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Kritik: Walking on Sunshine 1×10

Zum Finale trifft „Walking on Sunshine“ ein paar gute Entscheidungen, allerdings für die nächste Staffel. Die Folge selbst driftet immer mehr Richtung Telenovela und am Ende sind womöglicherweise alle tot.

Die erste Frage, die sich einem nach dem Intro stellt ist: Warum haben die Jarics Lukas nicht gleich wieder zur Adoption zurückgegeben?

Dann landen wir das erste Mal direkt in der Telenovela-Hölle. Dass sich Mama Maria an Mama Jaric letztes Mal so herangecreept hat, hatte einzig und alleine den Zweck über eine – uhuhuhu – mysteriöse Krankheit von Luka? aufzuklären. Hellseherische Kräfte hat sie auch noch, als sie den beiden Polizistinnen ihre Beziehung auf den Kopf zusagt. Unnötig.

Die ominöse Krankheit gibt es übrigens wirklich. Lethale familäre Insomnie oder auf Deutsch: Tödliche familiäre Schlaflosigkeit. Laut Wikipedia treten die ersten Symptome frühestens mit 37, im Schnitt mit 51 Jahren auf und 50% der Kinder eines betroffenen Elternteils können das haben. Es ist unheilbar und nicht behandelbar. Lukas wird übrigens 28. Also „dringend“ ist was anderes, vor allem in einer Fernsehserie.

Aber es geht noch schlimmer. Der Dialog zwischen Otto und Conny ist bis inklusive dem Türaufbruch durch Karl die absolute Kapitulation vor jeder Drehbucharbeit. Schaut euch die Szene noch einmal in aller Ruhe an. Da ist nichts natürlich oder lustig. Das ist kein Slapstick-Humor oder sonst irgendwie als „Kunst“ relativierbar. Und das Allerschlimmste: Da steckt keine einzige neue Information drinnen. Selbst wenn die Szene nur die Aufgabe hätte, die Ereignisse der letzten Woche in Erinnerung zu rufen, dann erfüllt sie davon nicht einmal das absolute Minimum.

Auch nicht optimal ist, dass „Walking on Sunshine“ jetzt in der letzten Folge totale Stilbrüche vollzieht. Das fängt bereits mit dem Intro an. Auch wenn die Rückblenden danach besser werden. Da gibt es nämlich noch weitere – teilweise ganz entzückende – Rückblenden in Lukas‘ Kindheit und Vorausblenden zur „Party“, die uns zwar halbwegs gekonnt auf eine falsche Fährte führt, aber die vorher gezogene Trennlinie endgültig wieder auflöst.

Unerklärt bleibt auch, ob Lukas den alternativen Wetterkanal schon lange vorher geplant hat und gemeinsam mit allen anderen die Abstimmung quasi manipuliert hat. Das wäre ziemlich bescheuert gewesen. Wahrscheinlicher ist, dass er erst danach alle anderen der Reihe nach überzeugt hat bei seinem Start-up mitzumachen.

Nicht falsch verstehen, dieser zweite Wetterkanal ist prinzipiell eine Superidee. Zum einen gibt es der Serie die Möglichkeit, sich nächste Staffel neu zu erfinden und vieles anders/besser zu machen, wenn das gleiche Team unter anderen Voraussetzungen arbeitet. Zum anderen bietet eine junge Firma alleine schon sehr viel dramaturgische Möglichkeiten. Vielleicht haben wir dann endlich die Arbeitsplatz(drama)komödie, die wir von Anfang an erwartet hatten.

Das ziemlich große Team zu zerreißen ist auch keine schlechte Idee. Aber die Frage ist, ob Mischa Zickler wirklich genug Ideen hat, um zwei halbe Redaktionen zu beschäftigen, nachdem das mit einer ganzen schon nicht wirklich funktioniert hat.

Zwischenruf: Tortenmathematik

Die Serie hat mich sogar schon soweit, dass ich jetzt einmal die Physik kritisieren muss. Wenn dass hier eine echte Torte sein soll und angenommen sie wäre faderweise nur aus Biskuit und Fondant, dann würde Sophie sie niemals so locker tragen können – wenn überhaupt. Alleine der Fondant müsste schon ca. 5-6 kg wiegen und Crèmen und/oder Marmeladen sind sicher auch noch drin. Aber es ist eh schon alles wurscht und jetzt hab ich Hunger.
Foto: ORF/Hubert Mican

Die Partyhütte brennt

Völlig unverständlich ist aber die Party an sich und das Finale. Ein großes, lebensveränderndes Ereignis hat die Gruppe vorher auseinandergerissen. Die einen haben die anderen eventuell belogen oder zumindest überrumpelt und jetzt ist alles eitle Wonne Sonnenschein zwischen denen? Selbst wenn die Geburtstagsparty schon von langer Hand geplant war, so hätte die einfach nicht so idyllisch ablaufen dürfen. Alles in uns sträubt sich dagegen, dass bei diesen Charakteren – im doppelten Sinn – einfach so zu akzeptieren.

