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Kritik: Vorstadtweiber 4×01 – „Doppelfleck“

Nach eineinhalb Jahren geht es weiter mit Intrigen und Geheimnissen im Nobelbezirk, in der auch in dieser Staffel wieder jede Menge neue Gesichter auftauchen. Dabei sind die „Vorstadtweiber“ auf bestem Weg zur gestandenen Seifenoper.

Das mit der Seifenoper ist keinesfalls abwertend gemeint. Die definierenden Elemente sind da und theoretisch kann man die Geschichte rund um die Damen aus der Vorstadt endlos weiterspinnen. Aus dem originalen Hauptensemble sind zu Beginn der 4. Staffel noch je drei Damen (Walli, Nico und Caro) sowie Herren (Hadi, Georg, Simon) über. Aber so lange die Zu- die Abgänge kompensieren, bleibt „Vorstadtweiber“ beste Fernsehunterhaltung.

Nicht mehr viel Vorstadt

Monate nach den mehr oder weniger tragischen Finale der dritten Staffel ist bei den verbliebenen Mitgliedern der ursprünglichen Clique wieder so etwas wie Alltag eingekehrt. Beim Aquaspinning wird mehr geplaudert als ernsthaft trainiert und dabei geht es natürlich um Sex. Konkret um den Leistungsvertrag, den Nico (Nina Proll) offenbar jeden neuen Lover ausfüllen lässt. Soviel Freiheitspragmatismus können Walli (Maria Köstlinger) und Caro (Martina Ebm) nur bedingt nachvollziehen, sind sie beide doch in so etwas wie festen Beziehungen.

Walli hat am Ende letzten Staffel Simons (Johannes Nussbaum) Drängen ebenso nachgegeben („Na gut, probieren wir es miteinander“) wie Caro dem von Milo (Murathan Muslu). Milo verbringt nicht nur die Nächte, sondern auch seine Tagesfreizeit in Caros neuer Bleibe in einem Neubauwohnsilo. Caro traut aber der Idylle nicht und spioniert Milo gleich zweimal hinterher. Zuerst stibitzt sie den Schlüssel, der die (Garagen-)Tür zum großen Geheimnis der Staffel öffnen wird, dann verfolgt sie ihn in der Nacht, als er sich mit Anatol, Leopold und Sonia trifft.

Nico, die sich nach dem Tod von Papa Pudschedl endgültig nicht mehr mit ihrem Noch-Ehemann Jörg (Thomas Mraz) und Mama Pudschedl (Susi Stach) gutstellen braucht, wohnt jetzt ebenfalls weniger nobel im größten Gemeindebau der Stadt, dem Karl-Marx-Hof. Mit ihrem Vater (neu dabei: Karl Fischer), der – so hat es zumindest den Anschein – den Verlust seiner Frau verarbeiten muss.

Walli wohnt immer noch in der Wohnung, die sie in der letzten Staffel mit Simon, ihrer gemeinsamen Tochter und zeitweise mit Simons Großmutter Anna (Gertrud Roll) bezogen hatte. Inwiefern die noch in der Vorstadt ist, war damals schon nicht so klar. Nur Hadi (Bernhard Schir) wohnt noch in seiner scheußlich-modernen Kastenvilla und Georg (Juergen Maurer) übernachtet zumindest in einem Haus, das er in seinem neuen Job als Immobilienvermittler loswerden will. Beide Häuser spielen auch gleich eine zentrale Rolle in der Handlung der ersten Folge.

„In der Vorstadt gibt es sicher eine passende Garage zu diesem Ding.“
„Die Trefferquote ist in der Vorstadt am höchsten. irgendwo reden die Leute so viel über Sex, obwohl sie keinen haben.“

„In der gottlosen Vorstadt? Nie?

Von der Vorstadt aus dem Titel ist also nicht mehr viel über. Dafür müssen uns plakative-oberflächliche Sprüche von Walli über das Leben in der Vorstadt wieder dort verankern. Die häufige Erwähnung des Wortes „Vorstadt“ wirkt nur deshalb nicht komplett fehl am Platz, weil die (nicht zu vergessen: adlige) Walli das seit Anfang der Serie an tut.

