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Kritik: Vorstadtweiber 4×06 – „Tafelspitz für alle!“

Eine „Vorstadtweiber“-Episode des totalen Wahnsinns, in der sich supergute mit sauschlechten Momenten fast im Sekundentakt abwechseln. Am Schluss sind zwei tot, eine Tote wieder lebendig und der Tafelspitz brav aufgegessen.

Die 36. Episode der „Vorstadtweiber“ ist ein echtes Highlight der Serie. Wenn gleichzeitig so viele gute Ideen, einige der komischsten Momente im ORF seit langem und super schlechte Szenen wie vergebenen (dramaturgische) Chancen in 48 Minuten untergebracht werden, dann MUSS das irgend ein Rekord sein.

Letzte Woche musste die Kritik kürzer ausfallen. Das geht diese Woche einfach nicht mehr. Zu viel gilt es zu entpacken, zu viel ist passiert und die Auswirkungen auf den weiteren Verlauf sind gravierend.

Verschenkt und überflüssig

Das größte Versäumnis der Folge ist, dass sie sich nicht 100% ihre Laufzeit der Trauerfeier und den Vorbereitungen darauf widmet. Eine Location, wo alle Charaktere zusammenkommen und gewisse – für die Dramaturgie verständliche, aber notwendige – Gespräche aus den Szenen zuvor am Rande des Festes bzw. in den Hinterzimmern der Villa ablaufen: Warum nicht? Aus der Reihe fallende Episoden sind auch meistens sehr erinnerungswürdig. Da verschenkt „Vorstadtweiber“ eine große Chance.

Isoliert davon gibt es auch noch eine Szene, die definitiv am völlig falschen Platz ist. Wie letzte Woche schon angesprochen, hätte Wallis Aha!, dass Simon nicht in Indien ist, auch genau dort vorkommen sollen. Warum wurden die Szenen herumgeschoben? Die Erkenntnis, dass Oma Anna nicht wirklich in Indien ist und da im Hintergrund mehr abgeht, fliegt uns also hier in dieser Episode des totalen Wahnsinns noch zusätzlich um die Ohren, verfehlt aber dabei jede Wirkung.

Und die anderen Szenen? Warum fanden die nicht rund um die Zeremonie statt?

  • Das Testament hätte genauso gut im Tresor der Villa sein können, zu der Vanessa ebenso Zugang hat. Das wissen wir, weil sie immerhin den Tafelspitz vergiften konnte.
  • Das Verhör und die anschließende Festnahme von Georg durch Tabata und Jörg hätte auch auf der Party stattfinden können. Als Immobilienmakler und Bekannter von Nico hätte er jeden Grund gehabt, dort aufzutauchen.
  • Sonia und Leopolds Sexszene hätte man komplett streichen können. Null Mehrwert und waren „abgebrochene“ Penisse eigentlich jemals witzig?
  • Milos Wiedersehen mit Caro und sein Geständnis, dass er verheiratet ist, wo hätte das besser (und dramatischer) stattfinden können, als auf der Feier? Stattdessen gibt es eine eher langweilige Aussprache in seinem Hotel. (Hat er wirklich erwartet, dass sie mit dem riesigen und teuren Klunker normal alltäglich durch die Straßen spaziert?)
  • Sonias Misserfolg im Labor ist ein Handlungsstrang für später. Und die stänkernde Kollegin, die dann auch auf der Feier auftaucht? Das hätte man auch eleganter lösen können. Es ist einfach unwahrscheinlich, dass Sonia nicht von Leopold oder aus der Zeitung von der Feier erfahren hätte.
Foto: ORF/MR Film/Hubert Mican

Zu einer weiteren der überflüssigen Szenen ein wenig mehr: Heinz und Franziskas Besuch am Friedhof hat zwar die Funktion uns noch einmal an die (vergangene) Existenz Gerdas zu erinnern, aber gebraucht hätte das nicht. Wir wussten das schon aus den Folgen zuvor. Auch wie die Serie wieder etwas mit dem Holzhammer andeutet und die Charaktere aussprechen lässt, anstatt einfach ein Grab ohne Datum und mit komischer Inschrift für sich sprechen zu lassen. Das gilt auch für Heinz‘ Erklärung der Todesursache: „An Herzversagen. Quasi.“

Aber das eigentliche Problem ist nicht die Existenz und Exekution dieser Szene, sondern ihr Zeitpunkt. 25 Minuten vor dem darin angedeuteten Plot twist ist einfach nicht elegant, sogar teilweise schlecht. Warum nicht 2-3 Folgen früher? Ein paar Minuten mehr zwischen Heinz und Nico, wo wir einerseits ihre Beziehung ausbauen, während sie am Friedhof die Gräber besuchen. Nur ein Vorschlag. Aber natürlich ist Susi Stach generell ein Gewinn für die Serie, also wollen wir uns auch nicht zu sehr beschweren.