Aber sind wir großzügig und akzeptieren wir auch, dass sich alle davongestohlen haben, während Lukas offenbar zwei Stunden vor dem Pissoir stand (die Zeitleistenprobleme springen uns an wie Susanne die Kröte) und Lukas per Handy wirklich niemanden erreichen konnte und erreichbar war. Dann bleibt immer noch dieses unfassbar schlechte Finale. Mit Ausnahme von Tilia, Lukas, Karl und Mama Maria sind alle wichtigen Charaktere dort. Es glaubt doch nicht wirklich jemand, dass da jetzt ALLE draufgehen? Es ist sogar unwahrscheinlich, dass nur eine oder einer draufgeht.

So wie die Serie sich aber immer mehr in Richtung Telenovela entwickelt, halten wir es für wahrscheinlich, dass eine Person schwer verletzt ist. Ob das so ist und wer das sein könnte, ist aber reine Spekulation. Der Cliffhanger funktioniert also nicht, weil er viel zu überdimensioniert ist um emotional zu wirken. Hätten wir z.B. einen verkohlten Körper gesehen oder eine Person, die in den Rettungswagen geladen wird, so würde das viel mehr wirken. Aber so düster wollte man dann wohl doch nicht werden.

Ebenfalls direkt aus dem Telenovela-Lehrbuch ist die Unterbrechung der Sitzung, direkt vor der entscheidenden Stimmabgabe. Sophie bleibt aber ihrer Rolle treu und entscheidet sich für das direkte und verlockende Angebot von Tilia und endgültig gegen die Romantik. Dass sie und Lukas nicht (mehr) füreinander bestimmt waren, hatten wir schon begriffen, aber jetzt ist es endgültig und es gibt keinen Weg mehr zurück. Außer Mischa Zickler greift noch öfter zum Telenovela-Handbuch.

Bitte nicht.

Lists List

  • Das war’s mit unseren Episodenbesprechungen. Auch wenn die Staffel nicht so berauschend war, habt ihr vielleicht trotzdem was mitgenommen.
  • Lasst uns außerdem optimistisch auf die bereits bestellte zweite Staffel warten. Es gibt jede Menge Beispiele von Serien, die nach eher mäßigen ersten Staffeln dann doch noch ordentlich ablieferten. Das allgemeine Feedback des Publikums wird wohl auch im ORF gehört werden, hoffen wir.
  • Irgendeine morbide Ader in mir fände es gut, wenn wirklich alle verbrannt sind und die Serie sich nächste Staffel auch mit einem fast komplett erneuerten Cast neu erfindet. Das wäre so extrem trashig, dass es fast schon wieder gut wäre. Naja, fast.
  • Die Idee, die vierte Wand irgendwie zu brechen und einen plötzlichen mysteriösen Raum mit Erzählstimme Barbara Kaudelka drinnen herzuzeigen, fand ich nicht so sinnvoll. Unterm Strich ist mir das aber auch schon egal.
  • Der „Witz“ mit dem Namen des Regisseurs hätte einen größeren Effekt gehabt, wenn er zum einen als Figur öfter vorgekommen und definiert worden wäre und zum anderen der Witz eine Historie hätte – zum Beispiel als sanfter Running Gag. Da wurde die Chance vergeben, eine weitere Seite des ORF (und TV-Sendern allgemein) zu zeigen: Eine Geringschätzung des technischen Personals von (manchen) Redaktionsmitgliedern- und verantwortlichen.
  • Beitragsfoto: ORF/Hubert Mican

4 Comments

  1. Georg Towner 16. März 2019

    Wow! Die größte Überraschung für mich ist jetzt zu lesen dass die echt eine zweite Staffel bestellt haben… ich hätte jetzt echt gedacht dass das Feuer vielleicht eher der unfreiwillige Endpunkt der Serie wäre als nur ein Staffel-Cliffhanger… vielleicht macht die Serie ja wirklich einen radikalen Wechsel in der 2. Staffel und zeigt uns vor allem Sunshine-TV und weniger den ORF-internen Wetterkanal den dort sind nicht wirklich interessante Charaktere übergeblieben…

  2. Georg Towner 16. März 2019

    Haha, das mit der viel zu leichten Torte war mir auch aufgefallen…

  3. Georg Towner 16. März 2019

    „Hellseherische Kräfte hat sie auch noch, als sie den beiden Polizistinnen ihre Beziehung auf den Kopf zusagt.“ Noch nie was von weiblicher Intuition gehört? Das fand ich eigentlich eine der besseren Szenen der Serie… dass sich ein lesbisches Pärchen in einer Begegnung mit zwei Frauen die gemeinsam einen Sohn haben (und man somit auch an ein lesbisches Paar denken muss) unwillkürlich verraten könnte durch minimale Reaktionen in der Körperspannung, im Blick etc. erklärbar sein… also ich hab da nicht ans Hellsehen gedacht und eine ehemalige RAF-Frau ist sicher eine die besonders darauf geschult ist auch minimale Zeichen im Gegenüber lesen zu können, muss sie doch seit Jahrzehnten auf der Hut vor ihren Mitmenschen sein.

    • Hari List Post author | 17. März 2019

      So intensiv hab ich nicht darüber nachgedacht. Es war einfach völlig deplatziert und die von die angesprochene Dualität ist mir zwar auch aufgefallen, aber es war mir so wurscht an dieser Stelle. Außerdem ist man beim live reviewen logischerweise nicht sooo nuanciert wie vielleicht an anderen Stellen und kann sich auch nicht ewig mit allen Facetten aufhalten – speziell wenn sie völlig irrelevant sind für das große Ganze.

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