Das supersaubere Mörderhaus

Im Zentrum der Episode stehen die Ereignisse in Georgs Haus. So ganz kristallklar ist die Abfolge der Ereignisse nicht, hier der Versuch einer chronologischen Rekonstruktion. Einiges davon passiert außerhalb des Gezeigten und wird in Dialogen und in Wallis Stressrückblende erklärt.

  • Walli wollte das Haus „kaufen“, um bei Simon wiedergutzumachen, dass sie ihn betrogen hat. Simon misstraut ihr und verfolgt sie zu dem Haus, wo er die Matratzen sieht, auf denen Georg vorübergehend übernachtet, und vor Eifersucht auszuckt. Im Streit stößt Walli ihn gegen die Tischkante und fürchtet, ihn getötet zu haben.
  • Mitten in der Nacht holt sie sich Hilfe beim einzig verbliebenen Freund in der Gegend: Hadi. Doch Simon ist verschwunden. Walli und Hadi drehen den Teppich um, um den kleinen Blutfleck zu verstecken.
  • Milo hat den Schlüssel zur Garage eben jenes Hauses in seiner Tasche, wo Caro ihn findet. Wie viel Zeit zwischen Wallis und Simons Streit und dem Auftauchen des zweiten großen Blutflecks am Teppich vergangen ist, wissen wir nicht. Der scheint aber jedenfalls ziemlich frisch zu sein.
  • Leopold hat einen Putztrupp bestellt, wodurch die Freundinnen in den Besitz des Teppichs gelangen. Beim Entsorgen der Leiche stellt sich Leopold nicht gerade geschickt an und bringt sie ins Haus, wo Georg die Ablage mitansehen muss. Als er das Haus verlässt, bemerkt er Georgs Motorrad.
  • Georg bemerkt das Bemerken und bringt den Toten weg. Zum Schluss findet ausgerechnet Jörg – jetzt wieder bei den Uniformierten – den Toten auf einer Parkbank.
Fleck #2 / unbekannter Künstler / Blut auf Teppich / ca. 2018-19

Offen ist die Frage, ob es sich bei der Leiche (Miguel Herz-Kestranek) um den Hinterlasser des zweiten Blutflecks handelt. Was sollte Gabriel Morena, der Chef eines Pharmakonzerns, in einem unbewohnten Haus zu suchen gehabt haben? Vielleicht hat Leopold die Leiche dort nur zwischenlagern wollen, weil er es bereits als (jetzt) sauberen Tatort und verlassenen Ort kannte. Dagegen spricht, dass eine ihm unbekannte Putztruppe jetzt zu viel weiß.

Wir lernen außerdem, dass Georg und Rudi (Thomas Stipsits) immer noch eine On/Off-Beziehung führen. Ob der plötzliche Aufbruch Simons, der auch das Baby von der Babysitterin abholt, nur dazu dient Johannes Nussbaum den Ausstieg aus der Serie zu ermöglichen, werden wir sehen. Nachdem aber bereits seine Mutter Maria (Gerti Drassl) und Anna nach Indien gegangen sind, könnte sich die Notlüge Wallis ihren Freundinnen gegenüber auch als tatsächlich wahr erweisen.

Der nicht so fixe Fixer & die Naschkatzebiene

Zwei Neue können wir im Ensemble begrüßen. Da wäre der schon erwähnte Leopold (Laurence Rupp), der offenbar nicht nur der Fahrer vom immer noch sehr dubiosen Milo Albertin ist, sondern auch als dessen Fixer gut zu tun hat. Obwohl es auch seine komischen Seiten hat, wie er einfach keinen Ort für die Leiche findet, lässt ihn das nicht wirklich kompetent wirken, sie mitten am Tag am Wienfluss abzulegen oder einäschern zu wollen. Ob die Dummheit Teil seiner Rolle ist oder eine Schwäche des Drehbuchs von Ulli Brée werden die kommenden Folgen weisen.

Die zweite Neue ist Sonia Clementi (Ines Honsel). Als Biochemikerin in Morenas Pharmafirma wird sie zwar nicht von den Kolleg:nnen, dafür aber umso mehr vom Chef geschätzt. Der Chef, mit dem sie sich gestern noch getroffen hatte um eine geheimes Superprojekt zu besprechen. Offenbar dürften aber die Ereignisse Tags zuvor (oder auch Nachts?) ihr emotional zugesetzt haben. Vor der Besprechung jedenfalls hat sie noch einen kleinen Zusammenbruch am WC. Aber Schoki heilt bekanntlich die meisten Wunden. Sicher nur Zufall, dass unser Putztrupp zuvor eine große Anzahl der gleichen Einwickelpapiere entsorgt hat.