Get the Party started

Damit sind wir auch „schon“ bei der Feier. Einige Szenen spielen sich am Parkplatz ab, das ist gut, so haben wir uns das vorgestellt. Dass Werner zum Beispiel den unpassendsten Moment wählt, um seine hörige Liebe zu Vanessa und ihre gemeinsamen Erbschleicherpläne zu hinterfragen, passt zum Charakter. Oder zum Fehlen eines jeglichen, wie man will. Es braucht schon einen festen Deppen, der bei Vanessas diabolischen Plänen einfach so mitmacht.

Dass Vanessa für ihren sozialen Aufstieg alles tun würde, und auch vor moralisch verwerflichen Handlungen nicht zurückschreckt, wissen wir. Testamentsfälschung passt da voll rein, aber Massenmord? Puh, da fehlen einige Schritte in ihrer Evolution zur Superschurkin. Vor allem stellt sich auch noch folgende Frage: Wie weit kann sie in Staffel 5 dann noch eskalieren, wenn sie jetzt schon sooo weit ist?

Foto: ORF/MR Film/Petro Domenigg

Im Zuge der Reihe an Beileidsbekundungen kommt es zu wunderbar passiv-aggressiven Momenten zwischen Caro und Livia. Wir sind aber schon froh, dass Caro überhaupt wieder was zu tun bekommt. Mit der Wahrheit über Peter und Lea – wir haben’s schon letzte Woche gewusst – kommt sie ganz schön schnell heraus. Ist das das vielleicht wirklich ein neues Kapitel in ihrer und Milos Beziehung, absolute und brachiale Ehrlichkeit? Milo scheint bezüglich seiner „flüchtigen“ Bekanntschaft mit Peter jedenfalls noch nicht alle Karten auf den Tisch gelegt zu haben.

Was hingegen wirklich gut funktioniert, ist, wie Nico Hadrians Verhalten gegenüber den Morena-Damen steuert und er sich so bei den Morenas beliebt macht. Vergessen wir nicht, dass im Hintergrund immer noch der Plan läuft, Hadi zum neuen CEO zu machen.

Miserabel ministrabel

Als dann „der Minister“ ankommt, überspannt „Vorstadtweiber“ wieder den Bogen. Auf einer Feier mit jeder Menge Paparazzi fährt der Inhaber eines öffentlichen Amtes ostentativ mitten in die Menge und verschwindet dann mit der 16-jährigen Tochter im Haus, um Minuten später überstürzt aufzubrechen. Auch wenn noch keiner weiß, dass Alma schwanger ist, das ist verdächtig genug und zumindest Greta fällt Almas Nichterscheinen auch auf.

Warum der Vater jetzt auch wieder ein Mensch öffentlichen Interesses sein musste, erschließt sich uns nicht. Und dann auch gleich wieder ein Minister? Für Livias Panik vor schlechter Nachred‘ und ihre Zwei-Fliegen-eine-Klappe-Strategie, das Kind als ihr eigenes auszugeben und somit Milo wieder an sich zu binden, würde es auch Sinn machen, wenn der Vater ein pickeliger Minga Bua wäre. Und Alma? Gut, die hatte noch nicht viel zu tun. Aber ihr einen viel älteren Mann in einer Position, in der er das Kind unmöglich annehmen kann, als Love interest vorzusetzen, war das schlau?

