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Kritik: Tatort „Wahre Lügen“

Birgit gibt ihren Einstand als Kritikerin mit dem neuen „Tatort“ aus Wien. In Adele Neuhausers 20. Einsatz ermitteln Eisner und Fellner in St. Gilgen und Wien.

In St. Gilgen am Wolfgangsee wird ein Leiche samt PKW aus dem See geborgen. Bei der Toten handelt es sich um die Hamburger Journalistin Sylvie Wolter, die den brisanten Selbstmord des österreichischen Politikers Karl Lütgendorf aus dem Jahr 1981 wieder aufrollen wollte. Denn ob Lütgendorf wirklich Selbstmord begangen hat, ist bis heute fragwürdig. 

Bald taucht Wolters Freundin Sybille aus Hamburg auf und neue Beweise, aber auch Hürden im Fall Lütgendorf. Zusätzlich sehen sich Eisner (Harald Krassnitzer) und Fellner (Adele Neuhauser) immer wieder von unterschiedlichen Seiten an ihren Ermittlungen im Fall Wolter behindert und das Gefühl lässt sich nicht abschütteln, dass beide Fälle irgendwie zusammenhängen.

Als sich auch noch die Generaldirektorin der Inneren Sicherheit sehr für Eisner und Fellners Ermittlungsergebnisse interessiert, fangen die alteingesessen Tatort-Ermittler an, sich zu fragen, wer hier eigentlich welches Spiel spielt und warum. 

Tatort-Leidenschaft 

Eigentlich bin ich ja ein kleiner, geheimer Tatort-Fan. 2010-2012 waren meine intensivsten Jahre, danach habe ich das Interesse ein wenig verloren. Trotzdem sind meine zwei Lieblings-Tatort-Reihen immer noch der Kieler (Borowski) und der Wiener Tatort. 

Und hier wirklich erst seit der österreichische Tatort hauptsächlich in Wien spielt, denn meine Lieblings-Ö-Tatort-Figur ist eindeutig Major Bibi Fellner. Und das nicht nur, weil Adele Neuhauser den Namen Birgit endlich cool macht.

Adele Neuhauser macht den Namen Birgit (und schwarze Regenschirme) wieder cool.
Foto: ORF/Cult Film/Petro Domenigg

Mutter Theresa der Verfolgten und Verbrecher

Darum ist mir die Darstellung Bibi Fellners diesmal eher sauer aufgestoßen. Vor allem in Hinblick auf die vorige Folge „Her mit der Marie!“ wirkt die Überzeichnung des Charakters Bibi als naive Samariterin auf mich flach und fast schon grausam.

Denn eigentlich war Bibi im letzten Fall schon weiter und ließ sich nicht wie ein „Naivlein“ unbedarft ausnutzen, sondern konnte ahnen was Sache ist. Dass sie dann danach wieder genau den selben Fehler begehen würde, ist hanebüchen. 

Aber man kann wohl davon ausgehen, dass dieser Bruch der Charakterentwicklung dadurch Zustande gekommen ist, weil „Wahre Lügen“ nicht konzipiert war, um genau nach „Her mit der Marie!“ zu folgen. Es wird nämlich in diesem neuen Fall in keinster Weise Inkassos-Heinzi, sein Schicksal oder irgendwelche Folgen für Bibi erwähnt, obwohl es genügend, wenn nicht sogar zu viele, Parallelen zum vorigen Fall gibt.

Deshalb gehe ich davon aus, dass es sich hier um einen schlimmen Fall von schlechtem Timing handelt, der der Geschichte leider noch zusätzlich entgegenwirkt.

Schwierige Motivation, schwierige Handlung – und alle lügen

„Wahre Lügen“ ist ein Standard-Tatort mit einer funktionierenden Polit-Thriller-Komponente, leider jedoch mit einem schwächelnden Mordfall. Irgendwie zwickt und zwackt es hinten und vorne, die Motivation der Beteiligten im Mordfall – vor allem die von Sybille – ist schwer nachzuvollziehen und Eisner und Fellner kommen erst am Ende zu ihrer Scharfsinnigkeit als Ermittler zurück. Davor stolpern sie wie zwei ferngesteuerte Slapstick-Detektive von einer gelegten Spur zur nächsten, aktiv ermittelt wird wenig. Gewohnt ist man eigentlich etwas anderes.

Seltsam war auch das Auffinden der Leiche am Wolfgangsee und das ewige Hin und Her zwischen Wien und St. Gilgen. Obwohl Eisner und Fellner dem Bundeskriminalamt zugehörig sind und dieses zur Unterstützung der jeweiligen Landespolizei ihre Ermittler in ganz Österreich einsetzt – hamma wieder was gelernt – wirken die Szenen am See nicht ganz stimmig. Im Nachhinein kann ich mich der Redewendung „wie ein Fisch an Land“ nicht erwehren. Auch wenn das im Zusammenhang mit der Location eher wie ein schlechtes Wortspiel wirkt.

Zurück in Wien wirkt das Tatort-Team dann wieder wie in seinem Element, besonders die Besprechungen mit Vorgesetzten Rauter (Hubert Kramar) auf dem Dach mit E-Zigarette haben den typischen Charme des Ö-Tatort wie wir ihn kennen und lieben.

Su muss Tatort: Besprechung am Dach mit E-Zigarette
Foto: ORF/Cult Film/Petro Domenigg

Summa summarum kommt für mich schon das typische Tatort-Feeling auf, aber wenn man diesem Fall zu genau folgt, fühlt er sich trotzdem ständig irgendwie unrund an.

Der Ordnung halber  / Letzte Worte

  • Da sich die Geschichte mit der Inneren Sicherheit, behördlicher Politik und Machenschaften beschäftigt, ist die Wahl eines Tatorts außerhalb Wiens eigentlich ziemlich passend und unterstützt den großen Organisationsgedanken, der die im Raum stehende Korruption noch tiefgreifender erscheinen lässt. 
  • Wie viele Zuschauer allerdings wirklich wissen, dass es eine „Wiener Mordkommission“ so nicht gibt, und Kapitalverbrechen nicht auf Bundesebene, sondern über die Bundeslandgrenzen hinaus untersucht werden, frage ich mich schon. Vielleicht ist es aber auch Allgemeinwissen und nur ich hab‘ den Pfiff mal wieder nicht gehört. 
  • Generaldirektorin für Innere Sicherheit Dr. Digruber und ihr Sekretär Kragl, heimliche Codenamen „Die Gruber“ und „Sekretär Kurz“, waren eine unterhaltsame Komponente und die politische Ebene war durchaus die starke Seite in diesem Tatort. Endlich können wir Mitgefühl für Rauter aufbringen. Was der sich immer anhören muss, der arme Tropf!
  • Auch der Kniff von Eisner und Fellner am Ende, in Bezug auf Digruber und Kragl, hatte sehr viel Schönes.
  • Kurz zu Sybille, Sylvie Woltners Beziehung und Geschäftsmann David Weimann – das gefiel mir nicht. Und wie ich mir auch den Kopf zerbrochen habe, so viele Dinge machten an der Geschichte dieser drei keinen Sinn. 
  • Im Übrigen: Schauspieler Robert Hunger-Bühler hat vielleicht eine angenehme Stimme, aber als David Weimann hat er nicht das gewisse „Etwas“, dass ihm alle Frauen, inklusive Fellner, zu Füße liegen – get real! 
  • Beitragsbild: Foto: ORF/Cult Film/Petro Domenigg

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