Die Neuen: Laurence Rupp als Leopold Böhm und Ines Honsel als Sonia Clementi

Außerdem kennen sich Sonia und Milo. Nicht amourös – die spionierende Caro sieht das vermutlich anders – aber Sonia weiß offenbar wo er trainiert und wann er dort anzutreffen ist. Aber sie hat offenbar nicht nur die Schoki sondern auch andere Agenden abzuarbeiten. Als Leopold Milo mitteilt, dass alles erledigt wäre, wandern seine Augen auffällig zu Sonia, die auch gleich wesentlich gelöster scheint. Mag sein, dass Milos letzte Worte in der Folge Sonia (unabsichtlich) ganz gut charakterisieren: Flieg wie ein Schmetterling, stich wie eine Biene.

Fazit

Sonia ist natürlich Hauptverdächtige Nr. 1, für das Ableben ihres Chefs verantwortlich zu sein. Aber so einfach kann die Sache ja nicht sein. Zu viele offene Fragen, zu viele unerklärte Querverbindungen und unsere Weiber stecken auch noch nicht tief genug drin. Dazu kommt, dass einige der bisherigen Hauptcharaktere noch gar nicht wieder aufgetaucht sind, allen voran das vierte Vorstadtweib Vanessa (Hilde Dalik).

Insgesamt macht die Folge einen guten Job. Es werden genug Anschlüsse zur vorangegangen Staffel hergestellt und trotzdem jede Menge neue Geheimnisse eröffnet. Die sind auch groß genug, dass unser Interesse geweckt ist. Für eine Beurteilung der Neuzugänge ist es noch etwas früh, aber Honsel und Rupp machen schon einmal einen guten Job.

Das Alleinstellungsmerkmal einer Serie auf allen Stufen zwischen höchsten Höhen und tiefsten Tiefen in allen Facetten der TV-Unterhaltung ist weiterhin gegeben. Mal schauen, was die nächste Folge bringt.

Was meint ihr? Gelungener Wiederbeginn oder brauchen wir nächste Woche nicht weiterschauen? Eure Meinung ist gefragt!


Und sonst?

  • Die heutige Kritik ist länger ausgefallen, da wir auch die (Serien-)Vergangenheit aufzuarbeiten hatten. Nächste Woche wird es kürzer und auch die Anzahl der Namen sollte sich deutlich reduzieren. Jedenfalls lassen wir die Namen der (alten) Schauspieler:nnen nächste Woche auch weg und reden nur mehr über Rollennamen. Wer trotzdem was nachschlagen will findet z.B. in der Wikipedia oder in der IMDB alle Infos zum Ensemble.
  • Die Szenenauswahl des anfänglichen Rückschau hatte nicht viel mit den Ereignissen der neuen Folge zu tun. Deren Funktion ist ja nicht nur zu beschreiben, was war, sondern auch wo „wir“ uns gerade befinden – z.B. dass Caro eine eigene Wohnung hat und ihr Verhältnis mit und zu Milo. Dafür war sie sehr kurz und brachte Szenen von Charakteren, die noch gar nicht wieder oder nur in sehr kurzen Momenten vorgekommen sind. Das war nicht gut gemacht, auch wenn alle drei Staffeln in den Monaten zuvor wiederholt wurden.
  • Regie führte diesmal wieder Harald Sicheritz. Für die Episoden 6-10 übernahm Mirjam Unger.
  • Ob der Karl-Marx-Hof wirklich (in Wohneinheiten oder Bewohnern) der größte Gemeindebau der Stadt ist, weiß ich nicht, er ist aber jedenfalls der längste Wohnbau der Welt und ganze 1.100m lang.
  • Der Bildungsauftrag wird auch durch den Passanten (Max Meyr) erfüllt, der sehr gut über Ödon von Horvath Bescheid weiß.
  • Der Episodentitel „Doppelfleck“ ist nicht offiziell. Ich habe nur beschlossen jede Woche selbst einen zu vergeben. Freue mich auf andere Vorschläge.

Fotos: ORF/MR Film/Hubert Mican bzw. Screenshot

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