatort mitgespielt hätte.

Schön wäre es gewesen, aber notwendig ist es auch nicht. Denn Karl Fischer ist ein so häufiges Gesicht in der deutschsprachigen Krimilandschaft, dass man fast glauben könnte, dass er doch irgendwann in einem Tatort als Ermittler zu sehen war.

Sauer stößt aber eines auf. Denn neben einem stark konstruierten Konflikt, der die beiden Ermittler zu erst auf beide Seiten stellen soll, ist das Ausschließen von Bibi Fellner ein wenig befremdlich. Die Erklärung, dass Eisner seiner Jugend nachhängt, ist da leider auch wenig untermauert oder überzeugend. Aber vielleicht habe ich auch zu wenig alte Ö-Tatort-Film gesehen. Ich bin ja ein Fellner-Fan.

Die Wahrheit und der Grund warum diese Männerpartie so künstlich zusammen „gefreundschaftet“ wird, ist aber vermutlich die: Der Charakter Alois soll eine bestimmte Funktion erfüllen. Als integrer Polizist und alter Freund genießt er einen Vertrauensvorschuss, den er auf irgendeine Weise missbrauchen wird.

Aufgebaut über mehre Folgen hinweg mit einem regulären Nebencharakter hat solch ein Manöver ungehörige Wucht und ist bitter-süß. In „Baum fällt“ ist leider einfach zu wenig Zeit, um diese Vertrautheit beziehungsweise das dann missbrauchte Vertrauen überzeugend aufzubauen. Die Enttäuschung, die Moritz erleiden wird, ist für Krimifans sehr vorhersehbar. Und fast könnte das der Kniff von „Baum fällt“ sein, doch leider bringt die Geschichte am Ende nichts Neues auf den Tisch, sondern bedient das Szenario in klassischer Manier.

Der Grantige Krassnitzer

Natürlich mögen wir den Grant und unseren Schmäh, aber Krassnitzers Figur scheint immer häufiger nur noch darauf zu reduziert zu werden. Vor allem in dieser Folge ist Eisner gegen alle Vernunft grantig. Die lokale Polizei kooperiert, ist sogar froh, dass sie da sind, nimmt gerne Hilfe an und stört sich nicht daran, dass die „Weana“ den Laden übernehmen. Selbst Vater Tribusser hatte den richtigen Riecher und niemanden unnötig nach Kärnten gerufen. Also warum der Grant? (Wie oben erwähnt, ist dieser natürlich notwendig, damit die Alois-Moritz-Kombination funktioniert.)

Doch dann sollte man Eisner auch nachvollziehbare Gründe geben, um grantig zu sein. Das gilt übrigens nicht nur für diese Ausgabe des „Tatort“. Warum Eisner mit dem Wirt (Wolf Bachofner) streitet, erschließt sich mir übrigens auch nicht, aber wahrscheinlich weiß er einfach schon, dass er sich in der alten Dachkammer der Granitzer viel wohler fühlen wird…

Alleinstellungsmerkmal Holz

Besonders macht diesen Tatort die Komponente Holz. Die Inszenierung der Holzwirtschaft als Lebensader im Dorf ist wirklich sehenswert, ohne großen Bergkitsch oder Technik-Wunder-Show schafft es dieser Tatort eine moderne Thriller-Stimmung im Dorf zu erschaffen ohne in die Bergkrimi-Schiene abzurutschen, die man sonst in solchen Settings gewohnt ist.

Das erwartete Tatort-Flair wird trotz fehlenden Wien-Bezugs bedient, und wenn jeder Ö-Tatort außerhalb Wiens so wäre, könnte es meiner Meinung nach gerne viel mehr davon geben.

Ebenfalls erwähnenswert ist die Liebe zum Detail in der Inszenierung an sich in diesem Film. In starker Erinnerung bleiben vermutlich das übermenschliche Werksgelände, der urige Bauernhof der Familie Granitzer und das Einpflanzen eines neuen Setzling mit der neuen Generation in der Schlussszene.