Foto: ORF/MR Film/Petro Domenigg

Der Charakter Alma hat eigentlich nur drei Möglichkeiten. Erstens: Sie rennt davon. Ob nach München, zu ihm, oder sonst wohin, ist egal. Zweitens: Sie zieht sich schmollend in die Passivität zurück und überlässt weiter ihrer Mutter das Feld. Beides kapselt den Charakter ab und gibt ihr nicht mehr zu tun als bisher. Und schließlich drittens: Sie rennt zu Papa Milo und gesteht ihm alles. Das wird seine Beziehung zu Caro wieder belasten, aber auch für ordentlich Konflikt mit vor allem Livia sorgen. (Dazu unten mehr.*)

Dann möchten wir nicht in des Ministers Haut stecken. Milos Blick zu Hadrian hat uns schon gereicht, da möchten wir nicht wissen, was dem Mann droht, der seine (minderjährige) Tochter geschwängert und das Herz gebrochen hat. Er wird uns nach den zwei überflüssigen Minuten auch nicht abgehen. Eigentlich ist er uns egal, weil wir weder wirklich eine emotionale Beziehung zu Alma haben, wegen der wir jetzt ihr nur Gutes und ihm nur Schlechtes wünschen, noch weil sein Auftritt eine sowieso schon überladene Folge in irgendeiner Art und Weise bereichert hätte. Klartext: Er hat unseren Weibern nur Zeit gestohlen.

Das Tafelspitz-Komplotelement

Das größte Verbrechen der Folge ist aber nicht die Massenvergiftung der unglücklichen Rindfleischesser, sondern wie es überhaupt dazu kam, dass der Tafelspitz einfach so herumsteht und sich jeder bedienen konnte. Es macht so überhaupt keinen Sinn. 10 Minuten vor der Feier ist der Tafelspitz fertig aufgewärmt und der Tisch gedeckt. Greta richtet an und dann – „Bringen wir’s hinter uns“ – sind auch schon alle Gäste da. Einfach her mit einem wichtigen Plotelement an dem sich dann alle vergiften, egal wie das da hin kommt.

Auch hier hätte eine Exklusivhandlung in der Villa helfen können. Zum Beispiel, indem die Morenas ganz normal zu Mittag essen – auch gerne mit Partyplanerin Nico – aber Alma schmollend verweigert und Greta vor lauter saufen, Nico ausfragen und über Wien lästern gar nicht zum essen kommt. Wenn dann noch einiges übrig bleibt und das nicht sofort weggeräumt wird, steht das dort aus gutem Grund. Und weil schon gegessen wurde, sind dann auch alle der anderen pietätlosen Mundräuber plötzlich „im Recht“ sich an den Resten zu bedienen.

Foto: ORF/MR Film/Petro Domenigg

Es gibt also sechs „Giftopfer“. Livia isst das Fleisch, mit dem sie zuvor Diva anlocken wollte. Francesco war langweilig, Jörg war gierig und Vanessa und Werner brauchen eine Art Alibi, haben sich aber wohl mehr be- als entlastet, in dem sie so überstürzt ins Haus rannten. Einzig Nico aß aus wirklich gutem Grund und sie ist auch die einzige, die der Plot unbedingt im Krankenhaus sehen wollte.

Auch hier beweist „Vorstadtweiber“ wieder ein mangelndes Verständnis für Balance. Wenn nur Nico und Livia betroffen wären, dann hätten Greta und Heinz einen Grund im Krankenhaus aufeinander zu treffen. Und warum nicht die Identität der Täter noch zumindest eine Woche offen lassen? Jörg und Tabata haben schon einen komplexen Fall und brauchen eigentlich keine weitere Dimension darin oder gar ein banales Rachemotiv, um weiter in dem Geflecht zu ermitteln. Egal ob sie selbst betroffen sind, aber jetzt geht es auch bei Ihnen um was. Weil Gabriel Morenas Tod ja wirklich „nur“ ein Zuckerschock mit leichter Nachhilfe war.

Das Ziel des Ganzen war zu garantieren, dass alle zeitlich koordiniert und am gleichen Ort umkippen. Funktioniert halt nur so irgendwie und warum der Frisör plötzlich vorne bei den Trauernden stehen sollte, erschließt sich uns nicht. Auch Sonias großes Geständnis verpufft in der Aschenstaubwolke. Dass Diva wie vorhersehbar von Leopold in der Urne entsorgt wurde, sorgt noch – je nach persönlicher Einstellung – für ein zusätzliches Schmunzeln/Schaudern im gleichzeitig einsetzenden Chaos.