Aber der geneigte Zuseher sollte sich wirklich den Spaß beim wiederholten Ansehen machen und versuchen herauszufinden, wie oft Holz auf die eine oder andere Art im Bild vorhanden ist. Man wird möglicherweise überrascht sein, was einem beim ersten Mal gar nicht wirklich aufgefallen ist. Hier greifen Idee und Umsetzung perfekt ineinander.

Solide Arbeit – doch der Groschen fällt zu früh

„Baum fällt“ ist storytechnisch ein solider Tatort, der ein altes Krimi-Element aufnimmt: der verdächtige Ermittler. Allerdings dabei leider keinen neuen Twist hinzufügt. Die meisten Zuseher werden, deshalb wahrscheinlich schon ab dem ersten Drittel nicht mehr im Dunkeln tappen.

Trotzdem kommt gute „Tatort“-Stimmung auf, zusätzlich sind Thematik und Umsetzung stimmig. In Zeiten von „Fridays for Future“ spannt dieser Tatort gekonnt den Bogen zwischen Tradition und aktuellem Zeitgeist.

Auf seine Kosten kommt, wer aufs Rätselraten weniger wert legt und lieber die Details, die Bildgewalt, sowie das gut überlegte, thematische Zusammenspiel genießen kann. Im Ganzen ist „Baum fällt“ nämlich wirklich sehenswert.


Letzte Worte

  • Großartig fand ich das Set-Up dieses Falls, denn das alleinige Auffinden einer Prothese gibt so viele Möglichkeiten. Was wenn Hubert schon länger tot ist als geglaubt und jetzt erst verbrannt wurde? Was wenn die Prothese eine Fälschung ist und Hubert sich einfach abgesetzt hat? Mit Firmengeldern? Meine Phantasie war wirklich angeregt durch diesen Anfang. Sehr spannend.
  • Geld mit Holz zu verdienen ist zurzeit wirklich schwieriger geworden. Das große Geld winkt nicht mehr, da auf Grund von Insektenbefall häufig „notgefällt“ werden muss und viel Holz auf den Markt drängt. Da die meisten Bäume bei einer Notfällung auch nicht „ausgewachsen“ sind, fällt auch weniger Holz bei der Rodung an.
    Da in Bayern dieses Problem ebenfalls besteht, berichtet der BR regelmäßig darüber, unter anderem auch in der Sendung quer vom 12.09.2019.
  • Wolf Bachofner, als Dorfwirt, ist nach „Schnell ermittelt“ einfach unangreifbar. Deshalb kann ich nicht genau sagen, ob er wirklich gut war oder meine positive Einstellung ihm gegenüber einfach alles ausblendet. Elisabeth Wabitsch als sein Tochter war jedoch großartig sympathisch. Man kennt sie übrigens möglicherweise auch als Hauptfigur aus „Siebzehn“ oder „Die letzte Party deines Lebens“. Unsere Podcasts sind verlinkt.
  • Umweltaktivist Holzer, der gegen die Holzindustrie wettert, ist schon ein nettes Augenzwinkern. Namen wie Gerry Trebuch und Familie Granitzer in einem Krassnitzer-Tatort bringen mich persönlich auch zum Schmunzeln. Vielleicht nehme ich mir für die Zukunft hier ein Beispiel.
  • Meiner Meinung nach weiß jeder, dass Dodos ausgestorben sind. Weshalb mich Huberts regelmäßige Anmachmasche mit diesem Vogel zutiefst verstört hat. War das eine Art Intelligenztest von ihm? Oder einfach ein weiterer Hinweis auf das Artensterben?
  • Vermutlich war ich nicht die Einzige, die sich für Eisners Reaktion auf „Er ist verheiratet“ fremdgeschämt hat. Den Witz dann nochmal mit dem jungen Kollegen zu wiederholen, war dann aber irgendwie zu viel.
  • Mädchen mit Zöpfen, die Bäume pflanzen und weiße alte Männer, die ihrer Jugend nachhängen. Den Zusammenhang bzw. die Anspielungen bilde ich mir vermutlich nur ein.

Alle Bilder: ORF/Graf Film/Helga Rader

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