So long, Francesco

Am Schluss stirbt also nur der Immigrant, der dort zum ernsthaft Arbeiten war und nicht der (eingebildeten oder vermeintlichen) Oberklasse angehört. Was will uns die Serie damit sagen? Hoffentlich hat Francescos/Františeks Tod wenigstens Auswirkungen auf Nico, die ja eigentlich sehr eng mit ihm war. Aber weil sie ja zum Ende hin eine Informationsbombe der anderen Art erhalten hat, dürfen wir ruhig daran zweifeln. So wird Francesco vermutlich einfach so und sehr unzeremoniell als Kollateralschaden aus der Serie geschrieben. Ein Charakter, der von Anfang an (!) dabei war und, wenn auch mit wenig Screentime, doch maßgeblich mit unseren Hauptcharakteren verwoben war.

Besagte Informationsbombe für Nico ist, dass Greta Morena ihre Mutter Gerda ist. Warum sie am Bett von Nico sitzt, wo doch ihre eigene Tochter auch unter den Opfern ist, ist jetzt auch schon wurscht. Wir dürfen jedenfalls gespannt sein, was ihre (und Heinz‘) Erklärung ist. Warum ist sie überhaupt zurückgekommen und was ist da vorgefallen, dass sie Wien so sehr hasst.
Und sie es immer und immer und immer wieder betonen muss.

Wie hat euch die dieswöchige Episode gefallen?


Und sonst?

  • Wie schade ist es eigentlich, dass nicht wirklich ein paar österreichische C-Promis oder Society-Menschen für den Dreh organisiert wurden? Die hätten super Fotos für die Adabei-Berichte bekommen und schauspielern hätten sie auch nicht wirklich müssen. Einfach nur eine weitere Cocktailparty. Und ihre Gage hätten sie ja spenden können.
  • Ebenfalls schade, dass wir die Ankunft von Hadi am Parkplatz nicht erlebt haben. Da hätten wir sehr viel „Autospass mit Hadi“ haben können.
  • Mitleid mit Diva ist nur bedingt angebracht. Die wäre sowieso gestorben, weil Livia ihr ja Tafelspitz füttern wollte.
  • Jetzt ist auch meine Vermutung aus der dritten Folge bestätigt, also so irgendwie. Offenbar ist wirklich Werner der „unbekannte Sohn“ Morenas. Weil Vanessa das so ins Testament geschrieben hat.
  • Auch wenn wir jetzt Bestätigung haben, dass Anna und Simon nicht in Indien sind, heißt das leider nicht, dass wir auch auf eine eventuelle Rückkehr von Gerti Drassls Maria hoffen dürfen.
  • Warum habe ich nicht schon früher daran gedacht, aus Tabata und Jörg irgendein schönes Portmanteau zu machen: Tabajörg, Tabatörg, Jötaba, Jörgata… so viele Möglichkeiten.
  • Eine völlig verrückte Wildcard im Ensemble zu haben ist ja OK, aber heute war es ein wenig zu viel mit Tabatas Geständnissen. Das hat die Folge nur noch weiter überladen.
  • Heute lernen wir etwas über das Schutzalter. Die Rechtslage in Österreich und Deutschland ist verhältnismäßig klar, ab 14 ist so gut wie alles erlaubt. Detaillierte Ausnahmen gibt es natürlich, aber es scheint Almas Fall kein juristisches Problem zu geben.
  • Das war die erste Folge, bei der Mirjam Unger Regie führte. Die erste Hälfte der Staffel saß noch Harald Sicheritz am Regiestuhl, der auch bei allen anderen Staffeln gemeinsam mit Sabine Derflinger Regie führte. Mal schauen, wie sich das qualitativ auswirkt – wenn überhaupt – aber jedenfalls brauchen die „Vorstadtweiber“ frischen Wind. Die Folge letzte Woche fiel erstmals unter 500.000 Zuschauern bei der Erstausstrahlung.

Vorsicht, ab hier leichte Spoiler für die 5. Staffel.

* Variante 3 ist insofern realistisch, weil sie Caro eine Exitstrategie gibt. Aktuell steht ja alles auf Sonnenschein. Martina Ebm ist aber – anders als Murathan Muslu – in der fünften Staffel nicht mehr dabei.

Fotos: ORF/MR Film/Petro Domenigg bzw. Hubert Mican

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